Pasquino

Pasquino
Pasquino
Pasquino
Menelaos und Patroklos
Pasquinos Verse 2006

Pasquino ist eine antike Statue in der Nähe der Piazza Navona in Rom, an die seit dem 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart anonyme Spottverse über die aktuellen Machthaber, ihre Politik und ihre Skandale angeheftet werden. Der Pasquino diente vor allem in Zeiten, in denen die Meinungsfreiheit unterdrückt wurde, als Ventil für die Unzufriedenheit der Römer.

Von Pasquino abgeleitet ist der Begriff Pasquill für ein satirisches Gedicht.

Der Pasquino ist die berühmteste und einzige noch genutzte der so genannten sprechenden Statuen Roms. Als sprechende Statue wurden vor allem in der Zeit des Nepotismus der Päpste auch der Marforio, heute im Kapitolinischen Museum, der Babuino bei der Spanischen Treppe, der Abbate Luiggi bei der Kirche S. Andrea della Valle, der Facchino, eine Brunnenfigur gegenüber dem Palazzo Doria-Pamphilj, und Madama Lucrezia an der Piazza Venezia benutzt.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Ende des 15. Jh. wurde während der Ausschachtungsarbeiten für den Bau des Palazzo Orsini (heute Palazzo Braschi) an der Stelle, an der sich auch heute noch der Pasquino befindet, der Torso einer hellenistischen Skulpturengruppe, eine stark beschädigte Figur mit dem Mittelteil einer zweiten, gefunden. Der Bauherr des Palastes, Kardinal Oliviero Carafa, bestand darauf, die Figur, der Arme, Beine und die Nase fehlen, zu erhalten. Er ließ sie schließlich 1501 auf einem Sockel an der Ecke seines Palastes aufstellen, der neben dem Wappen des Bauherrn auch eine Inschrift enthält, der die Aufstellung der Figur durch Carafa dokumentiert.

Über die ursprüngliche Bedeutung der Skulptur gibt es unterschiedliche Meinungen, vermutlich ist sie Teil einer Figurengruppe, die zur Ausstattung des antiken römischen Stadion des Domitian gehörte, über dem sich die heutige Piazza Navona befindet. Allem Anschein nach stellte sie Menelaos, König von Sparta mit Patroklos dar. In der Loggia dei Lanzi in Florenz ist die Abzeichnung einer antiken Skulptur erhalten, die große Ähnlichkeit mit dem Pasquino hat.

Der Name Pasquino

Über die Herkunft des Namens Pasquino gibt es nur Vermutungen und Legenden. So sollen benachbarte Handwerker oder Gastwirte als Taufpaten gedient haben, oder auch ein Lehrer an einer Lateinschule, der nach Meinung der Schüler dem Pasquino ähnelte, und der von ihnen durch satirische Verse an der Statue verspottet wurde. Ein Namensvetter und ebenfalls möglicher Namensgeber ist die Hauptfigur Pasquino der siebten Novelle des vierten Tages von Boccaccios Decamerone, der nach dem Genuss eines Salbeiblattes qualvoll stirbt. Seine Geliebte wird daraufhin des Mordes angeklagt, und nachdem auch sie an einem Salbeiblatt gestorben ist, entdeckt man, dass der Strauch durch eine Kröte vergiftet worden war. Eine heilsame Pflanze war in diesem Fall von fataler Wirkung, ebenso wie es der Missbrauch geistlicher Macht durch die Päpste ist, eins der beliebtesten Themen des Pasquino.

Pasquinos Verse

Pasquinos Verse sind anonym, in italienischer Sprache, in römischem Dialekt oder früher auch in Latein verfasst. Erhalten sind allerdings nur wenige Beispiele, wie der in allen Romführern zitierte Spruch Quod non fecerunt barbari fecerunt Barberini (was die Barbaren nicht getan haben, das haben die Barberini getan). Gemeint ist Papst Urban VIII. Barberini, der das bronzene Dach des Pantheon einschmelzen ließ, um Material für den Baldachin im Petersdom zu bekommen.

Zielgruppe von Pasquinos Versen sind die Inhaber der Macht, das heißt vom 16. bis zum frühen 19. Jahrhundert vor allem Papst und Kardinäle, daneben die herrschenden Adelsfamilien Roms. Anlass für die vermutlich ersten Spottverse war Papst Alexander VI., Rodrigo Borgia. 1501 hatte er, während der Zeit seiner Abwesenheit, seiner unehelichen Tochter Lucrezia die Regierung des Kirchenstaats übertragen. Für die Römer ein ungeheuerer Vorgang. Während der Papstwahl Hadrians VI. benutzte Pietro Aretino den Pasquino, um mit seinen brillanten satirischen Spottgedichten die Zustände an der Kurie zu denunzieren, mit der Strategie, die Papstwahl zu beeinflussen. Hadrian konnte nur mit Mühe davon abgehalten werden den Pasquino im Tiber zu versenken.

Nach einer längeren Zeit des Schweigens begannen die Römer 1938 wieder Zettel an den Sockel der Statue zu heften. Anlass war der Besuch Hitlers in Rom. Seither schwieg Pasquino nicht mehr.

Bevorzugtes Ziel römischen Spottes war in jüngster Zeit der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi.

Nach Restaurierung der Skulptur und Reinigung des Sockels im Jahr 2009/2010, bei der alle Papierschichten entfernt worden sind, versucht die Stadtverwaltung die erneute Anbringung von Pasquinos Spottverse zu unterbinden.

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Pasquino – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen

Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom

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