Synergie

Die Synergie oder der Synergismus (griechisch συνεργία, synergía, oder συνεργισμός, synergismós, „die Zusammenarbeit“) bezeichnet das Zusammenwirken von Lebewesen, Stoffen oder Kräften im Sinne von „sich gegenseitig fördern“ bzw. einen daraus resultierenden gemeinsamen Nutzen.

Eine Umschreibung von Synergie findet sich in dem Ausspruch von Aristoteles „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“, auch als Holismus bezeichnet. Synergien werden interdisziplinär in der Synergetik untersucht.

Inhaltsverzeichnis

Religion

Der Synergismus ist in der christlichen Dogmatik die „Mitwirkung“ des menschlichen Willens bei der Rechtfertigung. Während der Reformationszeit warfen die Gnesiolutheraner Melanchthon und seiner Schule vor, Verfechter des Synergismus zu sein. Die strenge Lehre der Gnesiolutheraner, die behauptete, sich auf Luther zu stützen, hielt an der absoluten Unfähigkeit des natürlichen Willens fest, bei der Rechtfertigung mitzuwirken. Allerdings vertritt Melanchthon primär eine an Confessio Augustana (CA) Art. XVIII. angelehnte und damit auch von Luther und im Sinne der CA konfessionalisierten Kirchen vertretene Position: Der Mensch ist in weltlichen Handlungen frei, „ohne Gnad, Hilf und Wirkung des Heiligen Geistes vermag der Mensch aber nicht Gott gefällig zu werden“. (CA Art. XVIII)

Die seit 1557 in der deutschen Evangelischen Kirche aufkommenden synergistischen Streitigkeiten hatten dieses Thema zum Inhalt und wurden nach und nach beigelegt. Das spätere Luthertum näherte sich Melanchthons Sicht der Rechtfertigung an, indem es die Mitwirkung des Menschen bei der Rechtfertigung nicht mit dessen natürlichen, sondern mit den durch die vorbereitende Gnade geschenkten Kräften erfolge.

Wirtschaft

In der Wirtschaft setzt man auf Synergien etwa bei der Fusion von mehreren Einzelunternehmen zu einem Großunternehmen oder bei vertraglicher Zusammenarbeit zum Beispiel im Forschungs- und Entwicklungsbereich. Bei Fusionen können diese Synergien allerdings ebenso kontraproduktiv wirksam werden, wenn etwa die fusionierten Firmenteile aufgrund der jeweils gewachsenen Unternehmenskulturen gegeneinander arbeiten.

Seit der Mitte des 20. Jahrhundert beschäftigt sich die Spieltheorie wissenschaftlich mit Vorgängen, bei denen gegenseitige Nutzeffekte auch implizit, also ohne gezielte Planung oder sogar in Konkurrenzsituationen auftreten. Die theoretischen Grundlagen lieferte u. a. John Forbes Nash, der für das von ihm bereits 1950 vorgestellte Nash-Gleichgewicht 45 Jahre später den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt. Für solche spieltheoretischen Konstellationen wurde im US-Raum der Begriff Coopetition populär.

Pharmazie

Von Synergie spricht man auch in der Pharmazie, wenn zwei gleichzeitig eingenommene Medikamente ihre Wirkungen gegenseitig verstärken.

Ein solcher Effekt tritt beispielsweise häufig im Zusammenhang mit Alkohol auf. Dabei kann ein Medikament den Einfluss des Alkohols auf den Körper verstärken, sodass sich seine Auswirkungen unter Umständen erheblich schneller und intensiver bemerkbar machen. Unter Medikamenteinfluss sollte grundsätzlich sicherheitshalber kein Alkohol konsumiert werden.

Chemie

Auch beim Zusammenwirken von Chemikalien spricht man von synergetischen bzw. synergistischen Effekten, wenn sich die kombinierten Wirkungen potenzieren. Dies geschieht z. B. bei halogenierten Flammschutzmitteln in Kombination mit Antimonoxid sowie auch bei der Zusammenstellung von Raketentreibstoffen (Oberth-Effekt).

Forstwirtschaft

Eine Bedeutung erhält der Begriff auch im Waldbau, auch als Synergismus. Er bezeichnet dort die erhöhte Produktivität eines Mischbestandes auf einem Standort im Vergleich zu einem Reinbestand bei gleicher Stammzahl. Die Steigerung lässt sich durch bessere Ausnutzung (z. B. durch gestufte Bestandesschicht oder unterschiedliche Ansprüche der verschiedenen Baumarten) oder Verbesserung (z. B. durch bessere Zersetzung der „Mischstreu“) der standörtlichen Gegebenheiten erklären.

Philosophie

Allgemein wird der Begriff in der abstrakteren Bedeutung „Synergieeffekt“ benutzt, wenn Konzepte, Prozesse oder Strukturen sich gegenseitig ergänzen. Diese Verwendung wurde von Richard Buckminster Fuller maßgeblich mitgeprägt, der damit u. a. in der Architektur die Eigenschaften seiner Domes oder geodätischen Kuppeln erklärte.

Medizin

Das einfachste Beispiel synergistischer Wirkungen ist das harmonische Zusammenspiel von Muskelgruppen. Synergistische Muskeln sind zum Beispiel alle Muskeln, die an einem bestimmten Gelenk zu ein und derselben Bewegung beitragen, zum Beispiel eine Beugung bewirken, vgl. → Agonisten.[1] Darüber hinaus wird in der Physiologie mit Synergie auch die Organisation des ZNS beschrieben. Damit ist das Zusammenwirken verschiedener Hirnstrukturen gemeint. So ist in der Motorik bei komplexen Bewegungsabläufen ein Zusammenspiel verschiedener somatotopisch gegliederter Hirnareale erforderlich. Solche Hirnareale sind zum Beispiel die verschiedenen motorischen Projektionsfelder (PS, EPS), Stammganglien, Kleinhirn usw. Dies ist erforderlich, um Bewegungsabläufe abzustimmen und zu koordinieren. Störungen dieser Abläufe können sich zum Beispiel als Ataxie oder Apraxie bemerkbar machen. Ähnlich wie man bei Muskelgruppen Agonisten und Antagonisten unterscheidet, gibt es nicht nur im Nervensystem eine Vielzahl von Systemen, die sich untereinander als Gegenspieler erweisen, so die bereits genannten Systeme PS und EPS in der Motorik, das sympathische und parasympatische Nervensystem sowie unterschiedliche z. T. gegenläufige biochemische bzw. hormonelle Regulierungen, die ebenfalls auf höherer Ebene vom Nervensystem (Neurohypophyse) aus gesteuert werden. Gegenspieler können unter bestimmten Umständen auch zusammenwirken, da sie ganz unterschiedlichen Steuerungsmechanismen unterliegen. Dieses Phänomen wird in der Physiologie auch als Synergismus bezeichnet.[2]

Einzelnachweise

  1. Boss, Norbert (Hrsg.): Roche Lexikon Medizin, Hoffmann-La Roche AG und Urban & Schwarzenberg, München, 2 1987, ISBN 3-541-13191-8, Seite 1660
  2. Rein, Hermann und Max Schneider: Physiologie des Menschen. Springer, Berlin, 15 1964, Seiten 543, 597, 615

Siehe auch

Weblinks


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