Brahman (Philosophie)

Brahman (Sanskrit, n. (ब्रह्मन् bráhman) bezeichnet in der hinduistischen Philosophie die unveränderliche, unendliche, immanente und transzendente Realität, welche den Grund aller Materie, Energie, Zeit, Raum, Sein und alles über dem Universum darstellt. Die älteste Bedeutung des Wortes in den Veden ist "heiliges Wort" oder "heilige Formel"[1] und gewann hier die allgemeine Bedeutung einer "heiligen Kraft" an sich[2]. Seit den Upanishaden steht das Wort Brahman für das Absolute, also das, was unwandelbar bleibt, behielt jedoch daneben seine ursprüngliche Bedeutung bei, nämlich die der "heiligen Rede" [3].

Inhaltsverzeichnis

Erläuterung

Brahman ist ein unpersönliches Konzept vom Göttlichen, das keinen Schöpfer und keinen Lenker beinhaltet, ein Urgrund des Seins, ohne Anfang und ohne Ende. Brahman ist nicht definierbar in Raum und Zeit. Obwohl attributlos, wird es doch als Sat-Chit-Ananda (Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit) beschrieben. Es ist auch das Unsterbliche, das über den Göttern steht. Im hinduistischen Glaubensleben sind die jeweiligen bevorzugt verehrten Götter das höchste Brahman. So stellt für Anhänger von Shiva dieser das Brahman dar, für Anhänger der Göttin eine ihrer Formen, während Vishnu-Verehrer diesen als das höchstes Brahman betrachten[4].

Die Upanishaden beschäftigen sich intensiv mit der Definition des Begriffes, so erklärt ein viel zitierter Spruch in Sanskrit:

sarvam khalvidam brahma - wahrlich, alles ist Brahman.“

– Chandogya Upanishad (2.14.1)

Da keine Aussage das Brahman definieren könnte, lautet eine verbreitet Aussage neti, neti - nicht so, nicht so. Auch die Brhadaranyaka-Upanishade (3.8.8) verneint jegliche Eigenschaften:

„Dieses... nennen die Kenner des Brahman das Unvergängliche. Es ist nicht grob, nicht fein; nicht kurz, nicht lang; blutlos, fettlos; schattenlos, finsterlos; windlos, raumlos; ohne Haftung; ohne Tastsinn, ohne Geruchssinn, ohne Geschmackssinn, ohne Gesichtssinn, ohne Gehörsinn; ohne Sprachfähigkeit, ohne Denkfähigkeit; ohne Wärme, ohne Atem, ohne Mund; ohne Name, ohne Geschlecht; nicht alternd, nicht sterbend; bedrohungslos, unsterblich; ohne Raum, ohne Laut; nicht geöffnet, nicht geschlossen; nicht folgend, nicht vorangehend; nicht außen, nicht innen. Nichts langt hin zu ihm, niemand langt hin zu ihm...“

Brahman und Atman

Im Zeitalter der Upanishaden (750-500 v. Chr.) werden Brahman und Atman als Wesenseinheit begriffen, die das wahre Wesen der Welt repräsentieren. Dieses Eine wird universell als Brahman, im Einzelnen als Atman erkannt.

„Dieser ist mein Atman im inneren Herzen, kleiner als Reiskorn oder Gerstenkorn oder Hirsekorn oder eines Hirsekornes Kern. Dieser ist mein Atman im inneren Herzen größer als die Erde, größer als der Himmel, größer als die Welten. […] Der Allwirkende, Allwünschende, Allriechende, Allschmeckende, dies All in sich Fassende, Wortlose, Achtlose, dieser ist meine Seele im inneren Herzen, dieser ist das Brahman, zu dem werde ich, von hier abscheidend eingehen. Wem solches ward, fürwahr, für den gibt es keinen Zweifel.“

– Chandogya-Upanishad (3.14)

Ein zentraler Satz der Chandogya Upanishade lautet: Tat tvam asi, „Das bist du“. Er drückt die Einheit des Menschen mit dem Brahman aus.

In der Bhagavadgita beschreibt Krishna dem Helden Arjuna das Brahman:

„Von Sinnesbanden unbeschränkt, erglänzt es wie durch Sinneskraft. Es trägt das All, und unberührt genießt es jede 'Eigenschaft'. Ist in und außerhalb der Welt, fest und beweglich, Ardschuna, so fein, dass niemand es gewahrt. Es ist zugleich entfernt und nah. Zerteilt durchdringt die Wesen es und bleibt in Wahrheit ungeteilt. Erhält ihr Sein durch seine Kraft, schafft und zerstört sie unverweilt. Das 'Licht der Lichter' heißt man es, das jenseits alles Dunkels thront, Erkennen und Erkenntnisziel; in jedes Wesens Herz es wohnt.“

– Bhagavad-Gita (13.14-17)

Brahman im Vedanta

Im Vedanta wurde der Begriff des Brahman und sein Verhältnis zur Einzelseele in den verschiedenen Schulen unterschiedlich interpretiert.

Sonstiges

Eine häufige und historisch eminent wichtige Verwechslung ist die zwischen den Bezeichnungen Brahman (neutral) und dem männlich gedachten Schöpfergott Brahma. In der Literatur kommt es zu vielerlei irreführenden Behauptungen nur auf Grund dieser Verwechslung, zumal diese unterschiedlichen Begriffe im Sanskrit auch ähnlich dekliniert werden.

Literatur

  • Erich Frauwallner: Geschichte der indischen Philosophie. Müller, Salzburg 1953.
  • A. Ronald Sequeira: Die Philosophien Indiens. ein-FACH, Aachen 1996, ISBN 3-928089-14-5.
  • Heinrich Zimmer: Philosophie und Religion Indiens. Hrsg. von Joseph Campbell. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1973.
  • UNESCO-Sammlung repräsentativer Werke: Upanishaden. Reclam, Stuttgart 1966.

Einzelbelege

  1. R.C. Zaehner: Der Hinduismus - Seine Geschichte und seine Lehre Wilhelm Goldmann Verlag, München, S. 52
  2. R.C. Zaehner: Der Hinduismus - Seine Geschichte und seine Lehre Wilhelm Goldmann Verlag, München, S. 53
  3. R.C. Zaehner: Der Hinduismus - Seine Geschichte und seine Lehre Wilhelm Goldmann Verlag, München, S. 57
  4. Swami Harshananda: Hindu Gods and Goddesses, Sri Ramakrishna Math Mylapore, Madras, Seite 13

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