Oswald von Nell-Breuning


Oswald von Nell-Breuning
Oswald von Nell-Breuning (Bildmitte) im Gespräch

Oswald von Nell-Breuning (* 8. März 1890 in Trier; † 21. August 1991 in Frankfurt am Main) war ein katholischer Theologe, Jesuit, Nationalökonom und Sozialphilosoph, der als „Nestor der katholischen Soziallehre“ gilt.[1]

Nell-Breuning wirkte als Berater von Pius XI. maßgeblich an der Formulierung der berühmten Sozialenzyklika Quadragesimo anno von 1931 mit, in der die Sozialbindung des Eigentums gefordert wurde und in der Nell-Breuning das Subsidiaritätsprinzip entwickelte.

Die Grundlage seines Denkens bildeten die drei Prinzipien der katholischen Soziallehre, Personalität, Solidarität und Subsidiarität. In seinen über 1800 Veröffentlichungen behandelte er Fragen der Wirtschaftsethik, der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Wichtige Themen waren dabei das Verhältnis von Arbeit und Kapital, die Auseinandersetzung mit dem Marxismus und die Frage der Mitbestimmung.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Herkunft und Ausbildung

Als Sohn der alteingesessenen Adelsfamilie von Nell in Trier geboren, legte er 1908 am humanistischen Friedrich-Wilhelm-Gymnasium – am selben Gymnasium wie Karl Marx – sein Abitur ab.

Nach der Schulzeit wandte sich Nell-Breuning zunächst vier Semester lang mathematisch-naturwissenschaftlichen Studien zu. Er hörte Vorlesungen in Kiel, München, Straßburg und Berlin (dort u. a. bei Adolf Wagner).

In Innsbruck begann er 1910 das Studium der Philosophie und der Theologie. 1911 trat er dort in den Jesuitenorden ein. Er absolvierte ein zweijähriges Noviziat in ’s-Heerenberg (Niederlande) und begann danach das Philosophiestudium an der Ordenshochschule in Valkenburg. Das Ordensstudium wurde unterbrochen durch seinen Militärdienst im Ersten Weltkrieg (1914-1916), in dem er als Sanitäter in einem Malteser-Lazarett-Trupp tätig war. 1916 wurde er als nicht mehr kriegsverwendungsfähig entlassen und vom Orden an das Jesuitenkolleg „Stella Matutina“ in Feldkirch als Erzieher geschickt. 1920 setzte er seine Studien in Innsbruck fort und wurde dort 1921 zum Priester geweiht.

1926 wurde er nach Münster gesandt, wo er 1928 bei Joseph Mausbach und Heinrich Weber promovierte. Seine Dissertation behandelte das Thema Grundzüge der Börsenmoral und machte ihn in der katholischen Öffentlichkeit bekannt. Noch im selben Jahr wurde er als Professor für Moraltheologie, Kirchenrecht und Gesellschaftsrecht an die neu gegründete Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main berufen, an der er auch nach seiner Emeritierung noch lange lehrte und arbeitete.

Wirken bis 1945

Nell-Breuning erwarb sich bald ein über die kirchlichen Grenzen hinausreichendes Ansehen als Ökonom. Den Höhepunkt seiner damaligen Aktivitäten bildete seine maßgebliche Mitwirkung an der 1931 veröffentlichten Sozialenzyklika Quadragesimo anno von Papst Pius XI. (siehe auch: Subsidiarität). In ihr wurde u. a. die kirchliche Kritik an der kapitalistischen Klassengesellschaft, die Gleichwertigkeit von Lohnarbeit und Kapital, die Sozialbindung des Eigentums und das Ziel einer „neuen Gesellschaftsordnung“ formuliert.

In der Zeit des Nationalsozialismus hatte Nell-Breuning von 1936 bis 1945 Schreib- und Publikationsverbot. 1944 wurde er wegen angeblicher Devisenvergehen zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt.

Wirken nach 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg entfaltete Nell-Breuning eine rege Tätigkeit als Professor, Publizist und Vertreter der katholischen Kirche.

1947 bis 1950 brachte er zusammen mit Hermann Sacher das Wörterbuch der Politik heraus, worin viele Grundsatzartikel Nell-Breunings zur katholischen Soziallehre enthalten waren.

1948 erhielt er einen Lehrauftrag für Wirtschafts- und Sozialethik an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main, die ihn 1956 zum Honorarprofessor ernannte. Daneben war er Mitglied des Königswinterer Kreises am dortigen Institut für Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung – zusammen mit Theodor Brauer, Götz Briefs, Gustav Gundlach, Paul Jostock, Franz H. Mueller und Heinrich Rommen..

Seit ihrer Gründung wirkte Nell-Breuning außerdem an der Frankfurter Akademie für Arbeit.

Sein Interesse konzentrierte sich seit den 1950er Jahren zunehmend auf die aktuellen Fragen der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. In den drei Bänden des Sammelwerks Wirtschaft und Gesellschaft (1956-60) setzte er sich mit den Fragen einer wirtschaftlichen Neuordnung auseinander. Es war ihm ein Anliegen, dass die vor 1933 herrschenden kapitalistischen Unternehmensstrukturen neu geordnet würden. Die Arbeitnehmer sollten stärker in die Industriegesellschaft integriert und gleichberechtigte Partner der Arbeitgeber werden. Wichtige Themen waren dabei u. a. der Lastenausgleich, der gerechte Lohn, das Streikrecht der Gewerkschaften, die Wohnungsnot, die Vermögenspolitik und die Unternehmensverfassung.

Nell-Breuning hatte ein besonders enges Verhältnis zu den Gewerkschaften. Seit 1959 war er Mitglied des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts des deutschen Gewerkschaftsbundes. Er befürwortete die Einheitsgewerkschaft und versuchte das Wiederaufleben der Richtungsgewerkschaften zu bekämpfen. Mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund verband ihn eine langjährige Beratertätigkeit. Nell-Breuning versuchte, den christlichen Einfluss im DGB aufrechtzuerhalten und eine marxistische Ausrichtung zu verhindern. Trotz seiner Nähe zum DGB vertrat er in einigen zentralen Punkten eine DGB-kritische Haltung, so sprach er sich z. B. gegen die 35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich und für die Möglichkeit der Aussperrung aus.

Nell-Breuning setzte sich für die Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktiveigentum ein und förderte den Gedanken des Investivlohns. Ab Mitte der 1960er Jahre verschob sich sein Engagement für die Arbeitnehmerschaft von der Vermögensbildung zur Mitbestimmung, deren sozialethische Begründung er in vielen Artikeln herausarbeitete.

Nell-Breuning stand im engen Kontakt zur Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung. Er wirkte auch beratend an den Formulierungen des Godesberger Programms der SPD mit, das er als ein „kurzgefaßtes Repetitorium der katholischen Soziallehre“ bezeichnete.[2]

Nell-Breuning war außerdem Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Bundesministerien für Wirtschaft (1948-65), für Städtebau und Wohnungswesen (1950-58) und für Familien- und Jugendfragen (1959-61).

An seinem 100. Geburtstag wünschte ihm einer der Gratulanten noch ein paar Lebensjahre worauf er antwortete: Nein, das ist mir zu wenig - ich will ewig leben. Am 21. August 1991 starb Oswald von Nell-Breuning in Frankfurt am Main im Alter von 101 Jahren. Mit mehr als 1800 Veröffentlichungen hatte er ein schaffensreiches Leben. Zu seinen zahlreichen Schülern gehören der niederländische Soziologe und Jesuit Harry Hoefnagels und der deutsche Politiker Norbert Blüm.

An der Philosophisch-theologischen Hochschule Sankt Georgen wurde 1992 das Nell-Breuning-Institut für christliche Gesellschaftsethik ins Leben gerufen, dessen Leiter bis 2006 der renommierte Sozialwissenschaftler und Jesuit Friedhelm Hengsbach war.

Werk

Die beiden Schwerpunkte von Nell-Breunings Werk bilden die Ausgestaltung der katholischen Soziallehre und damit die Überwindung der Entfremdung der Arbeiterschaft von der Kirche. Nell-Breunings Denken basiert auf der klassischen Naturrechtstradition und den daraus im 19. Jahrhundert entwickelten Grundprinzipien der katholischen Soziallehre.

Arbeitszeitverkürzung aus güterwirtschaftlicher Sicht

Die wissenschaftlichen Ausarbeitungen von Oswald von Nell-Breuning sind wegen seiner Auseinandersetzung mit den Gewerkschaften und dem Marxismus für die Wirtschaftswissenschaften von Bedeutung, da von Nell-Breuning auch bereit war, sich über gültige Doktrin hinwegzusetzen, um wissenschaftliche Erkenntnisse in einer einfachen und verständlichen Form beim Namen zu nennen. So ging er 1985 in einer Befragung davon aus, „dass zur Deckung des gesamten Bedarfs an produzierten Konsumgütern ein Tag in der Woche mehr als ausreicht. … Die sieht man aber nicht, wenn man von den Finanzen her zu denken anfängt, sondern die sieht man nur, wenn man güterwirtschaftlich denkt.“[3] Dies bedeutet, daß der Zugang zu einer solch umfassenden Arbeitszeitverkürzung „nur güterwirtschaftlich“ sichtbar ist. Diese Erkenntnisse werden in einer anderer Form von Hans-Peter Martin in seinem Buch „Die Globalisierungsfalle[4] und mit den von Jeremy Rifkin in seinem Buch „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“[5] dargelegten Weltwirtschaftsdaten bestätigt.

Rezeption

Nell-Breuning beeinflusste als Redner und politischer Berater von Regierungen, Parteien, Gewerkschaften und Unternehmerverbänden in erheblichem Maße die sozial- und wirtschaftspolitische Entwicklung der Bundesrepublik. Seine Mitarbeit an der Sozialenzyklika Quadragesimo anno stellte einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der katholischen Soziallehre dar. Seine stets auf die konkrete gesellschaftliche Problematik bezogene Erklärung der offiziellen Verlautbarungen der kirchlichen Soziallehre verschaffte dieser Verständnis und Verbreitung über die Kirche hinaus.

Unter seinem Einfluss kam es zu einer Annäherung von Arbeiterbewegung und Kirche. Wesentliche Elemente des Sozialstaatsmodells beruhen auf den von ihm maßgeblich mitentwickelten Prinzipien - wie etwa das Subsidiaritätsprinzip und die Mitbestimmung.

Ehrungen/Benennungen

Nell-Breuning wurde unter anderem mit dem von der Katholischen Akademie in Bayern gestifteten Romano-Guardini-Preis (1972), der Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main (1977) sowie der Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen (1979) und dem Hans-Böckler-Preis (1980) ausgezeichnet. 1981 wurde er Ehrenbürger der Stadt Trier und 1983 Ehrenbürger der Stadt Frankfurt am Main.

Bereits in den 90-er Jahren wurde zum Ehrenmitglied der Frankfurter Wirtschaftswissenschaftlichen Gesellschaft e. V. (fwwg) ernannt, der Alumniorganisation des Fachbereichs Wirtschaft der Goethe-Universität, Frankfurt am Main.

Die Stadt Trier vergibt seit 2003 alle zwei Jahre den mit 10.000 Euro dotierten Oswald-von-Nell-Breuning-Preis. Die bisherigen Preisträger sind Paul Kirchhof, Helmut Schmidt, der Päpstliche Rat Cor Unum sowie die Brüder Hans-Jochen und Bernhard Vogel.

In Trier trägt der letzte Teil der Verbindungsstraße zwischen Heiligkreuz und Mariahof den Namen Oswald-von-Nell-Breuning-Allee. In Bergheim-Glessen ist eine Straße im Gewerbegebiet auf Beschluß des Stadtrates "Oswald-von Nell-Breuning-Str." genannt worden. In Rödermark gibt es eine Oswald-von-Nell-Breuning-Schule, die eine integrierte Gesamtschule und Europaschule mit gymnasialer Oberstufe ist. In Coesfeld, Frechen und im Bad Honnefer Ortsteil Rhöndorf (im Haus Rheinfrieden) gibt es ein Nell-Breuning-Berufskolleg. In Köln-Junkersdorf wurde eine Straße nach ihm benannt, in Netphen ebenfalls. In Saarbrücken gibt es die Nell-Breuning-Allee auf den Saarterrassen im Stadtteil Burbach. Das Oswald-von-Nell-Breuning-Haus in Herzogenrath ist ein Bildungshaus in der Trägerschaft der CAJ und der KAB.

Literatur

Schriften (Auswahl)

  • Grundzüge der Börsenmoral, 1928
  • Die soziale Enzyklika, Köln 1932
  • Zur christlichen Gesellschaftslehre. Herder, 1947 (zus. mit Hermann Sacher)
  • Einzelmensch und Gesellschaft, 1950
  • Mitbestimmung, Landshut 1950
  • zusammen mit Hermann Sacher: Wörterbuch der Politik. Gesellschaft - Staat - Wirtschaft - Soziale Frage, 1952, 2. Aufl. 1954
  • Wirtschaft und Gesellschaft heute, 3 Bände Freiburg i. Br. 1956-60
  • Kapitalismus und gerechter Lohn. Herder, 1960
  • Baugesetze der Gesellschaft, 1968
  • Grundsätzliches zur Politik, München 1975
  • Soziallehre der Kirche, 1977
  • Soziale Sicherheit. Zu Grundfragen der Sozialordnung aus christlicher Verantwortung, Freiburg i. Br. 1979
  • Gerechtigkeit und Freiheit. Grundzüge katholischer Soziallehre, 1980
  • Arbeit vor Kapital, Wien 1983
  • Arbeitet der Mensch zuviel?, Freiburg i. Br. 1985
  • Kapitalismus kritisch betrachtet. Zur Auseinandersetzung um das bessere „System“, Freiburg i. Br. 1986
  • Unsere Verantwortung. Für eine solidarische Gesellschaft, 1987
  • Den Kapitalismus umbiegen. Schriften zu Kirche, Wirtschaft und Gesellschaft, Düsseldorf 1990

Ausgaben

  • Heribert Klein (Hrsg.): Oswald von Nell-Breuning – unbeugsam für den Menschen. Lebensbild, Begegnungen, ausgewählte Texte. Herder-Verlag, Freiburg i. Br. 1989. ISBN 3-451-21483-0
  • Friedhelm Hengsbach: Schriften zu Kirche, Wirtschaft und Gesellschaft. Ein Lesebuch, 2005

Sekundärliteratur

  • Franz Furger: Nell-Breuning, Oswald von (1890–1991), in: Theologische Realenzyklopädie Bd. XXIV (1994), 254-256
  • Hans Peter Henecka: Nell-Breuning (SJ), Oswald von, In: Wilhelm Bernsdorf/ Horst Knospe (Hrsg,), Internationales Soziologenlexikon Bd. 2. Stuttgart: Enke 1984. S, 614-616.
  • Friedhelm Hengsbach, Matthias Möhring-Hesse, Wolfgang Schroeder: Ein unbekannter Bekannter. Eine Auseinandersetzung mit dem Werk von Oswald von Nell-Breuning SJ, Köln, Ketteler 1990.
  • Siegfried Koß in Biographisches Lexikon des KV Band 2 Seite 95 f
  • Anton Losinger: Gerechte Vermögensverteilung. Das Modell Oswald von Nell-Breuning, Paderborn 1994
  • Matthias Lutz-Bachmann: Nell-Breuning, Oswald von, in: in: Lexikon linker Leitfiguren, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt a. M., Olten und Wien 1988
  • Anton Rauscher: Oswald von Nell-Breuning SJ (1890-1991). In: Zeitgeschichte in Lebensbildern. Bd. 7. Mainz: Grünewald 1994. S. 277-292, 307-308.

Weblinks

Beiträge über Nell-Breuning
Beiträge von Nell-Breuning
Sonstiges

Einzelnachweise

  1. So etwa Reinhard Marx im Spiegel-Interview vom 27. Oktober 2008.
  2. Oswald von Nell-Breuning: Wie sozial ist die Kirche?, Düsseldorf 1972, S. 95
  3. Arbeitet der Mensch zuviel?, Oswald von Nell-Breuning, Pater, Prof., Dr.; 1985; Seite 98f.
  4. Die Globalisierungsfalle Hans-Peter Martin und Harald Schumann; 2005.
  5. Das Ende der Arbeit Jeremy Rifkin.

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