Perrücken

Perrücken, einst so beliebt, daß ein ganzes Zeitalter (die Regierungen Ludwig's XIV. und XV. von Frankreich) nach ihnen benannt wurde, haben für die Gegenwart nicht nur ihre frühere Ehrwürdigkeit verloren, sondern man duldet sie überhaupt nur noch da, wo sie den wirklichen Verlust des Haupthaars ersetzen sollen; auch dann aber müssen sie, so viel immer möglich, die Natur nachahmen, und dürfen nie mehr jene abenteuerlichen Formen annehmen, die unsere Vorfahren schön und unerläßlich hielten. Schon in mehreren Artikeln (siehe Haare und Moden verschiedener Völker) ist erwähnt worden, daß die Perrücken bereits bei den Römern gebräuchlich waren, und daß man damals die vom blonden Haare der Deutschen und Gallier besonders theuer bezahlte, doch hatten diese Perrücken, den natürlichen Lockenfall nachbildend, gar keine Uebereinstimmung mit den Allongen-, Zopf-, Stutz- und andern Perrücken des 18. Jahrhunderts. Im Mittelalter hatten Fürsten, wie Franz I., denen Krankheiten ihre Haare raubten, sich mit Perrücken bedeckt, doch nur aus Nothwendigkeit. Ihre Höflinge ahmten dieses aus Schmeichelei nach, und daraus entstand in der Folge eine Mode, die wie gewöhnlich fortschreitend in's Ungebührliche ausartete und unter Ludwig XIV., dessen ungeheuere, schwarze Allongenperrücke ihn wie eine Wolke umhüllte und bis zu den Ellenbogen herabhing, am Glorreichsten paradirte. Niemand, hätte er auch die schönsten Haare von der Welt besessen, vermochte solche Lockenmassen aufzubringen, und da die Mode sie sogar von den Kriegern forderte, so begreift man leicht, wie groß der Verbrauch falscher Haare ward. Die Zopfperrücken machten einen Uebergang zum Einfachern. (Ueber ihr Entstehen siehe französische Moden.) Thierhaare und selbst gesponnenes Glas sollten das Material vermehren; da erfand man auch den Haarbeutel (siehe ebendaselbst) und die hinreißende Stutzperrücke, von deren ehrenfesten Eleganz sich die alten Stutzer von 1700 so schwer trennten. Die französische Revolution, welche der Köpfe so viele abschlug, schonte auch die Perrücken nicht. Mit den englischen Fracks war auch das Tragen natürlichen Haares von England herüber gekommen. Wer eine Perrücke trug, riskirte während der Revolution königlich gesinnt zu gelten. Frisuren, d. h. Perrücken formen aus eignem Haar, hatten damals schon die eigentlichen, nur noch von ältern Personen getragenen Perrücken ersetzt; die Drath- und Glasperrücken wurden nie allgemein. Sonderbar erscheint es, daß die Priester, welche vor Alters am Meisten, selbst von den Kanzeln gegen die Gottlosigkeit des Perrückentragens eiferten, doch am spätesten von ihnen lassen wollten, nachdem sie dieselben einmal angenommen hatten. An manchen Orten trugen Geistliche deren als eingebildetes Würdezeichen noch vor einem Jahrzehend, und in England, wo man sie zuerst zu verbannen anfing, müssen noch heut die jüngsten Männer, wenn sie ein Richteramt bekleiden, dergleichen aufstülpen. Für die Frauen sind die Perrücken nie eine Mode geworden, als im alten Rom, wo man durchaus blond sein wollte. Wer später Perrücken tragen mußte, verbarg dieß so gut wie möglich, indem alle Moden, selbst die barocksten (siehe Kopfputz), zu deren Ausführung fremdes Haar unerläßlich war, doch immer den Schein bewahrten, als sei diese Fülle der Trägerin Eigenthum.

F.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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  • Fuchsschweif, der — Der Fuchsschweif, des es, plur. die e, im gemeinen Leben, der Schweif oder Schwanz eines Fuchses, in der eigentlichen Bedeutung. Auch eine Art Perrücken, welche hinten unter der Bandschleife etliche Reihen von Locken über einander haben, werden… …   Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart

  • Plackbuckel, die — Die Plackbuckel, plur. die n, bey den Perrückenmachern, verschiedene Reihen Locken von einer Treffe, welche man über den obern Theil der großen Locke nähet, welche an den Knoten und Quarree Perrücken im Nacken der Länge nach herunter hänget. Die… …   Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart

  • Schwanz-Perrücke, die — Die Schwánz Perrǘcke, plur. die n, eine Perrücke, deren Haare hinten in einen Schwanz oder Zopf vereiniget sind; zum Unterschiede von den Beutel Perrücken, Stutz Perrücken u.s.f …   Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart

  • Netz — Netz, 1) ein aus weiten Maschen bestehendes Gestrick, bes. um Fische u. Wild zu fangen, s. Fischer u. Jagdnetz; 2) Gestrick von Bindfaden, worin das auf dem Markte gekaufte Gemüse u. kleines Federvieh nach Hause getragen wird; 3) ein filetartiges …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Kämelziege — (Angoraziege, Capra aegagrus angorensis), Abart der Hausziege; meist weiß, von mittlerer Größe, sanft gewölbter Nase, hängenden Ohren; das Männchen hat meist zusammengedrückte, spiralförmige, auswärtsgestellte, das Weibchen kürzere, rundere, mehr …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Buckeleisen, das — Das Buckeleisen, des s, plur. ut nom. sing. bey den Perruckenmachern ein Eisen, vermittelst desselben die zwey Rollen zu schlagen, welche an einigen Perrucken hinten gerade hinab hängen; von dem Franz. Boucle, eine Haarlocke …   Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart

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  • Haarhaube, die — Die Haarhaube, plur. die n, eine ehemahlige Art mit fremden Haaren besetzter Hauben und Mützen beyder Geschlechter. Der kale ritter hat ein gewohnheit Das er ufbant ein huiben guot Mit hare, der Burggr. von Rietenburg. Welche Haarhauben der Grund …   Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart

  • Knoten, der — Der Knoten, des s, plur. ut nom. sing. Diminut. das Knötchen, Oberd. Knötlein, Knötel. 1. Überhaupt, eine jede runde oder rundliche, gemeiniglich irreguläre feste Erhöhung an einem Körper, ingleichen ein rundlicher irregulärer harter Körper… …   Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart

  • Langhaar, das — Das Langhaar, des es, plur. inus. bey den Perrückenmachern, die hintern langen ungekräuselten Haare an den Schwanz und Beutel Perrücken …   Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart

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