Kanzel

Die Kanzel ist ein erhöhter Ort in Kirchen, Synagogen und Moscheen, von dem aus der/die Geistliche die Verkündigung/Auslegung des Wortes Gottes, die Predigt, hält.

Rokoko-Kanzel, Klosterkirche Gutenzell
Kanzel von Heinrich II. aus dem Jahr 1014 im Aachener Dom
Die als zweitälteste Steinkanzel Deutschlands geltende von Nikolaus von Kues gestiftete Kanzel in der Wendalinusbasilika in St. Wendel

Die Kanzel in christlichen Kirchen

Das Wort stammt von lat. cancelli „Gitter, Schranken“. In der Frühzeit des Christentums war nämlich als Predigtort der Ambo in der Nähe der Schranken zwischen Chorraum und Kirchenschiff aufgestellt.

Die Kanzel ist eine Erfindung der Prediger-(Bettel-)Orden des 13. Jahrhunderts. Je größer die Kirchen wurden und je mehr Bedeutung man der Predigt zumaß, desto höher wurden die Kanzeln und desto kunstvoller wurden sie figürlich und ornamental ausgestaltet. Grundbestandteile sind der mitunter mit einem Lesepult versehene, dekorativ gestaltete Kanzel-Korpus von polygonalem, meist oktogonalem Grundriss, der auf einem Fuß oder Träger ruht und zu dem entweder im Kircheninnern selbst oder an der Außenwand eine Treppe hinaufführt, und der ebenfalls oftmals dekorativ gestaltete Schalldeckel, der optisch mit einer Rückwand mit dem Kanzel-Korpus verbunden sein kann. Treppe und Kanzel-Korpus sind in der Regel durch eine Tür getrennt.

Die Stellung der Kanzel im Raum wurde unterschiedlich gehandhabt; akustische Gründe können den Ausschlag gegeben haben, aber auch gegebenenfalls das künstlerische Gesamtkonzept. Oft ist die Kanzel im vorderen Drittel oder in der Mitte des Hauptschiffs angebracht, angebaut an eine Säule oder zwischen zwei Säulen oder - bei kleineren Kirchen - an der Längswand errichtet, zumeist auf der Epistelseite, also im Süden des Kirchenbaus. Gegenüber der Kanzel findet man auf der anderen Seite des Kirchenschiffes häufig ein (größeres) Kruzifix.

Nach der Reformation wuchs die Bedeutung der Predigt, in vielen Kirchen wurden daraufhin aufwendige Kanzeln angeschafft. In manchen evangelischen Kirchen, vor allem in denjenigen, in denen auf den Chorraum verzichtet wurde, findet sich ein Kanzelaltar: Die Kanzel ist über dem Altar an der inneren Stirnwand der Kirche angebracht und mit ihm in eine einzige Konstruktion eines ein- oder mehrgeschossigen Altarretabels integriert. Dies symbolisiert die Gleichwertigkeit von Wort und Sakrament.

Häufigstes Baumaterial der Kanzel ist Holz oder Stein. Die in der Regel gefassten Dekorelemente sind zumeist ebenfalls aus Holz geschnitzt oder Stein gehauen, aber auch aus Stuck geformt. Das figürliche Programm des Kanzel-Korpus weist zumeist die vier Evangelisten oder die vier westlichen Kirchenlehrer (Gregor der Große, Ambrosius von Mailand, Augustinus von Hippo und Hieronymus) auf. Der Schalldeckel wird oft von einer Christusfigur oder von Symbolen für Christus bekrönt, umgeben von Putten mit den Leidenswerkzeugen; in der Gegenreformation und Barockzeit ersetzt der drachenbesiegende Engel die Christusfigur.

Eine kunsthistorische Sonderform bildet die sogenannte Schiffsbrückenkanzel. Der Korpus in Form eines Schiffsrumpfes ist zumeist ohne Träger an der Wand befestigt. Dekor sind Fischernetze am Korpus und Takelage an oder als Schalldeckel.

In katholischen Kirchen werden Kanzeln, soweit noch vorhanden, heute nur noch selten gebraucht, weil die Liturgiereform des II. Vatikanischen Konzils die Messliturgie neu gestaltete. Größere Bedeutung erhielt wieder der Ambo, ein erhöhter Ort, von dem aus das Wort Gottes sowohl verlesen als auch in der Homilie ausgelegt wird. Er steht meist am vorderen Rand der erhöhten Altarinsel als ein zweckentsprechend, aber auch als künstlerisch gestaltetes Pult.

Bei Messen im tridentinischen Ritus wird jedoch oft noch von der Kanzel gepredigt.

Außenkanzel mit Schalldeckel am Dom von Prato in Italien

Insbesondere an Wallfahrtskirchen entstanden Außenkanzeln, um bei großem Andrang von Wallfahrern von dort aus predigen und die Reliquien zeigen zu können. Die Außenkanzel kann sowohl vom Kircheninneren über eine Tür als auch über eine eigene Außentreppe zugänglich sein. Anstelle einer Kanzel kann auch ein offener Altan oder ein Balkon über einem Portal dem gleichen Zweck dienen und wird dann ebenso Außenkanzel genannt.

Literatur

  • Theologische Realenzyklopädie (TRE), Bd. 17, de Gruyter 1988, ISBN 3-11-011506-9 oder 978-3110115062

Weblinks

 Commons: Kanzel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary Wiktionary: Kanzel – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  • zur Kanzel in der Moschee siehe Minbar

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