Reptilienfonds


Reptilienfonds

Ein Reptilienfonds ist im weiteren Sinn eine „schwarze Kasse“ aus anderweitig aus Haushaltsgeldern abgezweigten Mitteln oder aus vor der Steuer verstecktem Schwarzgeld, die in der Regel zur politischen Einflussnahme oder zur Zahlung von Schmiergeldern benutzt wird und über deren Verwendung keine öffentliche Rechenschaft abgelegt werden muss. Reptilienfonds werden auch Dispositionsfonds genannt.

Im engeren Sinn leitet sich der Begriff von Otto von Bismarck her, der nach dem Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 Gelder aus dem beschlagnahmten Privatvermögen des Königs Georg V. von Hannover (dem Welfenfonds) und Mitteln des hessischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. nutzte, um sich eine positive Presse zu erkaufen und die Zustimmung des bayerischen „Märchenkönigs“ Ludwig II. zum Krieg gegen Frankreich und zur Gründung des neuen Deutschen Reichs unter preußischer Hegemonie zu erhalten. Schon Heinrich Wuttke hatte dies auf das schärfste kritisiert.[1]

Der Ausdruck leitet sich her aus einer Rede Bismarcks, die er am 30. Januar 1869 anlässlich der Beratung über die Beschlagnahme des Vermögens des Kurfürsten von Hessen im preußischen Abgeordnetenhaus hielt, worin er die im Dienst des entthronten Kurfürsten arbeitenden Agenten als "bösartige Reptilien" bezeichnete. Die gegnerische Presse bezog diesen Ausdruck jedoch auf die Journalisten und Organe, die im Dienst der Regierung standen.[2]

Der Begriff kann aber auch den mit Titel 300: Für Förderung des Informationswesens bezeichneten Haushaltstitel des deutschen Bundeskanzleramtes umschreiben, welcher seit Gründung der Bundesrepublik einzig der Prüfung des Bundesrechnungshofes unterlag. Die Opposition verdächtigte die deutsche Bundesregierung mehrfach, aus dem Bundeshaushalt Gelder zur Finanzierung des Wahlkampfes abzuzweigen, was jedoch nie bewiesen werden konnte. Der Titel 300 wurde erst 1967 der parlamentarischen Kontrolle unterworfen. Ähnliche Titel dienten später dann z. B. zum Häftlingsfreikauf politischer Gefangener aus der DDR.

Die deutsche Bundesregierung führt nach Presseberichten einen Reptilienfonds, aus dem unter anderem Lösegeld für deutsche Geiseln im Ausland bezahlt wird.[3]

Einzelnachweise

  1. Heinrich Wuttke, Die deutschen Zeitschriften und die Entstehung der öffentlichen Meinung, Hamburg 1866 [1]; 2. Aufl. 1875, 1877 erschien eine französische Übersetzung der zweiten Auflage.
  2. Eine ausführliche Darstellung findet sich hier.
  3. „ Wie kamen 47 Millionen aus den Reptilienfonds ins Ausland?“, WELT-Online vom 3. Februar 2000

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  • Reptilienfonds — Reptilienfonds, spöttische Bezeichnung für einen Fonds zur Besoldung oder Unterstützung solcher Literaten, die im Interesse der Reichsregierung wirken. Der Ausdruck »Reptilien« für politische Intriganten wurde zuerst von Bismarck 30. Jan. 1869… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Reptilienfonds — Rep|ti|li|en|fonds, der [urspr. Bez. für den bismarckschen Fonds zur Bekämpfung geheimer Staatsfeinde (= »Reptilien«) mithilfe korrumpierter Zeitungen] (iron.): geheimer Dispositionsfonds. * * * I Reptili|enfonds   [ fɔ̃], ursprünglich ironische… …   Universal-Lexikon

  • Reptilienfonds — ⇡ Dispositionsfonds, Verfügungsmittel des Bundeskanzlers, die der Präsident des Bundesrechnungshofes kontrolliert. Die Ausgaben müssen nicht offen gelegt werden; im Haushalt sind sie als geheim ausgewiesen. Der Begriff stammt aus der Zeit des… …   Lexikon der Economics

  • Reptilienfonds — Reptilienfondsm GeheimfondsderRegierungfürundurchsichtigeZwecke(nureinerbeschränktenKontrolleunterworfen).FußtaufeinerÄußerungBismarcksausdemJahre1869imZusammenhangmitderVerwendungdesWelfenfonds,desPrivatvermögensvonKönigGeorgV.vonHannoverunddesKu… …   Wörterbuch der deutschen Umgangssprache

  • Reptilienfonds — Rep|ti|li|en|fonds [...fõ:] der; [...fõ:(s)], [...fõ:s] <nach der urspr. spöttischen Bez. für den Geheimfonds Bismarcks, der ihm die Bekämpfung politischer Gegner (von ihm 1869 »bösartige Reptilien« genannt) mithilfe korrumpierter Presseorgane …   Das große Fremdwörterbuch

  • Reptilienfonds — Rep|ti|li|en|fonds (ironisch für Geldfonds, über dessen Verwendung Regierungsstellen keine Rechenschaft abzulegen brauchen) …   Die deutsche Rechtschreibung

  • Dispositionsfonds — Ein Reptilienfonds ist im weiteren Sinn eine „schwarze Kasse“ aus anderweitig aus Haushaltsgeldern abgezweigten Mitteln oder aus vor der Steuer verstecktem Schwarzgeld, die in der Regel zur politischen Einflussnahme oder zur Zahlung von… …   Deutsch Wikipedia

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