Literaturverfilmung


Literaturverfilmung

Eine Literaturverfilmung ist die Umsetzung einer literarischen Vorlage im Medium Film. Dabei kann die Ausgangsbasis sowohl eine Kurzgeschichte, eine Erzählung oder ein Roman, aber auch ein Drama sein. Heute wird der Begriff größtenteils nur noch im engsten Sinne für Verfilmungen, deren kanonisierten literarischen Vorlagen ein anerkannt hoher Rang beigemessen wird, verwendet, obwohl weiterhin auch viele andere Filme auf vorher veröffentlichten Texten basieren.

Geschichte

Viele der frühesten Spielhandlungen von Filmen entstammten Vorlagen aus der Literatur, namentlich Klassikern der Weltliteratur. Dazu wurden aufgrund der technischen Beschränkungen einzelne Episoden ausgewählt und dramatisch umgesetzt. So drehte Louis Jean Lumière mit Faust (1896) ein illustratives Exzerpt aus der Volkssage, Edwin S. Porter mit Onkel Toms Hütte (1902, nach dem Roman von Harriet Beecher Stowe) und Georges Méliès mit Die Reise zum Mond (1902, nach Jules Verne) tableauhafte Episoden aus den Vorlagen ohne deutlichen erzählerischen Zusammenhang.

Die Bestrebungen des Film d’Art, die Filmkunst aufzuwerten, führten zu den ersten ernsthaften Versuchen, Literatur zu verfilmen. Vor allem Theaterstücke von Émile Zola oder Victor Hugo fanden im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ihre filmische Umsetzung. In Italien zog der Peplum-Monumentalfilm seine künstlerische Rechtfertigung aus literarischen Stoffen; so entstand Quo Vadis (1912) nach dem Roman von Henryk Sienkiewicz und Cabiria (1914) nach Texten von Gabriele D’Annunzio. Bald fanden auch Kriminalromane und Fortsetzungsgeschichten wie Fantômas (Verfilmungen seit 1913) ihren Weg ins Kino. Louis Feuillade kehrte das Konzept der Literaturverfilmung um, er schuf sogenannte Ciné-romans; Romane, die auf Filmhandlungen beruhten.

Inszenatorische Umsetzung

Der imaginative Charakter des literarischen Textes muss bei der Literaturverfilmung mit filmischen Mitteln in die Visualität umgesetzt werden. Ton und Musik, Montage und Cadrage ersetzen das geschriebene Wort; daher verändert die Literaturverfilmung die Vorlage nach filmischen Bedürfnissen, kürzt und verdichtet oder erweitert nach visuellen Gesichtspunkten. Etwa muss der Ausdruck von Gefühlen, der in der Literatur durch die erzählerische Innenwahrnehmung der Figuren erreicht wird, im Film in Körpersprache und Handlung umgesetzt werden, tendenziell also die Erzählform in eine objektivere Außenperspektive verlagert werden. Die Umgebungswelt, die im literarischen Kontext ausgeblendet werden kann, ist im Film zwangsläufig Teil der Narration, was den Charakter des Vorlagewerks unter Umständen deutlich verändert. Der filmische Erzählrhythmus zwingt oft dazu, literarische Abschweifungen und Nebenhandlungen auszublenden; Nebenfiguren bleiben oft skizzenhaft, um einen der Vorlage angemessenen Fokus auf die Hauptfiguren zu legen.

Literatur

  • Franz-Josef Albersmeier, Volker Roloff (Hrsg.): Literaturverfilmungen. 6. Auflage. Frankfurt a. M. 1994.
  • Anne Bohnenkamp (Hrsg.): Interpretationen: Literaturverfilmungen. Reclam-Verlag, Stuttgart 2005. ISBN 3-15-017527-5.
  • Alfred Estermann: Die Verfilmung literarischer Werke. Bonn 1965 (= Abhandlungen zur Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft. 33).
  • Wolfgang Gast (Hrsg.): Film und Literatur. 2 Bände. Bd. 1: Grundbuch. Einführung in Begriffe und Methoden der Filmanalyse, Bd. 2: Analysen, Materialien, Unterrichtsvorschläge. Frankfurt a. M. 1993.
  • Wolfgang Gast (Hrsg.): Literaturverfilmung. 2. Auflage. Bamberg 1999.
  • Joachim Paech: Literatur und Film. 2., überarb. Aufl, Metzler, Stuttgart und Weimar 1997. ISBN 3-476-12235-2.
  • Susanne Koch: LiteraturFilmUnterricht. Bewertungsgrundlagen und didaktisches Potenzial der Literaturverfilmung für den deutschunterricht am Beispiel von "Eyes Wide Shut". Würzburg 2009.
  • Schlickers, Sabine: Verfilmtes Erzählen, Frankfurt 1997
  • Klaus M. Schmidt, Ingrid Schmidt: Lexikon Literaturverfilmungen. Verzeichnis deutschsprachiger Filme 1945-2000. 2. Auflage. Stuttgart 2001.
  • Irmela Schneider: Der verwandelte Text. Wege zu einer Theorie der Literaturverfilmung. Tübingen 1981.
  • Stefan Volk: Film lesen. Ein Modell zum Vergleich von Literaturverfilmungen mit ihren Vorlagen. Marburg 2010.

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