Tschechoslowakei
Československo (tschechisch)
Česko-Slovensko (slowakisch)
Tschechoslowakei
Flagge der Tschechoslowakei
Wappen der Tschechoslowakei
Flagge Wappen
Wahlspruch: Die Wahrheit siegt!
(Tschechisch Pravda vítězí, Slowakisch Pravda víťazi, ab 1989 auf Latein: Veritas Vincit)
Amtssprache 1918–1938: sog. Tschechoslowakisch

1938–1939 und 1945–1992: Tschechisch, Slowakisch

Hauptstadt Prag
Staatsform 1918–1938 und 1945–1969: Republik
1938–1939 und 1969–1992: föderative Republik
Regierungsform 1918–1938, 1945–1948 und 1990–1992: Parlamentarische Demokratie
1938–1939: Autoritarismus
1948–1990: Einparteienherrschaft
Staatsoberhaupt Präsident der Tschechoslowakei
Regierungschef Ministerpräsident der Tschechoslowakei
Fläche 127.876 km²
Einwohnerzahl 15,7 Millionen
Bevölkerungsdichte 123 Einwohner pro km²
Währung Tschechoslowakische Krone
Unabhängigkeit 28. Oktober 1918 bis
31. Dezember 1992
Nationalhymne Kde domov můj und Nad Tatrou sa blýska
(hintereinander gespielt)
Nationalfeiertag 28. Oktober
(Staatsgründung 1918)
Zeitzone UTC +01:00
Kfz-Kennzeichen CS
Internet-TLD .cs (nicht mehr existent)
Fläche und Bevölkerung beziehen sich auf das Jahr 1993
Lage der Tschechoslowakei im veränderten Europa 1918–1938 und 1945/49–1990/92
Lage der Tschechoslowakei im veränderten Europa 1918–1938 und 1945/49–1990/92

Die Tschechoslowakei war ein mitteleuropäischer Staat auf dem Gebiet Tschechiens und der Slowakei sowie bis zum Zweiten Weltkrieg eines kleinen Teils der heutigen Ukraine. Nach 1948 gehörte sie zu den RGW-Staaten Osteuropas, ab 1955 zum Warschauer Pakt und somit zum so genannten Ostblock. Nach dem Sturz des kommunistischen Regimes wurde der Bundesstaat 1992 in die selbständigen Staaten Tschechien und Slowakei geteilt. Die Tschechoslowakei war Gründungsmitglied der Vereinten Nationen und trat 1991 dem Europarat bei.

Inhaltsverzeichnis

Landesname

Der verwendete und offizielle Landesname hat eine wechselvolle Geschichte, die vor der Trennung in Tschechien und Slowakei 1992 gar im sogenannten Gedankenstrich-Krieg gipfelte. Folgende Bezeichnungen waren außer Tschechoslowakei im Gebrauch:[1]

Kurzform:

  • 1918–1920, 1938–1939 und 1990–1992 auch Tschecho-Slowakei

Langform:

  • amtlich 1918–1938 und 1945–1960: Tschechoslowakische Republik (ČSR); tschechisch und slowakisch Československá republika
  • 1918–1920[2] und 1938–1939 Tschecho-Slowakische Republik (Č-SR); tschechisch und slowakisch Česko-Slovenská republika
  • 1960–1990 Tschechoslowakische Sozialistische Republik (ČSSR); tschechisch und slowakisch Československá socialistická republika
  • 1990–1992 Tschechische und Slowakische Föderative Republik (ČSFR); tschechisch Česká a Slovenská Federativní Republika; slowakisch Česká a Slovenská Federatívna Republika)

Geographie

Tschechoslowakei 1920–1938

Die Tschechoslowakei bestand aus den Ländern Böhmen, Mähren und Mährisch-Schlesien (das ehemalige Österreichisch-Schlesien mit dem vorher preußischen Gebiet um Hultschin, aber ohne einen Gebietsstreifen östlich von Teschen, der an Polen fiel), der Slowakei und – bis 1939 – Karpatenrussland (Podkarpatská Rus, Karpatoukraine, heute Karpatenukraine).

Der Staat hatte Grenzen zu Österreich, Ungarn, der Ukraine (ab 1991, davor 1945–1991 der Sowjetunion), Rumänien (bis 1939), Polen und Deutschland (beziehungsweise 1949–1990 der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland).

Bevölkerung

Sprachenkarte der Tschechoslowakei nach der Volkszählung von 1930

In dem 1918 entstandenen Staat bildeten die Tschechen und Slowaken nicht die gesamte Bevölkerung – etwa ein Drittel gehörten anderen Nationalitäten an. Der Vielvölkerstaat umfasste bei einer Volkszählung 1921 mit 8,761 Mio. Tschechen und Slowaken auch 3,1 Mio. Deutsche (23 %), die damit die Anzahl der Slowaken überstiegen, sowie große Minderheiten von Magyaren, Russinen, Ukrainern, Juden und Polen. Das Sudetenland war bis 1945 mehrheitlich deutsch besiedelt.

Durch die so genannten Beneš-Dekrete kam es nach 1945 zur Vertreibung der Deutschen und zum tschechoslowakisch-ungarischen Bevölkerungsaustausch. Die Tschechoslowakei wurde als Tschechoslowakische Republik nach dem Zweiten Weltkrieg und den Jahren der deutschen Besatzung als Staat der slawischen Völker der Tschechen und Slowaken wieder gegründet. Die Amtssprachen waren dementsprechend Tschechisch und Slowakisch.


Nationalitäten der Tschechoslowakei 1921[3]


Gesamteinwohnerzahl 13,613 Mio.
Tschechoslowaken1 8,761 Mio. 64,35 %
Deutsche 3,123 Mio. 22,94 %
Ungarn 0,745 Mio. 5,47 %
Russen (Großrussen, Ukrainer, Karpatorussen)2 0,461 Mio. 3,38 %
Juden 0,180 Mio. 1,32 %
Ausländer3 0,238 Mio. 1,74 %
Polen und andere 0,102 Mio. 0,75 %

1 davon 1,967 Mio. Angehörige des „slowakischen Zweigs der tschechoslowakischen Nationalität“, d. h. Slowaken (davon 1,942 Mio. in der Slowakei); diese Angabe wurde von den Behörden erst anlässlich der Volkszählung von 1930 nachträglich veröffentlicht
2 d. h. in heutiger Terminologie Russen, Ukrainer und Russinen
3davon 94.400 Deutsche, 34.200 Polen, 16.400 Ungarn und 58.700 Tschechoslowaken (zurückgekehrte Emigranten sowie Kinder und Frauen von Ausländern)

Geschichte

Erste Republik

Die Tschechoslowakei 1928

Der Staat Tschechoslowakei entstand durch den Zerfall Österreich-Ungarns nach dem Ersten Weltkrieg. Nach der Niederlage der Donaumonarchie im Ersten Weltkrieg wurden die Bestrebungen der Tschechen und Slowaken nach nationaler Selbstbestimmung auch durch die Alliierten unterstützt. Am 28. Oktober 1918 wurde in Prag der neue Staat proklamiert. Durch die Verträge von Saint-Germain und Trianon von 1919 war das Ende der Donaumonarchie und damit die Anerkennung der ČSR fixiert.

Die NSDAP unter Adolf Hitler unterstützte vor allem nach ihrer Machteroberung 1933/34 im Deutschen Reich die Sudetendeutsche Partei Konrad Henleins und verschärfte so die Konflikte zwischen den Nationalitäten der Tschechoslowakei. Als Hitler erwog, die Randgebiete mit mehrheitlich deutscher Bevölkerung (Sudetenland) zu annektieren, sprachen unter Vermittlung durch den italienischen Diktator Benito Mussolini im Münchner Abkommen vom 29. September 1938 zur Lösung der Sudetenkrise Großbritannien, Frankreich und Italien dem Deutschen Reich diese Randgebiete zu. Die britische und französische Regierung hofften, durch Befriedigung von Hitlers Gebietsinteressen einen Krieg abzuwenden. Im Wiener Schiedsspruch übertrugen Vertreter der deutschen und der italienischen Regierung den Süden der Slowakei und die Karpatoukraine an Ungarn. Das Teschener Gebiet wurde von Polen besetzt.

Der Fortbestand der Tschechoslowakei als sogenannte Zweite Republik auf dem verbliebenen Staatsgebiet währte nach ihrer Abtretung nur kurz. Im März 1939 besetzten deutsche Truppen die sogenannte Rest-Tschechei und stellten sie als Protektorat Böhmen und Mähren unter deutsche Verwaltung. Im slowakischen Landesteil wurde die Slowakische Republik, ein Staat unter deutschem „Schutz“, gebildet, die Karpatenukraine wurde von Ungarn annektiert. Teile der tschechoslowakischen Regierung hatten sich ins Ausland abgesetzt und bildeten unter Edvard Beneš ab 1940 in London eine Exilregierung. An der Seite der Westalliierten und der Roten Armee kämpften Tschechen und Slowaken für die Befreiung ihres Landes.

Wiedererrichtung der ČSR und Februarumsturz (1945–1948)

Lage der Tschechoslowakei in Europa zwischen 1949 und 1990
Flagge der Tschechischen Republik innerhalb der Föderation 1990–1992 (Hauptstadt: Prag)
Flagge der Slowakischen Republik innerhalb der Föderation 1990–1992 (Hauptstadt: Bratislava)

Nach Kriegsende 1945 ist die Tschechoslowakische Republik in den Grenzen aus der Zeit vor dem Münchner Abkommen wiedererstanden,[4] ausgenommen die Karpatoukraine, die der Sowjetunion überlassen werden musste. Die deutsche Bevölkerung vor allem in Tschechien wurde überwiegend vertrieben oder ausgesiedelt. Als Satellitenstaat der UdSSR wurde das Land Teil des Ostblocks und Mitglied des Warschauer Paktes, außerdem des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe.

Nach dem Februarumsturz 1948 betrieb die ČSR uneingeschränkt die stalinistische Politik der Sowjetunion. Weil Beneš die neue Verfassung vom Mai 1948 nicht unterschreiben wollte, trat er zurück und Klement Gottwald wurde Präsident.

Tschechoslowakische Sozialistische Republik (1960–1990)

Durch die Verfassung von 1960 wurde der Staat in die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (ČSSR) umbenannt und der kommunistische Führungsanspruch festgeschrieben.

1968 kam es unter dem Parteichef der Kommunistischen Partei Alexander Dubček zum Versuch einer „Vermenschlichung“ des kommunistischen Staates. Der Prager Frühling sollte einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ schaffen, wurde aber von der Sowjetunion und den anderen kommunistischen Staaten mit Waffengewalt niedergeschlagen. Als einziger Punkt des allgemein untergegangenen Reformprogrammes konnte die Föderalisierung der ČSSR umgesetzt werden. Diese wurde am 28. Oktober 1968, dem 50. Jahrestag der tschechoslowakischen Unabhängigkeit, ausgerufen. Fortan bildeten zwei Teilrepubliken, die Tschechische Sozialistische Republik und die Slowakische Sozialistische Republik, die ČSSR. Allerdings gab es auch bei dieser Reform von sowjetischer Seite eine starke Einschränkung: Es gab zwar eine slowakische, nicht aber eine tschechische Kommunistische Partei. Für die alles entscheidende Parteilinie blieb weiterhin das Zentralkomitee der KPČ in Prag und dessen Präsidium zuständig.

Die Bevölkerung der Tschechoslowakei verfiel nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ von 1968 in Resignation. Doch entstand 1977 mit der Charta 77 unter dem Schriftsteller Václav Havel eine Bürgerrechtsbewegung, die seit 1988 zu politischen Aktionen aufrief.

Im November 1989 kam es unter dem Eindruck des Reformprogramms von Michail Gorbatschow in der Sowjetunion zu mehrtägigen Demonstrationen in Prag und anderen Städten. Nach tagelangen Protesten trat die kommunistische Führung zurück. Nach dieser „Samtenen Revolution“, einer verhältnismäßig friedlichen und gewaltlosen Erhebung des Volkes, endete das Regime der Kommunistischen Partei. Anfang Dezember wurde unter dem Reformkommunisten Marián Čalfa eine mehrheitlich nichtkommunistische Regierung gebildet. Ende Dezember wurde der Bürgerrechtler Havel zum Staatspräsidenten gewählt. Im Juni 1990 fanden die ersten freien Parlamentswahlen seit 1945 statt. Es siegten das tschechische Bürgerforum und die slowakische Öffentlichkeit gegen Gewalt, die zusammen die Regierung bildeten.

Tschechische und Slowakische Föderative Republik (1990–1992)

Es zeichnete sich bald ab, dass der föderative Staat „Tschechoslowakei“ auf Dauer keinen Bestand mehr haben werde. Zu den ersten Zerwürfnissen kam es während des sogenannten Gedankenstrich-Krieges um die Landesbezeichnung. Von April 1990 bis Ende 1992 hieß das Land Die Tschechische und Slowakische Föderative Republik (ČSFR; vereinzelt auch als Tschechoslowakische Bundesrepublik bezeichnet) mit den Kurzformen Tschechoslowakei in Tschechien beziehungsweise Tschecho-Slowakei in der Slowakei. Aufkommende Interessenskonflikte zwischen den beiden Landesteilen führten 1992 zum Ende der Tschechoslowakei. Ohne Referendum wurde vom Parlament die Auflösung der Föderation zum 31. Dezember 1992 und damit die Bildung der beiden Neustaaten Tschechien und Slowakei zum 1. Januar 1993 beschlossen.

Siehe auch

Literatur

  • Rüdiger Kipke: Abschied von der Tschechoslowakei, Köln 1993.
  • Rudolf Chmel in: Ludwig Richter, Alfrun Kliems (Hrsg.): Slowakische Kultur und Literatur im Selbst- und Fremdverständnis, Steiner, 2005, ISBN 3-515-08676-5, S. 13 ff.

Einzelnachweise

  1. Gesetz 11/1918 Sb. (Rezeptionsgesetz zur Entstehung der Republik), online lexdata.cz, abgerufen am 3. Okt. 2009; Gesetz 121/1920 Sb. (Verfassung von 1920), online lexdata.cz, abgerufen am 3. Okt. 2009; Gesetz 101/1990 Sb. (Änderung des Landesnamens 1990), online lexdata.cz, abgerufen am 10. Nov. 2009 (alle tschechisch)
  2. Martin Votruba: Czechoslovakia or Czecho-Slovakia. (englisch). University of Pittsburgh. Abgerufen am 9. April 2010.
  3. Quellen der Volkszählungsergebnisse: Československá republika – obyvatelstvo, in: Ottův slovník naučný nové doby (Anfang der 1930er Jahre) und infostat.sk
  4. Siehe wörtlich z. B. in Heiner Timmermann, Emil Voráček, Rüdiger Kipke (Hrsg.), Die Beneš-Dekrete. Nachkriegsordnung oder ethnische Säuberung: Kann Europa eine Antwort geben? (= Dokumente und Schriften der Europäischen Akademie Otzenhausen; Bd. 108), LIT Verlag, Münster 2005, ISBN 3-8258-8494-5, S. 145; vgl. Jörg K. Hoensch, Studia Slovaca. Studien zur Geschichte der Slowaken und der Slowakei (= Veröffentlichungen des Collegium Carolinum; Bd. 93), Oldenbourg, München 2000, ISBN 3-486-56521-4, S. 18 f.

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