Grubenunglück von Lengede


Grubenunglück von Lengede
Das Wunder von Lengede, Illustration (1963) von Helmuth Ellgaard

Das Grubenunglück von Lengede war eine Bergwerkskatastrophe, die sich am 24. Oktober 1963 in der Eisenerzgrube Lengede-Broistedt, im Schacht Mathilde, in der Nähe von Salzgitter ereignet hat. Die kaum noch für möglich gehaltene Rettung von elf verschütteten Bergleuten ist als Wunder von Lengede bekannt geworden. Von 129 Männern, die sich zur Zeit des Unglücks unter Tage befanden, kamen 29 ums Leben.

Inhaltsverzeichnis

Chronik

Eisenerzgrube Lengede-Broistedt, 1975

Das Unglück ereignete sich am 24. Oktober 1963 gegen 20 Uhr, als der zur Grube gehörende oberirdische Klärteich 12 einbrach. Daraufhin strömten ca. 460.000 Kubikmeter Schlamm und Wasser in die Grube Mathilde ein.

Es wurden die Strecken zwischen den 60- und den 100-Meter-Sohlen überflutet. Von den 129 unter Tage tätigen Männern, unter ihnen ein Monteur, konnten sich in den ersten Stunden 79 über Wetterbohrlöcher und Schächte ins Freie retten. Das einflutende Wasser hatte bis zu diesem Zeitpunkt bereits 19 Bergarbeiter getötet.

Eine Rettungsaktion wurde eingeleitet, um auch die übrigen Bergarbeiter zu retten, für die zunächst wenig Hoffnung bestand. 951 Personen arbeiteten daran mit. Am nächsten Tag, 23 Stunden nach dem Unglück, gelang es, noch sieben weitere Bergleute zu retten.

Aus Lengede berichtete der NDR für Hörfunk und Fernsehen (zeitweise befanden sich 460 Rundfunk- und Fernsehmitarbeiter auf dem Grubengelände); in den nächsten Tagen wurden die Ereignisse in ganz Deutschland übertragen. Am 1. November konnten drei weitere Bergleute, die sich per Klopfzeichen bemerkbar gemacht hatten, aus einer Lufttasche geborgen werden. Weil weitere Rettungsarbeiten aussichtslos schienen, wurde nun das technische Rettungsgerät abgebaut und zum Teil bereits weggefahren. Einer der Hauer schlug vor, noch im Alter Mann genannten Gebiet nach Verschütteten zu suchen. Eine Bohrung in diesem Bereich („Bohrung 10“ genannt) gestaltete sich schwierig, weil keine genauen Aufzeichnungen über den Streckenverlauf vorlagen und oberirdisch Gleise lagen. Am 3. November konnten dann durch die um 4 Uhr morgens begonnene Bohrung in den Alten Mann Lebenszeichen von weiteren Bergarbeitern, die in 58 Metern Tiefe eingeschlossen waren, erhalten werden. Das Rettungsgerät wurde zurück zur Grube beordert und die bereits für den 4. November anberaumte Trauerfeier für die Totgeglaubten abgesagt. Von den 21 Bergarbeitern, die nach dem Wassereinbruch in den Stollen geflohen waren, überlebten elf die Zeit bis zur Rettung.

Durch das 58 Millimeter breite Bohrrohr ließ man den Eingeschlossenen Nahrung zukommen, ferner wurde eine Telefonleitung mit Mikrofon hinabgelassen, um mit den Eingeschlossenen sprechen zu können. Die Rettungsbohrung mit einem Durchmesser von 522 Millimetern wurde am 4. November gegen 3 Uhr begonnen. Am 6. November erschien Bundeskanzler Ludwig Erhard an der Unglücksstelle, um zu den Eingeschlossenen zu sprechen.[1] Der Durchstich zu den Eingeschlossenen erfolgte am 7. November, 14 Tage nach dem Unglück, um 6:04 Uhr. Zum Einsatz kam dann die Dahlbuschbombe, eine Rettungskapsel, die mit dem Steiger Lambert Ax bemannt abgelassen wurde, der dann unter Tage den geschwächten Überlebenden beim Einstieg behilflich war. Der letzte Bergarbeiter erreichte am 7. November um 14:20 Uhr das Tageslicht.

Bei den Aufräumungsarbeiten im Schacht konnten die Körper von 28 der 29 umgekommenen Bergleute gefunden werden. Drei dieser Bergarbeiter haben, geschätzt anhand ihres Bartwuchses, noch etwa zwei Wochen gelebt.[2]

Nachwirkung

Das Ereignis ist zusammen mit der Krönung von Königin Elisabeth II. 1953 ein wesentlicher Meilenstein der deutschen Mediengeschichte und erregte weltweites Aufsehen.[3] Lengede markierte unter anderem den Start einer wirklich tagesaktuellen Berichterstattung der ARD-Tagesschau[4] und trug dazu bei, dass die Sendung Bestandteil des Tagesrituals vieler Menschen in Deutschland wurde.

Die elf geretteten Männer aus dem Alten Mann

  • Bernhard Wolter († 2003)
  • Dieter Richey († 2007)
  • Adolf Herbst (Elektriker, der für Wartungsarbeiten unter Tage war)
  • Helmut Webranitz
  • Johannes Sitter
  • Heinz Kull
  • Siegfried Ebeling
  • Rudolf Wiese
  • Hermann Lübke († 1982)
  • Fritz Bär
  • Helmut Kendzia († 2011)

Beteiligte Firmen und Geräte

Ein Spezialbohrgerät für Flachbohrungen aus Wathlingen, ein 100-Tonnen-Großbohrgerät von der Firma Deilmann aus Bad Bentheim, ein Bohrgreifer von der Firma Dr. Kirchhoff aus Braunschweig, ein Saugbohrgerät von der Salzgitter Maschinen AG, je eine Überdruckkammer der Firmen Dr. Paproth aus Winsen an der Luhe und Wayss & Freytag aus Frankfurt[5], ein Hochleistungskompressor von der Gutehoffnungshütte aus Oberhausen, Spezialsonden mit Fernsehkameras von der Geophysikalischen Anstalt in Hannover und der Firma Ibak aus Kiel, Horchgeräte und Rettungsbomben von den Hauptrettungsstellen der Berufsgenossenschaft Bergbau in Clausthal-Zellerfeld und Essen. Die Richtbohrarbeiten wurden von Mitarbeitern der Preussag AG aus Berkhöpen durchgeführt.

Bergungstrupps

Spezialbergungstrupps aus dem Ruhrgebiet, Luftfahrtmediziner aus Bad Godesberg und Rendsburg, Einheiten des Technischen Hilfswerks, Druckkammerspezialisten der Drägerwerk AG aus Lübeck, Horchgerät-Experten aus Essen, Bohrtrupps der Deutschen Erdöl AG aus dem Emsland, Verrohrungsfachleute von der amerikanischen Firma Halliburton (sie wurden an der holländischen Grenze abgerufen), Bohrspezialisten aus der hannoverschen Filiale der französischen Firma Schlumberger.

Ende der Grube

1977 wurde die Erzförderung eingestellt. Bis zur endgültigen Schließung der Grube waren noch 35 Bergarbeiter damit beschäftigt, die noch verwertbaren Teile der Grube (Stahlträger und Stützen etc.) auszubauen. 1979 wurde der 42 Meter hohe Förderturm der Grube Mathilde gesprengt, die Grube geschlossen und die Stollen geflutet. Heute bedeckt eine Steinplatte das Loch des Förderschachts und der damals eingebrochene Klärteich ist ein Naturschutzgebiet, er wurde rekultiviert.

Verfilmungen

Eine erste Verfilmung erfolgte 1969 unter der Regie von Rudolf Jugert, eine zweite Verfilmung unternahm Kaspar Heidelbach im Jahre 2003 (siehe: Das Wunder von Lengede (2003). Das Ereignis war außerdem Thema der Dokumentationen Das Wunder von Lengede oder Ich wünsch´ keinem was wir mitgemacht haben (Regie: Hans-Dieter Grabe), die 15 Jahre nach dem Grubenunglück im Jahre 1979 vom ZDF ausgestrahlt wurde, und Das Drama von Lengede, Protokoll einer Katastrophe, die 2003 vom WDR unter der Regie von Franz Bürgin produziert wurde.

Gedenkstätten

Das Denkmal mit Erinnerungstafel, 2008

Auf dem Grubengelände erinnert heute wenig an die Katastrophe. An einer tiefen Ausbuchtung im Boden ist noch zu erkennen, wo der Klärteich nachgegeben hatte. Eine Tafel erinnert der 29 Toten mit den Worten: „Wir konnten sie nicht mehr bergen. Gott gebe ihnen Frieden“

Im Rathaus von Lengede ist eine Dauerausstellung mit Originalexponaten von der Rettungsaktion eingerichtet[6]. Hierfür engagierte sich besonders Adolf Herbst, einer der Geretteten, der heute in Hannover lebt.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Kabinettsprotokoll vom 6. November 1963
  2. ARD-Dokumentation von 2003
  3. Humanities, Social Sciences and Law, Praxishandbuch Fernsehen, 2010, 11-128, DOI: 10.1007/978-3-531-92103-7_1 Allgemeine Rahmenbedingungen, by Eric Karstens and Jörg Schütte
  4. Eintrag zur Tagesschau in http://www.fernsehserien.de
  5. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46172666.html
  6. Dauerausstellung im Rathaus Lengede

Literatur

  • Der Spiegel: Das Unglück von Lengede, 13. November 1963, Nr.46, 17. Jahrgang link
  • Manfred Meier: Das Wunder von Lengede. 1 Auflage. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-596-16141-X. 

Weblinks

 Commons: Grubenunglück von Lengede – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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