Bona Peiser

Bona Peiser (* 26. April 1864 in Berlin; † 17. März 1929 in Berlin) war die erste Frau in Deutschland, die hauptberuflich und bezahlt als Bibliothekarin gearbeitet hat. Sie gilt deshalb als Deutschlands erste Volksbibliothekarin.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Bona Peiser wurde als Tochter eines jüdischen Verlagsbuchhändlers geboren. Aufgrund der väterlichen Tätigkeit sowie des traditionell hohen Ansehens von Büchern in jüdischen Familien war ihr der Umgang mit Büchern von Kind an vertraut. Die zu der Zeit bereits existierenden öffentlichen Bibliotheken waren allerdings meist kleinere Schulbibliotheken, die von Lehrern ehrenamtlich geführt wurden. Erst in den 1890er Jahren entstanden im Rahmen der so genannten Bücherhallenbewegung größere Bibliotheken nach englischem Vorbild. Bona Peiser beschloss, sich in Eigeninitiative für den Dienst in einer Bibliothek auszubilden und ging nach England, wo sie an einer Public Library als Volontärin arbeitete. Nachdem sie nach Berlin zurückgekehrt war, schloss sie sich der „Deutschen Gesellschaft für Ethische Kultur“ an, die sich der Etablierung von öffentlichen Bibliotheken verschrieben hatte. Hier lernte sie unter anderen auch die bekanntesten Vertreter der Bücherhallenbewegung kennen, Constantin Nörrenberg und Paul Ladewig.

Die erste Öffentliche Bibliothek in Berlin

1894 begann die Gesellschaft mit einem Gründungsaufruf für eine öffentliche Bücher- und Lesehalle, nachdem der Magistrat der Stadt Berlin den Vorschlag des Historikers, Schriftstellers, Publizisten und Bibliothekars Arend Buchholtz zur Weiterentwicklung der Städtischen Bibliotheken abgelehnt hatte. Zu den Unterzeichnern des Aufrufs gehörte unter anderen auch der Mediziner Rudolf Virchow, und es sollten sowohl Geld- als auch Buchspenden gesammelt werden. Neben Ladewig sowie dem Bibliothekar der Königlichen Bibliothek Ernst Jeep wurde auch Bona Peiser Mitglied einer Kommission, die für die Werbung für die Bücherhalle sorgte. Bona Peiser arbeitete zu dieser Zeit unbezahlt als Leiterin der Bibliothek des "Kaufmännischen Verbandes für Weibliche Angestellte", diese Beschäftigung führte sie bis zu ihrem Lebensende neben der hauptamtlichen Tätigkeit aus.

1893 eröffnete die Gesellschaft die erste öffentliche Lesehalle Berlins als Öffentliche Lesehalle der Deutschen Gesellschaft für Ethische Kultur in der Neuen Schönhauser Straße 13 in einem von Alfred Messel errichteten Gemeinschaftshaus. Hier standen fünf geräumige Zimmer zur Verfügung, des Weiteren waren ein Volkskaffeehaus und eine Speisehalle eingerichtet. Für die Einrichtung und Leitung waren Bona Peiser und Ernst Jeep zuständig, kurz danach übernahm Bona Peiser die Leitung alleine und blieb in dieser Position bis zu ihrem Lebensende. Die Grundsätze der Lesehalle formulierte sie mit ihren Mitstreitern:

Die öffentliche Bücherei ist eine Angelegenheit des ganzen Volkes. Sie soll zugleich das Bildungs- und Unterhaltungsbedürfnis aller Bevölkerungsschichten befriedigen. Sie darf keiner Klasse, keiner Partei dienen. Ihre einzige Tendenz ist, keine Tendenz zu haben. Sie muß mit den besten Werken der Literatur der populären Wissenschaft ausgestattet sein und muß deren Benutzung so bequem wie möglich machen durch Ausleihen sowie durch Einrichtung einladender Lese- und Nachschlageräume, die jederzeit für jedermann unentgeltlich offenstehen. Die in der Lesehalle angebotenen Zeitungen müssen allen Parteien und Richtungen angehören, so daß sie eine neutrale Stätte bedeutet, die über die trennenden Meinungen hinweg zur Verständigung und gegenseitigen Achtung jeder Überzeugung führen kann.

Erfolge und Entwicklungen

Die erste öffentliche Bibliothek war ein großer Erfolg. Sie hatte an Wochentagen täglich bis 22.00 Uhr geöffnet, außerdem sonntags von 9.30 bis 13.00 Uhr. Innerhalb eines Jahres zählte man 50.000 Besucher und 21.000 Ausleihen in den Lesesaal. Innerhalb der gleichen Zeit wuchs der Bücherbestand von 500 auf 3.500 Titel an. Ab 1899 war auch eine Ausleihe außer Haus möglich.

Angeregt durch den Erfolg erlaubte nun auch der Magistrat die Einrichtung von Bibliotheken, und Arend Buchholtz eröffnete zwischen 1896 und 1900 die ersten vier städtischen Bibliotheken, bis 1914 folgten neun weitere. 1900 wurde in Berlin die erste Bibliothekarinnenschule eröffnet, und die Bücherhalle von Bona Peiser wurde in den ersten Jahren die einzige Möglichkeit der praktischen Ausbildung für den Bibliotheksdienst.

Bona Peiser führte in ihrer Bibliothek die Buchkarte sowie den Präsenzkatalog nach amerikanischem Modell ein. 1902 zog die Bücherhalle in die Münzstraße 11 um. 1906 wurde hier ein Bücherverzeichnis der Lesehalle erstellt und in einer Auflage von 4.000 Exemplaren ausgegeben, die sehr schnell vergriffen war. Ein erneuter Umzug erfolgte 1908 aufgrund der Raumnot, diesmal in die Rungestraße 23–27 in die Räume eines Gewerbehofes. Ab 1913 wurde die Kinderbibliotheksarbeit unter der Leitung von Bona Peiser ausgebaut. Dazu organisierte sie auch Märchenstunden an den Sonntagnachmittagen. Weiter ausgebaut wurde das Kinderbibliothekswesen später von Johanna Mühlenfeld, die als Begründerin desselben gilt und Schülerin von Bona Peiser war.

Bona Peiser versuchte über ihren Wanderbrief den Kontakt zwischen den Bibliothekarinnen herzustellen und richtete seit 1900 einen monatlich stattfindenden Treffpunkt für Bibliothekarinnen ein, der 1907 zur Gründung der Vereinigung bibliothekarisch arbeitender Frauen führte. Ab 1912 gab diese Vereinigung ein eigenes Mitteilungsblatt für die zu diesem Zeitpunkt 368 Mitglieder heraus, das entsprach 70 Prozent aller Berliner Bibliothekarinnen. 1920 ging die Vereinigung in den Reichsverband deutscher Bibliotheksbeamter und -angestellter auf, in dessen Vorstand Bona Peiser bis zu ihrem Tod aktiv war.

Bis 1920 hatten über zwei Millionen Leser die Lesehalle besucht, 94.000 Bücher wurden entliehen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die finanzielle Lage der Bücherhalle schwieriger, und es war zu teuer, an neue Bücher zu kommen. 1927 wurde die Lesehalle schließlich als eine Volksbibliothek der Bezirks Berlin-Mitte übernommen, Bona Peiser blieb jedoch Leiterin.

Am 17. März 1929 starb Bona Peiser an Herzschwäche und wurde auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beigesetzt.

Ehrungen

Gedenktafel am Gebäude Rungestr. 22–25

Die im August 1964 errichtete Stadtteilbibliothek in der Oranienstraße 72 (Berlin-Kreuzberg) erhielt den Namen Bona-Peiser-Bibliothek. Anlässlich der Ausstellung „Berliner Bibliotheken einst und jetzt“ im Jahre 1988 wurde die Arbeit Bona Peisers zum ersten Mal vor einer breiteren Öffentlichkeit gewürdigt. Seit 2004 trägt der Privatweg an der ver.di-Bundesverwaltung in Berlin den Namen Bona-Peiser-Weg.[1]

Eine Fotografie, die Bona Peiser zeigt, konnte bislang noch nicht gefunden werden.[2]

Literatur

  • Thomas Adametz: Bona Peiser (1864–1929). Wegbereiterin der Bücherhallenbewegung und Deutschlands erste Volksbibliothekarin. In: Helga Lüdtke (Hrsg.): Leidenschaft und Bildung. Zur Geschichte der Frauenarbeit in Bibliotheken. Berlin 1992, S. 133 ff.
  • Helga Lüdtke: Anspruchsvolle Arbeit für „bedürfnislose“ Frauen. Die ersten Bibliothekarinnen in Deutschland. In: Helga Lüdtke (Hrsg.): Leidenschaft und Bildung. Zur Geschichte der Frauenarbeit in Bibliotheken. Berlin 1992, S. 25 ff.
  • Frauke Mahrt-Thomsen: Bona Peiser (1864–1929). In: Berlinische Monatsschrift. Nr. Heft 1, Berlin 1995, S. 47 ff.
  • Helga Lüdtke (Hrsg.): Bona Peiser. Die Bibliothekarin (1901). Nachdruck aus der Beilage zur „Täglichen Rundschau“, 8. Juni 1900. In: Leidenschaft und Bildung. Zur Geschichte der Frauenarbeit in Bibliotheken. Berlin 1992, S. 53 ff.
  • Anne Schlüter: Barrieren und Karrieren für Frauen im höheren Dienst. In: Bibliothek. 20. Jahrgang, 1996, S. 100 ff.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Bona-Peiser-Weg. In: Straßennamenlexikon des Luisenstädtischen Bildungsvereins (beim Kaupert)
  2. Dagmar Jank in einer Reminiszenz der Ausstellung „Berliner Bibliotheken einst und jetzt“ (1988); Fachhochschule Potsdam

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