Antimodernismus

Antimodernismus bezeichnet eine Strömung innerhalb der katholischen Kirche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, die sich – ausgehend von Dekreten Papst Pius IX. – gegen gesellschaftliche und politische Reformen zur Durchsetzung von Menschenrechten und Demokratie wandten.

So listet der Syllabus errorum von 1864 in seiner Aufzählung beanstandeter Irrtümer neben Ideen, die auch aus heutiger Sicht als abwegige Modeerscheinungen des 19. Jahrhunderts gelten müssen, auch eine Reihe von Ideen, die seit Aufklärung und Französischer Revolution fortschreitend verwirklicht wurden, heute zum selbstverständlichen Allgemeingut (westlicher) Zivilisation gehören und in die Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 eingegangen sind.

Insbesondere sah die katholische Kirche damals die Forderungen nach Presse- und Meinungsfreiheit sowie nach Verwirklichung von rechtlicher und sozialer Gleichheit als Bedrohung ihres eigenen Wahrheitsanspruchs und ihrer am Prinzip der Hierarchie orientierten inneren Ordnung an. Nach einer gewissen Kursänderung unter Papst Leo XIII. (Papst von 1878 bis 1903), der sich erstmals der sozialen Frage widmete und mit seiner Enzyklika Rerum Novarum von 1891 die lehramtliche Tradition der Katholischen Soziallehre begründete, stellte das Pontifikat Pius X. (1903 bis 1914), in welchem die Bewegungen des Modernismus und Amerikanismus weithin an Bedeutung gewannen, zugleich auch den Höhepunkt antimodernistischer Tendenzen in der katholischen Kirche dar, vor allem durch die Verpflichtung aller Priester auf das Ablegen des sogenannten Antimodernismus-Eids vom 1. September 1910, der sie ausdrücklich verpflichtete, die im Syllabus errorum (Liste der Irrtümer ) beanstandeten Irrtümer abzulehnen.

Unter Papst Benedikt XV. entspannte sich angesichts der von außen drohenden Gefahren (I. Weltkrieg, Oktoberrevolution, Mexikanische Revolution etc.) für die katholische Kirche der innerkirchliche Modernismus-Streit. Auch in den folgenden Pontifikate deuteten äußerlich kaum Anzeichen auf ein Fortbestehen des Modernismus-Streites hin, die jedoch prinzipiell ungelöst gebliebenen Probleme beeinflussten jedoch in die Entwicklung der katholischen Kirche auf (und vor allem: nach) dem II. Vatikanischen Konzil (nach welchem u.a. der „Antimodernismus-Eid“ abgeschafft wurde).

Literatur

  • Hubert Wolf (Hrsg.): Antimodernismus und Modernismus in der katholischen Kirche. Beiträge zum theologiegeschichtlichen Vorfeld des II. Vaticanums. Schöningh, Paderborn 1998, ISBN 3-506-73762-7.
  • Hubert Wolf, Judith Schepers (Hrsg.): In wilder zügelloser Jagd auf Neues. 100 Jahre Modernismus und Antimodernismus in der katholischen Kirche. Schöningh, Paderborn 2010, ISBN 978-3-506-76511-6.

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