Akkudativ

Als Objektiv oder Objektfall bezeichnet man den Zusammenfall aller Fälle für Objekte im Satzbau, sodass nur noch in einen Subjektfall und einen Objektfall unterschieden wird. Die Bezeichnung Akkudativ für den Objektfall bezieht sich auf die Entwicklung aus einer vorherigen Trennung in Akkusativ und Dativ, wie sie im Standarddeutschen noch vorhanden ist. Dieser Prozess ist in der niederländischen Sprache fast vollständig abgeschlossen, ist aber auch in verschiedenen deutschen Mundarten zu beobachten.

Inhaltsverzeichnis

Herausbildung

Der Kasus-Synkretismus (auch Kasuskollaps) ist ein häufiges Phänonem der indogermanischen Sprachfamilie. Die durch Flexionsaffixe getrennte grammatische Verwendung von Worten einer flektierenden Sprache geht dabei zunehmend verloren.

Im Bereich der germanischen Sprachen wird dabei die im Standarddeutsch noch vorhandene Trennung in Akkusativ und Dativ aufgegeben. Er ist hauptsächlich im niederdeutschen (Beispiele), aber auch im berlinischen (Beispiele) bis hin zum ostsächsischen Sprachraum anzutreffen. Manchmal betrifft der Zusammenfall lediglich das männliche Genus, bei dem zum Beispiel zwischen „den“ (Akkusativ männlich) und „dem“ (Dativ männlich) lautlich schwerer unterschieden werden kann als zwischen „die“ (Akkusativ weiblich) und „der“ (Dativ weiblich).

Für die niederländische Sprache gilt dabei, dass es nur noch einen Objektfall gibt, aber die in den germanischen Sprachen durch Akkusativ und Dativ getrennte Bedeutung sich bei den Pronomen in der Schriftsprache erhalten hat. Man unterscheidet dort weiter für die 3. Person Plural die Formen hun (Dativ) und hen (Akkusativ).

Für den berlinischen Dialekt bemerkenswert ist, dass die im niederdeutschen Substrat schon aufgegebene Trennung in Akkusativ und Dativ durch die Überformung mit standarddeutschen morphologischen Formen wieder sichtbar wird, sich aber in einem unsicheren Gebrauch äußert. Während bei den Pronomina fast durchgängig die Dativformen verwendet werden ("mir" statt niederdeutsch "mi"), wird bei anderen Objekten häufig auch der lautlich einfacher zu bildende Akkusativ verwendet.[1]

Die Entwicklung des Objektfalls aus dem Zusammenfall des Akkusativs und Dativs wird vom Verlust des Genitivs begleitet. Neben der Bildung mit präpositionalem "von Objekt" statt "des Objekts" beobachtet man bei präpositional gefordertem Genitiv den Ersatz durch den Dativ ("Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod"[2]). Sowohl in der englischen Sprache (Sächsischer Genitiv) und einigen deutschen Mundarten ("dem Nachbar seine Katze"[3]) hat sich daneben die Verwendung eines besitzanzeigenden Satzpartikels herausgebildet.

Beispiele

  • De Fru kiekt de Mann an. / De vrouw kijkt de man aan. (Die Frau schaut den Mann an. / Femina virum adspicit.)

(Mann steht im Objektiv, im Standarddeutschen oder Lateinischen würde das Wort Mann im Akkusativ stehen)

  • De Fru gifft de Mann Koken. / De vrouw geeft de man koek. (Die Frau gibt dem Mann Kuchen. / Femina viro placentam dat.)

(Mann steht im Objektiv, im Standarddeutschen oder Lateinischen würde das Wort Mann im Dativ stehen)

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. "Über den 'Akkudativ' im Berlinischen", Peter Schlobinski, 1987
  2. "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod", Bastian Sick, Zwiebelfisch Kolumne, Der Spiegel, 22. Dezember 2003
  3. "Wem sein Brot ich ess, dem sein Lied ich sing", Bastian Sick, Zwiebelfisch Kolumne, Der Spiegel, 22. Mai 2006

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