William Turner


William Turner
Selbstporträt, 1798 Tate Gallery

Joseph Mallord William Turner (* 23. April 1775 in London; † 19. Dezember 1851 in Chelsea, London) war ein britischer Maler und führender Vertreter der Romantik; er gehört zu den größten englischen Künstlern.

Trotz seiner schnellen Arbeitsweise schuf er unverwechselbare Werke. Hauptquelle seiner Inspiration waren Schiffe und Wasser, aber auch dramatische Naturszenen. Als er 76-jährig starb, hinterließ er dem englischen Staat mehr als 20.000 Werke. Turner gilt als Vorläufer des Impressionismus, denn seine Werke regten verschiedene Künstler dieser Stilrichtung an.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Turners Vater war Barbier, seine Mutter Tochter eines Schlachters. Sie lebten in einer Wohnung in Maiden Lane im Stadtteil Covent Garden. Über seine Mutter ist nur wenig bekannt. 1799 wurde sie ins Bethlem Hospital für geistig behinderte Menschen eingeliefert, wo sie vier Jahre später starb. Zu seinem Vater hatte Turner ein sehr enges Verhältnis. Der Vater erkannte das Talent seines Sohnes und förderte es durch Ausstellung der Werke in seinem Geschäftslokal. Daneben brachte er Turner bei, sparsam zu sein, was sich später häufig in billiger Kleidung und dadurch schlampigem Aussehen bemerkbar machte. Aus Gesundheitsgründen musste er einen Teil seiner Kindheit auf dem Land verbringen, wo er häufig seinen Onkel besuchte.

Turner, der keine künstlerische Ausbildung durchlief, lernte schnell, war Autodidakt und hatte ein großes Talent. Schon mit 14 Jahren war er Stipendiat der Royal Academy (RA)[1] und ein Jahr später (1790) stellte er in der Jahresausstellung der Akademie sein erstes Aquarell aus. Sowohl Kritiker als auch Förderer waren begeistert. Obwohl er viel Aufmerksamkeit genoss, blieb er verschlossen, schweigsam und zuweilen auch mürrisch, seine Arbeitsmethoden hütete er eifersüchtig und über sein Privatleben hüllte er sich in Schweigen. Nach der Aufnahme in die Schule der Royal Academy unternahm er Fahrten quer durch Europa und durch seine Heimat. Das Erlebte hielt er in treffenden Skizzen fest, die die Grundlagen für seine Aquarelle waren.

1796 stellte er sein erstes Ölgemälde (»Fischer zur See«) aus und wurde drei Jahre später außerordentliches Mitglied der Royal Academy. Zu der Zeit erfreute sich Turner schon finanzieller Unabhängigkeit, so dass er aus seinem Elternhaus auszog und sich in der Harley Street einmietete. Nach einem Besuch bei William Beckford (1799), einem seiner Förderer, war Turner von zwei Werken Claude Lorrains so beeindruckt, dass er selbst sofort große historische Bilder malen wollte.

Mit 26 Jahren wurde Turner in die Royal Academy aufgenommen. Er empfand sie als seine Heimat und nannte sie »Mutter«. Im selben Jahr unternahm er seine erste Reise aufs europäische Festland. Er reiste nach Frankreich, um die von Napoleon geraubten und im Louvre ausgestellten Bilder anzuschauen. Seit 1804 war er so finanzstark, dass er an seinem Haus eine Galerie anbaute, in der er seine eigenen Werke ausstellte. Dies war bis dato etwas Einmaliges in der englischen Kunstwelt. Drei Jahre später wurde er Professor für Perspektive an der Royal Academy. Inzwischen war Turner neben John Constable einer der führenden englischen Landschaftsmaler. Viele seiner Werke wurden 1819 in zwei größeren Ausstellungen gezeigt.

Im selben Jahr war Turners Italienreise der Auslöser für eine radikale Wende in seinem Schaffen. Anscheinend hatte Italien ihn ganz und gar beeindruckt - das südliche Licht sollte ihn nicht mehr loslassen. Innerhalb von vier Monaten schuf er mehr als 2000 Bleistiftskizzen von Rom und seiner Umgebung. Wieder in England angekommen, begann er seine Auffassung von der Kraft des Lichts darzustellen. Ein Beispiel ist das 1819 entstandene Ölgemälde Modern Rome - Campo Vaccino.

Zwar änderte Turner seinen Stil nicht abrupt, doch zog er eine klare Trennung zwischen seinen Auftragsarbeiten und seinen Experimenten, in denen sich seine Ideen voll entfalteten. Knapp zehn Jahre später (1828) fuhr er erneut nach Rom.

Über den Tod seines geliebten Vaters (1829) kam er durch die Besuche bei einem seiner Förderer, Lord Egremont, hinweg. Privaten Trost spendete ihm später (ab 1833) Sophia Booth. Sie blieb bis zu Turners Tod an seiner Seite. Viele seiner berühmtesten Bilder entstanden in den letzten Lebensjahren. Turner zog sich nach dem Kauf eines Hauses in Chelsea über 70-jährig aus dem Gesellschaftsleben zurück, auch weil sich seine Gesundheit mehr und mehr verschlechterte. Sein letztes Bild, das Turner an die RA schickte, war: »Der Besuch am Grabe«.

Seine Beisetzung erfolgte in der St. Pauls Kathedrale, testamentarisch vermachte er dem englischen Staat 300 Ölbilder und fast 20.000 Zeichnungen und Aquarelle. Er bat darum, sie in einer eigenen Galerie auszustellen. Mehrheitlich hängen seine Werke in einem eigenen Flügel der Tate Britain.

Nach ihm ist der Turner Prize, ein britischer Kunstpreis, benannt. Auf dem Kunstmarkt nimmt Turner heute eine führende Position ein: Das bislang teuerste Gemälde Modern Rome - Campo Vaccino wurde 2010 für rund 44,9 Millionen US-Dollar von Beauftragten des J. Paul Getty Museums in Los Angeles ersteigert.[2]

Malweise und Intention

William Turner konzentrierte sich im Wesentlichen auf die Motive und Farben. Er zeichnete jedoch nicht genau, sondern veränderte die Höhe der Berge, verengte Täler und verschob Gebäude. In der frühen Phase seiner Malerei nutzte Turner Aquarellfarben, die bekannteren Spätwerke jedoch sind zumeist in Öl gemalt. Bei vielen seiner Kunstwerke hat er Tupfer einer schmutzigen Spachtelmasse zusammengesetzt und auf die Leinwand geworfen. Es handelt sich somit um einen pastosen Farbauftrag. Seine Motive entstanden beim Reisen. Turner füllte auf diesen Reisen zahlreiche Skizzenbücher, diese Skizzen verwendete er später für seine Werke.

Seine Malweise wurde zunehmend freier und widersprach in seinem Spätwerk häufig dem Zeitgeschmack. "In seinen letzten Landschaftsbildern ist die gegenständliche Lesart immer weniger eindeutig, sie wirken unabgeschlossen und skizzenhaft."[3] Vor allem diese Spätwerke fanden bei den Impressionisten begeisterte Aufnahme. Turner gilt als "Schlüsselfigur für den Übergang der Malerei zur historischen Moderne".[4] Mit seinem Vorstoss ins rein Malerische wurde er nicht nur zum Vorbild der Impressionisten, sondern auch der abstrakten Kunst des 20. Jahrhunderts

William Turner litt unter einer Trübung der Linse des Auges, Katarakt genannt. Bildende Künstler, die unter dieser Erkrankung leiden, benutzen zur Gestaltung ihrer Bilder eher dumpfe, weniger kontrastreiche Farben. Dies liegt daran, dass die Linse durch die Trübung eine gelbliche Farbe erhält, und damit blaues Licht stärker absorbiert, (siehe auch Lichtabsorption) , so dass weniger davon an den Photorezeptoren des Auges ankommt. Dies führt zu einer veränderten Farbwahrnehmung, die sich auch in der Farbgestaltung ihrer Werke niederschlägt.[5]

Hintergrund der Farbenpracht

1815 war im Pazifik der Vulkan Tambora ausgebrochen, weltweit die größte Eruption seit dem Ausbruch des Tauposee vor über 20.000 Jahren.[6] Die vulkanischen Stäube verbreiteten sich global und führten 1816 zum Jahr ohne Sommer und auch danach zu einer deutlichen vulkanisch bedingten Klimaabkühlung mit katastrophalen Auswirkungen. Darüber hinaus kam es Jahrzehnte nach dem Ausbruch zu merklichen Veränderungen im Tageslicht. Besonders ausgeprägt war dies abends und morgens aufgrund des dann erheblich längeren Wegs der Sonnenstrahlen durch die Atmosphäre. Die biedermeierlichen Sonnenuntergänge in Europa waren von nie dagewesener Pracht – in allen Schattierungen von Rot, Orange und Violett, gelegentlich auch in Blau- und Grüntönen. Die grandiosen Abendstimmungen und die intensiven Erdfarben, Ocker und Gelbtöne Turners, die heute außerhalb von Landschaften mit entsprechender natürlicher Farbgebung (etwa der Toskana und der Camargue) fast unwirklich erscheinen, haben davon merklich profitiert.[7]

Werke (Auswahl)

Bild Titel Jahr Größe / Material Ausstellung/Sammlung/Besitzer
Turner fischer auf see.jpg Fischer auf See 1796 75 × 55,6 cm, Öl auf Leinwand British Museum, London
W Turner Bodensee 1842.jpg Konstanz am Bodensee 1800 247,3 × 183,4 cm, Wasserfarbe British Museum, London
Turner-Llanberis-1800.jpg Llanberris 1800 55,3 × 77,2 cm, Wasserfarbe
Joseph Mallord William Turner 017.jpg Der Vierwaldstätter See 1802 30,5 × 46,4 cm, Aquarell Tate Gallery, London
Turner-Gotthard-1804.jpg Der Gotthardpass 1804 98,5 × 68,5 cm, Aquarell mit Auskratzungen Kendal, Abbot Hall Art Gallery (UK)
Joseph Mallord William Turner 026.jpg Die Peterskirche von Süden her 1819 22,8 × 36,8 cm, Aquarell British Museum, London
William Turner. Arundel Castle, with Rainbow. c. 1824. Watercolour on paper. British Museum.jpg Schloss Arundel mit Regenbogen um 1824 70 × 52,6 cm, Wasserfarbe British Museum
Stonehenge Turner.JPG Stonehenge 1825–1828 76,5 × 53,2 cm, Wasserfarbe Privatsammlung
Turner-Brennendes Schiff-1830.jpg Brennendes Schiff um 1830 49 × 34 cm, Wasserfarbe Tate Gallery, London
Turner, J. M. W. - The Grand Canal - Venice.jpg Canal Grande um 1835 91 × 122 cm, Öl auf Leinwand Metropolitan Museum of Art, New York
Joseph Mallord William Turner 012.jpg Der Brand des Parlamentsgebäudes in London 1835 92,7 × 123 cm, Öl auf Leinwand Cleveland (Ohio)
Turner temeraire.jpg Die kämpfende Temeraire 1838 90,7 × 121,8 cm, Öl auf Leinwand National Gallery in London
The Slave Ship or Slavers Throwing Overboard the Dead and Dying - Typhoon Coming on 1840 90 × 120 cm, Öl auf Leinwand Museum of Fine Arts, Boston
William Turner, Light and Colour (Goethe's Theory).JPG Licht und Farben 1843 78,7 × 78,7 cm, Öl auf Leinwand Tate Gallery, London
Rough Sea with Wreckage 1840-1845 92,1 × 122,6 cm, Öl auf Leinwand Tate Gallery, London
Joseph Mallord William Turner 088.jpg Turner in seinem Atelier 2. Viertel des 19. Jh.s 14 × 19 cm, Wasserfarbe British Museum

Ausstellung

Literatur

  • Alexander Joseph Finberg: The life of J. M. W. Turner, R.A. 2. Auflage. Clarendon Press, Oxford 1961.
  • Andrew Wilton: Turner und seine Zeit. Hirmer, München 1987, ISBN 3-7774-4540-1.
  • Cecilia Powell: William Turner in Deutschland. Mit einem Beitrag von Pia Müller-Tamm. Herausgegeben von Manfred Fath. Prestel, München, New York 1994, ISBN 3-7913-1490-4.
  • Eric Shanes: Turner. Aquarelle. Hirmer, München 2001. ISBN 3-7774-9030-X.
  • Evelyn Joll, Martin Butlin, Luke Herrmann (Hrsg.): The Oxford Companion to J. M. W. Turner. Oxford University Press, Oxford 2001, ISBN 0-19-860025-9.
  • Christoph Werner: Um ewig einst zu leben. Caspar David Friedrich und Joseph Mallord William Turner. Bertuch, Weimar 2006, ISBN 3-937601-34-1 (Roman).

Einzelbelege

  1. A. J. Finberg: The Life of J.M.A. Turner, R.A., Clarendon Press, Oxford 1961, S. 17
  2. Seite eines international tätigen Auktionators, abgerufen am 9. Juni 2011
  3. Nicola Carola Heuwinkel: Entgrenzte Malerei. Art Informel in Deutschland. Kehrer Verlag, Heidelberg/Berlin 2010, S. 12.
  4. Nicola Carola Heuwinkel: Entgrenzte Malerei. Art Informel in Deutschland. Kehrer Verlag, Heidelberg/Berlin 2010, S. 12.
  5. Grehn: Augenheilkunde, 30. überarbeitete Auflage, Springer, Heidelberg 2008, S.150.
  6. Clive Oppenheimer: Climatic, environmental and human consequences of the largest known historic eruption: Tambora volcano (Indonesia) 1815. In: Progress in Physical Geography. 27, Nr. 2, 2003, S. 230–259.
  7. Tambora Ein Vulkan macht Weltgeschichte, Autor: Udo Zindel, Redaktion: Detlef Clas, Regie: Hans-Peter Bögel, Wiederholung: Dienstag, 5. April 2004, 8.30 Uhr, SWR2

Weblinks

 Commons: William Turner – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien
 Commons: Paintings by Joseph Mallord William Turner – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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