Kastell Altenstadt
Kastell Altenstadt
Limes ORL 20 (RLK)
Strecke (RLK) Obergermanischer Limes,
Strecke 4
(Wetteraustrecke)
Datierung (Belegung) unsicher
Typ Numeruskastell
Einheit unbekannt
Größe 132 × 114 m = 1,3 ha
Bauweise Steinkastell
Erhaltungszustand Bodendenkmal
Ort Altenstadt
Geographische Lage 50° 17′ 6,8″ N, 8° 56′ 28,1″ O50.2852198.941144127Koordinaten: 50° 17′ 6,8″ N, 8° 56′ 28,1″ O
Höhe 127 m ü. NHN
Vorhergehend Kleinkastell Stammheim
(nordwestlich)
Anschließend ORL 21: Kleinkastell „Auf dem Buchkopf“
(südlich)

Das Kastell Altenstadt ist ein ehemaliges römisches Kastell an der Wetteraulinie des Obergermanisch-Rätischen Limes. Es befindet sich in Altenstadt im Wetteraukreis. Von der Anlage ist heute nichts mehr sichtbar.

Inhaltsverzeichnis

Lage

Die Kastellanlagen befanden sich im Südwesten der Ortschaft im Bereich der Frankfurter Straße und der Vogelsbergstraße (Bundesstraße 521). Südlich der Ortschaft fließt die Nidder, vom Vogelsberg kommend in Richtung der südlichen Wetterau vorbei. Oberirdisch ist von den Kastellen nichts mehr sichtbar und der größte Teil überbaut. Einzig der gekrümmte Verlauf der Frankfurter Straße lässt noch die Südostecke des Steinkastells erahnen. Die Kastellanlagen wurden aus zwei Gründen errichtet. Sie hatten die Aufgaben, einen vorrömischen Weg zu kontrollieren, der am Kastell vorbei in Richtung Fulda entlang des Vogelsbergs verlief. Außerdem wurde von hier der nahe gelegene Glauberg überwacht, auf dem zur Zeit des Limes offensichtlich keine Besiedlung durch die Römer geduldet wurde.[1]

Lage- und Phasenplan. Rot - Periode 1; violett Perioden 2/3; grün - Periode 4; blau Perioden 5/6.
Vom Kastell ist oberirdisch nichts mehr zu sehen. Einzig diese Kurve im Verlauf der Frankfurter Straße markiert die abgerundete Südostecke.

Kastell

Erforschung

Schon im Jahr 1603 wurde eine bedeutende Inschrift in Altenstadt gefunden.[2] Grabungen der Reichs-Limes-Kommission (RLK) fanden 1886, 1907 und 1911 statt.[3] Während diese Grabungen im Wesentlichen das Steinkastell der letzten Bauperioden 5 und 6 nachwiesen, folgten größere Untersuchungen unter Leitung des Saalburgmuseums 1955, 1956 und 1959.[4]

Zwar konnten auch diese Ausgrabungen nur Ausschnitte der Kastellumwehrung in einigen Bereichen untersuchen, es gelang jedoch, die einzelnen Bauperioden einer recht komplizierten Abfolge aufzuklären. Der damalige Direktor des Saalburgmuseums Hans Schönberger konnte damit aufzeigen, wie sich das Kastell von einer kleinen Schanze zu einem Numeruskastell entwickelt hat.

Von der Innenbebauung konnten nur wenige Teile freigelegt werden, die größtenteils den Perioden 4 und 5 zugerechnet werden. Es handelt sich um Teile der (nach Süden gerichteten) principia (Stabsgebäude), ein hypokaustierter Raum dürfte aufgrund seiner Lage Teil des praetoriums sein, sowie einige Teile von Mannschaftsbaracken westlich davon.[5]

Das zugehörige Kastellbad wurde nicht gefunden. Es wurde im Bereich des Bahnhofs vermutet, wo man bei Ausschachtungsarbeiten 1905 Reste von Ziegeln und Estrich beobachtet hat. Ebenso sind das umgebende Kastelldorf sowie die Gräberfelder weitgehend unerforscht und durch Überbauung wahrscheinlich auch größtenteils verloren.

Bauphasen

Periode 1

Der früheste fassbare Kastellbau beginnt mit einer Schanze auf quadratischer Grundfläche (69,5 m) und einem Innenraum von 0,3 ha. In der NW-Ecke konnten vier Pfostenstandspuren eines Turmes dokumentiert werden. Nach Schönberger ist dieser früheste Kastellbau bereits in domitianischer Zeit anzusetzen.[6] Er ließ aber offen, ob es sich bei dieser Schanze schon um eine reguläre Einrichtung des Limes handelt. Funde von zwei ähnlichen Kleinkastellen bei Hanau-Mittelbuchen in neuerer Zeit haben eine bereits von Georg Wolff vermutete These einer früheren Limeslinie von Oberflorstadt über Heldenbergen nach Hanau-Salisberg erhärtet.[7]

Perioden 2 und 3

Möglicherweise um 110 n. Chr. wurde nach Auflassung der Schanze ein langrechteckiges Kleinkastell (92,5 x 58,5 m; 0,35 ha) mit Holz-Erde-Umwehrung gebaut. Wiederum fanden sich vier Pfostenstandspuren eines Turms im NW. Dieses Kleinkastell (Periode 2) wurde später (Periode 3) durch einen Annex nach Süden erweitert (112,5 x 92,5 m; 0,8 ha). Innerhalb des Annexes befand sich wahrscheinlich ein Badegebäude, die Ziegelfunde datieren es in trajanische Zeit.

Rekonstruktionsvorschläge der Periode 4 im Vergleich mit Kastellen in Britannien (nach H. Schönberger 1983).

Periode 4

Wohl um 135 n. Chr. wurde das Kastell der Phase 3 aufgelassen und ein Kastell für eine selbstständige Einheit, wahrscheinlich einen numerus, neu gebaut. Das Kastell erhielt eine Rasensodenmauer, die genaue Größe ist unklar, da diese Bauphase nur teilweise ergraben werden konnte, jedoch größer als 1 ha. Die Form der Umwehrung gab den Forschern ebenfalls Rätsel auf. Sie enthielt nämlich offensichtlich vorspringende Ecken an den Toren. Auf dem europäischen Festland gibt es dazu keine Parallele. Der Grundriss kann lediglich mit einigen Anlagen in Großbritannien verglichen werden.[8]

Perioden 5 und 6

Das Kastell der Periode 4 wurde wahrscheinlich um 150 n. Chr. planiert und durch den Neubau eines Steinkastells mit zwei umlaufenden Spitzgräben, vier Toren, Eck- und Zwischentürmen (132 x 114 m; 1,3 ha) ersetzt. Die Bauperiode 6 besteht lediglich in der Auflassung des äußeren Grabens sowie Reparaturen an Mauern und Türmen. Sie ist nicht genau zu datieren, dürfte jedoch aufgrund paralleler Beobachtungen an anderen Kastellen (Künzing und Öhringen) in die Zeit um die Wende vom 2. zum 3. Jahrhundert gehören.[9]

Funde

Die frühesten Funde, die Schönberger für eine Datierung der Periode 1 in domitianische Zeit anführt, sind wenige Stücke Südgallische Terra Sigillata sowie Ziegelstempel der Legio XIIII Gemina. Die Funde lassen eine genaue Identifizierung der hier stationierten Truppe nicht zu, so dass diese unbekannt bleibt.[10] Durch einen Graffito erfahren wir lediglich, dass sie in Centurien unterteilt war. Die wenigen Militaria-Funde, vorwiegend Lanzenspitzen sowie ein herzförmiges Ortband aus Bronze, lassen ebenso wenig wie die Graffiti Unterschiede in Bewaffnung oder Herkunft der Truppe vermuten.

1971 fand man in einem Brunnen Bruchstücke eines Weihesteins aus Sandstein.[11] Forschungsgeschichtlich wird Altenstadt aufgrund der mittelkaiserzeitlichen Grobkeramik-Typologie zitiert, die unter anderem ein breites Spektrum römischer Reibschüsseln enthält. Die Münzreihe endet verhältnismäßig früh mit Severus Alexander. Eine weitere Belegung wird aber aus der Inschrift von 242 n. Chr. deutlich sowie aus Funden später Terra Sigillata aus Rheinzabern (Tabernae).

Der Inschriftenfund CIL 13, 7424 und seine Bedeutung

Der wohl historisch bedeutsamste Fund besteht in dem eingangs erwähnten Inschriftenfund von 1603.[2] Dieser wurde in einem Brunnen gefunden und datiert durch die Nennung der amtierenden Konsuln auf das Jahr 242 n. Chr.

lateinischer Text Übersetzung
IN H(onorem) D(omus) D(ivinae)
GENIO
COLLEGI(i)
IVVENTVTIS
CONS(ecratur) ATT(ico) ET PR(a)E
TEXTATO CO(n)S(ulibus)
Zu Ehren des göttlichen Kaiserhauses
dem Genius
des collegium
iuventutis (eine Art „Jungmannschaft“ oder Bürgermiliz)
geweiht als Atticus und Prae-
textatus Konsuln waren.

Die Inschrift ist von besonderem Interesse, um die Zusammenhänge zu verstehen, die zum Nichtfunktionieren oder Untergang des Limessystems geführt haben (→ Limesfall). Ähnlich wie es auch an den Befestigungen der meisten Civitas-Hauptorte dieser Zeit abzulesen ist, scheinen die Provinzbewohner mit Maßnahmen in Eigenregie auf die Krise des 3. Jahrhunderts und den mangelnden Schutz des Staates reagiert zu haben.[12] Ähnliche Inschriftenfunde sind aus Pannonien[13] und Öhringen[14] bekannt.

Wachposten 4/101 südöstlich von Altenstadt. Situation 2009 am vermuteten Standort. Eine Tafel informiert über die Möglichkeiten der Archäobotanik.

Limesverlauf vom Kastell Altenstadt bis zum Kleinkastell Auf dem Buchkopf

Der Limes verläuft südöstlich von Altenstadt durch landwirtschaftlich genutztes Gebiet und die Ortschaft Oberau und ist nicht sichtbar. Erst kurz vor dem Kleinkastell „Auf dem Buchkopf“ befindet er sich wieder in bewaldetem, ansteigenden Gelände und ist gut zu erkennen. Südlich des Kleinkastells erreicht er einen der besten Erhaltungszustände am Wetterau-Limes insgesamt. Die Wachposten 4/99, 4/100 und 4/101 sind allesamt von der Reichs-Limes-Kommission aufgrund des zu vermutenden Turmabstands angenommen worden, 4/99 wegen der Entfernung von 830 m zwischen dem Übergang über das Flüsschen Nidder und dem Kastell. Aus dem gleichen Grund wurde südlich auch noch ein Wp 4/101a eingefügt, für den aber ebenfalls keine Grabungsergebnisse vorliegen. Am zu vermutenden Standort des Wp 4/100 nahe der Kreuzung L 3189/ K 232 wurde eine Schautafel aufgestellt, die über archäobotanische Funde informiert.

Denkmalschutz

Das Kastell und die erwähnten Anlagen sind als Teil des Obergermanisch-Rätischen Limes seit 2005 Teil des UNESCO-Welterbes. Außerdem sind es Bodendenkmäler nach dem Hessischen Denkmalschutzgesetz. Nachforschungen und gezieltes Sammeln von Funden sind genehmigungspflichtig, Zufallsfunde an die Denkmalbehörden zu melden.

Siehe auch

Literatur

  • Eduard Anthes, Friedrich Kofler und Wilhelm Soldan: Strecken 4 und 5 (Die Wetteraulinie vom Köppener Tal bei der Saalburg bis zum Main bei Gross-Krotzenburg). Die Streckenbeschreibung. In: Ernst Fabricius, Felix Hettner, Oscar von Sarwey (Hrsg.): Der obergermanisch-raetische Limes des Roemerreiches/Abt. A, Bd. 2 Strecken 4 und 5 (Die Wetteraulinie vom Köppener Tal bei der Saalburg bis zum Main bei Gross-Krotzenburg), 1936 S. 146f.
  • Dietwulf Baatz: Der Römische Limes. Archäologische Ausflüge zwischen Rhein und Donau. 4. Auflage. Gebr. Mann, Berlin 2000, ISBN 3-7861-2347-0, S. 167.
  • Heide Birley und Vera Rupp: Die Limesanlagen bei Limeshain-Rommelhausen, Wetteraukreis. Führungsblatt zum archäologischen und naturkundlichen Wanderweg am Pfahlgraben und zu den vorgeschichtlichen Grabhügeln. Wiesbaden 1996, ISBN 3-89822-131-8 (Archäologische Denkmäler in Hessen 131).
  • Hans Schönberger in: Dietwulf Baatz und Fritz-Rudolf Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen. 3. Auflage. 1989. Lizenzausgabe Nikol, Hamburg 2002, ISBN 3-933203-58-9, S. 227f.
  • Hans Schönberger und Hans-Günther Simon: Die Kastelle in Altenstadt. Limesforschungen 22. Mann, Berlin 1983 ISBN 3-7861-1295-9
  • Hans Schönberger: Das Kastell Altenstadt. Zum äußeren obergermanischen Limes. In: Germania 35, 1957 S. 54–80.

Grabungsbericht der Reichs-Limes-Kommission:

  • Eduard Anthes: Das Kastell Altenstadt. In: ORL B IIa Nr. 20 (1912).

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Die Römer in Hessen, S. 227 u. 320.
  2. a b CIL 13, 7424.
  3. E. Anthes: Das Kastell Altenstadt. In: ORL B IIa Nr. 20 (1912).
  4. H. Schönberger und H.-G. Simon: Die Kastelle in Altenstadt. Limesforschungen 22 (1983).
  5. Schönberger/Simon 1983, S. 62; Schönberger 1989, S. 228.
  6. Schönberger 1989, S.228; Schönberger/Simon 1983, S. 58-60.
  7. Siehe dazu: M. Reuter, Die römischen Kleinkastelle von Hanau-Mittelbuchen und der Verlauf des östlichen Wetteraulimes unter Domitian. In: E. Schallmayer (Hrsg.), Limes Imperii Romani. Beiträge zum Fachkolloquium „Weltkulturerbe Limes“ November 2001 in Lich-Arnsburg. Saalburg-Schriften 6, 2004 (Bad Homburg v.d.H. 2004), S. 97–106. Ebenso Internet-Quelle.
  8. Schönberger 1983, S. 61 sowie Abb. 7 und 8.
  9. Schönberger/Simon 1983, S. 63.
  10. Barbara Oldenstein-Pferdehirt: Die römischen Hilfstruppen nördlich des Mains. Forschungen zum Obergermanischen Heer I. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 30, 1983, S. 303–348, bes. S. 333.
  11. CIL 13, 6077.
  12. Dietwulf Baatz in: Die Römer in Hessen. S. 215; Peter Knieriem in: Egon Schallmayer (Hrsg.): Der Augsburger Siegesaltar - Zeugnis einer unruhigen Zeit. Saalburgmuseum Bad Homburg v. d. H. 1995 S. 39 (Saalburg-Schriften 2).
  13. AE 1938, 156.
  14. CIL 13, 6549.

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