Rudi Bellmann

Rudi Bellmann

Rudi Bellmann (* 6. November 1919 in Lengefeld; † 6. Januar 2002) war ein Funktionär der SED in der DDR.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Zweiter Weltkrieg und Mitarbeiter des ZK

Der Sohn eines Arbeiters absovlierte nach dem Besuch einer Volksschule zwischen 1934 und 1937 eine Berufsausbildung zum Rechtsanwaltsgehilfen und Prozeßagenten und trat anschließend als Soldat in die Wehrmacht ein. Während des Zweiten Weltkrieges geriet er 1944 in sowjetische Kriegsgefangenschaft, besuchte während dieser Zeit eine Antifa-Schule[1] und wurde auch Mitglied im Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD).

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde er 1946 Mitglied der SED und war anschließend als Presselektor in der Deutschen Verwaltung für Volksbildung (DVV), ehe er zwischen 1947 und 1949 Leiter einer Abteilung in der Informationsverwaltung der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) war. Nach Gründung der DDR wurde er 1949 zunächst Leiter der Abteilung Informationskontrolle im Amt für Information und Verlagswesen und dann Leiter der Abteilung Druckgenehmigung im Amt für Literatur und Verlagswesen.

Nachdem er von 1954 bis 1955 ein Studium an der VerwaltungsakademieEdwin Hoernle“ in Weimar absolviert hatte, wurde er Mitarbeiter sowie später stellvertretender Leiter der Arbeitsgruppe Kirchenfragen beim ZK der SED. Ein späteres Fernstudium der Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena beendete er 1969 als Diplom-Philosoph und war in der Folgezeit mitverantwortlich für die von der Arbeitsgruppe und dem Staatssekretär für Kirchenfragen gemeinsam organisierten Lehrgänge für die Funktionäre für Kirchenfragen bei den Bezirksleitungen der SED und Referenten bei den Räten der Bezirke. Als stellvertretender Leiter der Arbeitsgruppe reiste er Ende März 1968 während des Prager Frühlings in die Tschechoslowakei, in der nach Darstellung des Sekretärs des ZK der Komunistická strana Československa (KSČ) Čestmír Císař eine Auseinandersetzung mit dem Vatikan notwendig sei, da es zu „Versuchen der Renaissance der katholischen Kirche, denen begegnet werden müsse“.[2]

Arbeitsgruppenleiter für Kirchenfragen und Spitzengespräch 1978

1977 wurde Bellmann als Nachfolger von Willi Barth schließlich selbst Leiter der Arbeitsgruppe für Kirchenfragen beim ZK der SED und behielt diese Funktion bis zu seiner Ablösung durch Peter Kraußer 1988.[3][4][5]

Der Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzende des Staatsrates der DDR, Erich Honecker (2.v.r.), empfing am 6.3.78 den Vorstand der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen in der DDR. V.l.n.r.: Rudi Bellmann, Hermann Kalb, Siegfried Wahrmann, Heinz Eichler, Paul Verner, Manfred Stolpe, Christina Schultheiß, Kurt Domsch, Albrecht Schönherr und Werner Krusche

Während seiner Leitungstätigkeit nahm er am 6. März 1978 an einem Spitzengepräch zwischen der SED und der Evangelischen Kirche teil. Auf Seiten der SED gehörten dazu Erich Honecker, Paul Verner, Hermann Kalb sowie Bellmann, während auf Seiten der evangelischen Kirche Albrecht Schönherr, Werner Krusche, Kurt Domsch, Siegfried Wahrmann, Christina Schultheiß und Manfred Stolpe teilnahmen.[6]

Schönherr war maßgeblich an der innerkirchlichen Verständigung auf die Formel „Kirche im Sozialismus“ ("nicht gegen, nicht neben, sondern im Sozialismus")[7] beteiligt, die in Anlehnung an Bonhoeffer als „Kirche für andere“ interpretiert wurde. Das Treffen zwischen der von ihm geleiteten Delegation des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR und dem Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker, am 6. März 1978 markierte die Wende zu einer moderateren Kirchenpolitik, die der evangelischen Kirche Autonomiegewinne im Gegenzug für Konfrontationsverzicht versprach. Schönherr hatte Anteil an der Trennung der Kirchen in der DDR von der EKD.[8]

1979 war er maßgeblich beteiligt an der Planung der Gedenkveranstaltung zum 40. Jahrestag der sogenannten „Kristallnacht“, der Novemberpogrome 1938. Bellmann, der mit dem Vaterländischen Verdienstorden (VVO) ausgezeichnet wurde, war außerdem Sekretär der auf Beschluss des Sekrariats des ZK der SED vom 29. September 1982 gebildeten und von Paul Verner geleiteten Arbeitsgruppe zur Koordinierung und Kontrolle der politischen Aktivitäten im Zusammenhang mit der Ehrung von Martin Luther im Jahr 1983. Nach der Erarbeitung einer Dokumentation über Juden in der DDR in den Jahren 1986 und 1987, war er in Zusammenarbeit mit den jüdischen Gemeinden an der Vorbereitung öffentlicher Gedenkveranstaltungen zum 45. Jahrestag der Wannseekonferenz beteiligt.

Kontakte zu Manfred Stolpe

Im Laufe seiner Tätigkeit als Leiter der Arbeitsgruppe Kirchenfragen hatte Bellmann auch immer wieder weitere Kontakte zu Manfred Stolpe, dem später Kontakte zum Ministerium für Staatssicherheit vorgeworfen wurden. Bereits am 15. Dezember 1980 hatte Stolpe, zu der Zeit Leiter des Sekretariats des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, ausdrücklich versichert, die „evangelische Kirche werde sich durch niemanden in die Rolle einer politischen Reaktion drängen lassen“. Weiterhin führte Stolpe aus, dass Mitverantwortung von der Kirche „nur im Interesse der inneren Stabilisierung der DDR praktiziert und verstanden werden“ könne. Das Wichtigste, was Stolpe Bellmann in diesem Zusammenhang melden konnte, war die Position der Bischöfe zur Frage kirchlicher Reaktionen auf eine eventuelle militärische Intervention der Warschauer Pakt-Staaten in der Volksrepublik Polen: „Probleme in der Kirche wären unvermeidbar, wenn die Nationale Volksarmee eingreifen müsse. Es sei ein Unterschied, ob so etwas von Seiten der Sowjetunion geschehe oder von der DDR.“[9]

1992 kam eine Protokollnotiz aus dem Jahr 1982 über ein Treffen Stolpes, dem damaligen Konsistorialpräsidenten der Ostregion der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg sowie stellvertretenden Vorsitzenden des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR und späteren Ministerpräsidenten Brandenburgs, mit Bellmann in Umlauf. Darin wird Stolpe mit den Worten zitiert, der Magdeburger Bischof Werner Krusche sei „zwar unberechenbar, aber von allen Seiten beeinflußbar“ - was Stolpe-Gegner als abfällige Bemerkung über den Oberhirten interpretierten. Diese Äußerung führte zur öffentlichen Kritik an Stolpe.[10]

1983 erarbeitete Bellmann in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit eine gemeinsame Konzeption zur weiteren Einflussnahme auf die Amtskirchen und zur Zürückdrängung der Friedenskreise.[11]

Veröffentlichungen

  • Wegweiser zum Atheismus : Vom Jenseits zum Diesseits. Band 1, 1959.
  • Militarismus und politischer Klerikalismus. Mitautor Willi Barth, Berlin 1961.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Michael Kubina, a.a.O., S. 3 f.
  2. Stefan Karner: Prager Frühling: Beiträge. 2008, ISBN 978-3-412-20207-1, S. 523
  3. Arbeitsgruppe Kirchenfragen des ZK
  4. Anke Silomon,Ulrich Bayer,Joachim Mehlhausen: Synode und SED-Staat: die Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR in Görlitz vom 18. bis 22. September 1987, 1997, ISBN 3-525-55724-8, S. 25
  5. Thomas Klein, a.a.O., S. 192.
  6. Thomas Klein, a.a.O., S. 84.
  7. Christ in Zeiten der Prüfung. FAZ, 11. März 2009
  8. Albrecht Schönherr gestorben. FAZ, 10. März 2009
  9. Klaus Schroeder,Peter Erler: Geschichte und Transformation des SED-Staates, 1994, ISBN 3-05-002638-3, S. 154
  10. DER SPIEGEL: Kirche als Fliegenfänger (Nr.6/1992)
  11. Thomas Klein, a.a.O., S. 196 f.

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