Motiv (Literatur)

Motiv (Literatur)

Das Motiv (franz. motif: Beweggrund, Antrieb; mlat. motivum < lat. movere: bewegen, motus: Bewegung) in der Literatur ist, der Malerei und der Musik entlehnt, ein erzählerischer Baustein, »eine kleinere stoffliche Einheit, die zwar noch nicht einen ganzen Plot, eine Fabel, umfasst, aber doch bereits ein inhaltliches, situationsmäßiges Element darstellt« (Frenzel 1966).

Das Motiv ist von innerer (struktureller) Einheit, ohne jedoch eine Handlung oder einen Inhalt zu konkretisieren. Es ist »[...] der elementare, keim- und kombinationsfähige Bestandteil eines Stoffes« (dies. 1962, V), ist ein »Akkord«, ein »Handlungsansatz«, ohne an »feststehende Namen und Ereignisse gebunden [...]« zu sein (dies. 1976, VI). So findet sich beispielsweise das Motiv der Feindesliebe von der Figur des biblischen Jesus bis in Werfels Roman Verdi, das des Verbrechens, das ans Licht kommt, von Sophokles' Oedipus tyrannos über Hartmanns von Aue Gregorius bis zu Dostojewskijs Schuld und Sühne, das des Mannes zwischen zwei Frauen von der Figur des Abraham bis zu Walsers Figur des Gottlieb Zürn in Der Augenblick der Liebe oder das Motiv der feindlichen Brüder von den biblischen Figuren Kains und Abels über Romulus und Remus bis zu Schillers Die Räuber.

Inhaltsverzeichnis

Abgrenzung

Während sich das Motiv nach oben von dem Stoff abgrenzt, in dessen Konkretisierung es nur einen Baustein bildet, grenzt es sich nach unten hin von dem allgemeiner und beliebiger gefassten Thema oder, sofern dies auf Figuren bezogen ist, dem Typus, aber auch dem anschaulich gehaltenen Symbol oder Bild ab. Die Übergänge sind hier jedoch fließend. Zwischen dem Thema der Eifersucht und dem Typus des eifersüchtigen Gatten und dem Motiv des Hahnreis oder betrogenen Ehemannes beispielsweise ist kaum eine Grenzlinie auszumachen. Fiele nun zudem das handlungsauslösende Momentum aus, das einem Motiv innewohnt, kann aber auf der anderen Seite ein Thema, wie das der Eifersucht, auch zu einem simplen (Charakter-) Zug zusammenschmelzen. Der Unterschied konstituiert sich hier vor allem aus Gewichtung und Funktion (vgl. Frenzel a.a.O., VII): Auch wenn also Hoffmanns Kater Murr in reichem Maße Züge des Hochmutes trägt, wird dieser Hochmut im Gegensatz zum Faust I hier nicht zum Motiv.

Vor allem in der Lyrik kann sich das Motiv dann aber bis an den Rand eines Bildes verkürzen, da die gedrängte Form des Gedichtes in sich besser zu Konzentration und Intertextualität geeignet ist. So wird der Topos des Brunnens der biblischen Vätergeschichten, der die Wasserstelle, einem locus amoenus ähnlich, zu einem Ort der Liebesgeschichten werden lässt, dann aber mit dem Verkauf Josephs auch die Bedeutungsnuance des Gefängnisses transportiert, in der Lyrik Celans ebenso wie Rilkes noch als Bild verstehbare Rose bereits zum Motiv.

Rand-/Nebenmotiv

Neben dem Zentralmotiv (auch: Kernmotiv oder Hauptmotiv), das den Text durchzieht, kennt die Literatur auch das der Dramatik entnommene Randmotiv (auch: Nebenmotiv oder Füllmotiv), das eine ausschmückende Funktion hat. So findet sich mit den Figuren der Melusine und der Armgard in Theodor Fontanes Der Stechlin beispielsweise das Motiv der ungleichen Geschwister, das aber keine zentrale Funktion in der Anlage des Romans einnimmt. Durch den wenigen Raum, der den Nebenmotiven zur Entfaltung eingeräumt werden kann, ist um so deutlicher dann der kulturelle oder intertextuelle Rückgriff auf einen Fundus von schon überlieferten Motiven nötig.

Um in seiner Universalität verständlich zu sein, muss sich das Motiv also auf eine Form des kollektiven Gedächtnisses beziehen, in dem es zu seiner Allgemeinverständlichkeit aufbewahrt ist. Es ist somit auch das kleinste Element der Erzählung, das »die Kraft hat, sich in der Überlieferung zu erhalten« (Lüthi). Die Motivgeschichte widmet sich der Erforschung der Entstehung und Entwicklung einer solchen Überlieferung eines Motives.

Das „blinde Motiv“

Misslingt die Setzung eines (Neben-) Motives und behindert den Fluss des Textes oder der Handlung oder wird ein Motiv gesetzt, das mit einem anderen in Widerspruch gerät, nennt man dies auch ein blindes Motiv. Ein blindes Motiv ist also ein »[...] ablenkendes, für den Handlungsablauf irrelevantes Motiv« (Wilpert 1979, 526). Eine psychoanalytische Interpretation der Motive (und nicht des umgangssprachlichen ›Motivs‹ im Sinne eines psychologisierten Beweggrundes) liefern Sperber und Spitzer wie auch Körner. Die hier vorgenommene Verengung auf eine »allgemeine menschliche Grundsituation« (Killy) versucht eine einengende Kategorisierung, die dann einen interdisziplinären und kulturgeschichtlichen Vergleich erleichtert und so den Jungschen Archetypen nahekommt.

Das Leitmotiv

Hat das Motiv einen vordringlichen Einfluss auf den Text, sei es durch einen ordnenden Eingriff, sei es durch alleinige Wiederholung, wird es auch Leitmotiv genannt. Der genaue ästhetische Aufbau des terminologisch aus der Musik entlehnten Leitmotivs ist dabei streitig. Während »formelhaft wiederkehrende bestimmte Wortfolgen« (Wilpert) als nicht ausreichend angesehen werden, um von einem Leitmotiv zu reden, scheint die Forderung, dass ein »dichtes symbolisches Motivgewebe als Einheit stiftendes Prinzip« (Killy) anzustreben sei, ebenso überfordernd wie quantitativ-unpräzise zu sein. Zumeist haben Leitmotive jedoch die Funktion, die Stimmung vorangegangener Situationen wieder anklingen zu lassen. Sie sind das emotionale Gedächtnis.

Literatur siehe: Bibliographie zur Thematik

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