Amerigo Vespucci
Amerigo Vespucci

Amerigo Vespucci (* 9. März 1452 oder 1454 in Florenz/Italien; † 22. Februar 1512 in Sevilla/Spanien),[1] drittes Kind einer angesehenen florentinischen Familie, war ein Kaufmann, Navigator und Seefahrer. Während seiner Fahrten erforschte er weite Teile der Ostküste Südamerikas. Nach ihm ist der Kontinent Amerika benannt.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Wirken

Amerigo Vespucci stand seit 1482 in den Diensten der mächtigen Bankiersfamilie Medici, die ihn 1491 in ihre Filiale nach Sevilla entsandte. Er trat dort 1492 in eine Gesellschaft mit Giannotto Berardi, dem Geschäftsführer der Filiale, und Christoph Kolumbus ein, die die Ausrüstung der Schiffe für Kolumbus' erste Reise finanzierte. Er übernahm nach dem Tod Berardis 1495 die Leitung der Filiale; die Gesellschaft mit Kolumbus wurde aufgelöst. Nach den Angaben im umstrittenen Soderini-Brief nahm er bereits vom 10. Mai 1497 bis 15. Oktober 1497 an einer ersten Fahrt nach Amerika teil, gesichert ist zumindest eine Südamerika-Fahrt vom 18. Mai 1499 bis Juni 1500 unter Alonso de Hojeda und Juan de la Cosa. Vom 14. Mai 1501 bis 7. September 1502 nimmt er, diesmal unter portugiesischer Flagge, an einer Erkundungsfahrt unter Gonçalo Coelho teil, von dieser Fahrt berichtet er im berühmten Mundus Novus. Eine weitere Reise in portugiesischem Auftrag unternahm er laut dem Soderini-Brief vom 10. Mai 1503 bis zum 18. Juni oder August 1504. 1508 wurde er von der spanischen Königin Juana de Castilla zum Piloto Mayor ernannt; damit wurde er für die Aktualisierung des Padrón Real zuständig, der Landkarte, auf der alle Neuentdeckungen festgehalten wurden.[2]

Während seiner Reisen erforschte er einen erheblichen Teil der Ostküste Südamerikas. Er verlieh als erster Europäer seiner Überzeugung Ausdruck, dass die neue Welt ein eigener Kontinent sei. Bis zum Gerichtsurteil in Madrid Mitte des 16. Jahrhunderts, angestrebt durch die Enkel Kolumbus' und die spanische Krone, galt Amerigo Vespucci offiziell als bedeutendster Entdecker Amerikas.

Umstrittene Briefe

Vespuccis Rolle wurde vielfach diskutiert, vor allem wegen zweier Briefe, deren Authentizität in Zweifel gezogen wurde. Der lateinische Bericht Mundus Novus (Neue Welt) wurde wohl erstmals 1502/03 in Florenz und Paris gedruckt, die erste datierte Ausgabe erschien 1504 bei Johann Otmar in Augsburg; zur dort geschilderten Reise sind die Abschriften zweier italienischer Briefe Vespuccis vom 4. Juni 1501 und von 1502 im Codice Vaglienti erhalten. Der sogenannte Soderini-Brief erschien erstmals auf Italienisch zwischen 1504 und 1506 in Florenz, bekannt wurde aber vor allem die lateinische Übersetzung mit dem Titel Quatuor Americi Vesputii Navigationes (Vier Seefahrten des Amerigo Vespucci), die in Waldseemüllers Cosmographia Introductio von 1507 eingegangen ist. Auch hierzu findet sich eine Abschrift des Briefs von Vespucci vom 10. September 1504 an Pier Soderini im bereits erwähnten Codice Vaglienti.[3]

Vespuccis Mundus Novus galt im Gegensatz zu den Kolumbus-Briefen des ausgehenden 15. Jahrhunderts als Werk der wissenschaftlichen Geographie und wurde im 16. Jahrhundert in 37 verschiedenen Sprachen gedruckt. Die Hauptzweifel einiger Historiker betreffen besonders drei falsche Positionsangaben, die Amerigo Vespucci in seinen Briefen bei seiner ersten Fahrt 1497 und bei seiner vierten Fahrt 1503 angab.

Abbildung Vespuccis bei Waldseemüller

Zu Lebzeiten Vespuccis wurden seine Briefe nicht angezweifelt, im Gegenteil: Sie waren ein Bestandteil der Karten von Martin Waldseemüller und Matthias Ringmann. Seefahrer, die nach den Kartenbestimmungen von Waldseemüller und folglich nach Angaben von Vespucci fuhren, kamen an den richtigen Orten an. Die Fragen, ob die Positionsangaben von Vespucci Übertragungs- bzw. Überlieferungsfehler sind, sind berechtigt. Selbst bei seinem Geburtsjahr oder bei seinem lateinischen Namen sind im Laufe der Zeit Übertragungs- und Überlieferungsfehler entstanden. Einige bestehen darauf, er sei im Jahre 1454 geboren, andere behaupten, im Jahre 1451. In jüngster Zeit unternahm Robert Wallisch den Versuch, die Einwände gegen die Echtheit des Mundus-Novus-Briefes zu entkräften, und führte sprachliche Beobachtungen für die Autorschaft Vespuccis ins Feld.[4]

Die zahlreichen Ausgaben seiner Schriften, vor allem seiner Beschreibung der zweiten Reise, die unter dem Titel Mundus Novus herauskam, trugen wesentlich zur Verbreitung der Wahrheit über Ausmaß und Bedeutung der Entdeckung Amerikas bei: Nicht einige Inseln habe man entdeckt, sondern, wie er immer wieder betont, eine völlig neue Welt, einen neuen Kontinent.

Bei seinen Fahrten gab er oftmals den jeweiligen Orten Namen, wie zum Beispiel Rio de Janeiro (Fluss des Januars); am 1. Januar 1502 entdeckte er den Ort unter seiner und Gonçalo Coelhos Leitung mit dem Kapitän André Gonçalves, der irrtümlicherweise gelegentlich in Deutschland als Namensgeber genannt wird, oder Venezuela (Klein-Venedig, da die einheimische Bevölkerung an dieser Stelle Pfahlbauten errichtet hatte) – 1499 entdeckte er den Ort mit dem Kapitän Alonso de Hojeda unter spanischer Flagge. Außerdem beschrieb er die Pflanzen- und Tierwelt sehr genau und lebhaft.

Amerigo Vespucci als Namenspate Amerikas

Statue Amerigo Vespuccis, Uffizien, Florenz

Es war die Veröffentlichung und weite Verbreitung dieser Briefe Vespuccis, die den deutschen Kartografen Martin Waldseemüller dazu brachte, auf seiner Weltkarte von 1507 den neuen Kontinent America zu nennen. Waldseemüller leitete den Namen von der latinisierten Namensfassung Americus Vespucius ab und schrieb mit Matthias Ringmann zusammen in ihrer Cosmographiae Introductio 1507 folgendes: „Nun in Wahrheit wurden diese Teile der neuen Welt besonders erkundet und ein weiterer Teil von Americus Vesputius entdeckt … und es ist nicht einzusehen, warum jemand es verbieten sollte, das neue Land Amerige, Land des Americus, zu nennen, nach seinem Entdecker Americus, einem besonders scharfsinnigen Mann, oder America, da sowohl Europa als auch Asien ihre Namen von Frauen haben …“ Welche Nennung dann genommen wurde, ist bekannt. Damit war Amerigo Vespuccis eigener geäußerter Wunsch in seinem Buch Van den nygen Insulen (mittelniederdeutsch) 1506 schon zu Lebzeiten in Erfüllung gegangen: „vp dat myn gedechtniß by den mynschen bliue.“

Diese Namensgebung gilt vor allem dadurch als gerechtfertigt, dass Christoph Kolumbus stets der Ansicht war, den Seeweg nach Indien entdeckt zu haben, weshalb Kolumbus die von ihm entdeckten Inseln auch als westwärts von Indien gelegene Inseln ansah und sie deshalb als Westindische Inseln (und demzufolge deren Bewohner Indianer) benannte. Daher entdeckte Christoph Kolumbus zwar die amerikanischen Inseln, Amerigo Vespucci jedoch den amerikanischen Kontinent.

Wissenswertes

Die Florentiner Kirche Ognissanti (Allerheiligenkirche, Borgognissanti 42) war die Hauskirche der Vespucci. Im Innern der Kirche, rechts kurz nach dem Eingang, befindet sich ein Fresko von Ghirlandaio aus dem Jahr 1473, eine Schutzmantelmadonna. Unter der rechten Hand der Madonna ist ein Bildnis von Amerigo Vespucci.

Nach ihm wurde auch das jetzt noch in Betrieb befindliche Segelschulschiff der italienischen Marine (Heimathafen Livorno) sowie der Flughafen seiner Heimatstadt Florenz benannt.

Einzelnachweise

  1. Vgl. Ankenbauer (2010), S. 106.
  2. Vgl. Ankenbauer (2010), S. 106.
  3. Vgl. Ankenbauer (2010), S. 107-108
  4. Vgl. Wallisch (22006), S. 104ff.

Literatur

  • Norbert Ankenbauer: "Das ich mochte meer newer dyng erfaren". Die Versprachlichung des Neuen in den Paesi novamente retrovati (Vicenza, 1507) und in ihrer deutschen Übersetzung (Nürnberg, 1508). Frank & Timme, Berlin 2010.
  • Germán Arciniegas: América, 500 años de un nombre - Vida y época de Amerigo Vespucci. Villegas Editores tercera edición, Bogotá 2002.
  • Urs Bitterli: Die Entdeckung Amerikas. Von Kolumbus bis Alexander von Humboldt. Beck, München 1999, ISBN 3-406-42122-9.
  • Rudolf Eger: Amerigo Vespucci. Das Abenteuer eines Entdeckers. Melchert, Hamburg 1986, ISBN 3-87152-207-4.
  • M.Fernández de Navarrete: Viajes de Amerigo Vespucio. Gráficas Reunidas, Madrid 1923.
  • Camargo Gabriel Pérez: Colombia 1497, primer arribo español a tierra firme. Instituto Colombiano de Cultura Hispánica, Bogotá 1985.
  • Norbert Schulz: Amerigo Vespucci, Mundus Novus (mit Zweittexten). M.M.O. Verlag zur Förderung des Mittel- und Neulateinischen, Butjadingen 2007 (Neulateinische Texte für den altsprachlichen Unterricht (Vivarium (Series neolatina, Band II))), ISBN 978-3-9811144-2-3.
  • Timothy Sodmann: Nachwort zu „Mundus novus“. Borken/Winterswijk 1991.
  • Luigi Ugolini: Er gab Amerika den Namen. Leben und Zeit des Amerigo Vespucci. Styria, Graz 1974, ISBN 3-222-10691-6.
  • Amerigo Vespucci: Van den nygen Insulen. Druckerei Jakob Winter (1506–1513), Magdeburg 1506.
  • Robert Wallisch: Der Mundus Novus des Amerigo Vespucci. Text, Übersetzung und Kommentar. 2. Aufl., Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2006, ISBN 3-7001-3069-4.
  • Jacob Winter: Faksimile-Ausgabe der ältesten niederdeutschen Nachricht von der Entdeckung der Neuen Welt und einzig bekannten Exemplars der Stadtbibliothek Braunschweig „Mundus novus“. Magdeburg 1506.
  • Stefan Zweig: Amerigo: Die Geschichte eines historischen Irrtums. 11. Aufl. Fischer, Frankfurt/M. 2001, ISBN 978-3-596-29241-7.

Weblinks

 Commons: Amerigo Vespucci – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien



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