Heidenschanze bei Sievern

Heidenschanze bei Sievern

Die Heidenschanze bei Sievern ist eine Ringwallanlage im Landkreis Cuxhaven, die etwa um 50 v. Chr. entstand und bis ins spätere 1. Jahrhundert n. Chr. auch noch genutzt wurde (die jüngsten Teile des Walls sind aus dem Jahr 79 n. Chr.).

Sie bestand aus zwei Ringsystemen, die konzentrisch angelegt und im Endstadium zwei Kammertore besaßen, welche so lagen, dass man erst um den gesamten inneren Ring gehen musste, wenn man in das Zentrum gelangen wollte. Die Heidenschanze lag am Schnittpunkt zweier wichtiger Verkehrspunkte: einer alten Handelsstraße, die damals von großer Bedeutung war, und der Sieverner Aue, die damals noch schiffbar war, weil sie durch den Gezeitenwechsel der Nordsee beeinflusst wurde und ein breiteres Bett besaß.

Vermutlich diente sie als Markt und Umschlagsplatz für fahrende Händler.

Inhaltsverzeichnis

Namenswechsel

Heidenstatt in der Karte von 1832
Heidenschanze in der Preußischen Landesaufnahme von 1893

Der heutige Name Heidenschanze beruht auf einem Irrtum eines Primeurleutnants Dittlinger, dem 1886 aufgrund einer Anregung Rudolf Virchows die Kartierung der drei Burganlagen nördlich von Sievern im Maßstab 1:5000 befohlen worden war. Er nannte die Wallburg östlich der Pipinsburg Heidenschanze, während sie bis dahin Heidenstatt genannt worden war. Als Heidenstadt bezeichnete er nunmehr die nördlich davon liegende Wallburg. Da seine Verwechselung Eingang in die Preußische Landesaufnahme von 1893 mit der ersten topographischen Karte im Maßstab 1:25000 fand, heißt heutzutage die südliche Wallburg Heidenschanze und die nördliche Heidenstadt.

Nach einer Neuinterpretation der Koordinaten im Weltatlas des Claudius Ptolemäus (um 150 n.C.) wird die Heidenschanze bei Sievern mit der dort aufgeführten Siedlung Phabiranum identifiziert.

Aufbau der Anlage

Anfangs bestand der äußere Ring nur aus einer Zaunkonstruktion mit je einem Graben nach außen und nach innen, was auch an einigen Stellen so blieb. In einem zweiten Bauabschnitt wurde der Zaun entfernt, ein Sandwall angehäuft und Palisaden errichtet. Die Palisadenhölzer waren bis zu 30x40cm dick, was bei einer Walllänge von ca. 1,4 km rund 4.200 Bohlen bedeutete, und wurden 79 n. Chr. gefällt. In den moorigen Gebieten der Anlage waren im Wall Kopfsteinpflaster eingebaut, damit der Wall so leicht nicht absinken konnte. An der Vorderseite des Walls befanden sich Bohlen bzw. Baumstubben, damit der Wall nicht in den Graben rutschte. Auch an der Innenseite befanden sich Bohlen, diesmal allerdings fast senkrecht und leicht in den Boden versenkt. Zwischen diesen Bohlen und den Palisaden war der Sand festgestampft und man geht davon aus, dass dort ein Wachgang lag.

Ausgrabungen

Die erste Grabung an der Heidenschanze wurde 1906 vom Archäologen Carl Schuchhardt durchgeführt und brachte die Überreste des Tores im inneren Ring. Es gibt es keine Pläne der Grabung mehr und es ist lediglich bekannt, dass dort ein Kammertor lag.

Weit besser wurde dagegen 1958 eine zweite Ausgrabung von Werner Haarnagel durchgeführt, die dieser auch sehr gut in einem 37 Seiten langen Bericht festhielt. Zuerst wurde ein 180 m langer Suchgraben angelegt, der zeigte, dass die Häuser vor allem in Wallnähe lagen. In der Mitte lag eine freie Fläche, auf welcher vermutlich Markt gehalten wurde. Darüber hinaus wurde der Wall an 3 Stellen angeschnitten, um bei den im Außenwall gelegenen Grabungen den Aufbau des Walls zu erkunden und um im Innenwall nach einem zweiten inneren Tor zu suchen, was aber negativ ausfiel. Das Interessanteste an Haarnagels Grabungen war allerdings die Toranlage des äußeren Rings, die nach dem Befund in drei bzw. vier Bauabschnitten errichtet und verbessert wurde.

Das erste Tor besaß Schweiftorwangen und außerdem noch einen Schwellenbalken, den man im Boden als dunkle Verfärbung erkennen konnte. Die Torflügel öffneten wahrscheinlich nach innen und es liegt nahe, dass sich darüber ein Wachgang befand. Das zweite Tor besaß gerade Torwangen und war allem Anschein nach mit einem Strohdach versehen, da man im Boden einige Pfosten fand, die zu weit aus einander waren, als dass sie die Torflügel hätten tragen können, aber Maße von etwa 40x30 cm besaßen. Vermutlich war auch bei diesem Tor ein Wachgang. Das dritte Tor war ein Kammertor, das ca. 3 m über die Palisaden hinausragte und etwa eine innere Breite von nur 2,5 m aufwies. Das Teiltor zum Eingang hin war mit einem Anschlag versehen. Wie auch das vorherige Tor hatte es wohl ein Strohdach und besaß einen Wachgang.

Etwa 10 m vor dem Tor wurde eine Verfärbung entdeckt, die höchst wahrscheinlich von dem Fundament eines Wachturms stammte, den man dort errichtet hatte.

Die letzte Grabung an der Heidenschanze wurde 1999–2001 durchgeführt und diente dazu, die vorhandenen Daten von 1958 zu ergänzen und gegebenenfalls zu korrigieren. Mit Hilfe der Digitalfotografie und neueren Bestimmungsmethoden konnte die Ausgrabung bestens dokumentiert und ausgewertet werden. Da dieser letzte Ausgrabungsplatz heute an einem Moor liegt, waren die Palisaden in hervorragendem Zustand und man konnte so auch ein genaues Fälljahr, nämlich das Jahr 79 n. Chr, bestimmen.

Datierung

Während Schuchardt noch annahm, dass die Heidenschanze eine sächsische Volksburg aus dem Zeitraum zwischen dem 4. und 7.Jahrhundert sei, konnte Haarnagel anhand von Keramikfunden beweisen, dass sie aus dem Zeitraum zwischen 50 v. Chr. und Ende des 1.Jahrhunderts n. Chr. stammte, was ja auch sowohl durch Jahrringanalyse als auch mit der C-14-Methode bei der Ausgrabung von 1999 bewiesen wurde.

Beleuchten muss man auch, dass der Ausbau der Heidenschanze wohl parallel zu den politischen und wirtschaftlichen Unruhen der damaligen Zeit verlief, so griff 12 v. Chr. eine römische Flotte die Friesen an, ca. 5 n. Chr. landete eine ähnliche am linken Elbufer und 10 Jahre später drang eine dritte zur Wesermündung vor, was in allen Fällen den freien Handel beeinträchtigte. Aber nicht nur die Römer sorgten dafür, dass das Verbessern der Heidenschanze dringend notwendig wurde, denn 17 n. Chr. gab es Auseinandersetzungen der Markomannen und Cherusker und 28 weiterhin die Erhebung der Sachsen.

In der Nähe liegt die Megalithanlage Bülzenbett.

Literatur

  • Werner Haarnagel: Die Grabung auf der Heidenschanze bei Wesermünde im Jahre 1958. In: Rafael v. Uslar (Hrsg.): Studien aus Alteuropa II. Köln, Graz 1965, S.142-178
  • Werner Haarnagel: Die Ringwallanlagen Heidenschanze und Pipinsburg im Kreis Wesermünde, Gemarkung Sievern in: Helmut Ottenjahn (Hsg.), Ringwall und Burg in der Archäologie West-Niedersachsens, Ausstellung in der „Burg“ Arkenstede des Museumsdorfes Cloppenburg, Cloppenburg 1971, S. 11-18
  • Matthias D. Schön: Die Heidenschanze bei Sievern – Eine fast 2000 Jahre alte Befestigung.In: Archäologie in Niedersachsen. Band 3, Oldenburg, Isensee Verlag 2000, S.57-59
  • Andreas Kleineberg, Christian Marx, Eberhard Knobloch und Dieter Lelgemann (Hrsg.): Germania und die Insel Thule. Die Entschlüsselung von Ptolemaios´ "Atlas der Oikumene". Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2010, ISBN 978-3-534-23757-9.
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