Baynunah-Klasse

Die Baynunah-Klasse ist ein Projekt der Marine der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) zum Bau von hochseefähigen Kampfschiffen mit einem variablen Einsatzspektrum. Es ist die Beschaffung von vier Einheiten (zwei weitere als Option) vorgesehen, die das Rückgrat der neuen VAE-Marine werden sollen. Ihre Hauptaufgaben liegen bei Seeraumüberwachung, Minenkrieg und Überwasserkriegführung innerhalb der Gewässer der Emirate.

Inhaltsverzeichnis

Projektphase

Als mit dem Sturz des Regimes Saddam Husseins im Irak die dringlichste Bedrohung für die Vereinigten Arabischen Emirate wegfiel, stellte sich alsbald heraus, dass die von der VAE-Marine betriebenen überalterten sechs Patrouillenboote der Ardhana-Klasse (175t) nicht mehr den Anforderungen der Kriegführung des 21. Jahrhunderts genügen konnten. Schon 1996 lief deshalb bei der Marine unter dem Namen LEWA-1 eine Studie zum Bau eines geeigneten Ersatzes an. Im Zuge der Bestrebungen der Flotte gab man 2001 im Rahmen der International Defence Exhibition schließlich den Bau von sechs Einheiten unter der offiziellen Klassenbezeichnung Baynunah (nach einer Region bei Abu Dhabi) bekannt. Dabei hielt man sich die Option zur Kiellegung einer zweiten, ebenso großen, Bauserie offen. Den Zuschlag erhielt die Werft ADSB (Abu Dhabi Ship Building) in Musafah.

Schnell erwies sich, dass man aufgrund mangelnder Kapazitäten der einheimischen Werftindustrie um ausländische Mithilfe nicht herum kam. Auf der Euronaval 2002 wurde eine Absprache der ADSB mit der französischen Constructions Mécaniques de Normandie (CMN) in Cherbourg bekannt gegeben. Der Vertrag, der im Dezember 2003 zum Abschluss kam, sah zunächst den Bau von vier Einheiten auf der Basis des französischen Systems Combattante BR-70 im Umfang von 540 Mio $(US) vor. Weiterhin wurde ein Technologietransfer zwischen beiden Unternehmen vereinbart: Die französische Firma stellte dabei personelle und technische Hilfe sowie Unterstützung in der Ausbildung der arabischen Fachkräfte zur Verfügung. Zusätzlich sollte die CMN-Tochter CMN Divisions Systems für die Installation des Waffensystems verantwortlich zeichnen.

Das Typschiff wurde bei CMN in Cherbourg gefertigt, während die übrigen Schiffe von ADSB abgeliefert werden sollten. Die Konstruktion begann im Mai 2005. Im Juli 2005 erfolgte die Bestätigung der optionalen zwei Einheiten. Die Auslieferung der ersten Einheit war für 2008 geplant und anschließend sollten alle sechs Monate eine weitere Einheit abgeliefert werden. Im August 2008 wurde jedoch bekannt, dass sich das Programm um etwa ein Jahr im Verzug befindet. Die Auslieferung des Typschiffs erfolgt somit erst im Jahr 2009 und die sechste Einheit der Klasse soll nun im Dezember 2008 auf Kiel gelegt werden.

Konzeption

Die Anforderungen an den Entwurf sah ein Kleinkampfschiff vor, das sowohl auf hoher See und der Ausschließlichen Wirtschaftszone der Emirate operieren kann (gute Manövrierfähigkeit bis Seegang 5), als auch einen so geringen Tiefgang aufweist, dass es in Küstengewässern voll kampffähig ist. Das Aufgabenspektrum reicht dabei von der Bekämpfung von Überwasser- Luft- und Landzielbekämpfung bis hin zur Seeraumüberwachung und Aufklärung. U-Jagd hat im Rahmen der Sensoren/ Effektoren-Konzeption keinen Platz. Ebenfalls Teil der Ausstattung sollen Stealth-Eigenschaften sein.

Baynunah-Klasse
Technische Daten
Verdrängung: 770t
Länge: 70 m
Breite: 11 m
Tiefgang: 2,8 m
Antrieb: 3 Kamewa Wasserjets, angetrieben von:
  • 4 x MTU 16V 595 TE90 (MW)4 x 4,3 Diesel Maschinen CODAD
Geschwindigkeit: 32 Knoten
Reichweite: 2.400 Seemeilen bei 15 Knoten
Seeausdauer: 14 Tage
Besatzung: 37 Mann
Bewaffnung:
Sensoren / Effektoren:
  • 3D Überwachungsrader Sea Giraffe AMB
  • Feuerleitradar NA-25X
  • Führungs- und Waffeneinsatzsystem IPN-S
  • Link 11
  • Link Y Mk2
  • Laserwarnempfänger
  • ESM-Ausrüstung

Allgemeine Schiffsdaten

Das Ergebnis ist ein Schiff, das mit 70 m Länge, 11 m Breite und 2,8 m Tiefgang ca. 770 t verdrängt. Damit ist es größer als übliche Flugkörperschnellboote der Um Almaradim-Klasse (Combattante I) und kann als Korvette charakterisiert werden. Der Stahlrumpf weist mit seiner V-förmigen Konstruktion und der glatten, strukturarmen Aufbauten aus Aluminium Stealth-Fähigkeiten auf. Die durch die hohe Automatisierung der Schiffssysteme erreichte Reduzierung der Besatzung auf 37 Personen (für weitere 7 existieren Unterbringungsmöglichkeiten) gewährleistet hinsichtlich Wasserreserven, Vorräten und Treibstoff eine Seeausdauer von zwei Wochen. Die gesamte Ausstattung ist modular aufgebaut und erlaubt die Aufwertung mit zusätzlichen Technologien wie Installationen zum Ausbringen von Minen bzw. zu deren Abwehr: Auf dem Helikopterlandeplatz können Schienen zur Aufhängung von Minen angebracht werden, außerdem können ein spezielles Kollisionssonar und eine ROV nachgerüstet werden.

Antrieb

Aufgrund der Forderung nach Kampffähigkeit in flachen Gewässern entschied man sich bei der Wahl des Antriebssystems für eine Kombination aus drei Wasserstrahlantrieben des Typs KaMeWa 112SII, die dem Schiff eine hohe Wendigkeit verleihen. Die zugehörige Maschinenanlage besteht aus vier MTU 16V 595 TE90 Dieselmotoren zu je 4,3 MW. Die installierte Anlage sieht das sogenannte CODAD-Prinzip (Combined Diesel and Diesel) vor, wobei die beiden äußeren Wasserstrahlantriebe von je einer, das innere Triebwerk von zwei Maschinen angetrieben werden. Dadurch ist die gesamte Maschinenanlage in zwei Sektionen hintereinander geschaltet und ihre Einzelkomponenten können unabhängig voneinander betrieben werden. Dieses System verleiht dem Schiff eine Geschwindigkeit von 32 Knoten und eine Reichweite von über 2400 Seemeilen bei einer Marschfahrt von 15 Knoten.

Sensoren und Schiffssysteme

Die beiden Systeme zur Zielerfassung und Zielbekämpfung sind das 3D G-Band Phased Array Seeraumüberwachungsradar Ericsson Sea Giraffe AMB (Agile Multi Beam) und das Feuerleitradar (NA25X) Selex Orion RTN 25 X von Selex Sistemi Integrati (ehem. Alenia Marconi Systems/ AMS). Die Orientierung auf See erfolgt durch ein Terma I-Band Navigations-Radar. Die Sensoren speisen das bzw. werden vom IPN-S Führungs- und Waffeneinsatzsystem (FüWES) gesteuert, welches, unabhängig von den Wetterbedingungen, eine Verarbeitung von bis zu 200 Tracks gleichzeitig in einem Umkreis von 200 km ermöglicht. Zur erweiterten Zielerfassung verfügt das Schiff über das Sagem Vigy EOMS Optronic Anlage, die auch die Beobachtung der Wirkung der eigenen Waffen auf den Gegner ermöglicht. Die Gefechtsführung geschieht von einer bordeigenen Operationszentrale geführt, wo auf sechs Konsolen und einem Großbildschirm das Lagebild aufgebaut werden kann. Ergänzt wird das von den Schiffssystemen selbst erstellte Informationsbild durch externe Quellen wie Kommandozentralen an Land, Aufklärungseinheiten und anderen Schiffen. Die Kommunikation mit diesen Unterstützungskräften geschieht per Link 11 und Link Y MK2. Ein Platform Management System von MTU sowie ein Integrated Bridge System von CAE zur Überwachung aller Schiffssysteme vervollständigen die Ausrüstung. Schließlich verfügt das Gefechtsführungssystem verfügt über die Option einer nachrüstbaren Software Anlage eines Minenfelds.

Waffensysteme

Die Primärbewaffnung des Schiffs besteht aus einem Ensemble aus Lenkwaffen zur Bekämpfung von See- und Luftzielen. Erstere leitet die in der VAE-Marine bereits eingeführte MBDA MM40 Block 3 Exocet, welche in der Lage ist Ziele in einer Entfernung von bis zu 180 km mit ihrem 165 kg Gefechtskopf zu treffen. Sie ermöglicht darüber hinaus den Beschuss von Landzielen. Anfliegende Flugkörper und Luftfahrzeuge können in mittleren Entfernungen mit acht ESSM aus einem zweifachen Vertical Launching System bekämpft werden, das im Bereich des Hangars montiert wurde. Das Schiff verfügt somit, wenn auch limitiert, nicht nur über Selbstschutz- sondern auch potentiell über Verbandsschutzfähigkeiten.

Mit der Oto Melara Super Rapido verfügt die Baynunah-Klasse über ein standardmäßiges Schnellfeuergeschütz (Kadenz 120 Schuss/ min.) mit multifunktionalem Wirkungsspektrum gegen See-, Luft- und Landziele. Leichtere Ziele bekämpft das hinter der Brücke aufgestellte Marineleichtgeschütz MLG 27mm mit einer Schussfolge von 1.700 Schuss pro Minute der Fa. Rheinmetall (Mauser). Ursprünglich waren zu diesem Zweck 30 mm Geschütze von Oto Melara vorgesehen. Im Laufe der Entwicklung kam die Marine der VAE jedoch zum Schluss, dass die Rheinmetall Geschütze den Anforderungen besser entsprechen würden. Der Selbstschutz wird ergänzt durch den rundum schwenkbaren MASS-Täuschkörperwerfer (Multi Ammunition Softkill System) von Rheinmetall, welcher 32 omnispektrale Geschosse verschiedenster Art gegen Waffen mit Suchköpfen mit ultravioletter, optischer, lasergestützter, infrarot oder radargestützter Detektion zum Einsatz bringen und von ihrem Ziel ablenken kann. Elektronische Gegenmaßnahmen können mittels eines NLWS310 Laser-Warnempfängers des Herstellers Saab Avitronics of South Africa, eines Elettronica SLR-736E Electronic Support Measures System (ESM) und eines Thales Altesse Communications ESM getroffen werden. Schließlich ist es möglich, in einem bordeigenen Hangardeck am Heck des Schiffes einen Hubschrauber der 4,5 t Kategorie einzusetzen, der zu Verbindungsmissionen und Bekämpfung von Oberflächenzielen herangezogen werden kann. Möglicherweise soll der bereits in der Marine eingesetzte Eurocopter AS 565 Panther auf den zukünftigen Korvetten stationiert werden.

Weblinks

Siehe auch


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