Anthropomorphismus

Der Begriff Anthropomorphismus (griech. ἄνϑρωπος / anthropos: „Mensch“ und μορφή / morphē: „Form, Gestalt“) bezeichnet das Zusprechen menschlicher Eigenschaften auf Tiere, Götter, Naturgewalten und Ähnliches (Vermenschlichung). Die menschlichen Eigenschaften können sich dabei sowohl in der Gestalt als auch im Verhalten zeigen.

Die rhetorische Figur der Anthropomorphisierung heißt Personifikation oder Prosopopoiia.

Inhaltsverzeichnis

Anthropomorphe Götter

Anthropomorphe Venus-Darstellung (Venus von Arles, 1. Jh. v. Chr.)

Eine starke Ausprägung des Anthropomorphismus findet sich in der christlichen, hinduistischen, germanischen, griechischen, keltischen und römischen Mythologie, in der die Götter ausgesprochen menschliche Züge tragen, obwohl sie zum Teil auch die Fähigkeit besitzen (in besonderen Situationen) eine zoomorphe Gestalt anzunehmen. Auch im Alten Testament werden Gott menschliche Eigenschaften und Gefühle zugeschrieben.

Von vielen Atheisten und Agnostikern werden die Gottesvorstellungen der heutigen Weltreligionen (Hinduismus, Judentum, Christentum und Islam) als ebenso anthropomorph wie die der Antike kritisiert. Von muslimischer Seite gibt es dagegen den Einwand, dass zu den Eigenschaften Allahs unter anderem die Unvergleichbarkeit („Allah ähnelt nichts und niemandem“) zählt [1].

Der antike Dichter Xenophanes bemerkt in einem berühmten Gedicht, dass Menschen ihre Götter je nach ihrem eigenen Bilde erschaffen:

„Stumpfe Nasen und schwarz; so sind Äthiopias Götter,
Blauäugig aber und blond: so sehn ihre Götter die Thraker,
Aber die Rinder und Rosse und Löwen, hätten sie Hände,
Hände wie Menschen zum Zeichnen, zum Malen, ein Bildwerk zu formen,
Dann würden die Rosse die Götter gleich Rossen, die Rinder gleich Rindern
Malen, und deren Gestalten, die Formen der göttlichen Körper,
Nach ihrem eigenen Bilde erschaffen: ein jedes nach seinem.“[2]

Allerdings war Anthropomorphismus auch in der Antike kein allgemeingültiges religiöses Phänomen. So gab es beispielsweise in der frühen römischen Religion im Unterschied zur griechischen keine Götter in menschlicher Gestalt. Hier wurde der abstraktere Begriff des Numen für das Wirken der als unnahbar wahrgenommenen Gottheiten geprägt.

Anthropomorphe Tierfiguren

Reineke Fuchs (Illustration von Wilhelm von Kaulbach, 1846)

Der Anthropomorphismus ist auch ein häufiges Stilmittel in der Literatur. Besonders beliebt ist er in Kinderbüchern, wo meist Tiere anthropomorph dargestellt werden, indem sie menschliche Verhaltensweisen annehmen.

Reale oder fiktive Tiere, die wie Menschen agieren, haben eine lange Tradition in Kunst und Literatur. Sie werden oft benutzt, um stereotype Charaktere darzustellen, damit der Betrachter oder Leser ihren Charakter einfach erfassen und reflektieren kann. Beispiele sind Aesops Fabeln, Alan Dean Fosters Spellsinger und George Orwells Animal Farm.

Viele der beliebtesten Figuren im Kinderfernsehen sind anthropomorphe Tiere: Micky Maus, Kermit der Frosch, Bugs Bunny und Donald Duck, um nur einige zu nennen. Ebenfalls anthropomorphe Tiere sind die Hauptfiguren aus Brian Jacques' Redwall-Reihe. Außer Cartoons bedient sich auch eine kleine Anzahl Sitcoms des Anthropomorphismus (zum Beispiel Die Dinos.)

Im Comic tauchen anthropomorphe Figuren oft im Bereich der leichten und vornehmlich an Kinder gerichteten Unterhaltung auf. Das Stilmittel findet sich jedoch ebenso bei Erwachsenen-Comics wie Fritz the Cat (1965) und auch bei ernsten Themen, wie beispielsweise in Art Spiegelmans Maus – Die Geschichte eines Überlebenden (1992).

In den letzten Jahren ist um den tierischen Anthropomorphismus eine Subkultur, oft Furry genannt, gewachsen. Ihre Mitglieder (engl. furries) assoziieren sich mit anthropomorphisierten Tieren, „furries“, „anthros“ oder „morphs“ genannt. Das Gegenstück in der japanischen Kunst sind die Kemono.

Verschiedene Tiermetaphern werden als Schimpfwort (Schwein, Zicke, Affe...) oder als Kosenamen (Maus, Bär, Hase...) verwendet.

Anthropomorphe Maschinen

Dampflokomotive Thomas

Viele Menschen schreiben noch heute unbelebten Objekten (etwa Fahrzeugen oder Maschinen) menschliche Eigenschaften zu, wobei dies vor allem aus traditionellen Gründen (wie bei der Schiffstaufe), unbewusst oder scherzhaft geschieht. Bekannte Beispiele sind, dem eigenen Auto einen Namen zu geben oder mit einer Maschine zu reden, damit sie läuft. Diese Praxis wurde auch in der Fiktion aufgegriffen und weitergesponnen. Beispiele hierfür sind der VW Käfer Herbie in mehreren Filmen (ab 1968) oder der Sportwagen K.I.T.T. in der Fernsehserie Knight Rider (1982 bis 1986). Während diese fiktiven Fahrzeuge nicht äußerlich, aber von ihrem Verhalten her menschenähnlich sind, spielen bestimmte Aspekte der menschlichen Physiognomie beim Automobildesign auch tatsächlich eine Rolle. Der Anblick von PKW-Frontpartien wird im Gehirn ähnlich wie der von menschlichen Gesichtern verarbeitet [3], weshalb beim Design von Autos Scheinwerfer oder Kühlergrill gezielt so gestaltet werden, dass mit unterschiedlichen Modellen bestimmte menschliche Emotionen oder Persönlichkeiten assoziiert werden.[4]

Der Spezialfall der anthropomorphen Maschine ist der humanoide Roboter.

Siehe auch

Literatur

  • Hermsdorf, Daniel: Filmbild und Körperwelt. Anthropomorphismus in Naturphilosophie, Ästhetik und Medientheorie der Moderne. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2011, ISBN 978-3-8260-4462-5. Verlagsinfo

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Anthropomorphismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Anthropomorphismus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage 1905–1909. Seite 571. zeno.org

Einzelnachweise

  1. Was ist Islam?
  2. Karl R. Popper; Jørgen Mejer, Arne Friemuth Petersen (Hrsg.): Die Welt des Parmenides. Der Ursprung des europäischen Denkens (Originaltitel:The World of Parmenides übersetzt von Sybille Wieland und Dieter Dunkel), Ungekürzte Taschenbuchausgabe, Piper-Taschenbuch 4071, München / Zürich 2005. ISBN 3-492-24071-2. S. 90
  3. Psychologie - Menschen ordnen Autos Persönlichkeiten zu (Artikel auf Spiegel.de vom 27. November 2008
  4. Auto-Gesichter - Schau mir in die Scheinwerfer (Artikel auf Spiegel.de vom 3. Oktober 2006)

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