Geschlechtskrankheiten


Geschlechtskrankheiten

Geschlechtskrankheiten, im weitern Sinne sämtliche Krankheiten der Geschlechtsorgane (darunter auch die Erscheinungsformen des krankhaft gesteigerten Geschlechtstriebes, wie Pollutionen, Priapismus, Nymphomanie, oder des krankhaft verminderten Geschlechtstriebes, wie Unvermögen, reizbare Schwäche); im engern Sinne diejenigen Krankheiten der Geschlechtsorgane, die meist durch direkte Übertragung erzeugt werden, aber auch ohne Berührung mit einer kranken Person erworben werden können (venerische Krankheiten), wie Tripper, weicher und harter (Syphilis) Schanker mit ihren verschiedenen Komplikationen. Die G. gehören neben dem Alkoholismus und der Tuberkulose zu den verheerendsten Krankheiten der Kulturvölker, zumal wenn man die lange Dauer der Erkrankung, die daraus folgenden schweren wirtschaftlichen Schäden und die ungünstige Wirkung auf die Nachkommenschaft in Betracht zieht. Über die Häufigkeit der G. gibt eine am 1. April 1900 vom preußischen Kultusminister angestellte Erhebung über die an diesem Tag in Behandlung der praktischen Ärzte befindlichen Geschlechtskranken Aufschluß; es ergab sich aus den von 63 Proz. der Ärzte eingegangenen Antworten ein Tagesbestand von 40,900 Geschlechtskranken. Da der Tagesbestand dieser Kranken in Krankenhäusern erfahrungsgemäß ca. 8 Proz. des Jahreszuganges beträgt, kann man annehmen, daß in Preußen im Jahr etwa 0,5 Mill. Geschlechtskranke vorhanden sind. In Berlin wurden 1. April 1900: 11,600 Geschlechtskranke, davon 3000 frisch Syphilitische, festgestellt. Nicht inbegriffen sind natürlich die zahlreichen Kranken, die bei Kurpfuschern und andern unberufenen Ratgebern Hilfe suchen. In der Erkenntnis, daß die G. tief in sozialen und andern außerhalb des ärztlichen Wirkungfeldes liegenden Ursachen wurzeln, bildete sich 1899 auf der internationalen Konferenz zur Bekämpfung der G. in Brüssel die Société internationale de prophylaxie sanitaire et morale, die ideale abolitionistische, vorderhand nicht erreichbare Ziele verfolgt. Die deutsche Abteilung der Gesellschaft hat deshalb 1903 eine aus allen Schichten und Berufsklassen der Bevölkerung bestehende Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der G. gebildet, die rein praktische Ziele, vor allem mit Hilfe des Staates und der Gesetzgebung die Ursachen der Verbreitung der G. zu bekämpfen sucht. Die Gesellschaft, die »Mitteilungen« herausgibt (Bd. 1 u. 2, Leipz. 1902–04), hielt ihren ersten Kongreß 1903 in Frankfurt a. M. ab. Eine Hauptursache ist die Prostitution, zu deren Bekämpfung außer wohlerwogenen und sorgfältig gehandhabten polizeilichen Maßregeln vor allem soziale Reformen (Lohnverhältnisse, Wohnungsreform) gefordert werden müssen. Vgl. Strömberg, Die Bekämpfung der ansteckenden G. im Deutschen Reiche (Stuttg. 1903), und Art. »Frauenkrankheiten«.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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