Synagoge
Szenen aus dem Buch Ester in der Synagoge von Dura Europos in Syrien (244 CE).
Aschkenasische Synagoge, Istanbul
Toraschrein der Münchner Synagoge
Der Aron ha-Qodesch mit Parochet in einer Jerusalemer Synagoge

Eine Synagoge (von griechisch συνάγω synago; [sich] versammeln) ist ein jüdisches Versammlungs- und Gotteshaus für Gebet, Schriftstudium und Unterweisung. Die hebräische Bezeichnung für die Synagoge ist „Beth knesset“ (בית כנסת Haus der Versammlung), seltener Beth Tefila (Haus des Gebets), jiddisch auch „Schul“. Sie ist unterteilt in den Gebetsraum und kleinere Räume zum Studium. Diese Lehrräume werden als Beth Midrash (hebr.: Haus der Lehre) bezeichnet. Hinzu kommen meist weitere Räume zu Versammlungszwecken (Kiddusch, Vorträge, Sitzungen etc.), Toiletten usw.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Entstehungszeit der Synagoge ist unklar. Oftmals wird sie mit dem babylonischen Exil (586-538 v. Chr.) in Verbindung gebracht. Der Begriff selbst taucht ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. als Bezeichnung für die „Versammlungshäuser“ der jüdischen Diasporagemeinden auf (in Schedia und Arsinoe/Fayyum, Ägypten zur Zeit Ptolemäus III. Euergetes). Nach Hans-Peter Stähli ist der Ursprung in der hellenistischen Diaspora zu suchen. Er begründet dies mit archäologisch analysierten Inschriften und baulichen Zeugnissen.[1]

In Palästina selbst weist ein nachträglich eingefügter Hinweis im Erlass Artaxerxes II. an den Propheten Esra auf die Legitimation von Synagogen hin, die mindestens seit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem (70 n. Chr.) auch Teile der Funktion eines Gotteshauses übernehmen. Vor der Zerstörung des Tempels wurden in Palästina die archäologisch belegten Synagogen in Gamala, Masada und Herodium errichtet. Ein Schriftzeugnis von 1914 deutet auf die Existenz einer Synagoge im Süden von Jerusalem. Unter den Pharisäern hatten Synagogen die Funktion einer religiösen Schule, die Luther „scola Judaeorum“ nennt. Im Neuen Testament finden sich Hinweise darauf dass Jesus als Laie in Synagogen sprach. Markus 1,21: „Sie kamen nach Kapernaum. Am folgenden Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte.“

Auf der griechischen Insel Delos in der Ägäis ist als ältester Diasporabau eine nicht völlig gesicherte Synagoge bekannt. Die Ruinen datieren ins 1. Jahrhundert v. Chr. In den baulichen Überresten fand sich als einziger Schmuck ein kunstvoll gestalteter Marmorsessel (Sitz Moses). Ein solcher wurde auch bei der Synagoge von Chorazin (nördlich von Kapernaum) aus dem 4. Jahrhundert gefunden. Weihinschriften mit der Bezeichnung „proseuche“ und die Widmung an den „höchsten Gott“ (theos hypsistos) weisen das Gebäude nach Ansicht einiger Fachleute als Synagoge aus.

Die Diasporasynagogen von Delos, Dura-Europos, Priene, Sardes und Stobi entstanden (zumeist erst ab dem 2. Jahrhundert n. Chr.) durch Umwandlung ursprünglich anderweitig genutzter Räumlichkeiten. Lediglich die Synagoge von Ostia bildet in dieser Hinsicht eine Ausnahme.

Funktionen für die Gemeinde

Synagogen dienen nicht nur dem jüdischen Gottesdienst, sondern auch Gemeindeveranstaltungen, der Erwachsenenbildung und der Bereitstellung von Hebräischschulen für schulpflichtige Kinder. Die orthodoxen und die meisten konservativen Juden nennen ihre Gotteshäuser Synagogen; einige benutzen die hebräische Bezeichnung Beth Knesset oder den jiddischen Begriff Schul. Im Gegensatz zu einer katholischen oder orthodoxen Kirche ist eine Synagoge kein geweihter Raum. Fast jeder Raum kann als Synagoge dienen, wenn er gewissen Anforderungen gerecht wird.

Die meisten amerikanischen Reformjuden und einige Konservative in den USA verwenden auch die Bezeichnung „Tempel“ für ihre Synagoge, aber die meisten traditionellen Juden empfinden diese Bezeichnung als ungenau, da das Judentum historisch nur einen Tempel hatte – in Jerusalem. Es werden drei tägliche Gebete angeboten: normalerweise ein Morgengottesdienst Shacharit und zwei abendliche Gottesdienste Mincha (Nachmittagsgebet) und Maariv (das wirkliche Abendgebet), die praktisch ineinander übergehen.

Es gibt spezielle Gottesdienste am Schabbat (den Sabbat) und an den jüdischen Feiertagen. In vielen kleineren Gemeinden finden nur ein- oder zweimal die Woche Gebetsgottesdienste statt.

Viele ultraorthodoxe Juden ziehen sich in Schtiebel (wörtlich „Stübchen“), das sind abgesonderte Räume von Privathäusern, in Geschäftsräumen und Nebenräumen großer Synagogen oder Gemeindezentren zurück. Schtiebel bieten keine großen Gemeindegottesdienste, sondern sind speziell für Gebetsandachten bestimmt.

Viele Juden haben Chavurot gebildet (Gebetsgruppen), die sich regelmäßig an einem bestimmten Ort, normalerweise in Häusern oder Wohnungen von Gemeindemitgliedern, versammeln.

Architektur, Ausstattungen

Synagogen lehnten und lehnen sich zumeist an die Architektur der Umgebung an. Das gilt auch für Synagogen aus der Antike. Die zerstörte Synagoge in Merom ist etwa in der Dorischen Ordnung errichtet worden, während die von Kafr Bir'im griechisch-römische Modifikationen der Korinthischen Ordnung aufweist. Lediglich im Inneren haben Synagogen einige gemeinsame Merkmale, aber auch hier kann es zu Abweichungen kommen.

Grundriss

Die Synagogen der Welt haben keinen einheitlichen Grundriss, die architektonischen Formen und Ausprägungen sind sehr unterschiedlich.

Der Bereich der Synagoge, in dem die Gebete durch die Gemeinde gestaltet werden, ist in symbolischer Entsprechung des Mishkan (hebräisch משכן „Gottes Heimstätte auf Erden“), der einstigen Jerusalemer Tempel, das Hauptheiligtum des Gebetshauses[2], eine symbolische Entsprechung für das eigentliche Heiligtum „im Himmel“, Gott.

In diesem Bereich, an der Ostwand (in Westeuropa) in Richtung Jerusalem (Misrach), in einem speziellen Schrein, dem Aron ha-Qodesch (hebr. für Toraschrein, Heilige Lade), werden die Tora-Rollen (Sifrei-Torah-Pergamentrollen) für die Verlesung der Wochenabschnitte aufbewahrt. Über dem Aron ha-Qodesch ist eine symbolische Gebotstafel (ähnlich den Zehn Geboten) angebracht. Über der Lade hängt ein Licht, Ner Tamid oder Ewiges Licht genannt. Es erinnert an die Feuersäule, die die Israeliten auf ihrem Weg durch die Wildnis der Wüste Sinai begleitet hat. Zudem befand sich vor dem Tempel in Jerusalem das ewige Licht als Symbol der ewigen Verbundenheit der Juden mit Gott. Während der Gebetszeremonie wird die heilige Tora aus dem Schrein ausgehoben und auf die Bima oder Almemor, das Lesepult, gelegt.

In traditionellen aschkenasischen Synagogen (wie heute etwa in den neueren Synagogen Mannheim oder Recklinghausen) befindet sich die Bima in der Mitte des Innenraums. In sephardischen Bauten stehen sich der Aron ha-Qodesch an der nach Jerusalem weisenden Ostwand und die Bima im Westen gegenüber, wobei sie in italienischen Synagogen auch mit einer nach außen vortretenden Nische verbunden sein kann. Im frühen 19. Jahrhundert übernehmen die aschkenasischen Reformer diese Raumvorstellung. Eine Menora (siebenarmiger Leuchter) schmückt den Raum. Vorschriften über eine Trennung der Geschlechter (vgl. Mechiza) sind baulich ganz unterschiedlich gelöst oder - je nach religiöser Ausrichtung - unberücksichtigt.

Bauliche Gestaltung

Da es nur wenig Anweisungen im Talmud gibt, wie Synagogen baulich beschaffen sein müssen, waren der baulichen Gestaltung wenig Grenzen gesetzt. Der Talmud sagt, dass Synagogen Fenster haben müssen, aber auch, dass sie größer sein sollten als alle anderen Gebäude am Ort. Letztere Vorschrift konnte in der Diaspora jedoch nie verwirklicht werden.

In der Regel wurden Synagogen im vorherrschenden architektonischen Stil der Zeit und des Ortes, an dem sie errichtet wurden, gebaut. So sah etwa die Synagoge in Kaifeng einem chinesischen Tempel ähnlich, Synagogen aus dem mittelalterlichen Prag oder Budapest wurden im gotischen Stil errichtet. Im 19. Jahrhundert herrschte, nachdem die Synagoge als repräsentative Bauaufgabe zugelassen worden war, einige Jahrzehnte ein orientalisierender Historismus vor.

Pogrome

Synagogen fielen immer wieder Judenpogromen zum Opfer. An ihrer Stelle wurden teilweise Frauenkirchen errichtet, so in Rothenburg ob der Tauber, Bamberg, Würzburg, Nürnberg, Weißenburg in Bayern, Regensburg und Ingolstadt (Schutterkirche).

In Deutschland und Österreich zerstörten Nationalsozialisten (zumeist Angehörige der SA) bei den Novemberpogromen 1938 am 9. und 10. November 1938 2676 Synagogen und jüdische Gemeindehäuser, wobei mindestens 91 Menschen getötet wurden. Allein in Wien wurden 42 Synagogen und Gebetshäuser in Brand gesteckt. Die Große Synagoge (Warschau) wurde am Ende des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 16. Mai 1943 von General Jürgen Stroop gesprengt.

Dort, wo die Synagogen aus den Stadtbildern verschwanden, sind oft, aber nicht überall, Gedenktafeln angebracht.

Alte Synagogen

Innenaufnahme der Synagoge Quai Kleber in Straßburg vor 1906

Die Synagoge von Aleppo verwahrte bis 1947 den Codex von Aleppo und war bis zu diesem Zeitpunkt neben Shefaram eine der ältesten genutzten Synagogen in der Levante.

Die Synagoge AL Ghriba auf der tunesischen Insel Djerba erhebt den Anspruch die älteste Synagoge Afrikas zu sein. Sie konkurriert in dieser Frage mit dem Dorf Oufrane im östlichen Draa-Tal in Marokko, wo die Synagoge angeblich aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. stammt und die älteste des Landes sein soll.

Das älteste noch erhaltene Synagogengebäude Mitteleuropas ist die Alte Synagoge aus dem Jahr 1094 in Erfurt. Die noch in Nutzung befindliche Wormser Synagoge wurde zwar erstmals 1034 geweiht, aber 1174/75 vollständig neugebaut.

Siehe auch

Literatur

  • Kurt Hruby: Die Synagoge - Geschichtliche Entwicklung einer Institution, Theologischer Verlag Zürich 1971, ISBN 3-290-14903-X.
  • Rachel Wischnitzer: The Architecture of the European Synagogue, 1964
  • Harold Hammer-Schenk: Synagogen in Deutschland. Geschichte einer Baugattung im 19. und 20. Jahrhundert (1780-1933), 1981
  • Carsten Claußen: Versammlung, Gemeinde, Synagoge. Göttingen 2002, ISBN 3-525-53381-0
  • Institut für Auslandsbeziehungen (Hrsg.): Synagogen in Deutschland. Eine virtuelle Rekonstruktion der Technischen Universität Darmstadt, Birkhäuser 2004, ISBN 3-7643-7034-3
  • Thea Altaras: Synagogen und jüdische Rituelle Tauchbäder in Hessen - Was geschah nach 1945?. Eine Dokumentation und Analyse aus allen 264 hessischen Orten, deren Synagogenbauten die Pogromnacht 1938 und den Zweiten Weltkrieg überstanden: 276 architektonische Beschreibungen und Bauhistorien. Aus d. Nachlass hrsg. v. Gabriele Klempert u. Hans-Curt Köster. Die Blauen Bücher. Königstein i. Ts. 2007, ISBN 978-3-7845-7794-4
  • Mehr als Steine ... Synagogen-Gedenkband Bayern. Band I: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben; Band II: Mittelfranken; Band III: Unterfranken, Lindenberg/Allgäu: Kunstverlag Josef Fink 2007ff. (mit ausführlichen Bibliographien)
  • Enzyklopädie 2000. Ausgabe 7. Sep. 1972; Hrsg. G. Seibert & E. Wendelberger Verlag Wissen AG
  • Harmen Thies, Aliza Cohen-Mushlin (Hrsg): Synagogenarchitektur in Deutschland. Petersberg 2008

Weblinks

 Commons: Synagogen – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. H.-P. Stähli: Antike Synagogenkunst.
  2. Heiligtum - Sanctuary "(...) The portion of the synagogue where prayer services are performed is commonly called the sanctuary. Synagogues in the United States are generally designed so that the front of the sanctuary is on the side towards Jerusalem, which is the direction that we are supposed to face when reciting certain prayers. (...) Probably the most important feature of the sanctuary is the Ark, a cabinet or recession in the wall that holds the Torah scrolls. (...) The Ark has doors as well as an inner curtain called a parokhet. This curtain is in imitation of the curtain in the Sanctuary in The Temple, and is named for it.(...)"

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