Rosmersholm

Rosmersholm ist ein Drama in vier Akten von Henrik Ibsen. Es erschien am 23. November 1886 in Kopenhagen und Kristiania im Verlag Gyldendalske Boghandel. Das Buch erhielt überwiegend schlechte und nur wenige positive Kritiken in Schweden und Dänemark, noch negativer war das Echo in Norwegen, dementsprechend schlecht gestaltete sich der Verkauf der ursprünglichen Auflage von 8000 Exemplaren. Das Stück wurde daher erst in Ibsens Gesammelten Werke (1888–1890) erneut abgedruckt.

Die Uraufführung des Dramas fand am 17. Januar 1887 im Den Nationale Scene in Bergen statt. Regie führte Gunnar Heiberg. Auch hier waren die Kritiken eher ablehnend und das Publikum wenig begeistert, so auch bei der deutschen Uraufführung am 6. April 1887 am Stadttheater Augsburg.

Inhaltsverzeichnis

Handlung

Die Hauptfigur Johannes Rosmer, ein ehemaliger Pfarrer, Besitzer des Gutes Rosmersholm und letzter Nachkomme einer alteingesessenen Familie, welche Geistliche, Militär- und Staatsbeamte hervorgebracht hat, hat seine Frau Beate verloren, die aus Kummer über ihre Kinderlosigkeit wahnsinnig geworden ist und sich im Fluss ertränkt hatte.

Rosmers ehemaliger Hauslehrer Ulrik Brendel, ein Idealist und Philosoph, hat ihn in seinem Denken wesentlich geprägt, und als eine junge Frau, Rebekka West, sich durch Beates Bruder Rektor Kroll Zugang zu Rosmer auf Rosmersholm verschafft, verliebt dieser sich in sie. Da er mit ihr auch Gespräche über Lebens- und Weltanschauungen führen kann, fühlt er sich schließlich stark genug und ermutigt, sich im linken Flügel der Politik aktiv zu engagieren. Dadurch kommt es jedoch zu einem offenen Konflikt zwischen ihm und dem konservativen Rektor Kroll, seinem langjährigen Freund und Vertrauten. Dieser versucht jedoch, ihn aus diesem „Lager“ zu retten.

Im weiteren Verlauf des Stückes entdeckt Johannes Rosmer nicht nur, dass Rebekka ihn selbst manipuliert, sondern dass diese auch seine Frau Beate mit der Behauptung, sie, Rebekka, erwarte von Rosmer ein Kind, in den Suizid getrieben hat. Das weckt Schuldgefühle in Rosmer, der sich in Rebekka verliebt hatte. Rebekka entdeckt, dass ihr vermeintlicher Adoptivvater, Doktor West, in Wahrheit ihr unehelicher leiblicher Vater war.

Schließlich gesteht Rebekka ihre Teilschuld an Beates Suizid ein, da sie selbst Herrin auf Rosmersholm werden wollte. Das Heiratsangebot Rosmers lehnt sie nun jedoch ab, und beide ertränken sich im reißenden Mühlbach - wie zuvor schon Beate Rosmer.

Aufführungen

Das Stück brachte es bisher auf 325 Inszenierungen weltweit.[1] Die letzte Rosmersholm-Premiere in Deutschland fand am 16. September 2011 in der Volksbühne Berlin unter der Regie von Leander Haußmann statt.

2001 wurde die Rosmersholm-Inszenierung von Peter Zadek am Wiener Akademietheater für 5 Nestroy-Theaterpreise nominiert und gewann 3 davon. Damit gehört sie zu den erfolgreichsten Inszenierungen bei den Nestroys.

Psychoanalytische Rezeption

Sigmund Freud nutzte Rosmersholm zur Illustration psychoanalytischer Charaktertypen.[2] Dabei schildert er den aus dem Stück rekonstruierten Lebenslauf Rebekkas und konzentriert sich auf die Begründung ihrer Ablehnung von Rosmers Heiratsantrag, da Freud die genannten Ablehnungsgründe nicht ausreichend überzeugend findet. Seine Interpretation führt zu der These, die das dramatische Geschehen besser verständlich machen soll:

„Rebekkas Schuldbewußtsein entspringt aus der Quelle des Inzestvorwurfs […]. Wenn wir ausführend und ergänzend ihre vom Dichter angedeutete Vergangenheit rekonstruieren, so werden wir sagen, sie kann nicht ohne Ahnung der intimen Beziehung zwischen ihrer Mutter und dem Doktor West gewesen sein. Es muß ihr einen großen Eindruck gemacht haben, als sie die Nachfolgerin der Mutter bei diesem Manne wurde, und sie stand unter der Herrschaft des Ödipus-Komplexes, auch wenn sie nicht wußte, daß diese allgemeine Phantasie in ihrem Falle zur Wirklichkeit geworden war. Als sie nach Rosmersholm kam, trieb sie die innere Gewalt jenes ersten Erlebnisses dazu an, durch tatkräftiges Handeln dieselbe Situation herbeizuführen, die sich das erstemal ohne ihr Dazutun verwirklicht hatte, die Frau und Mutter zu beseitigen, um beim Manne und Vater ihre Stelle einzunehmen.[3]

Nach Alfred Lorenzer handelt es sich bei diesem Zusammenhang um „den unbewußten Kern der Dramatik.“[4] Freuds Interpretation enthüllt nach Lorenzer die sowohl der Figur, als auch dem Dichter und dem Publikum unbewußten Motive Rebekkas: Diese zweite Motivebene „ist für den Leser/Zuschauer jedoch mitfühlbar. Nicht zuletzt darauf beruht die Wirkung des Stückes.“[5] Demnach handelt es sich bei Rosmersholm nicht um ein „plattes Aufklärungs- und Besinnungsstück“, sondern um ein Drama, das unterhalb der manifesten, offensichtlichen Ebene noch einen „latenten Textsinn“ enthält:

„Nicht sittliche Läuterung, ja nicht einmal die Vermengung von Liebe und Mord bringen die Abenteurerin Rebekka um den Lohn ihres Strebens, sondern das Grauen vor dem Gewahrwerden der archaischen Bodenlosigkeit ihrer Impulse, dem Ausgeliefertsein an die unkontrollierbaren Zwänge, die alle Selbstgewißheit von innen her aushöhlen. […] Für die Position des Zuschauers formuliert: Die Teilnahme am manifesten Drama verstrickt ihn in ein Erleben, dessen Hintergründigkeit ihn plötzlich ergreift, wobei manifester und latenter Sinn zueinander in Beziehung treten.[6]

Ausgaben

  • Henrik Ibsen: Rosmersholm. In: Henrik Ibsen: Samlede Verker (Hundreårsutgave). Band X, Oslo 1932.
  • Henrik Ibsen: Rosmersholm. In: Henrik Ibsens sämtliche Werke in deutscher Sprache. Achter Band, S. Fischer Verlag, Berlin 1902.

Literatur

  • Merete Morken Andersen: Ibsenhåndboken (Ibsenhandbuch). Gyldendal Norsk Forlag, 1995.
  • Janet Garton: “Are you really going to have this person in your living-room?” Ulrik Brendel’s difficult entry into Ibsen’s Rosmersholm. In: TijdSchrift voor Skandinavistiek 27, 2006, Nr. 2 (Online).

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Repertoire database auf Ibsen.net, 20. Mai 2010.
  2. Sigmund Freud: Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit. In: Sigmund Freud: Gesammelte Werke. Bd. X, S. 370ff.
  3. Sigmund Freud: Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit. In: Sigmund Freud: Gesammelte Werke. Bd. X, S. 387.
  4. Alfred Lorenzer: Tiefenhermeneutische Kulturanalyse. In: Alfred Lorenzer (Hrsg.): Kultur-Analysen. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1986, S. 11–98, hier S. 37.
  5. Alfred Lorenzer: Tiefenhermeneutische Kulturanalyse. In: Alfred Lorenzer (Hrsg.): Kultur-Analysen. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1986, S. 11–98, hier S. 36.
  6. Alfred Lorenzer: Tiefenhermeneutische Kulturanalyse. In: Alfred Lorenzer (Hrsg.): Kultur-Analysen. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1986, S. 11–98, hier S. 37.

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