Gemeindebau

Gemeindebau
Karl-Marx-Hof in Döbling

Als Gemeindebau wird in Österreich ein Wohnblock des kommunalen sozialen Wohnungsbaus bezeichnet. Gemeindebauten sind seit den 1920er Jahren ein wichtiger Bestandteil der Architektur und Kultur Wiens geworden.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Metzleinstaler Hof - der 1. Gemeindebau Wiens
George-Washington-Hof in Favoriten
Straßenhof des Reumannhofs

Vorentwicklungen

Durch die Zuwanderungswelle aus den Kronländern der Donaumonarchie nach Wien stieg die Bevölkerung auf über 2 Millionen Einwohner. Dadurch wurde die Wohnsituation der Arbeiterklasse oft von unzumutbaren Wohnverhältnissen bestimmt. Die Folgen dieser Entwicklung waren hohe Mieten: Die Wohnungen werden überbelegt, d.h. die Zahl der Untermieter und „Bettgeher“ stieg, und das Wohnungselend wurde immer schlimmer.

Um 1900 entstanden in der Form von Werkswohnungen die ersten Ansätze des kommunalen Wohnungsbaus. Die Arbeit von neugegründeten karitativen Stiftungen und Vereinen waren ein zweiter Ansatz für die Linderung des Elends.

Der Erste Weltkrieg bremste alle Entwicklungen, so dass 1917 fast drei Viertel aller Wiener Wohnungen überbelegte Ein- und Zweizimmerwohnungen waren. In diesem Jahr war die konservative Regierung gezwungen, bedeutende Konzessionen einzugehen: Eine Mieterschutzverordnung mit Mietzinsstopp („Friedenszins“) und eine Einschränkung des Kündigungsrechtes wurden geschaffen. Damit wurde – allerdings eher ungewollt – eine der wesentlichen Voraussetzungen für den späteren sozialen Wohnbau geschaffen.

Gemeindebauten der Ersten Republik

Die in der Ersten Republik (1918–1934) im sogenannten Roten Wien regierende Sozialdemokratische Arbeiterpartei begann ein Projekt zur Verbesserung der Lebensumstände für Arbeiter. Eine große Zahl von Gemeindebauten, meist große Wohnanlagen, wurden in dieser Zeit gebaut. Dies war möglich, da die Gemeinde Wien auf Grund der gesunkenen Grundstückspreise eine Vielzahl von Grundstücken zu erschwinglichen Preisen erwerben konnte – so etwa den sogenannten „Drasche-Gürtel“ im Süden der Stadt, der von Meidling bis Kaiserebersdorf reichte, oder die „Frankl-Gründe“.

Als Wien im Jahr 1922 ein selbständiges Bundesland wurde, erlangte es vor allem auch die Steuerhoheit. Dies führte dazu, mit der zweckgebundenen Wohnbausteuer die Basis für das kommunale Wohnbauprogramm zu legen. Die Wohnbausteuer war zwar von allen Besitzern vermietbarer Räume zu entrichten, allerdings derart gestaffelt, dass die teuersten 0,5 % der Objekte 44,5% der Gesamtleistung erbrachten.

Das Hauptziel war das Errichten von Wohnanlagen, die gesunde Lebensbedingungen für ihre Bewohner ermöglichten. Einschließlich der nach 1934 fertiggestellten Objekte entstanden in 382 Gemeindebauten 65.000 Wohnungen mit Wohnraum für ungefähr 220.000 Bewohner. Die Wohnungen wurden nach einem Punktesystem vergeben, das Familien und einkommensschwache Bürger bevorzugte.

In dieser Zeit entstanden die klassischen Gemeindebauten des Roten Wiens: Lassallehof (2. Bezirk), Rabenhof (3. Bezirk), Metzleinstaler Hof (der erste Gemeindebau 1919–20) und Reumannhof (beide 5. Bezirk), George-Washington-Hof und Victor-Adler-Hof (beide 10. Bezirk), Wohnhausanlage Sandleiten (16. Bezirk - die größte Anlage mit 1.587 Wohnungen), Karl-Marx-Hof (19. Bezirk - 1.325 Wohnungen) und Wohnhausanlage Friedrich-Engels-Platz (20. Bezirk - 1.467 Wohnungen)

Doch auch in den vier anderen Großstädten Österreichs entstanden im Laufe der Zeit viele Gemeindebauten. Zu nennen sind zum Beispiel Salzburg-Lehen, Linz-Urfahr, Innsbruck-Wilten oder Graz-Triester Siedlung.

Während des Februaraufstands 1934 wurde der festungsartige Aufbau der Wiener Gemeindebauten tatsächlich militärisch genutzt, wie im Karl-Marx-Hof, dem drittgrößten und berühmtesten Gemeindebau Wiens, der allerdings bei den Kämpfen stark beschädigt wurde.

Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen

Bürgermeister Karl Seitz: Ansprache anlässlich der Eröffnung des Karl-Marx-Hofes[1]

Die Stagnation zwischen 1934 und 1945

Mit der Machtergreifung der Austrofaschisten 1934 erlosch die Bautätigkeit des Roten Wiens. Während der Kriegsjahre wurden die vorhandenen Mittel in die Rüstungsindustrie umgeleitet. Auf Grund der Engpässe im Wohnungsbau und bei der Nahrungsmittelversorgung entstanden auf einigen Grundstücken der Stadt die sogenannten Schrebergärten.

Zu Kriegsende im Jahr 1945 waren rund 13 % des gesamten Wiener Wohnhausbestandes zerstört. Die beschädigten gemeindeeigenen Wohnbauten wurden allerdings wieder instand gesetzt, sodass heute alle 382 Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit noch existieren.[2]

Gemeindebauten seit 1945

Nach Kriegsende mussten zuerst die Schäden an den Bauten beseitigt werden, immerhin war jede sechste Gemeindewohnung zerstört oder unbenutzbar. 1947 nahm die Stadt Wien mit der aus Ziegelschuttbeton errichteten Per-Albin-Hansson-Siedlung West ihre Wohnbautätigkeit wieder auf. Daneben wurden auch die zerstörten Bauten bis zum Ende der 1950er Jahre wieder aufgebaut.

Der Architekturstil passte sich der jeweiligen Zeit an, beispielsweise im Bau von Hochhäusern oder in der Zeilenanordnung auf Grund der Baugrundknappheit. Dieser kommunale Wohnhaustyp der Wiederaufbauzeit zeichnet sich durch die Dürftigkeit der Fassadengestaltung („Emmentaler-Architektur“) aus. Damals war es wichtig, möglichst viel Wohnraum in kurzer Zeit zu errichten. Allein 1950 gab es 55.248 Wohnungssuchende, davon 31.309 der höchsten Dringlichkeitsstufe. Bis 1970 wurden auf diese Weise 96.000 Wohnungen geschaffen.

In den 1960er Jahren entstanden typische Hochhaussiedlungen in Fertigteilbauweise, wie die Großfeldsiedlung in Leopoldau oder die Siedlung Am Schöpfwerk (1967–1973). In den 1970er Jahren wurden vor allem hochgeschoßige Megastrukturen verwirklicht, bevorzugt wurden Terrassenhauswohnanlagen wie die Trabrenngründe (1973–1977) mit 2.437 Wohnungen. Dies war auch der Zeitraum der Stadtentwicklung auf zuvor ungenutzten Flächen.

Da die soziale Problematik solcher großdimensionierter Anlagen bald erkannt wurde, verlagerte sich der kommunale Wohnbau in den folgenden Jahren immer mehr in Richtung Baulückenschließungen, Stadterneuerungsprojekte, Wohnhaussanierung und verdichteten Flachbau.

Der letzte Gemeindebau wurde 2004 in der Rößlergasse im 23. Bezirk errichtet. Künftige soziale Wohnbauprojekte will die Gemeinde Wien weiterhin fördern, aber nicht mehr selbst als Bauherr bzw. Vermieter agieren.

Heute besitzt die Stadt Wien – verwaltet durch die Gesellschaft Wiener Wohnen – ca. 220.000 Gemeindebauwohnungen und ist somit die größte Hausverwaltung Europas. Es wohnen ca. 500.000 Bewohner, ein Viertel der Einwohner Wiens, in über 2.300 Gemeindebauten.[3]

Merkmale

Gall-Hof in Alsergrund

Bei den Gemeindewohnungen treten die Gemeinden selbst als Bauherr und als Vermieter im Gegensatz zu Genossenschaftswohnungen auf. Typischerweise war der Gemeindebau eher in sozialdemokratisch dominierten Gemeinden vorhanden, während in den zur ÖVP zuzurechnenden Gemeinden eher die Bauten durch Genossenschaften durchgeführt werden.

Die klassischen Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit sind typischerweise in Blockrandbebauung ausgeführt. In der verhältnismäßig prunkvollen Schauseite führt eine große Toreinfahrt in einen Hof, der als Grünanlage mit Spielplätzen gestaltet ist. Der Zugang zu den Wohnungen erfolgt vom Innenhof. Wegen der oft opulent gestalteten Eingänge nennt man den Stil der Gemeindebauten scherzhaft auch „Arbeiterbarock“.

Die Gemeindebauanlagen verfüg(t)en oft auch über Einrichtungen wie Städtische Bücherei, Kindertagesheim, Wäscherei, Theatersaal, Kinderfreibad, Hallenbad, Ärztezentren oder Einkaufszentren. Paradebeispiele für Mega-Wohnkomplexe mit vielen Zusatzangeboten sind der Sandleitenhof im 16. (über 4000 Bewohner), der Karl-Marx-Hof im 19. und der Rabenhof im 3. Bezirk.

Die Anlagen aus dieser Zeit tragen auch heute noch auffällige Tafeln mit einem Text der Form Wohnhausanlage der Gemeinde Wien errichtet in den Jahren 1925 bis 1927 aus den Mitteln der Wohnbausteuer.

Viele Gemeindebauten tragen Namen, neben einigen geographischen Bezeichnungen vorwiegend Personennamen. Neben allgemeinen Freiheitskämpfern wie George Washington wurden vor allen berühmte Sozialisten und Sozialdemokraten (Karl Marx, Olof Palme) geehrt, aber auch weniger bekannte örtliche Parteifunktionäre.

Kulturelles und Mediales

Wolfgang Ambros hat die Wiener Gemeindebauten in seinem Lied Blume aus dem Gemeindebau musikalisch verewigt.

Zentraler Schauplatz der Fernsehserie Kaisermühlen-Blues ist ein Gemeindebau in Kaisermühlen. In der ORF-Reportagereihe Am Schauplatz geht es häufig um das „Lebensgefühl“ der Gemeindehausbewohner, die nicht selten eine eigene Subkultur, eine Art „Stadt in der Stadt“-Mikrokosmos bilden.

Der österreichische Film Muttertag – Die härtere Komödie spielt in der Wohnhausanlage Am Schöpfwerk in Altmannsdorf in Wien Meidling und karikiert das Wiener Kleinbürgertum.

2009 beschäftigt sich die Ausstellung Wiener Wohnbau: Innovativ. Sozial. Ökologisch im Ringturm mit dem Thema „Gemeindebau“.[4]

Kirchen

Dem Karl-Marx-Hof wurde nachträglich die Unterheiligenstädter Pfarrkirche beigestellt, analog dem Karl-Seitz-Hof die Pfarrkirche Gartenstadt, welche noch den ursprünglichen Namen Gartenstadt des Hofes anzeigt. Beim Heinz-Nittel-Hof war die Markuskirche bereits beim Entwurf Teil der Planung.

Literatur

  • Hans Hautmann, Rudolf Hautmann: Die Gemeindebauten des Roten Wien, Schönbrunn Verlag, Wien 1980.
  • Albert Lichtblau: Wiener Wohnungspolitik 1892–1919, Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1984, ISBN 3-900351-33-3.
  • Helmut Weihsmann: Das Rote Wien. Sozialdemokratische Architektur und Kommunalpolitik 1919-34. 1985, ISBN 3-85371-181-2.
  • Erich Bramhas: Der Wiener Gemeindebau: Vom Karl-Marx-Hof zum Hundertwasserhaus, Birkhäuser, Basel 1987, ISBN 3-7643-1797-3.
  • Hans Schafranek: „Die Führung waren wir selber“ - Militanz und Resignation im Februar 1934 am Beispiel Kaisermühlen, in: Helmut Konrad / Wolfgang Maderthaner (Hrsg.): Neuere Studien zur Arbeitergeschichte, Bd. II: Beiträge zur politischen Geschichte, Wien 1984, S. 439 - 469.
  • Wolfgang Förster, Gabriele Kaiser, Dietmar Steiner, Alexandra Viehhauser: Wiener Wohnbau: Innovativ. Sozial. Ökologisch, Buch zur gleichnamigen Ausstellung 2009, Architekturzentrum Wien (Hrsg.), Wien 2008.

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Gemeindebau in Vienna – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. fr-online.de: Karl-Marx-Hof. Mein Heim, meine Burg. Von Alexander Musik.
  2. Helmut Weihsmann: Das rote Wien - Sozialdemokratische Architektur und Kommunalpolitik 1919–1934. Wien: Promedia, 2002, S. 120. ISBN 3-85371-181-2
  3. Projekt „Ich lebe im Gemeindebau“
  4. Wiener Städtische Ausstellung: Wiener Wohnbau, Ringturm, 22. Jänner 2009 bis 20. März 2009.

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