Ultraorthodoxes Judentum


Ultraorthodoxes Judentum
Chassidische Knaben, Polen, Postkarte ca. 1915

Das ultraorthodoxe Judentum (hebr.יַהֲדוּת חֲרֵדִיתjahadut charedit) ist die theologisch, politisch und sozial konservativste Richtung innerhalb des Judentums. Die im Hebräischen gebräuchliche Bezeichnung für einen Anhänger dieser Richtung lautet Charedi (‏חֲרֵדִי‎, Mehrzahl Charedimחֲרֵדִים‎, von charadaחֲרָדָה‎ „Furcht“, deutsch etwa „Gottesfürchtiger“). Das ultraorthodoxe Judentum entstand im 19. Jahrhundert als Reaktion auf die jüdische Aufklärung und die Emanzipationsbestrebungen der Juden in Mittel- und Osteuropa. Bekannte Exponenten waren die litauischen Gelehrten Chaijm von Woloschin (1749–1821) und Israel Meir Kagan (1838–1933).

Ultraorthodoxe Juden gibt es sowohl unter den aschkenasischen wie unter den sephardischen Juden, letztere machen jedoch nur rund 20 Prozent aus.[1] Äußerlich an ihrem Kleidungsstil erkennbar, unterscheiden sie sich von den übrigen orthodoxen Juden, die oft als „modern orthodox“ bezeichnet werden, dadurch, dass sie weltlichem Wissen ablehnend gegenüberstehen und ein streng reguliertes, meist auf ein rabbinisches Oberhaupt ausgerichtetes Leben abseits der Mainstream-Gesellschaft, sowohl der jüdischen wie nichtjüdischen, führen.[2]

Die Zahl der ultraorthodoxen Juden wird weltweit auf ca. 1,3 bis 1,5 Millionen geschätzt. Davon lebt der größte Teil, ca. 700.000, in Israel, wo sie rund 10 Prozent der Bevölkerung ausmachen.[3] In den USA und Kanada leben etwa 500.000 ultraorthodoxe Juden,[4] in Europa gibt es in Belgien, Frankreich, Großbritannien und in der Schweiz größere ultraorthodoxe jüdische Gemeinden, die größte in England mit rund 45.500 Mitgliedern.[5]

In Israel gehen rund 60 bis 70 Prozent der charedischen jüdischen Männer keiner Arbeit nach, sondern verbringen ihre Zeit ausschließlich mit dem Studium der heiligen Schriften in Jeschiwot und werden vom Staat finanziell unterstützt. In der Regel sind sie verheiratet und haben im Durchschnitt sieben Kinder. Etwa 60 Prozent der ultraorthodoxen Familien in Israel leben in Armut.[6]

In seiner Haltung zum israelischen Staat ist das ultraorthodoxe Judentum, sowohl in Israel wie außerhalb, gespalten. Manche Gruppierungen lehnen den Staat Israel in seiner heutigen Form ab, da ihrer Ansicht nach nur der Messias einen jüdischen Staat wiedererrichten kann, wie Neturei Karta und die in der Organisation Edah HaChareidis zusammengeschlossenen Gruppierungen; andere beteiligen sich trotz ihrer Ablehnung des säkularen Zionismus aktiv an der israelischen Politik wie Agudat Jisra’el und Degel haTora; wieder andere, besonders sephardische Charedim, befürworten den Zionismus. In Israel üben ultraorthodoxe Gruppierungen und Parteien, sowohl zionistische wie nicht-zionistische, einen bedeutenden politischen Einfluss aus.

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Ultraorthodoxes Judentum – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Isabel Kershner: Israel’s Ultra-Orthodox Protest Schools Ruling The New York Times, 17. Juni 2010 (englisch). Abgerufen: 6. September 2010
  2. Nathaniel Deutsch: The Forbidden Fork, the Cell Phone Holocaust, and Other Haredi Encounters with Technology Springer Science + Business Media B.V. Published online: 29. Januar 2009 (englisch). Abgerufen: 6. September 2010
  3. Matti Friedman: Ultra-Orthodox Jews Pose Challenges In Israel The Huffington Post, 14. Januar 2011 (englisch)
  4. Majority of Jews will be Ultra-Orthodox by 2050 University of Manchester, 23. Juli 2007 (englisch)
  5. Britain’s Jewish population on the rise The Telegraph, 20. Mai 2008 (englisch)
  6. Nati Tucker: BoI: Only 39% of Haredi men work Haaretz, 21. September 2010 (englisch)

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