Alija Izetbegović
Alija Izetbegović am 24. März 1997
Grab von Alija Izetbegović in Sarajevo

Alija Izetbegović [izɛtˈbɛ̌ːgɔvitɕ] (* 8. August 1925 in Bosanski Šamac; † 19. Oktober 2003 in Sarajevo) war ein bosnisch-bosniakischer Politiker und Aktivist. Er war von 1990 bis 1992 Präsident der Republik Bosnien und Herzegowina und von 1992 bis 2000 führendes Mitglied des siebenköpfigen kollektiven Staatspräsidiums. 1992 erklärte er im Ergebnis eines international überwachten Referendums die Unabhängigkeit seines Landes von Jugoslawien.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Alija Izetbegović wurde als Sohn eines Buchhalters in der nordbosnischen Stadt Bosanski Šamac geboren. Als Izetbegović zwei Jahre alt war, übersiedelte die Familie nach Sarajevo. Dort wuchs Alija Izetbegović unter traditionellen und zugleich liberal orientierten bosnischen Muslimen auf.

Während des Zweiten Weltkriegs schloss er sich der Gruppe der Jungen Muslime (Mladi Muslimani) an, die sich an einer Reihe fundamentalistischer Vereinigungen aus anderen islamischen Staaten orientierten.[1] Nach der Machtübernahme durch den KP-Chef Tito 1946 wurde Izetbegović zu drei Jahren Haft verurteilt, weil die Jungen Muslime der Kollaboration mit dem faschistischen Ustascha-Regime beschuldigt wurden.[1] Nach seiner Freilassung studierte Izetbegović in Sarajevo zunächst Agrarökonomie und ab 1954 Jura. Er absolvierte das Studium der Rechtswissenschaften in einer Rekordzeit von nur zwei Jahren. Er heiratete seine Jugendliebe Halida Repovac und blieb weiter politisch aktiv.

Nach dem Studium arbeitete er sieben Jahre in Montenegro bei einer Baufirma und verfasste nebenbei politisch religiöse Werke.

Politische Karriere

1970 gab Izetbegović das Manifest Islamische Deklaration heraus, welche den „Modernisten“ in der islamischen Welt eine eben so klare Absage erteilte, wie der „westlichen Zivilisation“ als solcher.[2] Die Kernforderung der Deklaration war die „Islamisierung der säkularisierten Muslime“ nach dem Vorbild Pakistans. Weiters forderte die Deklaration einen panislamischen Staat, in dem die Muslime zu einer Gemeinschaft verschmelzen sollten, in der der Islam die Ideologie und der Panislamismus die Politik wäre. Auch heißt es: „Unser Ziel: die Islamisierung der Muslime. Unsere Devise: Glauben und kämpfen.“[3] 1980 erschien sein Buch Der Islam zwischen Ost und West, in dem er versuchte zu definieren, welchen Platz der Islam unter anderen großen Ideen einnimmt. Wegen der islamischen Deklaration, die in Jugoslawien verboten war und daher illegal kursierte, wurde er 1983 zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt. Die jugoslawische Regierung warf ihm im Prozess verschwörerische Pläne zur Errichtung eines islamischen Staates vor. Er wurde allerdings 1988 zur Beruhigung der damaligen angespannten Lage im Kosovo aus der politischen Haft entlassen.

1990 gründete Izetbegović, u. a. gemeinsam mit dem bislang regimetreuen Geschäftsmann Fikret Abdić, der später zu einem Rivalen wurde, die Partei der demokratischen Aktion (SDA). Die SDA führte keine nationale Bezeichnung im Namen, ging aber als Vertreterin der muslimischen Volksgruppe – wie die national ausgerichteten Parteien der kroatischen Bevölkerung (HDZ) und der Serben (SDS) – am 16. November als Sieger aus den Wahlen in Bosnien und Herzegowina hervor. Obwohl bei den gleichzeitig stattfindenden Wahlen zum Präsidenten Abdić die meisten Stimmen bekam, übernahm nach internen Diskussionen Izetbegović dieses Amt. In einer auf Ausgleich zwischen den Volksgruppen ausgerichteten Koalition aus den drei führenden nationalen Parteien wurde Izetbegović Präsident Bosnien-Herzegowinas; neben ihm stellte die SDS von Radovan Karadžić den Präsidenten des Parlaments und die an der HDZ des kroatischen Präsidenten Franjo Tuđman ausgerichtete HDZ BiH den Ministerpräsidenten.

Krieg in Bosnien

Nachdem Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit von Jugoslawien erklärt hatten, stand die Frage im Raum, wie sich Bosnien verhalten würde. Izetbegović war zunächst für den Verbleib Bosnien-Herzegowinas bei Restjugoslawien und sprach sich für eine „gesunde Föderation“ aus. Doch bald entwickelte sich die Lage so, dass es ihm als einzige Möglichkeit erschien, die Unabhängigkeit anzustreben. Die jugoslawische Volksarmee unter Kommando des bereits im Kroatienkrieg hervorgetretenen Generals Mladić bereitete einen offenen Krieg für den Fall einer Unabhängigkeitserklärung Bosniens vor.

Am 15. Januar 1992 erkannte die Europäische Union Slowenien und Kroatien als souveräne Staaten an und stellte auch Bosnien-Herzegowina die Anerkennung unter der Bedingung in Aussicht, dass die Bevölkerung in einem fairen Referendum für die Unabhängigkeit votieren würde. In dieser Phase unterzeichnete Izetbegović am 23. Februar 1992 ein Abkommen über die Bildung einer Konföderation mit den bosnischen Serben und Kroaten.

Nachdem sich am 26. Februar 1992 Vertreter der nationalistischen bosnischen Parteien HDZ und SDS getroffen hatten, um über die Aufteilung des Territoriums zu verhandeln, revidierte er diese Position. Am 29. Februar ließ er das von der EU nahe gelegte Referendum abhalten. Die Volksgruppen der Kroaten und Bosniaken stimmten mit über 90 % dafür, die Serben boykottierten die Abstimmung.

Während des Krieges, der von dem SDS-Vorsitzenden Karadžić mit Hilfe des serbischen Präsidenten Miloševićs und des serbischen Generals Mladić bereits vor dem Referendum vorbereitet worden war, und mit der Anerkennung Bosnien-Herzegowinas durch die EU am 6. April 1992 nun auch in voller Breite durchgeführt wurde, zeigte Izetbegović sich nicht bereit, die Souveränität Bosniens oder die ethnische Aufteilung des Landes nach den Plänen der serbischen und kroatischen Nationalisten zuzulassen, zumal seine Seite – auch durch eine massive internationale Unterstützung – immer mehr an Stärke gewann.

Der Bosnienkrieg 1992–95 kostete etwa hunderttausend Menschen das Leben und machte Hunderttausende zu Flüchtlingen.

Nach anfänglich halbherzigen Zusagen und Hilfsmaßnahmen der UN und der internationalen Gemeinschaft verschärften die USA unter Bill Clinton und die internationale Staatengemeinschaft nach dem Massaker von Srebrenica im Juli 1995 ihren militärischen Druck auf Milošević und Karadžić und setzten auch Izetbegović unter politischen Druck. Auf einer Militärbasis in Dayton wurde 1995 in wochenlangen Verhandlungen das Dayton-Abkommen ausgehandelt, in dem US-Unterhändler Holbrooke Izetbegović unter Druck setzte, den Interessen des serbischen und des kroatischen Präsidenten teilweise nachzugeben. Am Ende fand sich die bosnische Führung unter Izetbegović zum Unterzeichnen des Friedensvertrages in Paris gemeinsam mit dem kroatischen Staatspräsidenten Tuđman und dem serbischen Staatspräsidenten Milošević bereit.

Alija Izetbegović wurde durch die ersten Nachkriegswahlen am 18. September 1996 wieder mit bestätigt und vertrat als Präsident Bosniens seine Partei SDA im kollektiven Staatspräsidium von Bosnien-Herzegowina, das er gemeinsam mit den nationalen Repräsentanten Krešimir Zubak HDZ und Momčilo Krajišnik SDS wahrnahm, bis er sich 2000 aus gesundheitlichen Gründen zurückzog. Izetbegović wurde Ehrenvorsitzender seiner Partei SDA, was er bis zu seinem Tode blieb.

Am 10. September 2003 erlitt der 78-jährige Izetbegović nach einem Sturz in seinem Haus einen Ohnmachtsanfall und dabei vier Rippenbrüche sowie innere Blutungen. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich am 16. Oktober 2003, und er wurde auf die Intensivstation eines Krankenhauses verlegt. Der amtierende türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan reiste nach Sarajevo, um noch einmal mit ihm zu sprechen. Izetbegović rief an diesem Tag in einem telefonischen Interview mit dem privaten TV-Sender Hayat in Sarajevo nochmals zur Versöhnung auf und mahnte, dass die Republik Bosnien-Herzegowina nur überleben würde, wenn der Hass zwischen den Völkern überwunden werde. Gleichzeitig mahnte Izetbegović die Einheit des Staates Bosnien-Herzegowina an: Serben, Kroaten und Bosniaken sollten ihrer nationalen Identität treu bleiben, aber „sie sollten alle Bosnier sein“. An Izetbegović' Beisetzung am 22. Oktober nahmen etwa 100.000 Personen teil.[4]

Der nach dem Dayton-Abkommen von der UN eingesetzte internationale „Hohe Repräsentant“, der ehemalige Vorsitzender der britischen Liberalen, Paddy Ashdown, würdigte Izetbegovićs politische Arbeit unter Verweis auf dessen Kosenamen Dedo (Großvater), den Izetbegović unter seinen Anhängern hatte: „Er war im wahrsten Sinne der Vater seines Volkes, ohne ihn würde Bosnien-Herzegowina vermutlich nicht existieren.“ Zugleich rief Ashdown die Bosnier auf, als Vermächtnis Izetbegovićs weiterhin an der Zukunft ihres Landes zu arbeiten.

Literatur

Einzelnachweise

  1. a b Alexander Dorin: In unseren Himmeln kreuzt der fremde Gott. Ahriman-Verlag, Freiburg 2001, S. 72
  2. Marie-Janine Calic: Krieg und Frieden in Bosnien-Hercegovina. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996, S.77
  3. Marie-Janine Calic: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert. C.H.Beck Verlag, München 2010, S. 245
  4. Bosnian war crimes probe mars Izetbegovic’s funeral ceremony, Ekathimerini English Edition, 23. Oktober 2003

Weblinks


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