Monumenta Germaniae Historica
Titel der Ausgabe „Diplomatum Imperii“, Band I, Hannover 1872

Monumenta Germaniae Historica (MGH, lat. Geschichtliche Denkmale Deutschlands) bezeichnet mittelalterliche Quellentexte, deren wissenschaftlich bearbeitete Editionen sowie auch das Institut, das sie herausgibt.

Die 1819 vom Reichsfreiherrn vom Stein gegründete „Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde“ hatte damit begonnen, historische Dokumente aufzuarbeiten und sie als „Monumenta Germaniae Historica“ zu veröffentlichen. Eine seit 1949 in München ansässige Vereinigung von Gelehrten führt diese Tätigkeit als Körperschaft des öffentlichen Rechts weiter und hat dazu die Bezeichnung „Monumenta Germaniae Historica (Deutsches Institut für Erforschung des Mittelalters)“ angenommen. Sie will durch kritische Studien und Ausgaben von Quellen der wissenschaftlichen Erforschung der mittelalterlichen Geschichte von Deutschland bzw. Europa dienen.

Oft wird die Bezeichnung „MGH“ auch auf die vom Institut herausgegebenen Editionen mittelalterlicher Texte bezogen, deren erstes Anliegen es ist, diese Quellen der Forschung zugänglich zu machen. Außerdem wird von den MGH mit dem Deutschen Archiv für Erforschung des Mittelalters (DA) eine der wichtigsten Fachzeitschriften für die mittelalterliche Geschichte herausgegeben.

Derzeitiger Präsident (Leiter) der MGH ist seit 1994 Rudolf Schieffer. Im März 2011 wurde Claudia Märtl zu seiner Nachfolgerin gewählt, die ihr Amt voraussichtlich zum April 2012 antreten wird.[1]

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Das Projekt der Monumenta Germaniae Historica hatte sich nach dem Wiener Kongress das ehrgeizige Ziel gesetzt, die wesentlichen Geschichtsquellen zur ‚deutschen‘ Vergangenheit zu edieren. Dementsprechend gab Johann Lambert Büchler 1819 der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde und damit den MGH das Motto Sanctus amor patriae dat animum, lateinisch für „Die heilige Vaterlandsliebe gibt den (rechten) Geist“ – ein Wahlspruch im Sinne des romantischen Nationalismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Anfängliche Meinungsverschiedenheiten über Art und Umfang der Quellensammlung wurden mit dem Plan der Zentraldirektion von 1824 grundlegend geklärt, beispielsweise wurde die Einteilung der Publikationen in die fünf Haupt-Abteilungen (vgl. dazu den nächsten Abschnitt) beschlossen. Als editorische Regeln wurden damals unter anderem vorgegeben: Die besten Handschriften eines Werkes sollten vollständig, die schlechteren nur in Auswahl berücksichtigt werden. Die originale Rechtschreibung der Handschriften sei bis auf die Unterscheidung von u, v und w beizubehalten, die Interpunktion könne modernisiert werden. Maßgeblich für den Druck wurde der Verleger Heinrich Wilhelm Hahn der Jüngere.

Außerdem wurde als Richtwert für den zeitlichen Umfang der Monumenta die Zeit von etwa 500 bis 1500 n. Chr. festgesetzt, vom Aufhören der klassischen Literatur bis zum allgemeinen Gebrauch der Buchdruckerkunst. Antike klassische Schriftsteller – wie etwa Tacitus – sollten allenfalls auszugsweise berücksichtigt werden. Hinsichtlich des räumlichen Umfangs sollte die mittelalterliche Ausdehnung des deutschen Reiches maßgeblich sein, so dass auch die deutsche Schweiz, Elsass-Lothringen, die Ostseeprovinzen und die Niederlande berücksichtigt würden.[2]

Daneben sollten auch die wichtigsten „ausgewanderten deutschen Stämme“ wie die Vandalen, Burgunder und Langobarden berücksichtigt werden: „Bis zu ihrer Vermischung oder ihrem Untergange“ gehöre ihre Geschichte „im weiteren Sinne auch zu der unsrigen“, heißt es im Plan des Unternehmens für ältere deutsche Geschichtskunde von 1824. Befolgt wurde jedoch auch die Warnung von Barthold Georg Niebuhr, der gegen die Aufnahme der Quellen einiger der „ausgewanderten Stämme“ große Bedenken hatte: die Franken seien zwar ohne weiteres aufzunehmen, weil ja ihr Siedlungsgebiet Teil des karolingischen Reiches gewesen war; aber die Angelsachsen, wandte er ein, seien toto orbe divisi gewesen (lateinisch: „mit ihrem ganzen (Siedlungs-)gebiet [vom deutschen Reich] getrennt“), und die Westgoten nicht minder.

Die Tätigkeit der MGH, eine der größten Gruppenarbeiten auf dem Gebiet historischer Forschung, setzt sich auch im 21. Jahrhundert weiter fort. Im Jahr 2004 begannen die MGH, finanziell gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, ihre sämtlichen Editionen, die älter als drei Jahre sind, in Form von digitalisierten Scans und als Volltexte online zu stellen (siehe Weblinks).

Publikationen und Abteilungen der Monumenta

Die Publikationen der Monumenta Germaniae Historica erscheinen hauptsächlich in fünf Abteilungen:

  • I. Scriptores (lateinisch „Schriftsteller“): Editionen narrativer Quellen (Viten, Chroniken, Annalen, Staatsschriften);
  • II. Leges (lateinisch „Gesetze“): Editionen von Volksrechten, Kapitularien, Konzilsbeschlüssen, Formulae u. a.
  • III. Diplomata (lateinisch „Urkunden“): Editionen von Urkunden, vor allem den Urkunden der deutschen Könige und Kaiser derzeit von den Merowingern 481 n. Chr. über die Karolinger, Ottonen und Salier bis hin zu dem Stauferkaiser Friedrich II. 1212.
  • IV. Epistolae (lateinisch „Briefe“).
  • V. Antiquitates (lateinisch „Altertümer“): Editionen von mittelalterlichen Gedichten, Nekrologien, Memorialbüchern.

Außerdem erscheinen (oder erschienen) bei den Monumenta Germaniae Historica:

  • die Zeitschrift „Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters“ (seit 1937; Vorgänger: die Zeitschrift „Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde", 1876–1935);
  • die Publikationsreihe „Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters“;
  • die Publikationsreihe „Deutsches Mittelalter. Kritische Studientexte“;
  • Einzelausgaben lateinischer Quellentexte zum Studiengebrauch („Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi“).

Präsidenten

Die Präsidenten der Monumenta Germaniae Historica waren von der Gründung bis heute:


Siehe auch

Anmerkungen

  1. Prof. Dr. Claudia Märtl zur neuen Präsidentin gewählt Mitteilung auf den Webseiten der MGH vom März 2011 (abgerufen am 30. April 2011).
  2. Bresslau, 1921, S. 138f.

Literatur

  • Harry Bresslau: Geschichte der Monumenta Germaniae historica. Hahn, Hannover 1921 (Nachdruck Hannover 1976, ISBN 3-7752-5276-2; Digitale Version).
  • Herbert Grundmann: Monumenta Germaniae Historica 1819-1969. MGH, München 1969 (Nachdruck 1979), ISBN 3-921575-90-7.
  • Mittelalterliche Textüberlieferungen und ihre kritische Aufarbeitung. Beiträge der Monumenta Germaniae Historica zum 31. Deutschen Historikertag. MGH, München 1976, ISBN 3-921575-02-8.
  • Alfred Gawlik (Red.): Zur Geschichte und Arbeit der Monumenta Germaniae Historica. Ausstellung anlässlich des 41. Deutschen Historikertages München 17.–20. September 1996. Katalog. MGH, München 1996, ISBN 3-88612-090-2.
  • Lothar Gall, Rudolf Schieffer (Hrsg.): Quelleneditionen und kein Ende? Symposium der Monumenta Germaniae Historica und der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München, 22./23. Mai 1998. (= Historische Zeitschrift. Beiheft; N.F., Bd. 28). Oldenbourg, München 1999, ISBN 3-486-64428-9 (die Aufsätze von Arnold Esch: Der Umgang des Historikers mit seinen Quellen. Über die bleibende Notwendigkeit von Editionen und Rudolf Schieffer: Die Erschließung des Mittelalters am Beispiel der Monumenta Germaniae Historica auch als Sonderausgabe, MGH, München 1999, ISBN 3-88612-145-3).
  • Horst Fuhrmann: „Sind eben alles Menschen gewesen“. Gelehrtenleben im 19. und 20. Jahrhundert, dargestellt am Beispiel der Monumenta Germaniae Historica und ihrer Mitarbeiter. Beck, München 1996, ISBN 3-406-40280-1.
  • Bernhard Assmann, Patrick Sahle: Digital ist besser. Die Monumenta Germaniae Historica mit den dMGH auf dem Weg in die Zukunft – eine Momentaufnahme. (= Schriften des Instituts für Dokumentologie und Editorik; Band 1). Universitätsverlag Köln, Köln 2008, ISBN 978-3-8370-2987-1, Volltext: UB Köln, Wikipedia (PDF).

Weblinks


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