Aufstand der Vendée
Henri de La Rochejacquelein in der Schlacht von Cholet im Jahre 1793, gemalt von Paul-Emile Boutigny

Der Begriff Aufstand der Vendée (frz. guerre de Vendée) bezeichnet den bewaffneten Kampf der royalistisch-katholisch gesinnten Landbevölkerung der Vendée und benachbarter Départements gegen die republikanischen Revolutionstruppen in den Jahren 1793 bis 1796.

Ausgehend von dem südlich der Loire gelegenen Gebiet zwischen Angers und Nantes, wo die Erhebung mit Angriffen auf republikanische Truppen Anfang März 1793 ihren Anfang nahm, wuchs der zunächst von Nichtadligen wie dem Jagdhüter Stofflet und dem Fuhrmann Cathelineau, später von nicht emigrierten Adligen wie Charette, dem großen Heerführer Angellous, d’Elbée und La Rochejaquelein angeführte Widerstand bald zu einer Massenbewegung heran. Nach der Niederschlagung ordnete der Konvent im Herbst 1793 die Vernichtung der Vendée an, woraufhin in der ersten Hälfte des Jahres 1794 die Verwüstung der Vendée durch die sogenannten „höllischen Kolonnen“ (frz. colonnes infernales) der Republik folgte. Der durch Charette und Stofflet nur noch vereinzelte geführte Guerillakampf endete mit deren Gefangennahme und Hinrichtung im Jahr 1796 und einer Politik der Entspannung durch General Hoche.

Die Bilanz des rund dreijährigen Aufstandes war für die betroffenen Départements verheerend. Einige Gemeinden verloren zwischen 25 und 35 % ihrer Bevölkerung. Einige Historiker in Frankreich meinen, dass es sich dabei um Völkermord gehandelt habe.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Voraussetzungen

Den Nährboden für die Erhebung bildete die religiöse, soziale und wirtschaftliche Unzufriedenheit der im Nordwesten Frankreichs beheimateten Bauern. Der stark ländlich geprägte Küstenstrich der Vendée umfasste den größeren Teil des alten Poitou und einen Teil von Anjou und der Bretagne und gehörte zu denjenigen Regionen Frankreichs, in denen der katholische Glaube besonders tief verwurzelt war. Besonders in dieser Region stieß die Priesterverfolgung auf Empörung; es handelte sich um Kleriker, die den von der Nationalversammlung geforderten Eid auf die Verfassung und damit auf die Zivilverfassung des Klerus verweigerten.

Außerdem hatte die Nationalversammlung dem Klerus Grundstücke weggenommen, welche das Assignaten-Papiergeld garantieren sollten. Als sie diese "Nationalgüter" verkaufte, nützte dies vor allem wohlhabenden Einwohnern der Kleinstädte der Vendée. Die Bauern als Pächter des Ackerlandes waren aus Kapitalmangel zumeist leer ausgegangen und hassten daher das Bürgertum der Städte, das die ehemaligen Kirchengüter erworben hatte. Auch der Besitz der Adligen wurde nicht angerührt. Hinzu kam die Zensussteuer; da viele Bauern nicht die nötigen Steuern zahlen konnten, hatten sie auch kein Wahlrecht.

So hatte es schon vor dem Ausbruch der Erhebung Aufstandspläne gegeben, diese waren aber nie umgesetzt worden. Im Verlauf des Jahres 1793 begann sich die Lage weiter zu verschärfen. Der Kurs der Assignaten war durch immer neue Emissionen auf ein Viertel des Nennwertes gesunken.

Darüber hinaus hatte die Verschlechterung der militärischen Lage Frankreichs den Konvent zur Zwangsmobilisierung von 300.000 Rekruten gezwungen, nachdem sich als Reaktion auf die Hinrichtung Ludwigs XVI. die erste Koalition zum Kampf gegen das revolutionäre Frankreich gebildet hatte. Gegen diese Maßnahme protestierten die Bauern am 2. März 1793, einem Markttag, in Cholet, wo es zu ersten Übergriffen gegen republikanische Truppen kam.

„Vendéekrieg“

Symbol des Widerstands: Das Sacré-Cœur mit der Devise „Gott, König“ war auf die Kleidung der Aufständischen aufgenäht.
François de Charette, von Jean-Baptiste Paulin Guérin, 1819 (Ausschnitt)
Porträt Henri de la Rochejaqueleins von Pierre Narcisse Guérin, 1815

Als am 10. März 1793 die große Rekrutenaushebung stattfinden sollte, erhob sich an verschiedenen Orten der Vendée der Widerstand. In St.-Florent wählten die Aufständischen einen Fuhrmann, Cathelineau, in Niederpoitou (Marais) den vormaligen Marineoffizier Charette zu ihrem Führer.

Bald waren in allen Gegenden royalistisch-katholische Gruppen vereinigt, die die vereinzelten republikanischen Korps erfolgreich bekämpften. Die mangelnde Kriegsübung ersetzten die Führer der Revolte durch ihre genaue Kenntnis des Landes. Als der Adel sich dem Aufstand anschloss, erlangten die Bauern in ihm, besonders in Männern wie Henri de la Rochejaquelein, militärisch erfahrene Führer.

La Rochejaquelein erfocht am 25. Mai 1793 einen glänzenden Sieg bei Fontenay le Comte und eroberte am 10. Juni Saumur. Indessen blieb die versprochene Unterstützung von seiten Englands aus, und um sich mehr Hilfsquellen zu eröffnen, unternahm die Armee der Vendéer, zu deren Befehlshaber Cathelineau erwählt wurde, am 29. Juni 1793 einen Angriff auf Nantes, der aber unglücklich ausfiel und fast die Auflösung des Insurgentenheers zur Folge hatte; nach Cathelineaus Tod (11. Juli) trat der Baron d’Elbée an dessen Spitze. Unterdessen beschloss der Konvent, zwei große Armeen bei La Rochelle unter Rossignol und bei Brest unter Canclaux zusammenzuziehen und so die Küste zu umschlingen.

Auch schickte er die berühmte Garnison von Mainz unter tüchtigen Führern, wie Kléber, Aubert du Bayet und Marceau, in die Vendée. Gleichzeitig dekretierte er, dass die Wälder und Weiler der Vendée durch Feuer zerstört, die Mobilien, das Vieh, die Weiber und Kinder ergriffen und ins Innere von Frankreich abgeführt, die Güter der Insurgenten beschlagnahmt und in den benachbarten Provinzen die Landmilizen aufgeboten werden sollten. Gleichwohl behaupteten die Insurgenten, zum Teil infolge des Zwiespalts und der Unfähigkeit der republikanischen Führer und Volksrepräsentanten, das Übergewicht und siegten bei Chantonnay und Torfou (5. und 19. Sept.), unterlagen aber bei Cholet (17. Oktober), wo d’Elbée fiel. Um dem durch die Maßregeln des Konvents bewirkten Mangel an Lebensmitteln abzuhelfen, in der Bretagne den Aufstand zu entzünden und dem erwarteten britischen Hilfskorps entgegenzukommen, setzte das Hauptheer der Vendéer, 30.000 Mann stark, auf das nördliche Ufer der Loire über und verband sich mit den Chouans, sah sich aber in seinen Erwartungen völlig getäuscht, da weder die Engländer erschienen, noch die Bevölkerung sich ihm in größerer Zahl anschloss.

Schuldschein als Ausgleich für die Lieferung von Versorgungsgütern an die Royalisten (hier mit der Unterschrift von Stofflet, ausgestellt im Namen des französischen Königs).

Auf dem Rückzug siegten die Vendéer zwar bei Dol (21. November), verloren aber in den Gefechten bei Le Mans (12. Dezember) 15.000 Mann; ein anderer Heerhaufen wurde bei Savenay am 23. Dezember 1793 vernichtet, nur ein kleiner Teil unter La Rochejaquelein und dem Förster Stofflet entkam nach der Heimat. Die Konventstruppen drangen nun in die Vendée selbst ein, wo sich Charette noch behauptete, und suchten durch einen grausamen Vernichtungskrieg (die Gefangenen wurden sämtlich niedergemetzelt) das Land zu veröden; doch hätten die „höllischen Kolonnen“ des Obergenerals Turreau schwerlich den Widerstand besiegt, wäre ihnen nicht, zumal seit La Rochejaqueleins Tod (28. Januar 1794), die Uneinigkeit unter den Royalisten selbst zu Hilfe gekommen.

Im Mai wurde Turreau abberufen und verbannt. Seine Nachfolger, namentlich Lazare Hoche, richteten ein milderes System ein, und am 2. Dezember 1794 bot eine Proklamation den Vendéern Frieden und Verzeihung an. Am 15. Februar 1795 schloss hierauf Charette zu La Jaunaye einen Vertrag ab, dem am 20. Mai Stofflet und mehrere andere Führer beitraten, und nach dem die Vendéer die Republik anerkennen und dafür Amnestie, Entschädigung, Befreiung vom Kriegsdienst und kirchliche Freiheit erhalten sollten. Als im Juni 1795 eine britische Flotte das französische Emigrantenheer bei Quiberon ans Land setzte, erklärte Charette in einem Manifest der Republik aufs neue den Krieg.

Ende

Erschießung von Charette am 29. März 1796 in Nantes

Die Uneinigkeit der Insurgentenführer, der Untergang der Emigrantenexpedition auf Quiberon und die Maßregeln Hoches ließen jedoch die Schilderhebung nicht aufkommen. Charette und Stofflet wurden im Frühjahr 1796 gefangengenommen und erschossen. Eine völlige Unterwerfung der Vendée kam aber erst im Januar und Februar 1800 zustande. Während der Herrschaft der Hundert Tage 1815 griffen die Vendéer abermals zu den Waffen, wurden aber vom General Lamarque unter Sapinaud und Suzannet geschlagen. Nach der Julirevolution erhob sich ein Teil des Adels der Vendée zugunsten der alten Dynastie, und im April 1832 begab sich die Herzogin von Berry in das Land, um der beabsichtigten Insurrektion Nachdruck zu geben. In der Tat brach an verschiedenen Punkten der Aufruhr aus, die Wachsamkeit der Regierung und die Gefangennahme der Herzogin dämpften ihn jedoch bald.

Anerkennung als Völkermord

Im Frankreich der Gegenwart streiten die Historiker über die Interpretation der Vernichtung der Vendée im Jahre 1794. Herangezogen wird unter anderem folgender Brief, den auf dem Höhepunkt der terreur ein Minister aus Nantes erhalten hatte und den er dem Pariser Nationalkonvent vorlas:

„Mein Freund, ich verkünde Dir mit großem Vergnügen, dass die Räuber endlich vernichtet sind. […] Die Zahl der hierher gebrachten Räuber ist nicht abzuschätzen. Jeden Augenblick kommen neue an. Weil die Guillotine zu langsam ist, und das Erschießen auch zu lange dauert und Pulver und Kugeln vergeudet, hat man sich entschlossen, je eine gewisse Anzahl in große Boote zu bringen, in die Mitte des Flusses etwa eine halbe Meile vor der Stadt zu fahren, und das Boot dort zu versenken. So wird unablässig verfahren.“

Dieser Bericht aus der Pariser Nationalversammlung erschien am 2. Januar 1794 im "Moniteur". Dokumente dieser Art sind Historikern in großer Zahl bekannt.[1] General François-Joseph Westermann griff am 20. Juni 1793 den Ort Parthenay an und meldete nach erfolgreicher Operation an den Wohlfahrtsausschuss:

« Il n’y a plus de Vendée. Elle est morte sous notre sabre libre, avec ses femmes et ses enfants. Je viens de l’enterrer dans les marais et dans les bois de Savenay. Je n’ai pas un prisonnier à me reprocher. J’ai tout exterminé. »

„Es gibt keine Vendée mehr. Sie ist mit unserem Säbel der Freiheit niedergemacht worden, mitsamt Frauen und Kindern. Ich habe sie in den Sümpfen und Wäldern von Savenay begraben. Man kann mir keine Gefangenen vorwerfen. Ich habe alles ausgelöscht.“

Den Bürgerkrieg hatten die Aufständischen schon im Dezember verloren, auch wenn noch später Kämpfe aufflackerten. Allein der militärische Sieg genügte den Jakobinern nicht. Der Konvent beschloss die Vernichtung der „Vendée“ und bereits am 7. November wurde das gleichnamige Departement in „Vengé“ („Gerächt“) umbenannt. Die Infrastruktur des Landstriches sollte restlos vernichtet, Höfe, Kirchen, die Ernten und die Wälder niedergebrannt, das Land und ausnahmslos alle Bewohner niedergemacht werden. General Turreau, Chef der „Infernalischen Kolonnen“, der mit der Ausführung betraut wurde, ließ wissen: „Die Vendée muss ein nationaler Friedhof werden.“[1]

François Furet nannte im Kritischen Wörterbuch der Französischen Revolution die Ereignisse die „größten Massaker der Terreur“. Neben den Berichten der Täter stehen die Erinnerungen der Opfer wie die Memoiren der Comtesse de La Rochejaquelein. Für beide Gruppen gilt, dass deren Angaben, die von bis zu 600.000 Opfern als Folge des Krieges in der Vendée sprechen, als weit überhöht zu gelten haben.[2] Nach Reynald Secher hat die Bevölkerung der Vendée im Zeitraum von 1792 bis 1802 um 117.000 Bewohner (bei ursprünglich 815.000 Einwohnern) abgenommen.[3] Der Autor sieht in diesem Bevölkerungsverlust einen „Völkermord im Sinne des Nürnberger Prozesses“. Solche und andere Schlussfolgerungen übersehen jedoch leicht, dass aus einer Bevölkerungsabnahme selbst dieser Größenordnung nicht zwingend geschlossen werden kann, dass alle diese Bewohner umgekommen sind, auch deshalb, weil beispielsweise über Flüchtlingsströme aus der Vendée keine wirklich gesicherten Daten vorliegen. Andere Schätzungen gehen aus diesem Grund davon aus, dass die Zahl der Opfer in der Vendée weniger als die Hälfte der oben genannten Zahl beträgt, was die Dimension des Mordens in der Vendée während der Revolutionsära aber immer noch als beispiellos dastehen lässt.

Die Interpretation der Französischen Revolution und als Teil davon die Behandlung der Vendée speist bis heute Konflikte zwischen Regionalisten und Zentralstaatsdenkern, Katholiken und Antiklerikalen, Rechten und Linken in Frankreich. Jeweils erstere neigen dazu, einen Völkermord zu sehen. Das Schicksal der Vendée wird in dem Schwarzbuch des Französischen Revolution behandelt, herausgegeben von dem Dominikanerpater Renaud Escande, erschienen im katholischen Verlag Les Editions du Cerf. In dem Abschnitt über „Bürgerkrieg, Genozid, Memorizid“ in der Vendée wird eine Verwandtschaft des Vernichtungsfeldzugs in der Vendée mit der Shoah behauptet. Reynald Secher, Verfasser dieses Textteils wendet sich gegen die „Auslöschung des Erinnerung“, die er als „Memorizid“ bezeichnet. Er kritisiert andere Historiker, denen es darum gehe, „die Revolution reinzuwaschen vom Blutfleck der Vendée“, so Secher. „Dieser Negationismus geht so weit, dass […] die Existenz der Vernichtungsgesetze, dass die Ertränkungen, die Massentötungen vor allem von Frauen und Kindern, die Vernichtungsöfen […] geleugnet werden.“ Jean-Clément Martin, Professor an der Sorbonne und Kenner der Vendée-Kriege, kritisierte die Inhalte. Der Napoleon-Experte Jean Tulard, Mitarbeiter des „Schwarzbuchs“, spricht offen vom „Genozid“: Die Ereignisse seien ein geplanter Völkermord, der so wenig eine bloße „Entgleisung“ gewesen sei, wie die Terreur in ihrer Gesamtheit, sondern „gewollt, gedacht und erklärt von der revolutionären Regierung.“ Bereits Gracchus Babeuf nannte die Zerstörung der Vendée einen „populicide“.[1]

Gedenken

Tulard behauptet, diese dunkle Seite der Französischen Revolution werde verschwiegen, die Forschung dazu werde von einer „ideologisch“ motivierten Geschichtsschreibung boykottiert. In der Vendée wird die Erinnerung dagegen gepflegt. Auf Betreiben von Furet und Le Roy Ladurie wurde dort im Jahr 1994 das Forschungszentrum „Centre vendéen de Recherches historiques“ gegründet. In der Restaurationszeit hatten die Vendéer schon zahlreiche Monumente für die Anführer ihres Aufstands errichtet. Zahlreiche neugotische Kirchen, die heute für die kleinen Gemeinden überdimensioniert erscheinen, wurden im 19. Jahrhundert an Stelle der von den Revolutionären niedergebrannten Gotteshäuser als Zeichen des Andenkens errichtet.

Alljährlich findet vor dem Hintergrund eines von den Revolutionären abgebrannten Schlosses in Puy du Fou ein Historienspektakel statt, das die Geschichte einer Familie der Vendée über 700 Jahre nachzeichnet. 2008 fand es zum 30. Mal statt, 2007 kamen 390.000 Zuschauer zu der Veranstaltung, die fast ausschließlich von Freiwilligen bestritten wird, deren Motivation in ihrer in den Vendée-Kriegen geschaffenen Identität liegt. Das Drehbuch verfasste seinerzeit der junge Philippe de Villiers.[1]

Literatur

  • Reynald Secher: Le génocide franco-français: la Vendée-Vengé, 4. korrigierte Auflage, Paris 1992 ISBN 2-13-045260-4 – auch in englischer Übersetzung verfügbar unter dem Titel A French genocide: the Vendée, Notre Dame 2003, ISBN 0-268-02865-6
  • Marie Breguet: L’avant-guerre de Vendée: les questions religieuses à l’Assemblée Législative (octobre 1791 – septembre 1792), Paris 2004, ISBN 2-7403-1091-9
  • Guy-Marie Lenne: Les réfugiés des guerres de Vendée: 1793–1796, La Crèche 2003, ISBN 2-84561-100-5

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Ernst Schulin: Die Französische Revolution. 4., überarbeitete Aufl., C.H.Beck, München 2004, S. 229, ISBN 3-406-51262-3.
  2. Secher (1992), S. 243 und 255.

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