Ausdruck (Linguistik)

Unter einem Ausdruck oder gleichbedeutend (synonym) unter einem sprachlichen Ausdruck versteht man in der Sprachwissenschaft (Linguistik) Verschiedenes:

  • das sinnlich Wahrnehmbare eines Zeichens
  • eine sprachliche Einheit allgemein
  • die Funktion des Ausdrucks als Sprachfunktion

Inhaltsverzeichnis

Ausdruck als das sinnlich Wahrnehmbare eines Zeichens

Unter einem (sprachlichen) Ausdruck versteht man in der Sprachwissenschaft in erster Linie das sinnlich Wahrnehmbare eines (sprachlichen) Zeichens.

(Sprachliche) Ausdrücke im engeren Sinn sind akustische Laute oder visuelle Schriftzeichen oder Bildsymbole.

In Ferdinand de Saussures zweiseitiger Zeichen-Konzeption steht der Ausdruck, d. h. die Ausdrucksseite (frz.signifiant, siehe auch Signifikant), dem Inhalt, der Inhaltsseite (frz. siginifié, siehe auch Signifikat) gegenüber. Der Ausdruck ist somit die physische Dimension eines Sprachzeichens, also die Lautfolge bzw. die Zeichenkette.

Der dänische Sprachwissenschaftler in der Tradition De Saussures Louis Hjelmslev sieht dabei eine strikte, wechselseitige Beziehung der beiden Zeichenseiten: „Ein Ausdruck ist Ausdruck nur dadurch, daß er Ausdruck eines Inhalts ist, und ein Inhalt ist Inhalt nur dadurch, daß er Inhalt eines Ausdrucks ist.“[1]

In der Umgangssprache wird zumeist die Bezeichnung „Begriff“ im Sinne von „Ausdruck“ verwendet, ein Beispiel zum Thema Prekariat:

„Bereits Anfang der 1980er taucht der Begriff in der französischen Soziologie auf, als Bezeichnung für saisonale oder temporäre Beschäftigungen".[2]

Auf der Grundlage einer linguistischen Terminologie taucht allerdings der Ausdruck „Prekariat“ Anfang der 1980er Jahre auf, als Bezeichnung für die damals damit verbundene Vorstellung (den Begriff) der saisonalen Beschäftigung.

Zwischen einem sprachlichen Ausdruck und der Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks ist streng zu unterscheiden[3].

Ausdruck als sprachliche Einheit

Das Wort "Ausdruck" steht zudem auch für eine nicht näher spezifizierte "sprachliche Einheit von beliebiger Länge: Wörter, Wortfolgen, Sätze, Satzfolgen etc."[4] als Elemente der Langue[5].

Ausdruck als Sprachfunktion

Karl Bühler verwendet „Ausdruck“ in seinem Zeichenmodell (eher Kommunikationsmodell) auf einer anderen Ebene. Der Ausdruck ist hier – ausgehend vom Sprecher – ein „Symptom“, drückt beispielsweise dessen Stimmung aus und darf nicht mit dem zeichentheoretischen „Ausdruck“ gleichgesetzt werden (siehe auch: Organon-Modell). In diese Richtung geht die Vorstellung des Ausdrucks in der Ästhetik des 18. Jahrhunderts, die einen subjektiven und suggestiven Kommentar zu einem objektiven Inhalt meint: dasselbe Wort kann mit ängstlichem oder mutigem Ausdruck gesprochen werden, ein musikalischer Ton kann ausdrucksvoll oder ausdruckslos gesungen werden. Hier ist der Ausdruck nicht Stellvertreter für seinen Inhalt, sondern bietet Anhaltspunkte zu seiner Deutung. Zugleich erhielt die textlose Instrumentalmusik als „Ausdruck ohne Inhalt“ eine besondere Bedeutung (vgl. Nonverbale Kommunikation).

Quellen

  1. Louis Hjelmslev: Prolegomena zu einer Sprachtheorie. Hueber, München 1974. S. 30
  2. Aus: DIE ZEIT, 27. April 2006, Online-Ausgabe, zum Begriff/Ausdruck „Prekariat“
  3. Kutschera/Breitkopf, Einführung in die moderne Logik, 8. Aufl. (2007), ISBN 978-3-495-482711, S. 20
  4. Bußmann, Lexikon der Sprachwissenschaft, 3. Aufl. (2002)/Ausdruck
  5. Bußmann, Lexikon der Sprachwissenschaft, 3. Aufl. (2002)/Ausdruck

Literatur

  • Ferdinand de Saussure: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. 2. Aufl. De Greuyter, Berlin 1967, ISBN 3-11-000158-6
  • Karl Bühler: Sprachtheorie: die Darstellungsfunktion der Sprache. UTB, Stuttgart 1999, ISBN 3-8252-1159-2

Siehe auch


Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Ausdruck — (zu lat. expressio) steht für: Ausdruck (Linguistik) die Ausdrucksseite von Sprachzeichen Phrase (Linguistik) eine zusammengehörige Wortgruppe als sprachliche Einheit ein Verhalten wie Mimik oder Gestik, siehe Nonverbale Kommunikation Ausdruck… …   Deutsch Wikipedia

  • Ausdruck (Verhalten) — Dieser Artikel oder Abschnitt bedarf einer Überarbeitung. Näheres ist auf der Diskussionsseite angegeben. Hilf mit, ihn zu verbessern, und entferne anschließend diese Markierung. Als nonverbale Kommunikation (deutsch Verständigung ohne Worte)… …   Deutsch Wikipedia

  • Ausdruck (Logik) — Eine Aussage im aristotelischen Sinn ist ein sprachliches Gebilde, von dem es sinnvoll ist zu fragen, ob es wahr oder falsch ist (so genanntes Aristotelisches Zweiwertigkeitsprinzip). Es ist nicht erforderlich, sagen zu können, ob das Gebilde… …   Deutsch Wikipedia

  • Referent (Linguistik) — Der Referent (auch: Bezugsobjekt; Designat(um), Denotat(um)) ist in der Semiotik und in der allgemeinen Linguistik das, worauf sich ein Zeichen oder ein sprachlicher Ausdruck (Name; Wort) bezieht. Während in der Semiotik, aber auch in der… …   Deutsch Wikipedia

  • Referenz (Linguistik) — Referenz (von lat. referre zurücktragen ) ist in der Sprachphilosophie und der Semantik ein mehrdeutiger Ausdruck: Hauptbedeutung: die Beziehung eines sprachlichen Ausdrucks (z.B. eines Zeichens) zu dem von dem Ausdruck Bezeichneten. Stattdessen… …   Deutsch Wikipedia

  • Valenz (Linguistik) — Der Fachausdruck Valenz (Wertigkeit) bedeutet in der Sprachwissenschaft (Linguistik) die Eigenschaft eines Wortes, andere Wörter „an sich zu binden“[1], Ergänzungen zu „fordern“[2] bzw. „Leerstellen zu eröffnen und die Besetzung dieser… …   Deutsch Wikipedia

  • Angabe (Linguistik) — Der Fachausdruck Valenz (Wertigkeit) bedeutet in der Sprachwissenschaft (Linguistik) die Eigenschaft eines Wortes, andere Wörter an sich zu binden [1], Ergänzungen zu fordern [2] bzw. Leerstellen zu eröffnen und die Besetzung dieser Leerstellen… …   Deutsch Wikipedia

  • Ergänzung (Linguistik) — Der Fachausdruck Valenz (Wertigkeit) bedeutet in der Sprachwissenschaft (Linguistik) die Eigenschaft eines Wortes, andere Wörter an sich zu binden [1], Ergänzungen zu fordern [2] bzw. Leerstellen zu eröffnen und die Besetzung dieser Leerstellen… …   Deutsch Wikipedia

  • Fon (Linguistik) — In der Linguistik ist das Phon (auch: Laut, Sprachlaut) die kleinste unterscheidbare „Lauteinheit im Lautkontinuum“[1] − ein minimales Schallsegment, das noch als selbständig wahrgenommen wird. Der Ausdruck „Phon“ ist mehrdeutig. Er bezeichnet… …   Deutsch Wikipedia

  • Ableitung (Linguistik) — In der Linguistik ist die Derivation (lateinisch, deutsch auch die Ableitung) ein Mittel der Wortbildung. Mit Hilfe von lexikalischen Morphemen (Lexemen/Grundmorphemen) und Affixen (grammatische Morpheme) werden neue Wortformen gebildet, die… …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”