Hexenprozesse von Salem


Hexenprozesse von Salem
Szene im Gerichtssaal (Illustration von 1876)

Die Hexenprozesse von Salem (Salem Witch Trials) im Jahr 1692 bildeten den Beginn einer Reihe von Verhaftungen, Anklagen und Hinrichtungen wegen Hexerei in Neuengland. Die Hexenverfolgung begann in dem Village Salem (heute größtenteils zu Danvers gehörend), nahe der Stadt Salem. In ihrem Verlauf wurden 20 Beschuldigte hingerichtet, 55 Menschen unter Folter zu Falschaussagen gebracht, 150 Verdächtigte inhaftiert und weitere 200 Menschen der Hexerei beschuldigt.[1] Die Anschuldigungen dehnten sich innerhalb weniger Monate auf die umliegenden Gemeinden (Andover, Amesbury, Salisbury, Haverhill, Topsfield, Ipswich, Rowley, Gloucester, Manchester, Malden, Charlestown, Billerica, Beverly, Reading, Woburn, Lynn, Marblehead und Boston) aus. Hexenverfolgung hatte es bis dahin in den nordamerikanischen Kolonien, anders als in Europa, nur vereinzelt gegeben.

Inhaltsverzeichnis

Hergang der Prozesse

Ausgrabungszustand des Pfarrhauses von Samuel Parris in Salem Village (heute Danvers) im Mai 2006 - hier begannen die Hexerei-Anschuldigungen
Schild an der Ausgrabungsstätte des Pfarrhauses

Im Winter 1691/1692 begannen Elizabeth „Betty“ Parris und Abigail Williams, die Tochter und die Nichte des Geistlichen Samuel Parris, sich auffällig zu verhalten, insbesondere seltsam zu sprechen, sich unter Dingen zu verstecken und auf dem Boden zu kriechen. Keiner der bestellten Ärzte konnte das Leiden der Mädchen medizinisch erklären. Ein Arzt bekundete, dass sie nur vom Teufel besessen sein könnten. Neben den beiden Mädchen Betty und Abigail wurden auch Ann Putnam, Betty Hubbard, Mercy Lewis, Susannah Sheldon, Mercy Short und Mary Warren bedrängt, Namen von Personen zu nennen, von denen die Mädchen besessen und verhext seien.

Tituba, eine der ersten Beschuldigten der Salemer Hexenprozesse
(Illustration von 1878)

Sie beschuldigten zunächst die drei Frauen Sarah Good, Sarah Osborne und Tituba. Sarah Good war eine stadtbekannte Bettlerin, Tochter eines französischen Gastwirts; ihr wurden häufige Selbstgespräche nachgesagt. Sarah Osborne war eine bettlägerige ältere Frau, die die Kinder ihres ersten Mannes um ihr Erbe gebracht haben sollte, indem sie es ihrem neuen Mann geschenkt hatte. Tituba war eine indianische oder schwarze[2][3] Sklavin des Geistlichen Samuel Parris.

Die unter der Bedrohung durch Indianer stehende Dorfgemeinschaft, die nach der Aufhebung des Bay-Colony-Vertrages von 1684 und dem Aufstand von 1689 ohne formale Regierung war, glaubte den Anschuldigungen.

Am 1. März 1692 wurden die beschuldigten Frauen inhaftiert. Es folgten Anschuldigungen gegen weitere Personen: Dorcas Good (die vierjährige Tochter von Sarah Good), Rebecca Nurse (eine bettlägerige, religiöse Großmutter), Abigail Hobbs, Deliverance Hobbs, Martha Corey und Elizabeth und John Proctor. Die Zahl der Gefängnisinsassen stieg weiter an. Ohne eine organisierte Regierung gab es aber keine Möglichkeit, Gerichtsverfahren zu eröffnen. Während der Haft starben Sarah Osborne und Sarah Goods neugeborenes Kind, weitere Inhaftierte wurden krank. Gegen Ende Mai kam der durch den englischen König eingesetzte Gouverneur Sir William Phips nach Salem, um ein Anhörungsgericht zu bilden (englisch „Oyer and Terminer“).

Das Gericht verhandelte ungefähr einmal im Monat neue Fälle. Bis auf eine Ausnahme wurden alle Beschuldigten wegen Hexerei zum Tod verurteilt. Verurteilte, die sich schuldig bekannten und weitere Verdächtige nannten, wurden nicht exekutiert. Aufgrund ihrer Schwangerschaft wurde die Hinrichtung von Elizabeth Proctor und mindestens einer weiteren Beschuldigten auf die Zeit nach der Geburt verschoben. Bei vier Exekutionen im Verlauf des Sommers wurden 19 Personen gehängt, darunter ein Geistlicher, ein Gendarm, der sich geweigert hatte, weitere der Hexerei Verdächtigte festzunehmen, und mindestens drei weitere bisher angesehene Persönlichkeiten. Sechs der Hingerichteten waren Männer, die anderen meist verarmte Frauen höheren Alters.

Hinrichtung von Giles Corey am 19. September 1692
(Illustration von 1923)

Der achtzigjähige Bauer Giles Corey hatte während der Verhandlung seine Aussage verweigert und wurde deshalb nicht erhängt, sondern am 19. September 1692 durch Zerquetschung mit Steinen hingerichtet.[4]

Während der Hexenprozesse in Salem wurden Ernten nicht gepflegt und Rinder vernachlässigt. Sägemühlen standen still, weil entweder die Eigentümer vermisst wurden, ihre Arbeiter verhaftet waren oder sie als Schaulustige Gefängnisse und Prozesse besuchten. Einige Angeschuldigte flüchteten. Der Handel kam fast zum Erliegen, während die Bedrohung durch Indianer im Westen blieb.

Unter der Führung von Increase Mather legten Bostoner Geistliche am 3. Oktober 1692 einen Einspruch mit dem Titel „Cases of Conscience Concerning Evil Spirits“ ein. Darin stellte Mathers fest, es sei besser, wenn zehn verdächtigte Hexen entkämen, als wenn eine unschuldige Person verurteilt würde. Die Hexenprozesse endeten im Januar 1693. Im Frühjahr des Folgejahres wurden die letzten Verhafteten freigelassen.

Gründe für die Hexenverfolgung in Salem

Über die Gründe für die schlagartige Hexenverfolgung in Salem gibt es verschiedene Theorien. Die verbreitetste ist, dass die seit 1630 mit wenigen königlichen Einmischungen die Massachusetts-Bay-Kolonie regierenden Puritaner eine religiös geprägte massenhysterische Wahnvorstellung entwickelt hätten. Diese Darstellung gilt heutigen Experten als zu stark vereinfacht. Andere Theorien umfassen Kindesmisshandlung, Wahrsagerei und fehlgeleitete Experimente.

Auch durch Mutterkorn verseuchtes Getreide und daraus resultierende Fälle von Ergotismus mit Wahnvorstellungen wurden als Ursache vermutet[5]. Weiter kommt auch eine Intrige der Familie Putnam gegen die Familie Porters in Frage.

Außerdem gab es große Spannungen innerhalb der puritanischen Gesellschaft. Sie hatte ihren Gründungsvertrag in der Glorious Revolution von 1688 verloren und sah sich einer ungewissen Zukunft gegenüber. Die Siedler waren ständigen Angriffen durch Indianer ausgesetzt und konnten nicht auf englische Hilfe bei der Verteidigung hoffen. Die Verteidiger mussten aus den Reihen ihrer jungen Männer gestellt werden, und im „König-Philips-Krieg“ genannten Indianeraufstand im Jahre 1675 war die gesamte Bevölkerung dezimiert worden. Jeder zehnte Siedler in Neuengland verlor sein Leben bei Indianerangriffen. Obwohl dieser Krieg zu Ende war, blieben Indianerangriffe und Geplänkel eine ständige Bedrohung. Neuengland wurde mehr und mehr zu einer Handelskolonie, und sowohl Puritaner als auch Nicht-Puritaner verdienten eine Menge Geld, was die Puritaner zugleich als notwendig und sündig ansahen. Das Ansehen der Kaufleute wuchs, das Ansehen der Geistlichen hingegen sank.

Die Autorin Mary Beth Norton („In the Devil's Snare“) vertritt die These, dass wahrscheinlich mehrere oder alle angeführten Punkte eine wichtige Rolle spielten. Salem und der Rest Neuenglands standen unter Druck durch häufige Indianerangriffe, welche eine angstvolle Atmosphäre verursachten und daher in großem Maße zu der Hysterie beitrugen. Sie vermutet, dass die meisten der angeklagten Hexen und betroffenen Mädchen enge gesellschaftliche oder persönliche Bindungen zu den Indianerangriffen der vorigen 15 Jahre hatten. Die Ankläger erwähnten häufig einen „schwarzen Mann“, diskutierten mögliche Treffen der vermeintlichen Hexen mit Indianern und beschrieben Folterbilder aus Geschichten über Entführungen durch Indianer. Ferner hatten die puritanischen Geistlichen seit dem „König-Philips-Krieg“ die Indianer häufig als mit dem Teufel und Hexerei in Verbindung stehend bezeichnet. In bis zu fünfstündigen glühenden Predigten stellten sie die amerikanischen Puritaner als eine Armee Gottes dar, die von Satan und seinen Dämonen bedrängt wird. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Puritaner Indianer mit dem Teufel assoziierten. Indianerangriffe sahen sie als Versuche des Teufels an, die puritanische Gesellschaft zu zerstören. Mit all diesen Einflüssen waren die Puritaner im Jahre 1691 reif für eine Hexenhysterie.

Das Dorf Salem war ein Mikrokosmos der puritanischen Anspannungen. Das halbe Dorf bestand aus Bauern, die den Geistlichen Samuel Parris in seinem Bestreben unterstützten, sich von der Stadt Salem loszulösen und eine selbstständige Gemeinde zu bilden. Die andere Hälfte der Dorfbewohner wollte Teil der Stadtgemeinde bleiben und die Handelsbeziehungen aufrechterhalten und verweigerte dem Geistlichen und seiner Familie die finanzielle Unterstützung. Zusätzlich hatten eine Reihe von aus Maine und New Hampshire vor Indianerattacken Geflüchteter in Salem bei Verwandten Unterschlupf gefunden und brachte Horrorgeschichten darüber mit. Als Ergebnis war Salem 1691 ein Pulverfass und die Reihe von scheinbar besessenen jungen Mädchen war der Funke, der es zur Detonation brachte.

Rehabilitation der Opfer

Für die meisten der in den Hexenprozessen von Salem Verurteilten wurde 1711 eine Generalamnestie ausgesprochen. 1957 wurde die als »Hexe« gehängte Ann Pudeator für unschuldig erklärt. Am 5. November 2001 unterzeichnete die Gouverneurin von Massachusetts die Unschuldserklärung für die fünf letzten Frauen.[6]

Literarische Adaptionen des Themas

Verfilmungen

1957 verfilmte die DEFA in französisch-deutscher Koproduktion ein auf den Prozessen basierendes Theaterstück von Arthur Miller unter dem Titel Hexenjagd (auch bekannt unter dem Titel Die Hexen von Salem). Mitwirkende waren unter anderem Yves Montand, Simone Signoret und Sabine Thalbach, das Drehbuch wurde von Jean-Paul Sartre geschrieben, die Musik stammte von Hanns Eisler.

1996 wurde das Thema unter dem Titel Hexenjagd (englischer Originaltitel: The Crucible) erneut verfilmt. Das Drehbuch schrieb dieses Mal Miller selbst. Darsteller waren u.A. Daniel Day-Lewis als John Proctor, Winona Ryder als Abigail Williams, Paul Scofield als Judge Thomas Danforth, Joan Allen als Elizabeth Proctor und Bruce Davison als Reverend Samuel Parris. Der Film wurde für zwei Oscars nominiert.

Außerdem erschien Anfang 2007 der Film The Covenant - Der Pakt in den deutschen Kinos. Der Film lockte ein großes Publikum in die Kinos und erweckte somit großes Interesse an den Hexenprozessen von Salem. In den Hauptrollen waren unter anderem die Newcomer Steven Strait als Caleb Danvers und Laura Ramsey als Sarah Wenham zu sehen.

Im 1980 erschienenen Film Ein Zombie hing am Glockenseil ist die Stadt Dunwich, in der das Böse ausbricht, auf den Ruinen der Stadt Salem erbaut, in welchen auch der Showdown stattfindet.

Beteiligte Menschen

Geistliche Beteiligte und Kommentatoren

  • Rev. Cotton Mather
  • Rev. Samuel Parris
  • Rev. Increase Mather
  • Rev. Francis Dane
  • Rev. Deodat Lawson
  • Rev. Samuel Willard
  • Rev. John Hale

Vorsitzende im Verfahren

  • Vizegouverneur (Lieutenant Governor) William Stoughton, Vorsitzender Richter

Beteiligte Untersuchungsrichter

  • John Hathorne
  • Samuel Sewall
  • Thomas Danforth
  • Bartholomew Gedney
  • John Richards
  • Nathaniel Saltonstall
  • Peter Sargent
  • Stephen Sewall, Clerk
  • Wait Still Winthrop

Betroffene

Die, die sich als besessen bezeichneten:

  • Sarah Bibber
  • Elizabeth Booth
  • Sarah Churchill
  • Martha Goodwin
  • Elizabeth Hubbard
  • Mary Lacey (auch als Hexe beschuldigt)
  • Mercy Lewis
  • Elizabeth Parris
  • Bethshaa Pope
  • Ann Putnam, Jr.
  • Susanna Sheldon
  • Mercy Short
  • Martha Sprague
  • Mary Walcott
  • Mary Warren (wurde selbst der Hexerei angeklagt, als sie aussagte, dass die Anklägerinnen ihre Vorwürfe erfinden)
  • Abigail Williams

Beschuldigte

Die Liste ist nicht vollständig, zwischen 150 und 300 wurden angeklagt, und es können noch deutlich mehr inhaftiert gewesen sein:

  • Capt. John Alden Jr.
  • Daniel Andrew
  • Sarah Bassett
  • Edward Bishop
  • Sarah Bishop
  • Mary Black
  • Dudley Bradstreet
  • John Bradstreet
  • Sarah Buckley
  • Candy, ein Sklave aus Salem
  • Richard Carrier
  • Mary Clarke
  • Sarah Easty Cloyce
  • Sarah Cole
  • Giles Corey
  • Mary Bassett DeRich
  • Ann Dolliver
  • Rebecca Eames
  • Mary English
  • Philip English
  • Abigail Faulkner
  • Ann Foster
  • Dorcas Good
  • Dorcas Hoar
  • Abigail Hobbs
  • Deliverance Hobbs
  • Elizabeth Howe
  • Mary Ireson
  • George Jacobs, Jr.
  • Margaret Jacobs
  • Elizabeth Johnson
  • Mary Lacey, Sr.
  • Mary Lacey
  • Sarah Osborne
  • Lady Phips, Ehefrau von Gouverneur Phips
  • Susannah Post
  • Elizabeth Bassett Proctor
  • Tituba
  • Job Tookey
  • Hezekiah Usher
  • Mary Withridge

Hingerichtete

  • Bridget Bishop – gehängt 10. Juni 1692
  • Rev. George Burroughs – gehängt 19. August 1692
  • Martha Carrier – gehängt 19. August 1692
  • Martha Corey – gehängt 22. September 1692
  • Giles Corey – zu Tode gequetscht 19. September 1692
  • Mary Easty – gehängt 22. September 1692
  • Sarah Good – gehängt 19. Juni 1692
  • Elizabeth Howe – gehängt 19. Juni 1692
  • George Jacobs, Sr. – gehängt 19. August 1692
  • Susannah Martin – gehängt 19. Juni 1692
  • Rebecca Nurse – gehängt 19. Juni 1692
  • Alice Parker – gehängt 22. September 1692
  • Mary Parker – gehängt 22. September 1692
  • John Proctor – gehängt 19. August 1692
  • Ann Pudeator – gehängt 22. September 1692
  • Wilmott Redd – gehängt 22. September 1692
  • Margaret Scott – gehängt 22. September 1692
  • Samuel Wardwell – gehängt 22. September 1692
  • Sarah Wildes – gehängt 19. Juni 1692
  • John Willard – gehängt 19. August 1692

In Haft verstorben

  • Sarah Osborne
  • „Dr.“ Roger Toothaker
  • Ann Foster
  • Lydia Dustin
  • Neugeborene Tochter von Sarah Good

Literatur

  • Marc Aronson: Witch-Hunt: Mysteries of the Salem Witch Trials. Simon and Schuster, November 2003, hardcover, 272 pages, ISBN 0-689-84864-1; large-print, Thorndike Press, April 2004, hardcover, 324 pages, ISBN 0-7862-6442-X
  • Paul Boyer, Stephen Nissenbaum: Salem Possessed: The Social Origins of Witchcraft. MJF Books, 1974
  • Marion L. Starkey: The Devil in Massachusetts. Alfred A. Knopf 1949
  • Mary Beth Norton: In the Devil's Snare: The Salem Witchcraft Crisis of 1692. Knopf, 2002
  • Elizabeth Reis: Damned Women: Sinners and Witches in Puritan New England. Cornell University Press, Ithaca, NY 1997.
  • Marilynne K. Roach: The Salem Witch Trials: A Day-To-Day Chronicle of a Community Under Siege. Cooper Square Press, 2002
  • Linnda Caporeal's article "Ergotism: The Satan Loosed in Salem?

Belege

  1. John Clarke Ridpath: History of the World. 1923
  2. Elaine G Breslaw: Reluctant Witch of Salem: Devilish Indians and Puritan Fantasies. New York, University Press, 1996
  3. Veta Smith Tucker: Purloined Identity: The Racial Metamorphosis of Tituba of Salem Village. Journal of Black Studies, März 2000)
  4. American Weekly: Poor Old "Goody" Cole Cleansed of Witchcraft After 300 Years. 1938
  5. Convulsive ergotism may have been a physiological basis for the Salem witchcraft crisis in 1692. Linnda R. Caporael in Science Vol. 192 (2. April 1976) (eng.)
  6. Chapter 145 of the resolves of 1957, Commonwealth of Massachusetts; Chapter 122 of the Acts of 2001, Commonwealth of Massachusetts (see http://www.mass.gov/legis/laws/seslaw01/sl010122.htm); "New Law Exonerates", Boston Globe, Nov. 1, 2001

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