Antonin Artaud

Antonin Artaud (* 4. September 1896 in Marseille; † 4. März 1948 in Ivry-sur-Seine) war ein französischer Schauspieler, Dramatiker, Regisseur, Zeichner, Dichter und Theater-Theoretiker.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Artaud kam in einem gutbürgerlichen Elternhaus in Marseille zur Welt. Er brachte es im Arbeitsrausch auf eine Mitwirkung in 22 Filmen (u. a. Fritz Langs Liliom 1934), war Verfasser von 26 Büchern. Er lebte u. a. von seiner Tätigkeit im Alfred-Jarry-Theater in Paris.

Artaud wird manchmal als einer der Urväter der Performance-Kunst angesehen. Er war Mitglied der Bewegung des Surrealismus, mit der er wegen der neuen revolutionären Ausrichtung 1926 brach. Von 1926 bis 1935 widmete er sich der Realisierung seiner Theateridee, u. a. Gründung des Alfred-Jarry-Theaters mit Roger Vitrac und Robert Aron 1926. 1935 Gründung seines Theaters der Grausamkeit: Artaud inszenierte dort sein eigenes Theaterstück Les Cenci (nach der Tragödie The Cenci von Percy Bysshe Shelley und der gleichnamigen Erzählung von Stendhal).

1936 unternahm er eine Reise nach Mexiko, wo er einige Monate bei den Tarahumara-Indianern lebte. Auf seiner nächsten Reise zu den keltischen Druiden nach Irland glaubte er, den Stock von St. Patrick erlangt zu haben. Nach der Rückfahrt nach Frankreich im Glauben an die baldige Apokalypse wurde er ab 1937 Patient in geschlossenen psychiatrischen Kliniken wegen Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit. Diagnostiziert wurde Schizophrenie. Es kam zu einer jahrelangen Behandlung mit Elektroschock, Lithium, Insulin, Quecksilber- und Wismutpräparaten. 1946 wurde er durch die Hilfe von Freunden (finanzielle Sicherstellung) aus der Anstalt Rodez entlassen. Artaud erarbeitete für das Radio das Stück Pour en finir avec le jugement de dieu (Schluss mit dem Gottesgericht); an der Sorbonne hielt er einen Vortrag gegen die Psychiatrie.

Artaud nahm wegen chronischer Schmerzen über Jahrzehnte Drogen wie Laudanum, Opium, Heroin und Peyote (bis 1930 war Heroin noch nicht als Droge verboten, Artaud legte u.a. mit René Crevel öffentliche Proteste gegen das Verbot ein).

Am 4. März 1948 wurde er tot aufgefunden, in sitzender Haltung im Bett mit einem Schuh in der Hand.

Theater des Mangels und der Krise

Artaud propagierte eine Idee von einem Theater des Mangels und der Krise, das Theater der Grausamkeit. In dieser Formgebung sollten Text, Sprache und Bewegung auf der Bühne keine suggestive Einheit mehr bilden. Vielmehr wollte Artaud die zentrale Rolle des Textes im Theater mindern und dafür sorgen, dass die Aufführung, also das Spektakel der Inszenierung, in den Vordergrund rückte. Eine Inszenierung bedeutete für Artaud immer schon einen lesbaren, in sich geschlossenen Text, so dass die Worte an sich einen geringeren Stellenwert bekamen.

Artaud stellte sein Theater der Grausamkeit unter drei Prämissen:

1. Der zerstreute Text - das Auftreten von Text auf der Bühne folgt keinen diskursiven Zusammenhängen in den Rahmungen einer gesprochenen Sprache, wie es sonst in der traditionellen westlichen Inszenierungspraxis der Fall ist. Diese Fragmentierung von Text stellte für Artaud eine Rebellion gegen die Zivilisation und Kultur dar.

2. Der entstellte Körper - hierbei fand Artaud viel Inspiration im traditionellen balinesischen Theater. Die Eigenmächtigkeit von Zeichen wie einer bestimmten Gestik oder Mimik, eines Kostüms oder nur dem Auftreten eines Körpers an sich war für seine Theatertheorie wichtig. Aggressionen und Wünsche sollten durch solche körperlichen Zeichen dargestellt werden. Die Körperlichkeit des Atems war für Artaud wichtig; der Atem war für ihn etwas von Darstellenden und Zuschauern Geteiltes und somit eine Verbindung zwischen Bühne und Publikum.

3. Die unterdrückte Stimme - die Blockade der Stimme, der Artikulation und des Gehört-Werdens spielten bei Artaud eine wichtige Rolle. Für ihn wurde die eigene Unterdrückung durch einen stummen Schrei sichtbar, und in gewisser Weise gerade durch die Stille auch hörbar. Es ging ihm weniger um Worte als um Geräusche, die den Zuschauer schmerzhaft berühren sollten.

Das Theater und sein Double

Artaud sah als Double des Theaters die Pest, die Metaphysik und die Grausamkeit. Eine Aufführung sollte für ihn keine Mimesis, also Nachahmung der Wirklichkeit, sein, sondern war eine Wirklichkeit für sich. Das Theater ist also kein Double der Realität, sondern die Realität, die für Artaud immer grausam war, verdoppelt die Wirklichkeit des Theaters.

Die angestrebten Ergebnisse der Artaud’schen Theaterutopie lassen sich somit abstrahieren zu der Aussage, dass bislang bestehende Grenzen innerhalb des theatralen Raumes auf verschiedenen Ebenen ihre Bedeutung verlieren bzw. dezidiert aufgelöst werden: Es fällt die Grenze zwischen Bühnen- und Publikumsraum, ästhetischem Wert und Unwert des inszenierten Geschehens, zwischen Signifikat und Signifikant. Um der "Unsicherheit der Zeiten" nicht ausgeliefert gegenüberzustehen, postuliert Artaud ein Konzept, das das Bild einer 'Unwirklichkeit', die als mythischer Grund verstanden wird, welcher der Masse eignet, dergestalt inszeniert, dass es die Alltagswirklichkeit aus der Position des Realitätsanspruchs verdrängt und selbst diesen Platz besetzt. Dass ihm die Verarbeitung einer "angsterfüllten, katastrophischen Periode" nur möglich erscheint, indem man sich von dieser abwendet, um innere Kräfte der Massengesellschaft schließlich gegen sie mobilisieren zu können, erscheint paradox – wie auch die Tatsache, dass gerade der Entwurf eines Theaters der 'Grausamkeit' sich einem immanent moralischen Antrieb verdankt.

Die von Artaud erstmals in ihrer vollen Schärfe artikulierte Idee eines "nicht-repräsentativen" Theaters, eines Theaters der direkt umgesetzten Energien des Seins selbst, hat auf viele Künstler und Theoretiker des 20. Jahrhunderts großen Einfluss ausgeübt: u.a. auf Jerzy Grotowski, Tadeusz Kantor, David Esrig, Werner Schwab und Sarah Kane, auf die Performance- und Aktionskunst, auf den Komponisten Wolfgang Rihm, aber auch auf Philosophen wie Jacques Derrida, Gilles Deleuze, Michel Foucault und Félix Guattari.

Werke in deutscher Übersetzung

Literatur

  • Karl Alfred Blüher: Antonin Artaud und das "Nouveau Théâtre" in Frankreich, Narr, Tübingen 1991, ISBN 3-87808-958-9
  • Michel Camus: Antonin Artaud. Une autre langue du corps, Opales, Bordeaux 1996, ISBN 2-910627-05-5
  • Raymond Chirat: Schauplatz Paris, Philippe Garrel, Dossier "Antonin Artaud und das Kino", Centre d'information cinématographie de l'institute française de Munich, München 1985
  • Martin Esslin: Antonin Artaud, New York 1977
  • Artaud, ein inszeniertes Leben. Filme, Zeichnungen, Dokumente, museum kunst palast, Düsseldorf 2005 (Ausstellungskatalog)
  • Bernd Mattheus: Antonin Artaud (1896-1948). Leben und Werk des Schauspielers, Dichters und Regisseurs; zur Ausstellung im Museum moderner Kunst, Stiftung Ludwig, Wien, (Batterien; Bd. 3), Matthes & Seitz, München 2002, ISBN 3-88221-202-0
  • Bernd Mattheus, Cathrin Pichler (Hrsg.): Über Antonin Artaud. Zur Ausstellung im Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, Wien, Matthes & Seitz, München 2002, ISBN 3-88221-834-7
  • Ulli Seegers: Alchemie des Sehens. Hermetische Kunst im 20. Jahrhundert; Antonin Artaud, Yves Klein, Sigmar Polke, (Kunstwissenschaftliche Bibliothek; Bd. 21), König, Köln 2003, ISBN 3-88375-701-2 (Zugl. Dissertation Universität Stuttgart 2002)
  • Paule Thévenin, Jacques Derrida: Antonin Artaud. Zeichnungen und Portraits, Schirmer & Mosel, München 1986, ISBN 3-88814-158-3
  • Jacques Derrida: Artaud Moma. Ausrufe, Zwischenrufe und Berufungen, Passagen Verlag, Wien 2003, ISBN 3-85165-550-8
  • Sylvère Lotringer: Ich habe mit Antonin Artaud über Gott gesprochen. Ein Gespräch zwischen Sylvère Lotringer und dem Nervenarzt Dr. Jacques Latrémolière, Alexander Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-89581-020-7

Weblinks

Notizen

  1. Eine Collage aus Briefen AA.s mit Jacques Rivière, sowie seinen Schriften: Nabel, Nervenwaage, Höllentagebuch sowie Kunst und der Tod. 55 Min.

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