Able Archer 83

Able Archer 83 (dt.: tüchtiger Schütze) war eine europaweite zehntägige NATO-Kommandostabsübung, die ab dem 2. November 1983 einen Atomkrieg simulierte. Der hohe Realitätsgrad, die strenge Geheimhaltung sowie das zu dieser Zeit besonders angespannte Verhältnis zwischen den USA und der UdSSR führten im Warschauer Pakt zu dem Verdacht, es handele sich bei der Übung um einen Deckmantel für einen tatsächlich unmittelbar bevorstehenden Nuklearschlag. Dies zog die Alarmierung konventioneller Streitkräfte und nuklearer Trägersysteme in Osteuropa nach sich. Able Archer 83 war eines der Ereignisse im Kalten Krieg, bei denen ein Atomkrieg unmittelbar drohte.[1]

Inhaltsverzeichnis

Zunehmende Spannungen

US-Mittelstreckenrakete Pershing II

Seit dem Ende der 1970er Jahre hatten die nukleare Nachrüstung der NATO (NATO-Doppelbeschluss) als Folge des Agierens der Sowjetunion (Stationierung von SS-20, Sowjetisch-Afghanischer Krieg) zu einer Verschärfung des Kalten Krieges geführt. Beide Supermächte rechneten verstärkt mit einem nuklearen Erstschlag der Gegenseite. Im Februar 1981 begann die NATO unter US-Führung mit einer Reihe von Aktionen der Psychologischen Kriegsführung: NATO-Flottenverbände kreuzten verstärkt im Nordatlantik, der Ostsee und im Schwarzen Meer. Zusätzlich näherten sich US-Bomber wiederholt dem sowjetischen Luftraum extrem nahe an, um die Bereitschaft der NATO für einen Nuklearschlag zu demonstrieren und die Leistungsfähigkeit der sowjetischen Luftabwehr zu testen.[2]

Auf sowjetischer Seite führte diese Entwicklung im Mai 1981 zur im Westen so genannten Operation RJaN: Ausgehend von der Annahme, dass die NATO einen nuklearen Erstschlag vorbereite, startete das KGB eine seiner größten Spionageoperationen. In deren Verlauf sollten Agenten aufklären, wie genau der befürchtete westliche Angriff geplant war und wann er stattfinden sollte.

Im Jahr 1983 nehmen die Spannungen zu. Der Eindruck eines bevorstehenden Atomschlags wurde durch eine Reihe von Ereignissen im Laufe des Jahres verstärkt. Am 23. März 1983 verkündete US-Präsident Ronald Reagan den Beginn des Raketenabwehrprogramms SDI, das von der Sowjetunion als Versuch angesehen wurde, das Rüstungsgleichgewicht auszuhebeln.[3]

Ein Selbstmordattentäter verübte am 18. April 1983 im vom Bürgerkrieg geplagten Libanon einen Bombenanschlag auf die US-Botschaft in Beirut, bei dem über 60 Menschen starben.

Am 1. September 1983 führte der Abschuss des Korean-Airlines-Flugs 007 durch sowjetische Abfangjäger zu einer weiteren Eskalation der internationalen Lage.

Das alljährliche Herbstmanöver der US-Armee Reforger FTX - Confident Enterprise fand zwischen dem 19. September und 30. September 1983 statt. Wie üblich wurden große Truppenverbände aus den USA eingeflogen.

Unmittelbar vor Able Archer kam es in der Nacht zum 26. September zu einer Fehlfunktion des sowjetischen Raketenfrühwarnsystems. Fälschlich wurde ein Angriff mit fünf Interkontinentalraketen vom Gebiet der USA aus gemeldet. Das besonnene Handeln des sowjetischen Oberstleutnants Stanislaw Petrow [4]verhinderte einen nuklearen „Gegenschlag“.[5]

Am 22. Oktober 1983 versammelten sich eine halbe Million Menschen auf einer großen Kundgebung im Bonner Hofgarten, um für Frieden und Abrüstung und gegen den NATO-Doppelbeschluss zu demonstrieren.

Bei einem Anschlag auf einen US-Stützpunkt in der libanesischen Hauptstadt Beirut wurden am 23. Oktober 1983 insgesamt 241 US-Soldaten und 58 französische Fallschirmjäger getötet. Daraufhin wurden US-Militärstützpunkte rund um den Globus in Alarmbereitschaft versetzt.

Am 25. Oktober 1983 begann mit der Operation Urgent Fury die US-Invasion in Grenada.

Die geplante Aufstellung der Pershing-II-Raketen stand unmittelbar bevor. Gegenüber ihren Vorgängern konnte die Mittelstreckenrakete Moskau in fünf Minuten erreichen. Sie wurde als Waffe für den atomaren Erst- bzw. Enthauptungsschlag angesehen.

Nach dem jährlichen öffentlichen Herbst-Manöver begann am 2. November 1983 unter sehr realistischen Bedingungen die nicht alltägliche zehntägige NATO-Kommandostabsübung Able Archer 83.

Das Manöver

Mobile Abschussrampe MAZ-547V für die sowjetische SS-20

Vermutlich wurde das KGB bereits Anfang 1983 auf die Vorbereitungen für Able Archer aufmerksam. Im Februar wies die Moskauer Zentrale ihre Agenten an, gezielt Entscheidungsträger der NATO-Staaten sowie das Bedienungspersonal der Waffensysteme zu überwachen, die an einem atomaren Angriff hätten beteiligt sein können. Möglicherweise ist die Anweisung auf eine erhöhte Aktivität dieses Personenkreises bei der Manövervorbereitung zurückzuführen - sie war den sowjetischen Agenten aufgefallen. Im Oktober 1983 registrierte die UdSSR zudem einen Anstieg der verschlüsselten Kommunikation zwischen Großbritannien und den USA. Dies war zwar auf die US-Invasion in Grenada zurückzuführen, passte aber in das sowjetische Bild eines bevorstehenden Atomschlags.

Able Archer spielte sich vom 2. bis 9. November 1983 vor allem auf der Kommando- und Kommunikationsebene der europäischen NATO-Staaten ab und sollte dort mit einem hohen Realitätsgrad die Vorgänge während eines Atomkriegs simulieren. Das Manöver unterschied sich von denen der Vorjahre aus Sicht der UdSSR in drei wesentlichen, beunruhigenden Punkten. Erstmals wurden die Regierungschefs von NATO-Ländern wie Margaret Thatcher und Helmut Kohl eingebunden, was dem Manöver politisches Gewicht verlieh. Dermaßen hochrangige Aktivitäten, verbunden mit einem simulierten Ausrufen aller DEFCON-Stufen von fünf bis eins und neuen Funkverschlüsselungsmethoden, die im Rahmen der Übung erstmals im großen Maßstab verwendet wurden, versetzten die sowjetische Seite in Alarm.[6] Am 8. oder 9. November gab der KGB seinen Residenten in aller Welt Anweisung, alle erreichbaren Quellen zur Aufklärung des drohenden Nuklearangriffs heranzuziehen. Nach den Informationen des damaligen Topspions Rainer Rupp, der unter dem Decknamen Topas tätig war, deutete nichts darauf hin, dass ein NATO-Angriff bevorstand. Der damalige Generaloberst des KGB Wladimir Alexandrowitsch Krjutschkow war jedoch nicht von seiner Überzeugung abzubringen, dass ein amerikanischer Atomschlag konkret geplant sei.

Entsprechend seiner Militärdoktrin, die mit einer siebentägigen Vorbereitungszeit für einen Atomangriff der NATO rechnete, versetzte der Warschauer Pakt in dieser Situation seinerseits Truppen in der DDR und im Baltikum in Alarmzustand, um der westlichen Bedrohung zuvorzukommen. Ob tatsächlich auch ein sowjetischer Nuklearschlag vorbereitet wurde, ist in der Forschung umstritten. Weder das Politbüro noch die Führungsebene des sowjetischen Verteidigungsministeriums schienen von diesen Vorgängen unterrichtet gewesen zu sein. Teilweise registrierte der amerikanische Geheimdienst CIA diese Aktivitäten, so die Alarmierung von atomar bestückbaren Bomberverbänden in der Tschechoslowakei, der Volksrepublik Polen und der DDR. Der später in Großbritannien übergelaufene KGB-Oberst und Doppelagent Oleg Antonowitsch Gordijewski lieferte in dieser Zeit wichtige Informationen über die Reaktion der Sowjetunion auf das Manöver. Den leitenden NATO-Offizieren wurde bewusst, in welch gefährlicher Situation sich die Supermächte befanden und es wurde angeordnet, die Übung nicht bis in alle Details auszuspielen.[7] Insbesondere die geplante Teilnahme hochrangiger Regierungsmitglieder inklusive des amerikanischen Präsidenten Reagan selbst, die deren Unterbringung in Kommandobunkern beinhaltete, wurde abgebrochen. Reagan zeigte sich im Weißen Haus, machte dann einen Kurzurlaub auf seiner Ranch und stellte sicher, dass das in den Medien berichtet wurde.[8] Als Able Archer am 11. November endete, hob auch die UdSSR schnell ihre Kriegsvorbereitungen auf.

Reaktionen

Öffentlich bekannt wurden die Vorfälle ab 1989.

Von sowjetischer Seite wurde niemals offiziell bestätigt, dass Able Archer 83 militärische Reaktionen ausgelöst hätte oder das Manöver auch nur wahrgenommen worden wäre. Der stellvertretende Generalstabschef Sergei Fjodorowitsch Achromejew konnte sich nicht erinnern, dass aufgrund des NATO-Manövers ein Alarm ausgelöst worden wäre. Auch Gorbatschow bezeugte, dass im Politbüro, dem er damals angehörte, die Angelegenheit nicht erörtert wurde.[9]

Einige politische Kommentatoren spekulieren, dass der unmittelbar drohende Atomkrieg im Verlauf des Manövers zu einer Wende in der Politik des US-Präsidenten Ronald Reagan hin zur Entspannungspolitik gegenüber der UdSSR beigetragen habe. Reagan schrieb in seinen Memoiren, dass ihm erst nach dieser Krise bewusst wurde, wie stark die sowjetische Führung sich vor einem US-amerikanischen Atomerstschlag gefürchtet hätte.[10]

Filme/Filmdokumtationen

  • 1983. Am atomaren Abgrund (Originaltitel: Soviet War Scare 1983), TV-Doku-Drama 2007.[11]
  • 1983: The Brink of Apocalypse - Channel 4, January 5, 2008
  • 1983 - Die Welt am Abgrund - ZDF-History am 27. Februar 2011 (Zusammen mit dem Satellitenfehler von Petrow)

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Bruce Kennedy: War games. In: CNN Interactive. Abgerufen am 25. September 2008 (engl.).
  2. Benjamin B. Fischer: A Cold War Conundrum: The 1983 Soviet War Scare. In: Central Intelligence Agency. 19. März 2007, abgerufen am 25. September 2008 (engl.): „RYAN may have been a response to the first in a series of US psychological warfare operations (PSYOPs in military jargon) initiated in the early months of the Reagan administration“
  3. Frank Umbach: Das rote Bündnis - Entwicklung und Zerfall des Warschauer Paktes 1955 bis 1991, S. 222 ff., Ch. Links Verlag, 2005, ISBN 3861533626
  4. Spiegel.de Vergessener Held, abgerufen am 1. Mai 2010
  5. Zeit.de Petrows Entscheidung, abgerufen am 1. Mai 2010
  6. Heise.de Die RYAN-Krise – als der Kalte Krieg beinahe heiß geworden wäre, abgerufen am 1. Mai 2010
  7. Paul Rodgers: From Evil Empire to Axis of Evil. In: Oxford Research Group. November 2007, abgerufen am 25. September 2008 (engl.).
  8. 1983 - Die Welt am Abgrund. In ZDF History am 27. Februar 2011, (Min.: 41:00-44:15)
  9. Raymond L. Garthoff: The Great Transition: American-Soviet Relations and the End of the Cold War. S. 139ff..
  10. Ronald Reagan: An American Life. S. 585ff..
  11. http://www.imdb.com/title/tt1137428/

Literatur

  • Stephen J. Cimbala: Through a Glass Darkly: Looking at Conflict Prevention, Management, and Termination. Greenwood Publishing Group 2001, ISBN 0275971848, S. 23-53, bes. S. 30-42 (Auszug in der Google Buchsuche)

Weblinks


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