Apollonia (Albanien)
Tempelruine (Monument des Agonothetes)
Kloster Shën Meri

Apollonia (griech. Ἀπολλωνία) ist eine Ruinenstätte in Mittelalbanien nahe der Stadt Fier. Die Stadt Apollonia wurde 588 v. Chr. als dorische Kolonie von Kerkyra unter Beteiligung von Siedlern aus Korinth gegründet. Fast 1.000 Jahre war Apollonia ein wichtiges städtisches Zentrum im epirotischen Raum. Die Stadt ist nach dem Gott Apollon benannt.

Inhaltsverzeichnis

Lage

Apollonia wurde auf einem Hügel etwa 1 km nördlich des Flusses Vjosa gegründet, der nach wenigen Kilometern in die Adria mündete und in der Antike bis zur Stadt herauf schiffbar gewesen ist. Die Akropolis der Stadt beherrschte die im Altertum sehr fruchtbare Ebene der Myzeqe. Wie Dyrrachion war Apollonia eine wichtige Hafenstadt an der illyrischen Küste und einer der westlichen Ausgangspunkte der Via Egnatia nach Thessaloniki und Byzantion bzw. Konstantinopel. Im 4. Jahrhundert umfasste das Stadtgebiet 81 ha und war von einer 4 Kilometer langen Mauer umgeben.

Bevölkerung

In der Stadt lebten neben den Nachkommen der griechischen Kolonisten zahlreiche autochthone Illyrer. Für Aristoteles war Apollonia ein wichtiges Beispiel, an dem er das politische System der Oligarchie analysierte, denn die Nachkommen der griechischen Kolonisten kontrollierten die Stadt und herrschten über die Mehrheitsbevölkerung illyrischen Ursprungs. In römischer Zeit siedelten sich auch Kolonisten aus Italien an, die sich aber an die dominierenden Griechen assimilierten. Auch in der Kaiserzeit bleiben lateinische Inschriften die Ausnahme.

Geschichte

Drachme aus Appollonia (2./3. Jahrhundert v. Chr.

Nach Aelius (Ael. var. hist. 3,17) war Anaximander der Gründer der Stadt. Herodot zufolge nahm 480 ein Kontingent aus Apollonia an der Schlacht bei Salamis teil. Um 460 geriet die Stadt in Konflikt mit den benachbarten illyrischen Amantiern, aus dem sie siegreich hervorging. 436 unterstützte Apollonia zusammen mit anderen griechischen Städten, die demokratische Partei in Dyrrachion, die daraufhin die Aristokraten besiegte und die Macht übernahm. Mitte des 4. Jahrhunderts wurde die Stadt in die militärischen Auseinandersetzungen zwischen dem illyrischen König Bardhyl und Philipp II. von Makedonien verwickelt. Etwa zur selben Zeit begann man mit der Prägung von Silbermünzen. Seit 314 lag Apollonia mit König Glaukias im Krieg und war mit Kassandros von Makedonien verbündet. Der Sieg über Glaukias 312 brachte der Stadt die volle politische Autonomie. Zeitweise gehörte Apollonia zum Reich des Pyrrhos, konnte aber nach dessen Tod 272 die Unabhängigkeit wiedererlangen. Seit 229 v. Chr. stand Apollonia unter römischem Schutz. Die Stadt war in den folgenden Kriegen gegen Makedonien die wichtigste Basis der Römer auf dem Balkan. 211 und 205 konnten Angriffe Philipps V. erfolgreich abgewehrt werden.

Verzierte Säule am Tempel

148 wurde Apollonia Teil der römischen Provinz Mazedonien und musste von da an Steuern an die Römer zahlen. Später gehörte die Stadt zur Provinz Epirus. Während des 1. Jahrhunderts v. Chr. besuchten verschiedene bedeutende römische Politiker, unter anderem Sulla und Cicero Apollonia. 44 studierte der spätere römische Kaiser Augustus in der griechischen Stadt. Im Bürgerkrieg zwischen Pompeius und Caesar stand Apollonia auf Caesars Seite; 48 v. Chr. wurde sie von Marcus Iunius Brutus eingenommen. Wenig später befestigte Markus Antonius den strategisch wichtigen Ort.

Die freundliche Haltung der Stadt gegenüber Caesar und Augustus zahlte sich politisch aus: Apollonia wurde freie Stadt und musste keine Steuern mehr nach Rom abführen. Dieser bevorzugte Status blieb während der gesamten Epoche des Prinzipats erhalten und sorgte mit dafür, dass Apollonia prosperierte. Neben der ertragreichen Landwirtschaft in der Umgebung bildeten exportorientierte Gewerbe (vor allem Töpferei) die Basis für den Reichtum der Stadt.

Glocken des Marienklosters

Der Verfall des Handelszentrums begann im 4. Jahrhundert, als ein Erdbeben den Lauf des Flusses Vjosa änderte und der Hafen Apollonias verlandete. Früh fand das Christentum Eingang in die Stadt. Bischöfe von Apollonia waren auf den Konzilien von Ephesus (431) und Chalcedon (451) zugegen. Unter Kaiser Justinian werden die Befestigungen der Stadt zum letzten Mal erneuert; spätestens Ende des 6. Jahrhunderts ist der Ort aber wegen der veränderten topographischen Bedingungen verlassen worden.

Seit dem 9. Jahrhundert existierte ein Kloster in den Ruinen der Stadt. Im 14. Jahrhundert wurde die bis heute existierende Kirche St. Marien errichtet. In den Mauern des Klosters sind heute die bei archäologischen Grabungen geborgenen antiken Funde ausgestellt. Ein Teil der Funde befindet sich auch im archäologischen Museum der Hauptstadt Tirana. Während der Wirren, die 1990 der Zusammenbruch des kommunistischen Regimes in Albanien auslöste, wurde die archäologische Sammlung von Apollonia geplündert. Über längere Zeit kam es auch zu Raubgrabungen auf dem Gelände der Ruinenstätte.

Forschungsgeschichte

Odeon
Antike Straße

Der italienische Reisende und Humanist Cyriacus von Ancona gilt als der Wiederentdecker von Apollonia. Er besuchte in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts die Ruinenstätte und identifizierte sie als jene Stadt, in der Kaiser Augustus studiert hatte. Im 19. Jahrhundert interessierten sich der französische Konsul in Ioannina, F. Pouqeville, und der orthodoxe Bischof von Berat, Anthimos, für Apollonia. Beide publizierten eine Reihe von Funden und Inschriften. Als erster Archäologe folgte ihnen 1861 der Franzose L. Heuzey. Er fertigte den ersten Plan Apollonias an und grub einige Statuen aus, die er in den Louvre nach Paris brachte.

Die ersten größeren Ausgrabungen nahmen die österreichischen Wissenschaftler Carl Patsch und Camillo Praschniker 1904 und 1916–1918 vor. Der größte Teil ihrer Funde befindet sich heute in Wien.

Ein französisches Archäologenteam unter Leitung von Leon Rey legte 1924 und in den folgenden Jahren die große Stoa, das Bouleuterion, das Odeon und die Bibliothek der Stadt frei. Unter der italienischen Besatzung wurde erneut in Apollonia gegraben, wobei u.a. ein antikes Gymnasium südlich des Marienklosters entdeckt wurde. Nun bekam man eine erste Ahnung über die enorme Fläche, über die sich die Stadt in der Antike erstreckte. Der albanische Archäologe Hasan Ceka setzte die Arbeiten ab 1947 fort.

1958–1960 folgte eine große albanisch-sowjetische Grabungskampagne, bei der der Diana-Tempel, mehrere Wohnhäuser, eine der Hauptstraßen und 136 Gräber freigelegt wurden. Die Funde dieser Kampagne wurden zum größten Teil vor Ort im Marienkloster ausgestellt. Bis 1982 wurde die archäologische Erforschung der Stadt von albanischen Archäologen fast ununterbrochen fortgesetzt.

1992 folgte eine französisch-albanische Grabungskampagne unter Leitung von Pierre Cabanes und Neritan Ceka. Und seit 1998 arbeiten amerikanische und albanische Wissenschaftler gemeinsam in Apollonia. Neben vielen weiteren Funden aus der Antike wurden auch Artefakte entdeckt, die nachweisen, dass bereits im Palaeolithikum Menschen den Burghügel besucht haben. Mittlerweile wurde unmittelbar neben dem Marienkloster ein Grabungshaus errichtet, das den Archäologen gute Arbeitsbedingungen bietet. Trotz der über Jahrzehnte andauernden intensiven Erforschung sind erst 5 Prozent der Fläche Apollonias ausgegraben worden.

Titularbistum

Noch heute gibt es das römisch-katholische Titularbistum Apollonia.

Antike Quellen

Literatur

  • Heide u. Helmut Buschhausen: Die Marienkirche von Apollonia in Albanien. Byzantiner, Normannen und Serben im Kampf um die Via Egnatia. Byzantina Vindobonensia. Bd 8. Wien 1976.
  • Neritan Ceka: Apollonia. Historia dhe Monumentit. Tiranë 2005. ISBN 99943-672-4-2
  • Michele Fasolo: Da Apollonia e Dyrrachium ad Herakleia Lynkestidos. Viae publicae romanae. Bd 1. La Via Egnatia. Roma 2003, 2005.
  • Leon Rey: Fouilles de la mission française en Apollonie d'Illyrie et en Durazzo (1923-1924). In: Albania. Revue d'archéologie, d'histoire, d'art et des sciences appliquées Nr. 1/1925, S. 9-23
  • Camillo Praschniker: Muzakhia und Malakastra. Archäologische Untersuchungen in Mittelalbanien. Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Instituts 21–22, Wien 1920.

Weblinks

 Commons: Apollonia – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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