Malmedy-Massaker

Malmedy-Massaker
Tote nach dem Malmedy-Massaker

Das Malmedy-Massaker war ein Kriegsverbrechen im Zuge der Ardennenoffensive im Zweiten Weltkrieg, bei dem etwa 87[1] kriegsgefangene US-amerikanische Soldaten von Angehörigen der Waffen-SS erschossen wurden. Der Ort des Geschehens lag in der Nähe der belgischen Kreisstadt Malmedy südlich von Aachen.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Die Ardennenoffensive war der letzte Versuch der Wehrmacht, die Initiative an der Westfront zurückzugewinnen. Drei deutsche Armeen der Heeresgruppe B sollten im Winter 1944 im unwegsamen Gelände der Ardennen den Vorstoß der alliierten Truppen Richtung Rhein zurückschlagen und durch einen überraschenden Vormarsch nach Antwerpen die Hauptnachschublinien der Alliierten unterbrechen. Die deutschen Kommandeure wollten mit dem „Unternehmen Herbstnebel“ die Anti-Hitler-Koalition spalten und ein Ende der Kämpfe im Westen erreichen.

Während einer Lagebesprechung im Gefechtsstand Adlerhorst bei Bad Nauheim erläuterte Adolf Hitler am 12. Dezember 1944 seinen versammelten Generälen seine Ansicht, dass die bevorstehende Winteroffensive die bedeutendste Schlacht in einem „Entscheidungskrieg auf Leben und Tod“ sei. Nach Aussagen der damals Beteiligten gab Hitler auch die Anweisung, Gefangene nur dann zu machen, wenn es die „taktische Situation“ erlaube. Entsprechend wurden Anweisungen zur „rücksichtslosen Härte“ von den übergeordneten Befehlsstellen an die unterstellten Einheiten weitergegeben, so auch von Sepp Dietrich. Laut der Anklage im späteren Prozess soll er Anweisung gegeben haben, kriegsvölkerrechtliche Vorschriften zu ignorieren.

Die Kampfgruppe Peiper

Die Kampfgruppe Peiper unter dem Befehl des SS-Standartenführers Jochen Peiper war ein Verband der Leibstandarte „Adolf Hitler“, der ungefähr 1000 Mann und 100 Panzerfahrzeuge umfasste. Für die Ardennenoffensive war die Kampfgruppe der 6. SS-Panzerarmee unter Sepp Dietrich zugeteilt, deren Angriffsspitze sie stellen sollte. Die Aufgabe von Peipers Verband war der rasche Vorstoß zu den Maas-Brücken bei Huy und die Öffnung eines Korridors für nachfolgende Truppen. Wie Peiper selbst, hatte ein Großteil seiner Untergebenen zuvor an der Ostfront gekämpft. Vor Beginn der Offensive lag Peipers Truppe weit hinter dem Zeitplan und drohte die gesamte Operation zu gefährden. Da gerade die Leibstandarte „Adolf Hitler“ sich als Elite betrachtete, setzte die Angst vor dem Versagen die Kommandeure der Kampfgruppe stark unter Druck.

Das Massaker

Amerikanischer Lageplan

Am 17. Dezember 1944, dem zweiten Tag der Ardennen-Offensive, traf die schnell vorgehende Panzertruppe Peipers etwa 4 km südöstlich von Malmedy – an der Straßenkreuzung von Baugnez – auf einen LKW-Konvoi der Battery B des 285th Field Artillery Observation Battalion der United States Army. Sofort nach der Entdeckung wurde der Konvoi beschossen und überwältigt. Die Angriffsspitze der Kampfgruppe Peiper – darunter auch Joachim Peiper selbst – kümmerte sich nicht um die Amerikaner und fuhr weiter. Angehörige der nachfolgenden SS-Einheiten stellten die etwas über 100 Gefangenen auf einer Wiese nahe der Straßenkreuzung auf. Der genaue Ablauf des nun folgenden Massakers oder eine eventuell vorhandene Befehlskette der nachfolgenden Ereignisse konnte bisher nicht präzise geklärt werden.

Sicher ist jedoch, dass die SS-Männer gegen Mittag des 17. Dezembers mit Maschinenpistolen und den Bordwaffen ihrer Fahrzeuge das Feuer auf die gefangenen Amerikaner eröffneten – unter denen sich auch Verwundete befanden. Anschließend töteten einzelne SS-Männer die Überlebenden durch Schüsse aus nächster Nähe, was später ein Beweis dafür war, dass es sich um ein Verbrechen und kein normales Gefecht gehandelt hatte. Insgesamt starben bei der Schießerei mindestens 87 Amerikaner, die erst im Januar 1945 von ihren Kameraden gefunden wurden.

Es gibt verschiedene Ansätze, den Auslöser für das Massaker zu erklären. Im Wesentlichen lassen sich zwei Versionen unterscheiden:

  • Entsprechend den tatsächlich gegebenen oder bloß eingebildeten Befehlen wollten die Deutschen die Amerikaner weder laufen lassen, noch Ressourcen vergeuden, um sie in ein rückwärtiges Kriegsgefangenenlager zu bringen.[2] Die Erschießung hätte somit vorsätzlich und unter eindeutiger Verletzung der damals geltenden Völkerrechtsregeln stattgefunden.
  • Ein Fluchtversuch eines oder einzelner Amerikaner wurde von den deutschen Bewachern durch Waffengewalt zu verhindern versucht. Als Reaktion darauf kam es zu Panikreaktionen unter den verbliebenen Gefangenen, die wiederum ebenfalls als Fluchtversuche angesehen wurden. Nach diesem Erklärungsansatz hätte also die Flucht Einzelner eine angespannte Situation zum Eskalieren gebracht.[2]

Da etwa 40 US-Soldaten die Flucht gelang, scheint es sich nicht um eine geplante Hinrichtung, sondern um einen spontanen Gewaltausbruch gehandelt zu haben. Unwahrscheinlich erscheinen dagegen Thesen von einem großangelegten Fluchtversuch oder die Verwechslung der Gefangenengruppe mit einer aktiven amerikanischen Kampfeinheit durch neu ankommende deutsche Truppen.[3] Auf ein Verbrechen, im Sinne des damals geltenden Kriegsrechts, weist letztendlich die Tötung der Verwundeten, die nach der Schießerei hilflos am Boden lagen, hin.

Die Folgen des Massakers

Ungefähr 40 GIs (unter ihnen auch Charles Durning) überlebten, ohne von den SS-Truppen bemerkt zu werden. Nachdem die deutschen Truppen abgerückt waren, flohen die Überlebenden. Bereits am Nachmittag des 17. Dezembers hatten sich die ersten Männer zu den eigenen Linien durchgeschlagen. Am 18. Dezember wurde das alliierte Oberkommando über den Vorfall informiert. Obwohl es nicht das einzige Kriegsverbrechen der SS gegen die Westmächte war und auch nicht blieb, nahm Malmedy später eine Symbolstellung ein, das Massaker stand für die brutale Rücksichtslosigkeit, mit der der Krieg von deutscher Seite geführt wurde.

Gedenktafel

Unter den amerikanischen Soldaten soll es nach Bekanntwerden des Vorfalls Kommandeure gegeben haben, die nun befahlen, bei SS-Truppen keine Gefangenen mehr zu machen. Obwohl Deutsche, die im Rahmen des Unternehmens Greif hinter die feindlichen Linien gesickert und festgenommen worden waren, mit aller Härte behandelt wurden (manche an Ort und Stelle als Spione hingerichtet, da sie in feindlicher Uniform agierten und sich somit außerhalb des Schutzes des humanitären Völkerrechts befanden), sind während der Ardennenoffensive keine Vorfälle bekannt geworden, bei denen die US-Armee in vergleichbarem Umfang gegen SS-Einheiten vorgegangen ist.

Das Massaker blieb auch der Öffentlichkeit nicht lange verborgen. Bereits am 21. Dezember kursierten erste Berichte in der alliierten Presse. Bereits am 25. Dezember erschien ein weiterer Bericht im TIME-Magazin, weitere Artikel folgten in der Armeezeitung Stars and Stripes und in Newsweek.

Im belgischen Chenogne erschossen amerikanische Soldaten am Neujahrstag rund 60 deutsche Kriegsgefangene, nachdem sie den Befehl erhalten hatten, keine Gefangenen zu machen.[4]

Am 30. Dezember 1944 ersuchte das US-amerikanische State-Department die Schweizer Botschaft, eine Protestnote mit der Bitte um Untersuchung des Vorfalls an die deutsche Reichsregierung zu übergeben. Generalfeldmarschall von Rundstedt, Oberbefehlshaber im westlichen Kampfraum, teilte dem Führungsstab der Wehrmacht am 1. Januar 1945 mit:

„Heeresgruppe B hat sofort nach der bereits durch den feindlichen Rundfunk erfolgten Bekanntgabe der Anschuldigungen einer angeblichen Erschießung Untersuchung veranlasst. Die bisherigen Nachforschungen sind völlig ergebnislos verlaufen. Es ist daher anzunehmen, daß die Beschuldigung einen Akt übelster Feindagitation darstellt“.[5]

Unter Berufung auf die Untersuchungsergebnisse der für solche Fälle zuständigen Wehrmacht-Untersuchungsstelle bestritt das Auswärtige Amt den Vorfall, am 8. März erging folgende Antwort auf die Protestnote:

„Die deutschen Militärbehörden haben, als der feindliche Rundfunk Nachrichten über eine angebliche Erschießung von 150 amerikanischen Kriegsgefangenen in der Gegend von Malmédy brachte, sofort eine Untersuchung veranstaltet; diese hat ergeben, daß die Nachricht unwahr war. Aufgrund des Memorandums der schweizerischen Gesandtschaft sind erneute Ermittlungen bei den deutschen Truppenteilen durchgeführt worden, die in der fraglichen Zeit südlich von Malmédy eingesetzt gewesen sind. Auch diese Ermittlungen haben ergeben, daß Erschießungen amerikanischer Kriegsgefangener nicht vorgekommen sind. Der Bericht, der dem amerikanischen State Department von 15 angeblichen Überlebenden gemacht sein soll, ist daher unzutreffend“.[6]

Nach Kriegsende fand im Mai 1946 der Malmedy-Prozess in Dachau statt, bei dem die beteiligten SS-Leute, die von den Alliierten noch aufgespürt werden konnten, vor Gericht gestellt wurden. Es gab 43 Todesurteile und 22 lebenslange Freiheitsstrafen. Der Prozess stieß auf Kritik zuerst auf deutscher Seite und wegen der allmählichen Klimaänderung im beginnenden Kalten Krieg auch in den USA. Unregelmäßigkeiten wurden bemängelt. Außerdem standen Foltervorwürfe im Raum. Schließlich untersuchte ein Subkomitee des US-Senats unter Joseph McCarthy die Angelegenheit. Laut McCarthy lag kein fairer Prozess vor. Unterdessen hatte die US Army bereits einige Todesurteile aufgehoben. Die übrigen Urteile milderte man in der Folgezeit ab, und den Gnadengesuchen der zum Tode verurteilten SS-Leute wurde durch den Oberkommandierenden der US-Streitkräfte in Deutschland, General Thomas T. Handy, stattgegeben. 1950 waren bis auf Peiper, der das War Criminals Prison No. 1 in Landsberg am Lech 1956 als letzter Verurteilter verlassen durfte, alle Beteiligten wieder frei. Beobachter rügten angesichts dieser Resultate des Malmedy-Prozesses eine rassistische Schieflage – waren doch vergleichbarer Verbrechen angeklagte japanische Militärs nach 1945 von den Alliierten verurteilt und exekutiert worden.

Heute erinnern eine Gedenkstätte und ein Museum am Ort des Geschehens in Malmedy-Baugnez an die ermordeten Soldaten.

Filme

Literatur

  • Gerd J. G. Cuppens: Was wirklich geschah. Malmedy-Baugnez - 17. Dezember 1944 Grenz-Echo Verlag, Eupen 2009 ISBN 978-3-86712-026-5.
  • Michael Schadewitz: Zwischen Ritterkreuz und Galgen. Skorzenys Geheimunternehmen Greif in Hitlers Ardennenoffensive 1944/45. Helios-Verlag, Aachen 2007, ISBN 978-3-938208-48-9.
  • Quadflieg, Peter M; Rohrkamp, René (Hrsg.): Das Massaker von Malmedy. Täter, Opfer, Forschungsperspektiven, Aachen 2010, ISBN 978-3-8322-9241-6.
  • Wolfgang Benz (Hrsg.): Legenden, Lügen, Vorurteile. Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte., dtv, München 2002.
  • Alfred M. de Zayas: Die Wehrmachtuntersuchungsstelle, 7. überarbeitete Auflage, Universitas, 2001.
  • Robert Sigel: Im Interesse der Gerechtigkeit: die Dachauer Kriegsverbrecherprozesse 1945–1948. Campus-Verlag, Frankfurt/M. 1992, ISBN 3-593-34641-9.
  • Klaus-Dietmar Henke: Die amerikanische Besetzung Deutschlands. Oldenbourg Verlag, München 1996.
  • John M. Bauserman: The Malmédy massacre. White Mane Publ., Shippensburg PA 1995.
  • James J. Weingartner: Crossroads of Death. The Story of the Malmédy Massacre and Trial, Berkeley/Los Angeles/London 1979.
  • Lothar Greil: Oberst der Waffen-SS Jochen Peiper und der Malmedy-Prozess, Schild-Verlag. ISBN 3-88014-060-x

Weblinks

 Commons: Malmedy massacre – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Die Angaben in der Literatur variieren, meist werden Zahlen von 71 bis 87 genannt. Für den Artikel wurde die Zahl aus Ken Burns’ Dokumentation, The War (2007) herangezogen.
  2. a b http://www.historynet.com/magazines/world_war_2/3030591.html?page=4&c=y
  3. Reynolds, Massacre at Malmedy, S. 4
  4. Martin K. Sorge: The Other Price of Hitler's War : German Military and Civilian Losses Resulting From World War II. Greenwood Press, 1986, S. 147. ISBN 0-313-25293-9.
  5. BA-MA, RW 4/v. 765, S. 32; Zitiert nach Alfred M. de Zayas: Die Wehrmachtuntersuchungsstelle, 6. überarbeitete Auflage, Universitas-Verlag, 1998, S. 214
  6. BA-MA, RW 4/v. 765, S. 27; Zitiert nach Alfred M. de Zayas: Die Wehrmachtuntersuchungsstelle, 6. überarbeitete Auflage, Universitas-Verlag, 1998, S. 215
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