Amarete
Amarete
Basisdaten
Einwohner 2203 Einw. [1]
Rang Rang 193
Höhe 3.800 m
Postleitzahl +591/
Koordinaten 15° 14′ S, 68° 59′ W-15.239166666667-68.9838888888893800Koordinaten: 15° 14′ S, 68° 59′ W
Amarete (Bolivien)
Amarete
Amarete
Politik
Departamento La Paz
Provinz Bautista Saavedra
Klima

Amarete ist eine Landstadt im Departamento La Paz im südamerikanischen Anden-Staat Bolivien. Weltweit einzigartig ist die Tatsache, dass die Bevölkerung zehn soziale Geschlechter kennt.

Inhaltsverzeichnis

Lage im Nahraum

Amarete ist eine Ortschaft im Landkreis (bolivianisch: Municipio) Charazani in der Provinz Bautista Saavedra. Die Ortschaft liegt auf einem Bergsporn in einer Höhe von 3.800 m und ist sechs Kilometer Luftlinie von der Provinzhauptstadt Charazani entfernt. Es ist die größte und traditionsreichste rein indianische Siedlung in der Region.[2]

Geographie

Amarete liegt auf dem bolivianischen Altiplano im nordwestlichen Teil der bolivianischen Cordillera Central.

Die mittlere Durchschnittstemperatur der Region liegt bei 9 °C, der Jahresniederschlag beträgt etwa 750 mm.[3] Die Region weist ein ausgeprägtes Tageszeitenklima auf, die Monatsdurchschnittstemperaturen schwanken nur unwesentlich zwischen 5 °C im Juli und 9 °C im Dezember. Die Monatsniederschläge liegen zwischen unter 10 mm in den Monaten Juni und Juli und mehr als 100 mm von Dezember bis März.

Verkehrsnetz

Amarete liegt 250 km nordwestlich von La Paz, der Hauptstadt des gleichnamigen Departamentos.

Von La Paz führt die asphaltierte Fernstraße Ruta 2 in nordwestlicher Richtung 70 km bis Huarina, von dort zweigt die Ruta 16 ab, die als asphaltierte Straße 97 km weiter in südwestlicher Richtung entlang des Titicaca-See bis Escoma führt. Von dort führt die Ruta 16 als unbefestigte Landstraße weiter nach Norden und erreicht nach 83 km Amarete.

Bevölkerung

Die Einwohnerzahl der Siedlung ist in den vergangenen beiden Jahrzehnten um etwa zwei Drittel Prozent angestiegen:

  • 1992: 1.402 Einwohner (Volkszählung)[4]
  • 2001: 1.741 Einwohner (Volkszählung)[5]
  • 2010: 2.203 Einwohner (Fortschreibung 2010).[6]

Die Bevölkerung zählt zu den Kallawaya und spricht Quechua. Durch ihre Tracht mit einem kräftigen Rot als vorherrschender Farbe sind sie von den Bewohnern anderer regionaler Dorfgemeinschaften klar zu unterscheiden. Der Grund dafür liegt in der unterschiedlichen historischen Entwicklung.[7]

Kultur

In Amarete hat alles ein Geschlecht. Seien es Menschen, Äcker, Berge, Gegenstände, Ämter oder Rituale. Zusätzlich zu den zwei biologischen Geschlechtern, hängt das soziale Geschlecht der Menschen vom Geschlecht ihres Ackers (wachu-Geschlecht) und des möglicherweise ausgeübten Amtes ab. Durch die Kombination der beiden biologischen Geschlechter mit fünf symbolischen Geschlechtern (einfach-männlich, weib-weiblich, mann-weiblich und weib-männlich, mann-männliche) ergeben sich zehn verschiedene Geschlechterrollen.

„Diese Geschlechterrollen nehmen einen breiten Raum in Religion, Ritual und Alltag ein. Sie bestimmen die Sitz-, Geh- und Handlungsordnung, die sogenannte Ecken- und Gastlichkeitsordnung und vor allem die komplexe Opferordnung im Ritual. Durch Übernahme eines Amtes kann sich das Geschlecht eines Menschen ändern, denn auch Ämter haben ein symbolisches Geschlecht – ebenso wie Raum, Zeit und Materie.“

Ina Rösing: Religion, Ritual und Alltag in den Anden

Das Geschlecht des Ackers resultiert aus einer sexuellen Symbolisierung von Zeit und Raum. So sind zum Beispiel ältere Äcker männlich und jüngere weiblich.[8] In den meisten Fällen hat er ein Doppelgeschlecht. Auch Ämter in der Dorfgemeinschaft haben ein Geschlecht und bei der Übernahme eines solchen muss das wachu-Geschlecht ("Äckergeschlecht") für die Dauer des Amtes abgelegt werden. Da die Dorfämter jährlich wechseln, machen die Amtsträger und in der Folge auch ihre Ehepartner öfters einen Geschlechterwechsel durch. Auch bei der Heirat kann je nach Konstellation der bestehenden Geschlechtszugehörigkeit ein Wechsel nötig sein. Gleiche gelten als günstig. Bei den Ritualen verschränken sich Konzepte der andinen Religion mit christlichen Versatzstücken und der symbolischen Geschlechtlichkeit auf vielfältige Weise.

Eine weitere kulturelle Besonderheit ist, dass die Kallawaya die Zukunft hinter sich sehen, weil sie ja noch nicht gesehen werden kann, und die Vergangenheit vor ihnen liegt.

Als Folge der Erklärung der Kallawaya-Kultur zum UNESCO-Weltkulturerbe gibt es im Dorf Stimmen und Initiativen um der „Hauptstadt“ der Provinz, Charazani, wo überwiegend Mestizen leben, diesen Status abzuerkennen.[2]

Die deutsche Kulturantropologin sowie ausgebildete Sozialpsychologin und Psychotherapeutin Ina Rösing aus Ulm verbrachte in zwei Jahrzehnten fünf Forschungsjahre in der Region und kehrt nach wie vor jedes Jahr für ein paar Monate zu ihrer dortigen Hütte zurück. Zusätzlich hält sie mit Bewohnern der Region, darunter ein Amarete, per Kassettenbrief Kontakt.[2]

Literatur

  • Ina Rösing: Religion, Ritual und Alltag in den Anden. Das symbolische Doppelgeschlecht in Amarete/Bolivien, Reimer Verlag, Berlin 2001, ISBN 978-3-496-02706-5
  • Ina Rösing: Die zehn Geschlechter von Amarete, Spektrum der Wissenschaft, Juli 2005

Einzelnachweise

  1. World Gazetteer
  2. a b c Ina Rösing: Eine Kultur gerät ins Schleudern - Gefährliche Nebenwirkungen einer »Weltkulturerbe«-Ernennung durch die UNESCO, Uniulm intern, Nr 277, Dezember 2005, S. 22-25
  3. GEO ReiseCommunity
  4. INE 1992
  5. INE 2001
  6. World Gazetteer
  7. Elke Mader: Kultur- und Sozialantropologie Lateinamerikas - Eine Einführung, lateinamerika-studien.at, 3. Dezember 2004
  8. Spektrum der Wissenschaft, Leserbriefe und Korrekturen

Weblinks


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