Wortbildung

Die Wortbildung untersucht und beschreibt Verfahren und Gesetzmäßigkeiten bei der Bildung neuer komplexer Wörter (Lexeme) auf der Basis schon vorhandener sprachlicher Mittel. Hierfür werden sprachliche Elemente wie einfache und komplexe Wörter, Morpheme, Affixe und Fugenelemente eingesetzt. Sie ist also eine Möglichkeit der Wortschatzerweiterung. Weitere Arten der Wortschatzerweiterung sind Entlehnung, Bedeutungswandel und Neuschöpfung. Die Wortbildung ist neben Bedeutungswandel und Entlehnung eines der Hauptverfahren der Bezeichnungsfindung beziehungsweise des Bezeichnungswandels; diese sind Untersuchungsgegenstand der Onomasiologie. Hauptverfahren im Deutschen zur Bildung neuer Wörter ist die Neukombination vorhandener Wörter oder besonderer Wortbildungselemente.

Im Einzelnen beschäftigt sich die Wortbildungslehre mit den Arten, Modellen und Mitteln der Wortbildung: diachronisch als Prozess, synchronisch als Ergebnis. Neben traditionellen, auf das Sprachsystem ('langue') bezogenen Fragestellungen, kristallisiert sich gegenwärtig eine stärker am Sprachgebrauch ('parole') orientierte Forschungsrichtung heraus (vgl. Elsen/Michel 2007 und 2011).

Inhaltsverzeichnis

Klassifikationsmöglichkeiten

Nach Häufigkeit:

  • okkasionell: spontan entstandene, kontextabhängige Gelegenheitsbildungen; Bedeutung aus den Bestandteilen herleitbar (z. B. Mauermond, Kernvorstellung)
  • usuell: in den festen Wortschatz eingegangene Bildungen; oft demotiviert (z. B. Augenblick, Faustregel)
  • unmöglich: systematisch blockierte Bildungen, meistens durch semantische Regularitäten (z. B. *schlafbar, *tischsicher, *fehlergroß) aber auch lexikalisch blockiert (z. B. *Stehler)

Nach Produktivität:

  • produktiv: die Wortbildungsmethode ist in der Gegenwartssprache noch zur Bildung neuer Wörter verwendbar (z. B. –ung, -er, -bar)
  • unproduktiv: die Wortbildungsmethode ist in der Gegenwartssprache nicht mehr zur Bildung neuer Wörter verwendbar, war jedoch in der Vergangenheit produktiv (z. B. –t wie in Fahrt, -de wie in Freude)

Einheiten der Wortbildung

Zu den Verfahren morphologischer Wortbildung zählen Affigierung mit Suffigierung, Präfigierung, Infigierung und Zirkumfigierung, die Komposition mit ihren Untergruppen: reine Komposition (Substantivkomposita und Adjektivkomposita) und das kombinierte Verfahren aus Komposition und Suffigierung.

Als Einheiten der Wortbildung gelten die sprachlichen Elemente, die zur Bildung neuer Wörter verwendet werden:

  • Wort: Wörter werden in Texten als Wortformen realisiert: Sohn – der Hund des Sohnes; Mann – dem Manne muss geholfen werden, Männer stehen auf der Straße.
  • Konfix: Konfixe sind Einheiten, die in Texten nur gebunden vorkommen: ident-, geo-, dog-, thermo-, bio-, -phil. Konfixe sind vor allem entlehnte Einheiten. Aber auch solche einheimischen Einheiten wie stief-, schwieger- und zimper- werden als Konfixe bezeichnet.
  • Wortbildungsaffix: Wortbildungsaffixe (auch: Derivateme genannt) sind im Gegensatz zu Wörtern gebunden und im Gegensatz zu Wörtern und Konfixen nicht basisfähig, d. h. Affixe können nicht mit sich selbst Wörter bilden: mutig, ermutigen. Die Wortbildungsaffixe werden ihrer Stellung entsprechend in Präfixe (un-, ur-), Suffixe (-heit, -lich) und Zirkumfixe (ge-…-e in Gerede) gegliedert
  • Satz und Phrase: Satz: Mein Haus steht im Wald! und Phrasen: grüne Bohnen, blaue Augen
  • Fugenelement: Zwischen segmentierbaren Einheiten befindet sich eine Fuge, sie wird mitunter durch ein Fugenelement ausgefüllt: Hochzeit-s-torte, Therm-o-meter
  • Unikale Einheit: Ehemalige Wörter (z. B. lind ‚Schlange‘) sind heute als selbstständige Einheiten veraltet, treten aber noch gebunden an eine bestimmte andere Einheit in Komposita oder expliziten Derivaten auf: Lindwurm, Schornstein, Himbeere.

Ursachen der Wortbildung

Die Erweiterung des Wortschatzes verlangt nach der Bildung von Wörtern. Die Mehrzahl aller Wörter entsteht durch Wortbildung, seltener sind Entlehnungen oder Wortschöpfungen zu finden.

Gründe für die Entstehung von Worten können mannigfaltiger Natur sein.

Hauptgründe

  • Benennungsbedürfnis, d. h. das Erfordernis, Bezeichnungslücken zu schließen
  • Notwendigkeit, ein neues sprachliches Zeichen zu schaffen (Nähmaschine, Umweltschutz)
  • Sprachkulturelle Ursachen als Ausgangspunkt der Wortbildung: fragenFrage, Frager, Fragerei, be-, er-, aus-, hinterfragen, fraglich, fraglos
  • Flexionslücken auffüllen: SchneeSchneemassen, KaffeeKaffeesorten, ElternElternteil
  • Eindeutigkeit schaffen: FederVogelfeder, Schreibfeder, Sprungfeder

Spezifische Gründe

  • Bedürfnis, vorhandene Bezeichnungen zu ersetzen und zu ergänzen.

Pragmatische Gründe

  • Wandel von FremdarbeiterGastarbeiterMenschen mit Migrationshintergrund oder auch AltersheimFeierabendheimSeniorenheim

Sprachökonomie

Vor allem Wörter mit drei oder vier Silben werden oft gekürzt, wenn sie im sozialen Umfeld oder am Arbeitsplatz häufig gebraucht werden.

  • Familiär: JohannesHans, ElisabethLisi
  • Schule: HausaufgabenUfzgi, ComputerCompi
  • Umgangssprachlich: OperationssaalOP, UniversitätUni

Expressivität und Ausdrucksstärke

  • sauberblitzsauber, reaktionärerzreaktionär.

Subjektive Ursachen

  • gezieltes Einsetzen in der Werbung: Schmusewolle, Superaufprallschutz, megasauber.
  • Bestreben, eine soziale Umwertung zu erreichen: Fremdarbeiter vs. Gastarbeiter, Raumpflegerin vs. Putzfrau

Verfahren der Wortbildung

Häufige Verfahren:

  • Derivation (Ableitung) (z. B. täglich)
  • Komposition (Zusammensetzung) (z. B. Haustür)
  • Konversion (Wortart ändert sich (Wortart oder auch flektiertes Wort ohne Veränderung der Form)) (z. B. rennen und Rennen)

Seltenere Verfahren:

Ein überarbeitetes Gesamtmodell, das Forschungsergebnis der kognitiven Sprachwissenschaft berücksichtigt, ist 2002 von Joachim Grzega aufgestellt worden. Weitere Gesamtmodelle: Donalies, Erben, Fleischer/Barz etc.

Der Vorgang der Entlehnung als Wortschatzerweiterung kann vom eigentlichen Begriff Wortbildung abgegrenzt werden, da bei ihnen eigene Gesetzmäßigkeiten herrschen. Jedes neugebildete Wort tritt zunächst okkasionell auf. Im Falle einer Usualisierung wird ein neugebildetes Wort gewöhnlich auf eine seiner Bedeutungen reduziert. Dieser Vorgang wird Lexikalisierung genannt. Es existieren Bereiche, in denen Wortbildung und Flexion sich überlappen, etwa speziell bei der Derivation. Z. B. Partizipien treten oft usualisiert auf und werden häufig als Derivate angesehen, weniger als Flexionsformen.

Literatur

  • Hans Altman, Silke Kemmerling: Wortbildung fürs Examen. Studien- und Arbeitsbuch. Westdeutscher Verlag GmbH, Wiesbaden: ²2000, ISBN 3525265018.
  • Hadumod Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2002, ISBN 3-520-45203-0.
  • David Crystal: A Dictionary of Linguistics & Phonetics. Blackwell Publishing: 1997, ISBN 0631200975.
  • Elke Donalies: Die Wortbildung des Deutschen. Ein Überblick. 2. Auflage. Narr, Tübingen 2005, ISBN 3-8233-5157-5.
  • Elke Donalies: Basiswissen Deutsche Wortbildung. UTB, Tübingen. 2007, ISBN 978-3-8252-2876-7.
  • Hilke Elsen/Sascha Michel (2007): „Wortbildung im Sprachgebrauch. Desiderate und Perspektiven einer etablierten Forschungsrichtung“. In: Muttersprache 1/2007, 1-16.
  • Hilke Elsen/Sascha Michel (2011): Wortbildung im Deutschen zwischen Sprachsystem und Sprachgebrauch. Perspektiven – Analysen – Anwendungen. Stuttgart, ibidem, ISBN 978-3-8382-0134-4.
  • Johannes Erben: Einführung in die deutsche Wortbildungslehre. 3. neubearbeitete Auflage. Schmidt, Berlin 1993, ISBN 3-503-03038-7.
  • Edward Finegan: Language – Its Structure and Use. Harcourt Brace & Company 1999.
  • L. M. Eichinger: Deutsche Wortbildung: eine Einführung. Groos, Heidelberg 1994.
  • Wolfgang Fleischer, Irmhild Barz, unter Mitarbeit von Marianne Schröder: Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. 2., durchgesehene und ergänzte Auflage. Niemeyer, Tübingen 1995, ISBN 3-484-10682-4.
  • Bernd Kortmann: Linguistik: Essentials. Anglistik – Amerikanistik. Cornelsen. 1999.
  • Ingeburg Kühnhold, Oskar Putzer, Hans Wellmann u. a.: Deutsche Wortbildung. Typen und Tendenzen in der Gegenwartssprache. Dritter Hauptteil: Das Adjektiv. Schwann, Düsseldorf 1978, ISBN 3-590-15643-0.
  • Ingeburg Kühnhold, Hans Wellmann: Deutsche Wortbildung. Typen und Tendenzen in der Gegenwartssprache. Erster Hauptteil: Das Verb. Schwann, Düsseldorf 1973, ISBN 3-7895-0232-4.
  • M. Matussek: Wortneubildung im Text. Helmut Buske Verlag, Hamburg 1994.
  • W. Motsch: Deutsche Wortbildung in Grundzügen. de Gruyter, Berlin/New York 1999.
  • B. Naumann: Einführung in die Wortbildungslehre des Deutschen. 2. neubearbeitete Auflage. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1986, ISBN 3-484-25004-6.
  • Susan Olsen: Wortbildung im Deutschen. Kröner, Stuttgart 1986, ISBN 3-520-66001-6.
  • Lorelies Ortner, Elgin Müller-Bollhagen, u. a.: Deutsche Wortbildung. Typen und Tendenzen in der Gegenwartssprache. Vierter Hauptteil: Substantivkomposita. (Komposita und kompositionsähnliche Strukturen 1). de Gruyter, Berlin/New York 1991, ISBN 3-11-012444-0.
  • Ingo Plag: Word-Formation in English. University Press, Cambridge 2003.
  • Maria Pümpel-Mader, Elsbeth Gassner-Koch, Hans Wellmann unter Mitarbeit von Lorelies Ortner: Deutsche Wortbildung. Typen und Tendenzen in der Gegenwartssprache. Fünfter Hauptteil: Adjektivkomposita und Partizipialbildungen. (Komposita und kompositionsähnliche Strukturen 2). de Gruyter, Berlin/New York 1992, ISBN 3-11-012445-9.
  • M. D. Stepanova, W. Fleischer: Grundzüge der deutschen Wortbildung. 1. Auflage. VEB Bibliographisches Institut Leipzig, Leipzig 1985.
  • Heinz Vater: Einführung in die Sprachwissenschaft. Wilhelm Fink Verlag, München 2002, ISBN 3-8252-1799-X.
  • Hans Wellmann: Deutsche Wortbildung. Typen und Tendenzen in der Gegenwartssprache. Zweiter Hauptteil: Das Substantiv. Schwann, Düsseldorf 1975, ISBN 3-590-15632-5.

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Wortbildung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

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