Geschlechtsorgane


Geschlechtsorgane

Geschlechtsorgane (Genitalien, Sexualorgane, Fortpflanzungsorgane, Organa genitalia), diejenigen Teile eines Organismus, welche die Fortpflanzung besorgen, in erster Linie also die Organe zur Bildung der Geschlechtsstoffe, die bei den Tieren als männliche und weibliche Geschlechtszellen (Spermatozoen und Eier) in den Keimdrüsen (Hoden und Eierstöcken) entstehen, um im einfachsten Falle direkt nach außen, oder aber zunächst in den Magen, in die Leibeshöhle und von da nach außen gebracht zu werden, ohne weiteres nach außen, gewöhnlich jedoch werden sie durch eigne Kanäle (Samenleiter, resp. Eileiter) an den Ort ihrer Verwendung geleitet. Anhangsdrüsen der G. produzieren Säfte zur Vermischung mit dem Samen, zur Bildung von Kapseln (Spermatophoren, s. d.) um diesen, zur Einhüllung des Eies (Schalendrüsen) oder zur Versorgung des Embryos mit Nahrung (Eiweißdrüsen, Dotterstöcke) u. a. Sackförmige Erweiterungen oder Ausstülpungen der Samenleiter dienen zur einstweiligen Aufbewahrung des reisen Samens innerhalb des männlichen (Samenblasen) oder weiblichen Körpers (Samenbehälter, Samentaschen, Receptacula seminis) etc. Begattungsorgane (Rute, resp. Scheide) dienen zur sichern Fortführung des Samens bis in die Nähe des Eies. – Samen und Eier können gelegentlich in derselben Keimdrüse entstehen (Zwitterdrüse mancher Weichtiere und Würmer). Bei lebendig gebärenden Tieren entwickeln sich Eier in einer Erweiterung des Eileiters, der Gebärmutter. – Die Wirbeltiere sind mit wenigen Ausnahmen getrennten Geschlechts. Hoden und Eierstock sind paarig und liegen als lange, schlauchförmige oder rundliche Körper in der Leibeshöhle. Bei den Leptokardiern, Zyklostomen und manchen Fischen gelangen Same und Eier in die Leibeshöhle und werden durch den sogen. Bauchporus ins Wasser entleert, wo die Befruchtung erfolgt. Dagegen bilden sich bei den meisten Fischen und höhern Formen Ei- oder Samenleiter aus den Ausfuhrgängen der embryonalen Exkretionsorgane, Urniere etc. (s. Nieren). Der Urnierengang spaltet sich in zwei Gänge, von denen der eine in beiden Geschlechtern den Harn und außerdem beim Männchen noch den Samen ableitet, der andre (sogen. Müllersche Gang) beim Weibchen als Eileiter dient, dagegen beim Männchen verkümmert. Die Samenflüssigkeit tritt vom Hoden aus erst durch den vordern Teil der Urniere hindurch; indem sich dieser vom Reste der Urniere ablöst, wird er zum sogen. Nebenhoden (s. Hoden) und der betreffende Zweig des Urnierenganges zum Samenleiter; im weiblichen Geschlecht verkümmert letzterer mit dem Auftreten der definitiven Niere und besteht als sogen. Gartnerscher Kanal fort. Die Urniere bleibt bei den Amphibien erhalten, wird aber bei den höhern Wirbeltieren durch die definitive Niere ersetzt, bei denen sie embryonal als Wolffscher Körper auftritt. Reste bleiben auch bei den Säugetieren als sogen. Giraldèssches Organ des Männchens, resp. als Nebeneierstock des Weibchens zeitlebens bestehen. – Während im männlichen Geschlecht eine feste Verbindung zwischen Hoden und Samenleiter eintritt, findet eine solche Verwachsung zwischen Keimdrüse und Eileiter beim Weibchen nicht statt, sondern die Eier gelangen zunächst in die Bauchhöhle und erst von da durch die trichterförmige Öffnung des Eileiters (Ostium tubae) in diesen. Bei den Säugetieren rückt die Öffnung (Muttertrompete) dem Eierstock so nahe und ist von Falten des Bauchfelles so umgeben, daß die Eier unter normalen Umständen ziemlich direkt in den Eileiter hineinfallen. Geraten sie dennoch in die Leibeshöhle, so können Bauchschwangerschaften entstehen. – Die äußere Mündung der Geschlechts- und Harnwerkzeuge liegt bei den meisten Fischen hinter dem After, bei den übrigen Wirbeltieren fast immer mit dem After zusammen (neben oder vor ihm) in einer Vertiefung, der sogen. Kloake. An deren Wand entstehen als Vorsprünge Begattungsorgane, so bei Eidechsen und Schlangen aus der Hinterwand, bei den übrigen Reptilien, den Vögeln und Säugetieren aus der Vorderwand. Bei den Säugetieren besteht die Kloake (mit Ausnahme der Monotremen, Kloakentiere) nur embryonal, während im ausgebildeten Zustand zwei besondere Öffnungen (After und Mündung der Harnröhre) vorhanden sind und das männliche Begattungsorgan (Penis, Rute) die Harnröhre einschließt, während im weiblichen Geschlecht die Harnröhre hinter der Klitoris frei bleibt. Diese Organe, besonders die Rute, sind durch Stauung des Blutes in den Schwellkörpern erektil und werden reich mit Nerven und eigentümlichen Nervenendkörperchen (Genitalkörperchen) versorgt. In mittelbarer Beziehung zu den Geschlechtsorganen stehen bei den Säugetieren noch die Milchdrüsen. – Beim Menschen gehören zu den männlichen Geschlechtsorganen (vgl. Tafel »Eingeweide II«, Fig. 4, Tafel IV, Fig. 3) der Hodensack (scrotum, s. Hoden), der den Hoden mit den Samengängen enthält, die Samenleiter, Samenbläschen, die Vorsteherdrüse und die Rute. Die weiblichen G. (Tafel II, Fig. 5, u. Tafel IV, Fig. 4 u. 5) sind die Eierstöcke, Eileiter, Gebärmutter und Scheide mit der äußern Scham. Wegen der Einzelheiten vgl. die bezeichneten Artikel.

Geschlechtsorgane der Pflanzen.

Bei den Pflanzen lassen sich die G. auf zwei verschiedene Typen zurückführen, je nachdem die bei der Befruchtung sich vereinigenden Protoplasmakörper (Gameten) einander gleich (Isogameten, isogame Fortpflanzung) oder voneinander verschieden sind (Heterogameten, heterogame Befruchtung). Ersteres ist z. B. bei der Zygosporenbildung mancher Pilze (s.d.) und der Kopulation vieler Algen (s.d.) der Fall, letzteres tritt bei der Mehrzahl der übrigen Gewächse ein. Bei heterogamer Befruchtungsweise können ferner die männlichen Sexualzellen unbeweglich (als Aplanogameten) sein oder aktive Beweglichkeit (Planogameten) besitzen. Die Organe, in denen die weibliche Geschlechtszelle (Eizelle) gebildet wird, haben bei den Algen und Pilzen wegen ihrer ungleichen Ausbildung auch verschiedene Namen erhalten und werden im allgemeinen als Oogonien, bisweilen auch als Archikarp (bei manchen Schlauchpilzen, s. Pilze), bei den Florideen (s. Algen 6, S. 317) als Prokarp bezeichnet. Die männlichen Gameten werden in besondern Behältern (Antheridien) gebildet; sie sind meist selbstbewegliche Spermatozoiden, bei den Florideen treten statt dessen nur passiv bewegliche Spermatien auf. Bei Moosen und farnkrautartigen Pflanzen (Pteridophyten) sind die G. übereinstimmend gebaut; ihre männlichen Organe, die zahlreiche Spermatozoiden enthalten, werden als Antheridien bezeichnet. Die weiblichen G., die flaschenförmige Gestalt besitzen und in dem Bauchteil eine einzige Eizelle enthalten, heißen Archegonien, wonach die Moose und Pteridophyten gemeinsam als Archegoniaten bezeichnet werden. Indem eines der selbsstbeweglichen Spermatozoiden durch den Hals des Archegoniums zur Eizelle vordringt, kommt unter Verschmelzung der beiderseitigen Zellkerne die Befruchtung zustande; die weitern Teilungen der Eizelle liefern eine von dem Mutterorganismus wesentlich verschiedene Pflanze, deren erstes Entwickelungsstadium als Keim oder Embryo bezeichnet wird. Die später aus dem Embryo hervorgehende Pflanze entwickelt als Vermehrungsorgane ungeschlechtliche Fortpflanzungszellen (Sporen). Durch Keimung derselben entsteht bei den Farnen eine besonders organisierte Pflanze, das Prothallium, an dem männliche und weibliche G. auftreten. Bei gewissen Formen der Gefäßkryptogamen (Salvinia, Marsilia, Isoëtes, Selaginella) entwickeln sich nun zweierlei Sporen, von denen die einen, die kleinern Mikrosporen, nur Prothallien mit Antheridien erzeugen, während die größern Makrosporen weibliche, d. h. Archegonien tragende Prothallien durch Keimung hervorgehen lassen. Bei den Blütenpflanzen werden gewöhnlich die Staubblätter, die in den Antheren Pollenkörner ausbilden, als männliche die Samenanlagen, die bei den Gymnospermen frei auf der Fläche der Fruchtschuppen liegen, bei den Angiospermen dagegen in den Fruchtknoten eingeschlossen sind, als weibliche G. bezeichnet. Sie entsprechen indessen in ihrer Bedeutung für den Prozeß der Fortpflanzung den Geschlechtsorganen der Moose und Farne nicht. Vielmehr sind die Pollenkörner den Mikrosporen, der in der Samenanlage eingeschlossene Embryosack einer Makrospore homolog. In dem Embryosack (s.d.) entsteht neben andern Zellen, die als Rudiment eines weiblichen Prothalliums gedeutet werden können, eine Eizelle (bei den Gymnospermen mehrere); in dem Pollenkorn werden nach wenigen anderweitigen Zellteilungen Spermazellen gebildet, die, durch den Pollenschlauch geleitet, in den Embryo sack gelangen. Durch Verschmelzung einer Spermazelle mit dem Ei wird die Befruchtung ausgeführt. Die infolge der Befruchtung in der Eizelle auftretenden Zellteilungen führen zur Ausbildung eines Embryos, der bis zu einem bestimmten Entwickelungsstadium von der aus der Umhüllung der Samenanlage hervorgehenden Samenschale eingeschlossen bleibt und erst nach einer längern oder kürzern Ruhepause in seiner Entwickelung zur Bildung eines neuen selbständigen Pflanzenindividuums fortschreitet. Bezüglich der Homologie der Befruchtungsvorgänge erscheinen demnach die G. der Archegoniaten und der Blütenpflanzen durch eine Kette von Übergängen verbunden; alle Unterschiede, wie die Umbildung der die Sporenbehälter tragenden Blätter zu Staub- und Fruchtblättern, der Sporangien zu Antheren und Samenanlagen, die Umhüllung der Bestäubungsorgane mit besonders gestalteten und gefärbten Kelch- und Blumenblättern, die Leitung der Spermazellen durch den Pollenschlauch, die Ausbildung der Samenanlagen zu reisen, einen Embryo bergenden Samen, erscheinen nur als nebensächliche, z. T. durch Anpassung an besondere Lebensverhältnisse erworbene Momente. Vgl. die Artikel »Algen, Embryosack, Farne, Generationswechsel, Moose, Pilze, Samenanlage«.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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