Bruno Latour


Bruno Latour
Bruno Latour

Bruno Latour (* 22. Juni 1947 in Beaune, Frankreich) ist ein französischer Soziologe und Philosoph. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Wissenschafts- und Techniksoziologie, er ist einer der Begründer der Akteur-Netzwerk-Theorie. Er leitet heute die wissenschaftliche Recherche an Sciences Po Paris.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Bruno Latour − Sohn in einer Winzer-Familie − studierte Philosophie, Anthropologie und Bibelexegese. Er promovierte 1975 an der Universität Tours. Während seines Militärdienstes in Afrika entwickelte er Interesse an den Sozialwissenschaften und verfasste eine ethnographische Studie der französischen Methoden der Industrieerziehung in Abidjan. 1979 veröffentlichte Latour zusammen mit dem britischen Soziologen Steve Woolgar Laboratory Life, das Ergebnis seiner Feldstudien im Labor des späteren Nobelpreisträgers Roger Guillemin. Dabei konnte Latour aufzeigen, welche Rollen rhetorische Strategien und technische Artefakte bei der „Konstruktion wissenschaftlicher Tatsachen“ spielen. Mit dem 1987 erschienenen Science in Action weitete Bruno Latour diese zunächst sozialkonstruktivistische Argumentation auf das Gebiet der Technik aus. Er entwickelte zusammen mit anderen Soziologen, vor allem Michel Callon und John Law, die Akteur-Netzwerk-Theorie, die über den Sozialkonstruktivismus hinausgeht. Anders als dieser geht die Akteur-Netzwerk-Theorie nicht davon aus, dass Technik und Wirklichkeit sozial konstruiert sind. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass Technik/Natur und das Soziale sich in einem Netzwerk wechselseitig Eigenschaften und Handlungspotentiale zuschreiben.[1] Latour entwickelte später auf Basis dieser Überlegungen mit Wir sind nie modern gewesen und Das Parlament der Dinge eine Kritik der „modernen“ Gesellschaft. 1982 wurde er Professor für Soziologie an der École Nationale Supérieure des Mines in Paris. 1987 erfolgte die Habilitation an der École des Hautes Etudes en Sciences Sociales. In den Science Wars der 1990er Jahre wurde Latour unter anderem von Alan Sokal heftig kritisiert.[2][3] In Die Hoffnung der Pandora setzte sich Latour mit dieser Kritik auseinander.

Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit im engeren Sinne war er zusammen mit Peter Weibel Kurator der Ausstellungen Iconoclash (2002) und Making Things Public (2005) am Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie.

Bruno Latour wurde am 28. September 2008 in Frankfurt am Main mit dem Siegfried-Unseld-Preis ausgezeichnet, als „großer Erneuerer der Sozialwissenschaften“, der als „Grenzgänger zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, Theorie und Empirie, Moral und Politik die Mechanismen der modernen Wahrheitsproduktion und ihre Folgen untersucht“, wie die Jury begründete.

Am 8. Februar 2010 nahm Bruno Latour in der Ludwig-Maximilians-Universität den Kulturpreis der Münchener Universitätsgesellschaft entgegen. Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass „Bruno Latour zu den einflussreichsten, intelligentesten und gleichzeitig populärsten Vertretern der Wissenschaftsforschung (Science Studies) gehört“.[4]

Fallstudien

Erste Bekanntheit erlangte Bruno Latour durch die wissenschaftssoziologische Studie Laboratory Life: The Social Construction of Scientific Facts, die er 1979 zusammen mit Steve Woolgar herausbrachte. Auf Grundlage einer 1975 begonnenen, teilnehmenden Beobachtung im kalifornischen Salk Institute entwickelte er eine sozialkonstruktivistische Sichtweise von Forschungskulturen. Sein Ziel war es, die „Produktion“ wissenschaftlicher Ergebnisse am Ort ihrer Entstehung, nämlich bei der Laborarbeit der Wissenschaftler, zu erforschen. Latour und Woolgar gelangten zu dem Schluss, die Tätigkeit der Wissenschaftler als besonderen „Kapitalzyklus“ ("Cycle of Credibility") zu begreifen, durch den die Wissenschaftler die Glaubwürdigkeit ihrer Arbeit aktiv herstellen, um Anerkennung zu „akkumulieren“. Innerhalb eines Kreislaufes werden Gelder, Daten, Prestige, Problemfelder, Argumente und Publikationen miteinander verbunden und als „Kredite“ ineinander übersetzt. (Hat ein Wissenschaftler beispielsweise ein Problemfeld entdeckt, liefert es ihm möglicherweise Argumente, die er in Veröffentlichungen umwandeln kann. Diese können ihm wiederum Prestige einbringen, was etwa für das Einwerben von finanziellen Drittmitteln relevant sein kann, so dass weitere Daten erhoben werden können usw.) Mit ihrer Studie wurden Latour und Woolgar zu modernen Klassikern der sozialwissenschaftlichen Wissenschaftsforschung, obgleich sich Latour später vom sozialkonstruktivistischen Ausgangspunkt wegbewegte.[5]

Eine der bedeutendsten Studien Latours ist sein 1993 erschienenes Werk Aramis oder die Liebe zur Technik (das bislang auf Französisch, seit 1996 auch auf Englisch[6], aber nur als Kurzfassung auf Deutsch vorliegt).[7] In Abfolgen aus Interviewpassagen und Forschungsnotizen zeichnet Latour die Entwicklung des innovativen, aber letztlich gescheiterten Verkehrsprojektes „Aramis“[8] nach, das die Vorteile von privatem und öffentlichem Verkehr durch ein computergesteuertes PRT-System kombinieren sollte. Anhand der widersprüchlichen Interessen und Hoffnungen der unterschiedlichen Projektbeteiligten zeigt Latour, wie soziale und selbst sentimentale Aspekte - eben die „Liebe zur Technik“ - am Aufstieg und Fall von Innovationen mitwirken.

Werke

  • Laboratory Life. The Social Construction of Scientific Facts. Beverly Hills 1979. (zusammen mit Steve Woolgar) ISBN 069102832X
  • Science in Action. How to Follow Scientists and Engineers through Society. Milton Keynes 1987. ISBN 0674792912
  • The Pasteurization of France. Cambridge (Mass.) 1988. ISBN 0674657616
  • Der Berliner Schlüssel. Erkundungen eines Liebhabers der Wissenschaften. Berlin 1996. ISBN 3050028343
  • On Actor Network Theory. A Few Clarifications, in: Soziale Welt 47 (1996), S. 369–381.
  • Aramis or the Love of Technology. Cambridge (Mass.) 1996. ISBN 0674043235
  • Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Frankfurt am Main 1998. ISBN 3596137772
  • Das Parlament der Dinge: für eine politische Ökologie. Frankfurt am Main 2001. ISBN 3518412825
  • Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft. Frankfurt am Main 2002. ISBN 3518291955
  • Iconoclash: Beyond the Image Wars in Science, Religion and Art. Cambridge (Mass.) 2002. (Herausgeberschaft zusammen mit Peter Weibel) ISBN 026262172X
  • Iconoclash. Gibt es eine Welt jenseits des Bilderkrieges?, Berlin: Merve 2002. ISBN 3883961787
  • Krieg der Welten - wie wäre es mit Frieden?, Berlin: Merve 2004. ISBN 3883961965
  • Reassembling the Social: An Introduction to Actor-Network-Theory. Oxford 2005. ISBN 0199256047
  • Making Things Public. Atmospheres of Democracy. Cambridge (Mass.) 2005. (Herausgeberschaft zusammen mit Peter Weibel) ISBN 0262122790
  • Von der Realpolitik zur Dingpolitik oder Wie man Dinge öffentlich macht, Berlin: Merve 2005. ISBN 3883962147
  • Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, Frankfurt a. M. 2007. ISBN 351858488X (Übersetzung von Reassembling the Social)
  • Elend der Kritik. Vom Krieg um Fakten zu Dingen von Belang, Zürich/Berlin: diaphanes 2007. ISBN 9783037340219
  • Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Frankfurt am Main 2008. ISBN 351829461X (Neuauflage)

Literatur

  • Arno Bammé: Wissenschaft im Wandel. Bruno Latour als Symptom. Marburg: Metropolis, 2008. ISBN 978-3-89518-711-7
  • Andrea Belliger/David Krieger (Hrsg.): ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld: transcript, 2006. ISBN 3-89942-479-4
  • Nina Degele/Timothy Simms: „Bruno Latour: Post-Konstruktivismus pur.“ In: M. Hofmann, T. Korta und S. Niekisch (Hrsg.), Culture Club. Klassiker der Kulturtheorie. Frankfurt am Main, 2004. S. 259-275. ISBN 3-518-29268-4
  • Markus Holzinger: Natur als sozialer Akteur. Realismus und Konstruktivismus in der Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie, Opladen, 2004.
  • Markus Holzinger: „Welcher Realismus? Welcher Sozialkonstruktivismus? Ein Kommentar zu Georg Kneers Verteidigung des Sozialkonstruktivismus und zu Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie“, in: Zeitschrift für Soziologie, 2009, Heft 6 (Dezember). S. 521 - 535.
  • Werner Krauss: „Bruno Latour.“ In: Stephan Moebius und Dirk Quadflieg (Hrsg.): Kultur. Theorien der Gegenwart. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, 2006, ISBN 3-531-14519-3
  • Georg Kneer, Markus Schroer, Erhard Schüttpelz (Hrsg.), Bruno Latours Kollektive. Kontroversen zur Entgrenzung des Sozialen, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2008. ISBN 3518294628
  • Stephan Moebius: „Postmoderne Theoretiker der französischen Soziologie. Das Collège de Sociologie, Edgar Morin, Michel Maffesoli, Bruno Latour.“ In: Dirk Kaesler (Hrsg.): Aktuelle Theorien der Soziologie. Von Shmuel N. Eisenstadt bis zur Postmoderne. München 2005, S. 332-350. ISBN 3-406-52822-8
  • Reiner Ruffing: Bruno Latour. erschienen in der Reihe "UTB Profile", Stuttgart: W. Fink, 2009. ISBN 978-3-8252-3044-9
  • Timothy Simms: „Bruno Latour: Soziologie der Hybridisierung.“ In: S. Moebius und L. Peter (Hrsg.), Französische Soziologie der Gegenwart. Konstanz, 2004. S. 379-393. ISBN 3-8252-2571-2
  • Uwe Schimank: „Die unmögliche Trennung von Natur und Gesellschaft – Bruno Latours Diagnose der Selbsttäuschung der Moderne.“ In: U. Schimank und U. Volkmann (Hrsg.): Soziologische Gegenwartsdiagnosen I. Opladen 2002, S. 157-169. ISBN 3-8252-2158-X
  • Martin Voss/Birgit Peuker (Hrsg.): Verschwindet die Natur? Die Akteur-Netzwerk-Theorie in der umweltsoziologischen Diskussion. Bielefeld: transcript, 2006. ISBN 978-3-89942-528-4

Einzelnachweise

  1. Bruno Latour: Ein Versuch, das „Kompositionistische Manifest“ zu schreiben., Telepolis, 11. Februar 2010
  2. Massimo Pigliucci: Nonsense on Stilts: How to Tell Science from Bunk. University of Chicago Press 2010. ISBN 0226667863, S. 255f.
  3. etliche Kritiker warfen ihm vor, über Einsteins Relativitätstheorien zu schreiben, ohne sie verstanden zu haben, siehe dazu John Huth: Latour's Relativity, Kapitel 11 in Noretta Koertge (Hg.): A House Built on Sand: Exposing Postmodernist Myths about Science, Oxford University Press 1998
  4. Der Soziologe Bruno Latour erhält den Kulturpreis der Münchener Universitätsgesellschaft, Informationsdienst Wissenschaft, 1. Dezember 2009
  5. Stephan Moebius: Postmoderne Theoretiker der französischen Soziologie. Das Collège de Sociologie, Edgar Morin, Michel Maffesoli, Bruno Latour, in: Dirk Kaesler (Hrsg.): Aktuelle Theorien der Soziologie - Von Shmuel N. Eisenstadt bis zur Postmoderne. München: C.H.Beck, 2005, S. 332-350. ISBN 3406528228
  6. 1993 erschien eine Kurzfassung. Bruno Latour: Ethnography of a 'High-Tech' Case: About Aramis, in: P. Lemonnier (Hrsg.), Technological Choices: Transformation in Material Cultures since the Neolithic. London: Routledge, 1993, S. 372-398. ISBN 0-415-07331-6
  7. Bruno Latour: Aramis – oder die Liebe zur Technik. in: Werner Fricke (Hrsg.), Innovationen in Technik, Wissenschaft und Gesellschaft. Forum humane Technikgestaltung Band 19. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung, 1998, S. 147-164.
  8. Aramis ist auf Französisch die Abkürzung für Agencement en Rames Automatisées de Modules Indépendants dans les Stations (Bruno Latour: Aramis or the love of technology. Cambridge: 1996, S. 304).

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