Pathologisierung

Pathologisierung ist die Deutung von Verhaltensweisen, Empfindungen, Wahrnehmungen, Gedanken, sozialen Verhältnissen oder zwischenmenschlichen Beziehungen als krankhaft.

Da Krankhaftes als unerwünscht und zu beseitigen gilt, beinhaltet die Pathologisierung eine Verurteilung der pathologisierten Komponenten. Diese Verurteilung wird bei der Pathologisierung nicht als solche zur Sprache gebracht, sondern als medizinische Feststellung behauptet.

Was in einer Gesellschaft verurteilt wird, unterliegt Veränderungen. Im herrschenden Verständnis als krankhaft gedeutete Zustände oder Prozesse können deshalb nach gesellschaftlichen Veränderungen als Pathologisierungen erscheinen. Ein bekanntes Beispiel ist die Pathologisierung der Homosexualität.

Eine besondere Bedeutung hatte die Pathologisierung im nationalsozialistischen Deutschland. Die Gesellschaft wurde hier biologistisch als „Volkskörper“ aufgefasst, der von „Schädlingen“ befallen und durch Vernichtung dieser „Schädlinge“ zu „heilen“ sei.

Damit das, wovon etwas oder jemand „geheilt“ wird, in gerechtfertigter Weise ermordet werden kann, wird „es“ als etwas aufgefasst, das nicht eigentlich „dazu“ gehört. Der erste Schritt hierzu war eine Entmenschlichung. So musste der Nationalsozialismus zum Beispiel unterstellen, dass das Judentum nicht eigentlich zur deutschen Nation gehöre und dass „deutsch“ ohne „jüdisch“ funktioniere.

Analog bedeutet die Pathologisierung individueller Komponenten, wie sie beispielsweise in der Psychiatrie (Psychiatrisierung) praktiziert wird, ihre Herauslösung aus dem eigentlichen persönlichen Zusammenhang. Die pathologisierte Komponente wird dabei zu einer Störung, die sich beseitigen oder medikamentös unterdrücken lässt, ohne die Person in ihrer Eigentlichkeit zu schädigen.

Inhaltsverzeichnis

Willkürlichkeit der Pathologisierung

Problematisch ist, dass in vielen Fällen (insbesondere bei psychischen Krankheiten) die Grenze zwischen gesund und krank willkürlich und beliebig gesetzt werden kann. Denn als krank gilt, wer von der Norm (also der Mehrheit) abweicht, als normal gilt der, der nicht krank ist. Mithin ist die Grenze zwischen gesund und krank, normal und unnormal willkürlich.

  • Wie groß die Abweichung von der Norm sein muss, damit jemand als krank gilt, ist in der Regel willkürlich und beliebig. Manchmal werden auch mathematische definierte Grenzen gezogen (zum Beispiel muss für Krankheit die Abweichung vom Mittelwert größer als eine Standardabweichung sein). Jedoch sind auch solche Grenzen beliebig (zum Beispiel könnte für Krankheit die Abweichung vom Mittelwert auch größer als zwei oder drei Standardabweichungen sein).
    • Wählt man Null als die herangezogene Abweichungsgröße, so könnte beispielsweise folgende Aussage gelten: „50% der Deutschen sind übergewichtig. Der mangelnde Aussagewert dieser Aussage wird erst klar, wenn man dazu noch folgende Aussage betrachtet: „50% der Deutschen sind untergewichtig. Folglich wären alle Deutschen behandlungsbedürftig.
    • Problematisch bei solchen „relativen“ Krankheitsdefinitionen ist auch, dass sich die statistische Grundgesamtheit im Laufe der Zeit ändern kann. Gerade zum Beispiel bei langfristig geänderten Essgewohnheiten dürfte die Grenze, ab wann jemand als übergewichtig gilt, bezogen auf seine tatsächliche Masse, nach oben wandern, weil einfach mehr Leute Zugang zu energiereicher Nahrung haben und diesen (über die geänderten Essgewohnheiten) auch ausnutzen.
  • Wird Gesundheit über die Mehrheit definiert, so ist es prinzipbedingt unmöglich, dass ein sehr großer Teil der Bevölkerung (zum Beispiel mehr als die Hälfte) als an derselben Krankheit krank gilt, obwohl dies möglich ist (etwa bei Zahnkaries).

Es ist klar, dass die Willkürlichkeit der Pathologisierung dazu führen kann, letztendlich ohne tieferen Grund Andersartigkeit zu bekämpfen, so mithin Xenophobie zu fördern.

Viele Mediziner haben dieses Problem erkannt und versuchen einen engeren Krankheits-Begriff zu finden.

  • So kann beispielsweise derjenige als krank gelten, der selbst meint, ein Leiden zu haben, und Behandlungsbedürftigkeit selbst erkennt.
  • Als krankhaft kann auch eine Erscheinung gelten, die statistisch gesehen zu einem deutlich früheren Eintritt von
    • Tod oder
    • tatsächlichem, vom Betroffenen als solches angesehen Leiden führt.

Gerade bei psychischen Krankheiten mögen Betroffene ein Leiden oder eine Behandlungsbedürftigkeit nicht in jedem Fall erkennen, sodass hauptsächlich dort die Dissonanz zwischen den willkürlichen Krankheitsbegriffen und anders definierten Krankheitsbegriffen auftritt. Ein Beispiel:

  • Der behandelnde Psychotherapeut meint eine psychische Krankheit festgestellt zu haben (welche jedoch auf Willkürlichkeit basiert) und folgert daraus eine Behandlungsbedürftigkeit. Wegen der psychischen Krankheit könne der Betroffene das Vorliegen einer Behandlungsbedürftigkeit nicht erkennen.
  • Der Betroffene meint, dass eine psychische Krankheit nicht vorliege, er nicht leide, es folglich keine Behandlungsbedürftigkeit gebe. Außer Willkürlichkeit habe der Psychotherapeut keinen guten Grund für die Annahme des Vorhandenseins einer psychischen Krankheit.

Die Frage, ob der Betroffene in diesem Fall nun wirklich psychisch krank ist oder nicht, ist hier nicht ohne weiteres entscheidbar, allenfalls beliebig und willkürlich.

Literatur

  • Michael Schetsche: Soziale Kontrolle durch Pathologisierung? Konstruktion und Dekonstruktion ,außergewöhnlicher Erfahrungen' in der Psychologie. In: Birgit Menzel und Kerstin Ratzke (Hrsg.): Grenzenlose Konstruktivität? Standortbestimmung und Zukunftsperspektiven konstruktivistischer Theorien abweichenden Verhaltens. Leske + Budrich, Opladen 2003 , S. 141-160.

Siehe auch

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