Arztroman

Der Arztroman ist eine unscharfe Genrebezeichnung für Romane, die im ärztlichen Milieu spielen[1] und meist der Unterhaltungs- oder Trivialliteratur zugeordnet werden.

Im Laufe des 19. Jahrhundert entstanden die ersten literarischen Werke, die Ärzte und deren Umfeld zu ihrem Hauptgegenstand machten, Beispiele hierfür sind Jean Pauls Arzt-Novelle Dr. Katzenbergers Badereise (1809) und die Erzählung Der Kreisphysikus (1883) von Marie von Ebner-Eschenbach.[2] In der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert entstanden dann vermehrt Romane, deren Autoren oft auch selbst Ärzte waren, die ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse verarbeiteten. So schildert William Somerset Maugham in „Of Human Bondage“ (1915, deutsche Erstausgabe: „Der Menschen Hörigkeit“ (1939)), die Entwicklung eines Medizinstudenten zum Arzt, weitere bekannte Werke sind „Sorrell and Son“ (1925, deutsch „Hauptmann Sorel und sein Sohn“ (1927)) von Warwick Deeping und der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Roman „Arrowsmith“ (1925, deutsch: „Dr. med. Arrowsmith“ (1925)) des Literaturnobelpreisträgers Sinclair Lewis. Im deutschsprachigen Raum erschienen unter Anderem die sozialkritischen Arztromane von Hans Lungwitz („Führer der Menschheit“ (1910), „Der letzte Arzt. Ein sozialer Roman aus der Zukunft“ (1912))[3] und „Der Kavalier“ von Ernst Moritz Mungenast (1938).[2]

Im Jahre 1937 veröffentlichte A. J. Cronin seinen Roman The Citadel (deutsche Übersetzung: Die Zitadelle (1938)), der sich mit Fragen der medizinischen Ethik auseinandersetzt und ein kritisches Bild der Gesundheitsversorgung und Medizin in Großbritannien entwirft. Neben der im Vordergrund stehenden Gesellschaftskritik und der charakterlichen Entwicklung der Hauptperson im Sinne eines Entwicklungs- oder Bildungsromans enthält der Roman, wie für das Genre später typisch, auch eine Liebesgeschichte, die von zentraler Bedeutung ist.[4] Der Roman entwickelte sich zu einem der einflussreichsten Bücher der 1930er Jahre in Großbritannien[4][5] und bald auch zu einem internationalen Bestseller,[6] bereits im darauffolgenden Jahr entstand eine erfolgreiche Verfilmung unter der Regie von King Vidor. Aufgrund seines Erfolges und Einflusses wird er heute oft als der klassische Arztroman betrachtet und sein Autor, der auch noch weitere Arztromane verfasste (u.a. „Doctor Finlay of Tannochbrae“, dt. „Ein Held im Schatten“), als Begründer des Genres angesehen.[2][7]

Weitere international bekannte Autoren von Arztromanen sind der Bestsellerautor Frank Gill Slaughter (u.a. „That None Should Die“ (dt. „Halbgott in Weiss“), „Woman in White“ (dt. „Intensivstation“), „The Healer“ (dt. „Chefarzt Dr. Carter“)) und James Herriot, der in „All Creatures Great and Small“ (dt. „Der Doktor und das liebe Vieh“) (1972) humorvoll die Erlebnisse eines Tierarztes auf dem Land schildert.[8]

In der deutschen Kriegsprosa nach 1945 spielte der Arztroman eine besondere Rolle: Durch die Verknüpfung von hippokratischen Handeln und Heilen konnten die Kriegsverbrechen besonders einfach relativiert werden. Es wurde die Legende einer ‚sauberen Wehrmacht‘ über die Kriegsprosa in das gesellschaftliche Bewusstsein verankert.[9] Beispielhaft seien hier „Die unsichtbare Flagge“ von Peter Bamm (1952) und „Der Arzt von Stalingrad“ von Heinz G. Konsalik (1956) angeführt.

Nach dem 2. Weltkrieg etablierte sich in Deutschland der Arztroman vor allem als festes Genre innerhalb der Trivialliteratur. Dort behandelt er meist die gleichen Liebesthemen wie der Frauenroman.[10] Die überwiegende Publikationsart dieser Arztromane ist der Heftroman, bei dem den Autoren oft enge schematische Vorgaben gemacht werden.[11] Diese Vorgaben beziehen sich sowohl auf die Handlung, als auch den Umfang: Drucktechnisch bedingt konnte jedes Heft nur 64 Innenseiten und einen Schutzumschlag haben. Neue Veröffentlichungen und Auflagen haben in der Regel ein kleineres Format und eine entsprechend größere Seitenzahl (128 Innenseiten), sie sind wie Taschenbücher am Buchrücken verleimt.

Ein Beispiel hierfür ist die seit 1973 erscheinende Arztromanserie „Dr. Norden“ von Patricia Vandenberg, die mit mehr als 180 Millionen verkauften Exemplaren in mehreren Auflagen und über 850 einzelnen Romanen wohl die erfolgreichste deutschsprachige Heftromanserie ist.[12][13] Eine weitere erfolgreiche Arztromanserie aus jüngerer Zeit ist „Dr. Katja König“ von der schweizer Autorin Nicole Amrein. Sie erscheint seit 2001.[14]

Die Leserschaft von Arztromanen in der Trivialliteratur besteht zu 95% aus Frauen, auch älteren Frauen. Sie haben den niedrigsten Bildungsstand aller Liebesromanleserinnen, setzten sich jedoch etwas von den Berg- und Heimatroman-Leserinnen ab.[15][16]

Quellen

  1. Deutsches Universalwörterbuch, S. Eintrag: Arztroman, Mannheim: Duden Verlag 2007, ISBN 3411055065
  2. a b c Ulrike Röper: Kleine Reise in die medizinische Belletristik // Der Arzt im Roman– von Kunst bis Kitsch in der Ärztliche Praxis Gesundheitszeitung (Jahr: 2001 / Ausgabe: 1 / Seite: 5)
  3. Annika Fellermeyer: Der Arzt Hans Lungwitz im Spiegel seiner sozialreformerischen Schriften, Abschnitt 2.4. Dissertation, Uni-Würzburg 2005
  4. a b Ross McKibbin: Classes and Cultures: England 1918-1951. Oxford University Press 1998, ISBN 0198206720, S. 484ff (eingeschränkte Online-Version (Google Books))
  5. Eintrag in der The Literature, Arts, and Medicine Database der NYU
  6. A. J. Cronin in der Zeit vom 16. Januar 1981 (Kopie auf Zeit Online)
  7. Martin B Van Der Weyden: DOCTORS AS STARS im Medical Journal of Australia vom 17. Oktober 2008
  8. Gerhard Beckmann: Letzter Roman auf Welt Online vom 9. Juni 2001
  9. Eberhard Bahr: Defensive Kompensation (in Hans Wagener (Hrsg.): Von Böll bis Buchheim: Deutsche Kriegsprosa nach 1945), S. 199ff, insb. 210f, Rodopi 1997, ISBN 9783525210178
  10. Walter Nutz: Der Trivialroman: seine Formen und seine Hersteller, S. 23, Westdeutscher Verlag 1962
  11. Joseph Gepp: Dreischgroschenheros in der Zeitschrift Datum (Ausgabe 8/2006)
  12. Mathias Irle: Wie wird man eigentlich Arztromanautorin, Frau Schiede?. In: FAZ Hochschulanzeiger. Nr. 73, 7. Juni 2004. Abgerufen am 4. Januar 2009.
  13. Biographische Notiz zur Autorin auf doktor-norden.de
  14. Anna Thalmann: Am Ende der kurzen Sätze siegt die Liebe in der NZZ vom 15. Juni 2003
  15. Nutz Walter: Thema Heftromane (in Werner Faulstich (Hrsg.): Medien und Kultur). In: Vandenhoeck & Ruprecht (Hrsg.): Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik (LiLi), Beiheft 16. , Göttingen1991, S. 111.
  16. Walter Nutz, Volker Schlögell: Die Heftromanlerserinnen und -Leser in Deutschland. In: Mouton de Gruyter (Hrsg.): Communications: The European Journal of Communication. 16, Nr. 2, Berlin, 1991.

Weiterführende Literatur


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