Multinationales Unternehmen

Multinationales Unternehmen

Multinationale Unternehmen (MNU, englisch: Multinational Enterprises, MNE) sind auf direktinvestiver Basis grenzüberschreitend tätige Unternehmen.[1] Oftmals wird die Bezeichnung synonym zum Begriff des Internationalen Unternehmen (INU) verwendet, der jedoch weiter gefasst ist, da er auch nicht direktinvestive Internationalisierung abdeckt. Die Organisationsform des Multinationalen Unternehmens gibt es seit dem 19. Jahrhundert. Nicht zu verwechseln ist das Konzept des MNU mit dem Homonym aus der Klassifikation von Bartlett und Ghoshal, die den Begriff in ihrer Klassifikation gebrauchen, um einen von vier charakterisierten Subtypen MNU zu benennen.

Inhaltsverzeichnis

Klassifikation

Nach den Kompetenzen international operierender Unternehmen gliedern die Harvard-Professoren Sumantra Ghoshal und Christopher Bartlett diese in drei beobachtbare Kategorien. Über Branchengrenzen hinweg stellen sie dabei innerhalb der Gruppen gemeinsame Fähigkeiten („capabilities“) fest, die ihren Ausdruck in der Organisationsstruktur finden. Die wesentlichen Merkmale sind in der folgenden Tabelle zusammengefasst:[2]

Multinationales
Unternehmen
Internationales
Unternehmen
Globales
Unternehmen
Wesentliche Kompetenz Reaktionsfähigkeit Wissenstransfer Effizienz
Strukturen Lose föderierte nationale Unternehmen; nationale Gesellschaften erledigen das gesamte operative Geschäft und Teile der strategischen Aufgaben Zwischen multinationalen und globalen Unternehmen gelegen, bestimmte strategische Abteilungen zentral, andere dezentral Straff zentralisierte Unternehmen, nationale Gesellschaften haben primär Distributionsaufgaben; Strategie und der größte Teil der operativen Entscheidungen in der Zentrale
Beispiele Unilever, ITT IBM, Ericsson Exxon, Toyota

Obwohl viele der beobachteten Unternehmen eine erhebliche Größe erreicht hatten, zeigten alle Unternehmen auch Schwächen und Probleme. Offensichtlich war die Anpassung an die Umwelt unvollständig. Aus dieser Beobachtung heraus folgerten Goshal und Bartlett eine vierte Form von Internationalisierung, in der die drei Kernkompetenzen der multinationalen, globalen und internationalen Unternehmen gleichsam ineinander übergehen. Sie nannten diese Form Transnationale Unternehmen, da ein solches Unternehmen kein Zentrum und kein Heimatland mehr haben würde, sondern überall auf der Welt heimisch wäre. Wenn auch in vielen Industrien Tendenzen beobachtet werden können, einen solchen Zustand zu erreichen, so ist bisher noch kein Unternehmen bekannt, welches das Attribut "Transnational" tragen könnte.

Begriff

Allgemeine Definition

Als multinationales Unternehmen wird allgemein jedes rechtlich selbständige Unternehmen (Muttergesellschaft) bezeichnet, welches seinen Hauptsitz im Inland und mindestens eine Tochtergesellschaft im Ausland hat und daher mehr als einen Produktionsstandort besitzt.

Multinationale Unternehmen sind von Unternehmen abzugrenzen, die in einem Land produzieren und von dort exportieren.[3] Solche Unternehmen können jedoch trotzdem Internationale Unternehmen sein. Multinationale Unternehmen unterhalten demgegenüber in mehreren Ländern Tochtergesellschaften. Zur Gründung einer solchen sind Direktinvestitionen erforderlich. Daher besteht ein enger Zusammenhang zwischen Direktinvestition und Multinationalen Unternehmen. Aus dieser Sicht stellt es eine Weiterentwicklung des nationalen Unternehmens bzw. einen speziellen Fall des Internationalen Unternehmens dar, wobei die Weiterentwicklung bzw. Besonderheit in einem internationalen Transfer von Realkapital besteht.[4]

Alternative Definitionen

In den Vereinigten Staaten gilt ein Unternehmen als multinational, wenn an diesem bereits 10 % der Aktien von einem ausländischen Unternehmen gehalten werden.[5]

Historie und Entwicklung

Multinationale Unternehmen gibt es bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts (teils aber unter anderen Bezeichnungen), das hängt vor allem mit der Industrialisierung und dem Imperialismus zusammen. Die Bedeutung Multinationaler Unternehmen war bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts eher gering. Sie entstanden zunächst in wenigen Sektoren wie zum Beispiel in der Automobilindustrie (Beispiel General Motors, 1908 gegründet). Die Entwicklung Multinationaler Unternehmen wurde auch durch den Ersten und besonders den Zweiten Weltkrieg negativ beeinflusst.

Bedeutend wurden die Multinationalen Unternehmen jedoch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Folge des immer stärker ansteigenden Welthandels. Vor allem durch die danach immer mehr ansteigenden Direktinvestitionen erlebten die Multinationalen Unternehmen besonders in den 80er Jahren einen starken Aufschwung.

Seit dieser Zeit hat die Bedeutung Multinationaler Unternehmen durch die zunehmende Globalisierung weiter stark zugenommen. Dies wird auch durch folgende Zahlen belegt: Am Anfang der 90er Jahre gab es etwa 7000 Multinationale Unternehmen, inzwischen sind es etwa 65.000 Muttergesellschaften und 850.000 dazugehörige ausländische Tochtergesellschaften in allen Ländern der Erde. Weiterhin werden ungefähr zwei Drittel der Warenströme durch Multinationale Unternehmen verursacht. Damit wird die heutige vorherrschende Position Multinationaler Unternehmen in der Weltwirtschaft deutlich.[6]

Typen

Die Aktivität von Multinationalen Unternehmen kann in vier Haupttypen eingeteilt werden, wobei in der Praxis meist mehrere Typen gleichzeitig auftreten:

  • Suchen von Märkten (Gründe: Marktvolumen und -Wachstum, Aktivität von bestehenden Kunden oder Zulieferern in neuen Märkten, Anpassen von Produkten an lokale Präferenzen, Transaktions- & Produktionskosten, dynamische Interaktion mit Konkurrenten, Reaktion auf staatliche Markteingriffe)
  • Suchen von strategischen Vermögenswerten

sonstige Formen: Fluchtinvestitionen (vor Regulationen), Unterstützungsinvestitionen

Weiterhin unterscheidet man zwischen verschiedenen Arten multinationaler Unternehmen:

Klassische Multinationale Unternehmen

Klassische Multinationale Unternehmen haben den Sitz ihres Hauptquartiers im Ursprungsland, arbeiten aber darüber hinaus in vielen Ländern. Beispiele dafür sind Apple und McDonalds. Obwohl diese Unternehmen internationale Erfolge und Verkäufe erzielen, stehen sie dennoch stark im Bezug zu ihrer nationalen Identität.[7]

Bezüglich der Produktions-, Beschaffungs- und Absatzpolitik sind die Tochtergesellschaften vor Ort weitgehend unabhängig.

Moderne Multinationale Unternehmen

Moderne Multinationale Unternehmen haben sich mit dem Wachstum des weltweiten Wettbewerbs zu so genannten Transnationalen Unternehmen (engl. Transnational corporation, TNC) entwickelt. Gegenwärtig stellen viele multinationale Unternehmen solche transnationale, grenzüberschreitende Unternehmen dar. [7]

Transnationale Unternehmen haben einen Hang zu globaler Integration und Identifikation. Ihre grundsätzliche Aufgeschlossenheit gegenüber verschiedenen Kulturen zeigt sich durch die Errichtung einer Corporate Identity. Diese orientiert sich nicht mehr national, sondern an einer global geregelten Unternehmenskultur. Dadurch sollen einerseits kulturelle Intoleranzen abgebaut werden um den Pluralismus zu unterstützen. Ein anderer Aspekt liegt in der Entwicklung einer einheitlichen Unternehmenskultur, um die Kommunikation und Informationsverarbeitung zwischen den Standorten sicherzustellen.

Im Idealfall nimmt das transnationale Unternehmen die Form einer Netzwerkorganisation an, welche geographisch nicht mehr konkret verortet werden kann. Dadurch werden diese transnationalen Unternehmen vielmehr zu Weltunternehmen, deren Leistungen immer weniger einem Land zuzuordnen sind. Die Kunden sollen das Produkt nicht mehr mit einem Standort, sondern mit dem Unternehmen selbst identifizieren. Mit dieser Konsequenz stellte Daimler-Benz schon seit 1994 nicht mehr das made in Germany in den Vordergrund, sondern kennzeichnet seine Weltprodukte mit made by Mercedes.[8]

Im Gegensatz zu klassischen multinationalen Unternehmen verpflichtet die Unternehmensführung die teilautonomen Tochtergesellschaften auf strategische Unternehmensziele und die Tochtergesellschaften übernehmen funktionale Aufgaben. Dabei werden die Produkte möglichst an die jeweiligen lokalen Anforderungen (Kundenwünsche, Vertriebswege, Vorhandensein von Ressourcen etc.) zur Erzielung von Vorteilen angepasst, welche jedoch auf gemeinsamer Forschung und Entwicklung der Gesamtunternehmung basieren.

Theorien Multinationaler Unternehmen

Die Entstehung multinationaler Unternehmen umfasst im Ansatz zwei Theorien, die nachfolgend kurz behandelt werden. Ausführliche Erläuterungen sind in den jeweiligen Artikeln Standortmotiv multinationaler Unternehmen und Internalisierungsmotiv multinationaler Unternehmen zu finden.

Horizontale Integration

Diese Theorie befasst sich mit den Standortmotiven multinationaler Unternehmen. Warum stellen MNU ein und dasselbe Gut in mehreren Ländern her?[9]

Hier nur einige Beispiele:

  • die Unternehmen wollen Güter und Dienste gleicher Art auf all ihren aktiven Märkten produzieren, aber unterschiedliche Absatzmärkte erfordern unterschiedlich angepasste Güter[9]
  • die Wahl des Produktionsstandortes erfolgt anhand des Ressourcenvorkommens[9]
  • die Produktionsstätten vor Ort sind kostengünstiger als im Stammland auf Grund von Handelsbarrieren wie Zölle etc.[9]
  • Senkung von Transportkosten: bei absatzorientierten Unternehmen ergeben sich kürzere Transportwege durch eine Produktion der Güter am Verbrauchsort; bei beschaffungsorientierten Unternehmungen reduziert sich die Anzahl der Rohstofftransporte bzw. die zu transportierenden Rohstoffmengen[10]

Vertikale Integration

Diese Theorie behandelt die Internalisierungsmotive multinationaler Unternehmen. Warum produziert ein und dasselbe Unternehmen ein Gut an verschiedenen Standorten?[9]

Hier nur einige Beispiele:

  • die Durchführung internationaler Transaktionen ist günstiger, wenn sie unternehmensintern erfolgt anstatt zwischen mehreren Unternehmen[9]
  • der Technologietransfer wird dadurch vereinfacht[11]
  • gehen produzierte Güter und Dienste als Vorprodukte in den Produktionsprozess ausländischer Betriebe ein, birgt das innerhalb eines Unternehmens weniger Risiken bezüglich Koordinationsproblemen und Preisschwankungen als zwischen unterschiedlichen Unternehmen (Beispiel: Arbeitsteilung zwischen Mutter- und Tochtergesellschaft)[11]

Ziel der vertikalen Integration ist in erster Linie den komparativen Vorteil der unterschiedlichen internationalen Produktionsstandorte zu nutzen und Effizienzvorteile zu erzielen.

Bewertung

Vorteile

Zu den Vorteilen multinationaler Unternehmen gehören eine verbesserte technische Effizienz und ein schnellerer Technologietransfer, insbesondere auch in Entwicklungsländer. Hier werden durch die verbesserten Technologien neue Produktionsstätten und somit Arbeitsplätze geschaffen. Dadurch haben die Entwicklungsländer die Möglichkeit, sich (bedingt) dem Wohlstand der großen Nationen anzupassen.[12]

Weiterhin hat ein multinational agierendes Unternehmen die Möglichkeit, seine unternehmensspezifischen Wettbewerbsvorteile im internationalen Wettbewerb auszunutzen. Ebenfalls positive Auswirkungen haben Standortvorteile im Ausland, welche Unternehmen ohne internationale Tätigkeit nicht nutzen können. Zuletzt haben diese Unternehmen die Möglichkeit, direkt über ihre Organisation international zu handeln und müssen dafür nicht den Markt nutzen. [13]

Nachteile

Besonders negativ fällt bei multinationalen Unternehmen auf, dass ihre Anwesenheit den Gastländern meist nicht gefällt. Sie fühlen sich von ihnen bedroht und haben den Eindruck, dass die multinationalen Unternehmen die Arbeitskräfte aufgrund ihrer geringen Bezahlung ausbeuten und die Natur zerstören. Oft weigern sich daher die Einheimischen (ein Phänomen, das besonders in Japan auffällt), für diese Unternehmen zu arbeiten.

Außerdem sind multinationale Unternehmen oft der Gefahr ausgesetzt, dass sich in manchen Ländern wirtschaftliche Krisen oder politische Unruhen ereignen. Weiterhin ist es oft auch sehr kostspielig, neue Märkte in fremden Ländern zu erschließen. Und es besteht auch immer die Gefahr, dass ein Markt, der am Anfang als gute Wahl erschien, sich im Nachhinein als schlechte Wahl herausstellt. [14]

Verweise

Siehe auch

Literatur

  • Elmar Altvater, Birgit Mahnkopf: Grenzen der Globalisierung. 2002.
  • Udo Broll, Bernhard Gilroy: Außenwirtschaftstheorie: Einführung und neuere Ansätze. 2. Auflage. Oldenbourg, München 1994.
  • Richard E. Caves, John Pencavel: Multinational Enterprise and Economic Analysis. 1996.
  • Claus-Heinrich Daub: Globale Wirtschaft - globale Verantwortung: Die Integration multinationaler Unternehmen in den Prozess der nachhaltigen Entwicklung. Basel 2005.
  • Peter Dicken: Global Shift: Transforming the World Economy. 2003.
  • Helmut Hesse, Peter Welzel: Wirtschaftspolitik zwischen gesellschaftlichen Ansprüchen und ökonomischen Grenzen. 1.Edition, 1998.
  • Hartmut Kreikebaum, Dirk Gilbert, u. a.: Organisationsmanagement internationaler Unternehmen. 2.Auflage, 2002.
  • P. Krugman, M. Obstfeld: Internationale Wirtschaft. 7. Auflage. Pearson, München 2006.
  • John H. Dunning: Multinational enterprises and the global economy. 1992.
  • Eckart Koch: Globalisierung der Wirtschaft: Über Weltkonzerne und Weltpolitik. Vahlen, München 2000.
  • Benedikt Köhler: Strukturen und Strategien transnationaler Konzerne. 2004.
  • Christof Römer: Multinationale Unternehmen - Eine theoretische und empirische Bestandsaufnahme. Deutscher Instituts-Verlag, Köln 2008.
  • Dr. Axel Sell: Einführung in die internationalen Wirtschaftsbeziehungen. 2. Auflage. Oldenbourg, München 2003.
  • Klaus Werner: Das neue Schwarzbuch Markenfirmen. Die Machenschaften der Weltkonzerne. Ullstein Verlag, Neuauflage 2006, ISBN 3-548-36847-6.

Weblinks

Fußnoten

  1. Dunning, J. H. (1993), Multinational Enterprises and the Global Economy, 2. Auflage, Wokingham et al. 1993, S. 3.
  2. Bartlett C. and Ghoshal, S. (1989) Managing across Borders: The Transnational Solution, Hutchinson London, zitiert in Susan Segal-Horn International Strategy: Competing Across Borders, Open University, ISBN 0-749-29274-1
  3. Dr. Axel Sell: Einführung in die internationalen Wirtschaftsbeziehungen. 2. Auflage, Oldenbourg, München 2003
  4. Udo Broll, Bernhard Gilroy: Außenwirtschaftstheorie: Einführung und neuere Ansätze. 2. Auflage, Oldenbourg, München 1994, S. 37.
  5. P. Krugman, M. Obstfeld: Internationale Wirtschaft. 7. Auflage, Pearson, München 2006, S. 219.
  6. Bundeszentrale für politische Bildung, Weltwirtschaft und internationale Arbeitsteilung, 12. April 2008
  7. a b vgl. John R. Schermerhorn: Management. 8.th Edition, John Wiley & Sons, USA 2005, S.121
  8. vgl. Eckart Koch: Globalisierung der Wirtschaft: Über Weltkonzerne und Weltpolitik. Vahlen, München 2000, S. 62
  9. a b c d e f P. Krugman, M. Obstfeld: Internationale Wirtschaft. 7. Auflage, Pearson, München 2006, S. 220
  10. H. Adebahr, W. Maenning; Außenhandel und Weltwirtschaft, Duncker & Humblot, Berlin, 1987, S.305
  11. a b P. Krugman, M. Obstfeld: Internationale Wirtschaft. 7. Auflage, Pearson, München 2006, S. 221
  12. Hartmut Kreikebaum, Dirk Gilbert, u. a.: Organisationsmanagement internationaler Unternehmen. 2.Auflage, 2002, S.54
  13. Helmut Hesse, Peter Welzel: Wirtschaftspolitik zwischen gesellschaftlichen Ansprüchen und ökonomischen Grenzen. 1.Edition, 1998, S.251
  14. Elmar Lukas: Multinationale Unternehmen und sequentielle Direktinvestitionen 1. Edition, 2004, S.81-82

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