Japanesenspiele

Japanesenspiele
Kaiser Hesonusode mit seinem Hofstaat am Japanesenspiel 2007, unten das Hoforchester

Die Japanesenspiele sind eine auf das Jahr 1857 zurückgehende Fastnachtsspieltradition in Schwyz. Im Mittelpunkt des Freilichtsspiels steht jeweils die Figur des japanischen Kaisers Hesonusode, der seine Untertanen in Yeddo-Schwyz besucht.

Das Brauchtum der Japanesengesellschaft Schwyz gilt als einzigartig, weist aber doch gewisse Parallelen zum Dietfurter Chinesenfasching in Bayern auf.[1]

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

In Schwyz hat die Fasnacht wie überall in der katholisch geprägten Zentralschweiz eine lange Tradition. 1857, nur wenige Jahre nach dem verlorenen Sonderbundskrieg, führte eine Fasnachtsgesellschaft namens Freunde des tollen Lebens eine Revue mit dem Titel Circus Carneval. Sturz der Natur, Triumph der Kunst auf. Das Spiel bot eine willkommene Ablenkung und eine Ergänzung zur üblichen Strassenfasnacht. Historische Volksschauspiele, initiiert vom Bildungsbürgertum, dienten damals häufig der Idealisierung und der Bildung des Schweizer Nationalmythos.[2]

Als sich 1862 eine Schweizer Wirtschaftsdelegation auf den Weg nach Japan machte, um mit diesem Land einen Handels- und Freundschaftsvertrag abzuschliessen, wurden die Schwyzer Fasnächtler zu einer neuen Aufführung inspiriert. Noch vor der Ankunft der Delegation fand 1863 mit dem grotesken Stück Die Schweiz in Japan das erste Japanesenspiel statt und die Gesellschaft gab sich den Namen Japanesengesellschaft Yeddo-Schwyz, den sie bis heute trägt. «Japanesen» lautete die damals gebräuchliche deutsche Bezeichnung für die Bewohner Japans, die Japaner, und «Yeddo» (Edo, heute: Tokio) war der Regierungssitz (Sitz des Kaisers und damit Hauptstadt war bis 1868 Heian-kyō (heute: Kyōto)). Da die Kenntnisse über das ferne Japan allerdings noch mangelhaft waren, stimmten die Figuren nur teilweise mit der Realität überein, was bei einem närrischen Theater allerdings auch nicht weiter stört.

Autor und Hauptinitiant des Stücks von 1863 war der politisch tätige Unternehmer und «Universalist» Ambros Eberle (1820-1883). Bis zu seinem Tod verfasste er insgesamt sechs Stücke. Danach folgte ein Mangel an kreativen Köpfen, doch die Tradition ging nie unter. Stets wurde in unregelmässigen Abständen von drei bis sechs Jahren der Schwyzer Bevölkerung am Japanesenspiel der Narrenspiegel vorgehalten. Während des Zweiten Weltkriegs wurde besonders das Weltgeschehen thematisiert und die Diktatoren Hitler, Mussolini und Stalin bekamen ihr Fett ab. 1952 befasste sich der einheimische Schriftsteller Meinrad Inglin, ein Urenkel Eberles, mit dem Wettrüsten zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt. 1975 skizzierte Paul Kamer die düstere Vision einer zubetonierten Schweiz, in der auf jeden Berg eine Seilbahn führt und die Bauern nur noch Folklore sind.

Hesonusode und weitere Figuren

Kaiser Hesonusode auf dem Thron

Tenno Hesonusode (eine Dialektwortschöpfung für «Sei's drum») nimmt zu Beginn des Spiels Platz auf dem Thron über dem Schwyzer Hauptplatz, von wo er verfolgt, was ihm die Bevölkerung von Yeddo-Schwyz darbietet. Er lässt sich mit dem Titel Taikun ansprechen, obwohl die korrekte japanische Bezeichnung Mikado lauten würde. Sein Kostüm ist aus Seide und sein Haar ist aufgeknöpft. Beim feierlichen Einzug zu Fanfarenklängen wird der Kaiser von einem Hofstaat, bestehend aus Mandarinen und anderen Würdenträgern, begleitet. Die eigentlich chinesischen Mandarine sind ein weiterer Beleg dafür, dass sich die Schwyzer Japanesen nicht von Japan, sondern allgemein von der Exotik des fernen Asien inspirieren liessen.

Seit Jahrzehnten fest zum Repertoire der Japanesenspiele gehören ebenfalls zwei Kontrahenten: der Jöretönel, ein Bergbauer, der die Muotathaler Alp Träsmeren bewirtschaftet, und der Schuelherr Karlifranz, ein Schulmeister alten Stils. In ihren Streitgesprächen, wie sie sich in früheren Zeiten abgespielt haben könnten, geht es jeweils um den Gegensatz zwischen der harten Berglandwirtschaft und dem Dasein als Gelehrter. Bezeichnenderweise treten die beiden Figuren in Kostümen des 19. Jahrhunderts auf.

Jubiläumsspiel 2007

Frau Fasnacht entsteigt der Torte und narrt die Schwyzer

Im Februar 2007 fand anlässlich des 150-Jahr-Jubiläums der Japanesenspiele an sechs Spieltagen eine weitere Aufführung mit rund 200 Mitwirkenden statt. Als Ehrengast nahm der japanische Botschafter in der Schweiz an der Premiere teil.[3]

Das Jubiläumsspiel, geschrieben von Viktor Weibel, der seit einigen Jahren in der Rolle des Schulherrn auftritt, trägt den Titel Am Naresäil. Der riesigen Geburtstagstorte, die Kaiser Hesonusode gereicht wird, entsteigen während des Spiels immer wieder verwirrende Überraschungsgäste, unter anderem der Schweizer Bundesrat in corpore, die mit ihren Unzulänglichkeiten den hohen Gast nicht zu beeindrucken vermögen. Als Lösung des Übels erscheint der Zellforscher Dr. Würgeli, der den Menschen neue Organe verpasst. Als dies neues Unheil zu stiften beginnt, besinnt sich die Bevölkerung auf das Wundermittel Fasnacht. Frau Fasnacht als deren Personifizierung trieb auch diesmal wieder ihren Schabernack, doch schliesslich kann nur sie den Taikun versöhnlich stimmen.

Als Ergänzung zum Theater fand im Forum der Schweizer Geschichte die Jubiläumsausstellung Vivelun Taikun! statt, in der die Geschichte dieser einmaligen Spieltradition anhand von Fotos, Kostümen und anderen Gegenständen aufgezeigt wurde.

Quellen

  1. Bote der Urschweiz, 13. Februar 2007
  2. Bote der Urschweiz, 18. Januar 2007
  3. Bote der Urschweiz, 12. Februar 2007

Literatur

  • Viktor Weibel, Hesonusode. Theater, Geschichte und Fasnachtskultur, Verlag Triner, Schwyz 2006.

Siehe auch

Weblinks


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