Anosognosie

Anosognosie (griechisch a- ἁ- (Verneinungspartikel), nosos νόσος ‚Krankheit‘, gnōsis γνῶσις ‚Erkenntnis‘) bezeichnet das krankhafte Nichterkennen einer offensichtlichen Halbseitenlähmung, einer kortikalen Blindheit, einer Hemianopsie oder Taubheit. Diese Störung ist an eine Schädigung bestimmter Areale des Gehirns gebunden. Sie tritt häufig in Zusammenhang mit einem Schlaganfall auf.

Formen der Anosognosie

Peters unterscheidet zwei Formen:

  • a) i.e.S. Nichterkennenkönnen z.B. einer Lähmung einer Körperhälfte;
  • b) i.w.S. Nichterkennenwollen von Körperstörungen, allgemein.

Bei der Störung i.w.S. handelt es sich um ein psychopathologisches Phänomen, bei dem Nichterkennenkönnen i.e.S. um eine eher neurologische, vorwiegend organisch bedingte Störung.[1] Beim Neglect handelt es sich um eine solche Störung, die sich durch cerebrale Läsionen der nicht-sprachdominanten (meist rechten) Hirnhälfte auszeichnet. Häufigster Sitz dieser Schädigungen ist der Lobulus parietalis inferior.[2]

Unterarten:

  • Anton-Syndrom, Rindenblindheit
  • Asomatognosie (Leugnen der Zugehörigkeit einer Extremität)
  • Somatoparaphrenie (die eigene Extremität gehört einer anderen Person)
  • Anosodiaphorie (eine schwere Krankheit wird als Lappalie bewertet)

Patienten mit einer Anosognosie verhalten sich so, als existiere die Schädigung nicht. Auf die Störung angesprochen erfolgen seitens des Patienten Konfabulationen, Entschuldigungen und Rationalisierungen.

Die Störung tritt meist bei Patienten auf, die eine rechtshemisphärische Störung haben und deren Sprachzentrum linkshemisphärisch sitzt. Da die Patienten mit Anosognosie von der rechten Hemisphäre keine ihrem bisherigen Weltbild entsprechenden Informationen erhalten, hält die linke Hemisphäre am bisherigen Körperschema fest und die Störungen werden wegerklärt. In diesem Zusammenhang erscheinen dabei auch häufiger auftretende Phantomschmerzen in der gelähmten Extremität erklärbar.

In der Mehrzahl der Fälle bildet sich die Anosognosie mit der Akutsymptomatik der Erkrankung in Tagen bis wenigen Wochen wieder zurück.

Der Begriff hat sich inzwischen auch durchgesetzt, um den Mangel an Einsicht unter Psychose leidender Menschen zu kennzeichnen, dass sie unter der diagnostizierten psychischen Krankheit überhaupt leiden. Es wird diskutiert, dass die Anosognosie des Schizophrenen das Ergebnis einer Frontallappenschädigung sein könnte. [3] Empirische Studien an schwer psychisch erkrankten Personen belegen, dass anosognosiebedingt fehlende Krankheitseinsicht signifikant mit der Nichteinhaltung antipsychotischer Medikation zusammen fällt. [4] Fünfzehn Prozent psychisch schwer erkrankter Personen, die die Medikation anosognosiebedingt verweigerten, erforderten zur Medikamenteneinnahme irgendeine Form der Zwangsanwendung. [5] Eine Studie mit freiwilligen und zwangseingewiesenen stationären Patienten belegt, dass behandlungspflichtige Patienten Zwangsmaßnahmen bedürfen, weil sie ihren eigenen Pflegebedarf nicht anerkennen können. Logischerweise wiesen zwangseingewiesene Patienten eine deutlich niedrigere Krankheitseinsicht auf als freiwillig eingewiesene Patienten. [6] Schizophrene Anosognosie hängt eng mit weiteren kognitiven Dysfunktionen zusammen, die eine kontinuierliche Medikamenteneinnahme beeinträchtigen.[6] Weitere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Einstellung zur Medikation nach einer unfreiwilligen Behandlung verbessern kann. Die zuvor zwangseingewiesenen Patienten ersuchen zu einem späteren Zeitpunkt dann freiwillig die Behandlung.[7]

Literatur

Hans-Otto Karnath: Anosognosie. In: Wolfgang Hartje, Klaus Poeck (Hrsg.): Klinische Neuropsychologie. 6. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-13-624506-7.

Einzelnachweise

  1. Peters, Uwe Henrik: Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie. Urban & Schwarzenberg, München 3. Auflage 1984, Seite 38.
  2. Poeck, Klaus: Neurologie. Springer-Verlag – 8.Auflage 1992, Berlin, ISBN 3-540-53810-0, Seite 140
  3. Pia L, Tamietto M: Unawareness in schizophrenia: neuropsychological and neuroanatomical findings. In: Psychiatry Clin. Neurosci.. 60, Nr. 5, 2006, S. 531–7. doi:10.1111/j.1440-1819.2006.01576.x. PMID 16958934.
  4. McEvoy J: The Relationship Between Insight in Psychosis and Compliance With Medications. In: Xavier F. Amador & Anthony S. David eds (Hrsg.): Insight and Psychosis, S. 299, Oxford University Press US 1998, ISBN 9780195084979
  5. David, Anthony S.; Amador, Xavier Francisco: Insight and psychosis: awareness of illness in schizophrenia and related disorders, S. 293, Oxford [Oxfordshire]: Oxford University Press 2004, ISBN 0-19-852568-0
  6. a b McEvoy JP, Applebaum PS, Apperson LJ, Geller JL, Freter S: Why must some schizophrenic patients be involuntarily committed? The role of insight. In: Compr Psychiatry. 30, Nr. 1, 1989, S. 13–7. doi:10.1016/0010-440X(89)90113-2. PMID 2564330.
  7. Kane JM, Quitkin F, Rifkin A, Wegner J, Rosenberg G, Borenstein M: Attitudinal changes of involuntarily committed patients following treatment. In: Arch. Gen. Psychiatry. 40, Nr. 4, 1983, S. 374–7. PMID 6838317.

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