Barebacking

Barebacking (engl. „reiten ohne Sattel“, wörtlich: „bare back“ = „nackter Rücken“) ist ein Begriff aus der Schwulenszene. In der Regel beschreibt er Analverkehr zwischen Männern ohne Verwendung eines Kondoms, was erhebliche Infektionsrisiken bedeutet, insbesondere mit dem HI-Virus. Die Entscheidung gegen Safer Sex (geschützten Sex) wird in der Regel bewusst und zumeist in Kenntnis der Infektionsrisiken getroffen, die Gründe für diese Entscheidung sind vielfältig.

Inhaltsverzeichnis

Definition

Der aus der Schwulenszene stammende Begriff Barebacking oder bareback beschreibt ursprünglich den Geschlechtsverkehr ohne die Verwendung eines Kondoms zwischen homosexuellen Männern, wird inzwischen aber auch generell, das heißt auch im Bezug auf den ungeschützten Geschlechtsverkehr zwischen heterosexuellen Sexualpartnern oder in monogamen Paarbeziehungen, verwendet. Vor dem Auftreten von AIDS war ungeschützter Geschlechtsverkehr unter Homosexuellen üblich. Ungeschützter Sex zwischen zwei nicht infizierten Partnern innerhalb einer festen Beziehung oder Ehe, in der sexuelle Treue vereinbart wurde, wird vielfach als risikoarm betrachtet – Kritiker dieser Sichtweise halten dem aber entgegen, dass die beteiligten Personen nur Kontrolle über das eigene Sexualverhalten haben, nicht jedoch über das des Partners und dass dieses Vertrauen angesichts der Häufigkeit von Seitensprüngen unangemessen sei. Infektionen in festen Partnerschaften durch einen untreuen Partner kommen durchaus vor.

Risiken

  • Es besteht ein sehr hohes Risiko, sich, beziehungsweise den Sexualpartner mit einer sexuell übertragbaren Erkrankungen wie Hepatitis, HIV oder Syphilis zu infizieren.
  • Auch wenn beide Partner HIV-positiv sind, besteht neben dem Risiko sich mit einer anderen sexuell übertragbaren Krankheit oder Geschlechtskrankheit zu infizieren, auch das Risiko einer Reinfektion mit HIV oder anderen HIV-Stämmen. Dies kann zu einer schlechteren Behandelbarkeit beziehungsweise einer Resistenz gegen verfügbare Medikamente führen. Die lebensverlängernde Therapie der HIV-Positiven kann somit erschwert oder unmöglich gemacht werden. Die Höhe des Risikos einer Reinfektion ist umstritten, da sie bislang nicht nachgewiesen wurde, sie ist jedoch nicht ausgeschlossen.
  • Die Infektion mit HIV oder einer Geschlechtskrankheit kann wegen der langen diagnostischen Lücke oft erst nach frühestens zwei Wochen (Reverse Transkriptase-Polymerase-Kettenreaktion) oder zwei bis drei Monaten nach dem letzten Sexualkontakt mit einem potentiell Infizierten nachgewiesen werden. Während dieses Zeitraums kann keiner der Beteiligten sicher sein, sich nicht bereits infiziert zu haben. Das bedeutet, dass Personen unwissentlich mit HIV oder Hepatitis infiziert und damit ansteckend sein können. Wird nach einem Test wieder ungeschützter Sex ausgeübt, so ist der Test ohne Aussagekraft.

Die Kultur des Barebacking

Internationales Symbol der Biogefährdung (Biohazard), das häufig als Tattoo in der Szene Verwendung findet

Es gibt sogenannte Bareback-Partys, bei denen Gäste ausschließlich ungeschützten Geschlechtsverkehr, oft mit unbekannten, anonymen Personen ausüben.[1] Diese Veranstaltungen werden vielfach privat organisiert und finden auch außerhalb der Metropolregionen statt. Bisweilen nehmen an solchen Partys auch HIV-positive Personen, sogenannte Giftgiver (engl.: Schenkende) teil. HIV-negative Personen, die aktiv und bewusst nach einer, ihrer Ansicht nach unvermeidlichen, Infektion mit HIV streben, werden Bugchaser (engl.: Virusjäger) genannt.[2] Zu dieser Kultur gehören beispielsweise Biohazard-Tattoos, bei Partys Schilder mit der Aufschrift „Toxic Waste Zone“ (engl.: Giftmülldeponie) oder auch die Selbstbezeichnung als „serial fucker“ in Anlehnung an „serial killer“ (engl.: Serienmörder).

Verbreitung

Barebacking hat in den letzten Jahren – gerade auch in der schwulen Szene – immer mehr Anhänger gefunden. Einige Forscher sehen diese Entwicklung dadurch begründet, dass AIDS in der Öffentlichkeit nicht mehr so stark thematisiert wird und viele auf die verbesserten Therapien vertrauen. Einer Studie zufolge, die 2003 von Halkitis in New York City durchgeführt wurde, gaben von 448 homo- oder bisexuellen Männern 45,5 Prozent an, Barebacking betrieben zu haben, in der Gruppe der HIV-positiven Männer lag der Anteil bei 60,9 Prozent.[3]

2009 wurde eine Studie über die geographische Verteilung von Schwulen in Deutschland erstellt, zu der die Daten zweier Umfragen herangezogen wurden, welche über mehrere Webportale beworben wurden. Als Nebenprodukt zeigte sich, dass die über ein Bareback-Kontaktportal akquirierten Teilnehmer, im Vergleich zu den Teilnehmern der anderen Webseiten älter waren, in relativ hoher Zahl in städtischen Umgebungen lebten, weiters jeweils den höchsten Anteil an HIV-Positiven, früher geschlechtskrank Gewesenen und Arbeitslosen hatten.[4]

Motivationslage

Von verschiedenen Forschern und in Studien wurde die Motivationslage der Barebacker untersucht, dabei werden verschiedene Gründe für die in der Regel bewusste Entscheidung für das Barebacking und seine Risiken genannt. Dazu gehören:

  • Eine generelle Ablehnung, beziehungsweise eine negative Haltung gegenüber der Verwendung von Kondomen.
  • Die Vorstellung, bei Barebacking zwischen Personen, die nachweislich HIV-positiv sind, sei kein Safer Sex mehr nötig, beziehungsweise bei Barebacking zwischen Personen, die nachweislich HIV-negativ sind, sei noch kein Safer Sex nötig.
  • Der Wunsch, den Unterschied zwischen einer zugeneigten und verantwortungsvollen Partnerschaft und schnellem, verpflichtungsfreiem Sex mit und ohne Kondom kennenzulernen.
  • Eine besondere Nähe zu und Identifikation mit der Schwulenszene.
  • Eine gegen sich selbst oder andere gerichtete Homophobie.
  • Das Gefühl der Unausweichlichkeit einer Ansteckung als Schwuler.[5]
  • Die Vorstellung, ungeschützter Verkehr sei romantischer, erregender, männlicher und intimer.[6]

Neben diesen Gründen wird vor allem für jüngere Homosexuelle die Verdrängung oder Verleugnung von HIV angegeben, darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von begünstigenden Faktoren die zu einer Entscheidung führen, beispielsweise Depressionen, Missbrauch in der Kindheit und die teilweise vorhandene gesellschaftliche Aggression gegen Homosexuelle. Die Bereitschaft, ungeschützten Geschlechtsverkehr auszuüben, wurde in Studien insbesondere der Verwendung von Drogen zugeschrieben.[7]

Berichterstattung und tatsächliches Sexualverhalten

Insbesondere seit Ende 2004 wird in einigen Medienberichten und in politischen Äußerungen Barebacking auf ein ausschließlich von Homosexuellen praktiziertes Sexualverhalten reduziert. Dies entspricht zwar der Herkunft des Begriffes, nicht aber dem tatsächlichen Sexualverhalten. Ein von Report Mainz gesendeter Beitrag zum Thema Barebacking vom 28. November 2005 beschreibt Barebacking als „Schwulensex ohne Kondom“, der Begriff wurde daraufhin von Medien und einigen Politiker aufgegriffen.

Untersuchungen des Robert Koch-Institutes ergaben, dass Barebackverhalten unter Heterosexuellen stärker verbreitet ist als unter Homosexuellen. Zwar hat unsicheres Sexualverhalten in den letzten Jahren zugenommen, aber „homosexuelle Männer praktizieren als Gruppe deutlich häufiger Safer Sex als heterosexuelle Menschen.“[8] Umstritten ist, ob die höheren Infektionszahlen bei homosexuellen Männern auf eine höhere Promiskuität oder auf die höhere Zahl bereits infizierter potentieller Sexualpartner zurückzuführen ist.

Der Verzicht auf die Verwendung von Kondomen in einer als monogam vereinbarten Beziehung kann nicht mit dem ungeschützten Verkehr bei anonymem Sex oder Gruppensex in entsprechenden Lokalitäten, wie Darkrooms oder Swingerclubs verglichen werden, weil das Risiko bei ersterem deutlich geringer ist. Aber auch in vermeintlich oder tatsächlich monogamen Beziehungen besteht ein Risiko. Es kann beispielsweise zur Infizierung mit HIV kommen, wenn der Partner zwar monogam, aber bereits vor der Beziehung infiziert war oder sich auf anderem Wege angesteckt hat.

Haltung der AIDS-Hilfe

Ärzte, die Gesundheitsbehörden und die AIDS-Hilfen raten bei Geschlechtsverkehr dringend zu Safer Sex. Dies gelte auch für Sex innerhalb fester Beziehungen. Die Aids-Hilfe weist in diesem Zusammenhang besonders darauf hin, dass die meisten HIV-Infektionen durch Seitensprünge in „feste“ Beziehungen getragen werden und spricht dabei vom sogenannten „Risikofaktor Liebe“. Wer jedoch wechselnde Partner habe, der würde sich sehr viel wahrscheinlicher schützen, sagt die Aids-Hilfe. Besonders fatal sei, dass HIV-Positive in den ersten drei Monaten nach der eigenen Infektion am infektiösesten seien.

Gesundheitliche Aspekte in der Pornobranche

In letzter Zeit ist eine Zunahme von sogenannten „Bareback-Pornografien“ im homosexuellen Bereich zu verzeichnen, teilweise wird den entsprechenden Pornos auch eine Vorbildfunktion für die Verbreitung des Barebacking zugeschrieben.[9] Ihr Marktanteil ist in Europa auf mittlerweile 60 Prozent angestiegen, während in den USA bisher noch eine verhältnismäßig geringe Nachfrage nach solchen Produktionen besteht. Besonders riskant sei, dass es nicht genügend Kontrollmechanismen gebe, die eine Infektion verhindern könnten, wie beispielsweise gesetzlich verpflichtende HIV-Tests vor jedem Dreh. Doch selbst ein HIV-Test unmittelbar vor Beginn der Produktion ist kein Garant für einen HIV-negativen Status der Darsteller. Der HIV-Test zeigt zuverlässig nur den HIV-Status von vor drei Monaten an. Aufsehen erregte ein Vorfall im März 2008, bei dem sich vier männliche Darsteller in England mit dem HIV-Erreger infizierten.[10]

Rechtliche Situation (D-A-CH)

In Österreich gelten Gesetze gegen die fahrlässige (§ 179 ÖStGB) und die vorsätzliche (§ 178 ÖStGB) Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten. In diesem Falle wäre die Gefährdung als gemeingefährliche strafbare Handlung zu werten.

In Deutschland ist zumindest die vorsätzliche Infektion eines Anderen mit dem HI-Virus und anderen Krankheiten als Körperverletzung (§§ 223 ff. StGB) strafbar.

In der Schweiz steht sowohl fahrlässiges wie vorsätzliches Verbreiten von menschlichen Krankheiten nach StGB Art. 231[11] unter Strafe.

Literatur

  • Michael Shernoff: Without Condoms: Unprotected Sex, Gay Men & Barebacking, CRC Press 2006, ISBN 0-415-95024-4
  • Konstantin Mascher: Homosexualität unter Männern und die Bedrohung durch AIDS In: Heide Funk, Karl Lenz: Sexualitäten: Diskurse und Handlungsmuster im Wandel, Juventa 2005, ISBN 3-7799-1373-9

Einzelnachweise

  1. Sex auf Leben und Tod – Ein Bericht der Zeitschrift »Die Zeit« von 2004
  2. Heide Funk, Karl Lenz: Sexualitäten: Diskurse und Handlungsmuster im Wandel, Juventa 2005, Kapitel 5.3 „Bug Chasing“, Seite 170-171, ISBN 3-7799-1373-9
  3. Heide Funk, Karl Lenz: Sexualitäten: Diskurse und Handlungsmuster im Wandel, Juventa 2005, Kapitel 5.2 „Barebacking“, Seite 170, ISBN 3-7799-1373-9
  4. Ulrich Marcus, Axel J. Schmidt, Osamah Hamouda, Michael Bochow: Estimating the regional distribution of men who have sex with men (MSM) based on Internet surveys, BMC Public Health 2009, Nr. 9, S. 180
  5. Auflistung der einzelnen Untersuchungen in Michael Shernoff: Without Condoms: Unprotected Sex, Gay Men & Barebacking, CRC Press 2006, Seite 71, ISBN 0-415-95024-4
  6. Heide Funk, Karl Lenz: Sexualitäten: Diskurse und Handlungsmuster im Wandel, Juventa 2005, Kapitel 5.2 „Barebacking“, Seite 169-171, ISBN 3-7799-1373-9
  7. Auflistung dieser weiterer Faktoren in Michael Shernoff: Without Condoms: Unprotected Sex, Gay Men & Barebacking, CRC Press 2006, Seite 71 bis 77, ISBN 0-415-95024-4
  8. Ulrich Markus in einem Beitrag auf Box Online
  9. Todd G. Morrison: Eclectic Views on Gay Male Pornography: Pornucopia, Haworth Press 2004, Seite 110-124, ISBN 1-56023-291-9
  10. Sextrends in der Porno-Szene
  11. StGB Art. 231
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