Auftausalz
Nahaufnahme von herkömmlichem Streusalz

Auftausalz, umgangssprachlich auch Streusalz oder Tausalz genannt, besteht mindestens zu 94 Prozent (idealerweise zu 98 Prozent) aus herkömmlichem Kochsalz und wird als Winterstreu zum Schmelzen von Schnee und Eis auf Verkehrswegen verwendet. Es handelt sich somit um eine Maßnahme des Winterdienstes, um Schnee- und Eisglätte entgegenzuwirken. Die Verwendung von Salz ist jedoch in vielen Gemeinden – vor allem auf Gehwegen – untersagt. Auftausalz fiel in Deutschland nicht unter die bis 1993 erhobene Salzsteuer, weswegen es denaturiert, das heißt durch Zusätze nicht mehr zum menschlichen Verzehr geeignet, angeboten werden musste.

Inhaltsverzeichnis

Zusammensetzung

Das handelsübliche Auftausalz besteht zum großen Teil aus Koch- oder Steinsalz, also Natriumchlorid (NaCl). Zudem kann es natürliche Nebenminerale wie Anhydrit (Calciumsulfat), Magnesiumsulfat oder Ton enthalten. Andere verwendete Auftaumittel sind Calciumchlorid (CaCl2) und Magnesiumchlorid (MgCl2). Zuweilen findet auch das Mineral Kainit als Auftaumittel Verwendung.

Anforderungen an Auftausalz (hier am Beispiel Steiermärkische Landesregierung 2006):

  • Auftausalz NaCl
  • Mindestanteil NaCl 98 %
  • Kornverteilung stetig
  • Größtkornanteil über 1,6 mm maximal 10 %
  • Kleinstkornanteil unter 0,16 mm maximal 5 %
  • Produkte mit geringem Sulfatanteil sind zu bevorzugen
  • Der Anteil der unlöslichen Stoffe darf 0,25 % nicht übersteigen
  • Feuchtigkeit bei Hallenlagerung maximal 1,2 %
  • Feuchtigkeit bei Silolagerung maximal 0,6 %

Wirkung

Die Wirkung des Auftausalzes hängt mit seiner molaren Schmelzpunkterniedrigung zusammen. Dabei macht man sich zu Nutze, dass bei Lösungen die Temperatur des Schmelzpunktes im Vergleich zur reinen Flüssigkeit niedriger ist. Eis und Wasser befinden sich in einem Gleichgewichtszustand zwischen den Aggregatzuständen fest und flüssig, das heißt es ist auch bei Temperaturen unter Null immer etwas flüssiges Wasser vorhanden. In diesem Wasserfilm lösen sich die Ionen des Salzes; die entstehende Salzlösung besitzt einen niedrigeren Gefrierpunkt, was einen erneuten „Zusammenschluss“ zur kristallinen Struktur des Wassers (Eis) verhindert. Das Auftausalz verhindert also vor allem das erneute Gefrieren des Schmelzwassers. Da aber an der Grenzfläche Eis/Salzlösung immer weiteres Eis schmilzt und sich in eine Salzlösung verwandelt, die nicht wieder gefrieren kann, löst sich das Eis langsam völlig auf. In einer Natriumchlorid-Wassereismischung beginnt der Schmelzprozess nach Zugabe von Salz (NaCl) bereits bei −21,1 °C.

Nach dem Bestreuen des Eises mit Auftausalz entsteht letztlich eine Lösung von Salz in Wasser, die einen niedrigeren Gefrierpunkt als das reine Eis aufweist und auch bei tieferen Temperaturen flüssig bleibt. Herkömmliches und preiswertes Kochsalz eignet sich gut bei wenigen Minusgraden als Auftausalz. Ab −10 °C sind andere Salze wie etwa das weniger umweltschädliche Calciumchlorid oder Magnesiumchlorid besser geeignet.

Anwendung

Streuteller an einem Winterdienstfahrzeug

Der einzelne Anwender im Kleinbereich streut in Gemeinden, in denen Salz gestreut werden darf, das Salz in Pulverform auf den vereisten Bereich. Im Großanwendungsbereich, vor allem im Straßenverkehr, wird es leicht mit Sole versetzt und dann mittels eines am Fahrzeug befestigten Streutellers breitflächig aufgetragen. Durch den feuchten Zustand wird es vom Wind nur in geringen Mengen fortgetragen (rund 15 %).

Um die volle Wirkung auf der Straße zu erreichen, müssen aber bestimmte Rahmenbedingungen vorhanden sein. Die Fahrbahntemperatur darf nur in einem bestimmten Bereich schwanken. Ist sie zu tief, ist auch mit Salz keine Auftauwirkung zu erzielen. Außerdem muss die Straße eine bestimmte Fahrzeugfrequenz aufweisen. Fahrende Autos bewirken, dass durch den Druck der Reifen das Eis schmilzt und zerkleinert wird und dass das Gemenge aus Salzlösung und Eis nach außen geschleudert wird. Bei der ständig wiederholten Aufwirbelung verdunstet auch Wasser, was wiederum die Salzlösung konzentriert, die dadurch weiteres Eis anlösen kann. So bilden sich bald reifenbreite Fahrrinnen und die Straßen werden – von dort beginnend – allmählich eisfrei und trocken.

Auftausalz kann auch als Feuchtsalz aufgebracht werden. Hierbei wird das Salz vor dem Aufbringen auf die Straße mit einer Salzlösung aus Natrium-, Calcium- oder Magnesiumchlorid befeuchtet. Das angefeuchtete Auftausalz ermöglicht größere Streubreiten, haftet besser auf der Fahrbahn und hält diese länger eisfrei.[1] Bedingt durch verbesserte Ausbringungstechnik und den überwiegenden Einsatz von Feuchtsalz – auch in Kombination mit Trockensalz – konnten bei gleicher und längerer Auftauwirkung die Dosierungen im Vergleich zu denen in den 1970er Jahren um ca 70 % reduziert werden. Nach Informationen des Bundesverkehrsministeriums von 1984 konnte der Einsatz von Streusalz innerhalb von drei Jahren in der Bundesrepublik Deutschland um 58 Prozent von 600.000 Tonnen auf 250.000 Tonnen reduziert werden.

Auch Salzlösungen und Flüssigmischungen von Natrium-, Calcium- und Magnesiumchlorid finden Anwendung im Winterdienst.[2][3]

Um die aufzubringende Menge von Streusalz weiter zu verringern, werden in Niederösterreich auf der Wiener Außenring Autobahn in der Wintersaison 2009/2010 Versuche unternommen, dem Salz auch Zuckermelasse beizumengen, die einen noch tieferen Gefrierpunkt hat und auch bessere Hafteigenschaften aufweist, aber nicht so aggressiv ist.[4]

Nachteile

Die Verwendung von Auftausalz hat zahlreiche Nachteile für die Umwelt.[5] Das Salz gelangt mit dem Schmelzwasser in den Boden. Der dadurch verursachte übermäßige Eintrag von Natrium- und Chloridionen in den Boden hat negative Auswirkungen auf die Bodenstruktur, es kann zu Verschlämmung und Verdichtung kommen.[5] Auftausalz greift auch die Vegetation an, besonders empfindlich sind die oftmals an Straßen gepflanzten Linden wie auch Ahorne, Rosskastanien, Roteichen und Fichten. Dauerhaft hohe Salzkonzentrationen an Straßenrändern können zur Ansiedelung von salzliebenden Küstenpflanzen im Binnenland führen.[6] Gelangt das Auftausalz in die Gewässer, kann es dort bei bestimmten Konzentrationen Flora und Fauna ebenfalls empfindlich schädigen.[7] Da die Verwendung von Streusalz insgesamt allerdings rückläufig ist, geht auch die Belastung von Oberflächengewässern und Grundwasser zurück.

Bei Haustieren schädigt Streusalz in den Pfoten die empfindliche Haut der Zehenzwischenräume. Die Tiere lecken die gereizten Stellen laufend sauber und erzeugen so Entzündungen, die aufgrund des Streusalzes nur langsam wieder abheilen.[8] Weitere Folgeschäden werden durch die korrosive Wirkung der im Auftausalz enthaltenen Chloridionen bei Betonbauteilen, Stahlträgern und Fahrzeugen verursacht.[5]

Aufgrund der Nachteile ist der private Einsatz auf öffentlichen Wegen in vielen Kommunen und Bundesländern (teilweise) untersagt, die Kommune selbst behält sich meist den Gebrauch für Hauptstraßen und Gefahrenstellen bei entsprechenden extremen Wetterverhältnissen vor.[9] Die Verwendung von abstumpfenden Streumitteln als Alternative vermeidet zwar die spezifischen Nachteile des Auftausalzes, muss allerdings mechanisch entfernt, das heißt von Reinigungsfahrzeugen aufgefegt werden.[5]

Als Reaktion auf diese Nachteile haben einige Hersteller salzfreie Streumaterialien auf der Basis von Harnstoff (Eisflockenpunkt einer 30 Gew.-%igen Lösung in Wasser −10 °C) entwickelt. In vielen Städten ist allerdings sein Einsatz – der zur Überdüngung des Bodens führt – verboten, so beispielsweise in Wien.[10] Ein weiteres alternatives Auftausalz ist Ammoniumsulfat (Gefrierpunkt einer 66 Gew.-%igen Lösung in Wasser −18,5 °C).[3] Wie Harnstoff wirkt auch diese Substanz gleichzeitig als unerwünschter Stickstoffdünger.[11]

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Information zu Feuchtsalz des Verbandes der Kali- und Salzindustrie
  2. Karl Moritz: Einsatz von Salzlösungen aus dem Winterdienst zur Schadstoffreduzierung. Vortrag der Bundesanstalt für Straßenwesen 2008
  3. a b Studie zur Auswirkung stickstoffhaltiger Auftaumittel. Institut für Waldökologie (Universität für Bodenkultur), Wien 2000
  4. Auf der Suche nach Alternativen auf ORF vom 17. März 2010 abgerufen am 18. März 2010
  5. a b c d Feinstaubquelle Streusalz? Pro und Contra im Einsatz gegen Schnee und Glatteis. Helmholtz-Zentrum, München 2005
  6. Veitshöchheimer Berichte 84 (2005), Seite 9
  7. Bayerisches Landesamt für Wasserwirtschaft: Salzstreuung - Auswirkungen auf die Gewässer, Seite 6 bis 9
  8. Landratsamt Roth: Kreisfachberatung - Streusalz im privaten Haushalt vermeiden, Seite 1
  9. Beispiele München, Hamburg, Berlin
  10. Stadt Wien: Weg mit dem Schnee! So räumen Sie richtig.
  11. Merkblatt des bayer. Landesamtes für Wasserwirtschaft

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