Wackernagel

Wackernagel

Wackernagel, 1) Philipp, Schulmann und Literarhistoriker, geb. 1800 in Berlin, wirkte längere Zeit als Direktor der Gewerbeschule in Elberfeld, verlebte seine letzten Lebensjahre in Dresden, wo er 20. Juni 1877 starb. Außer einer nach den Versmaßen geordneten »Auswahl deutscher Gedichte für höhere Schulen« (6. Aufl., Alten b. 1874), dem »Deutschen Lesebuch« (Berl. 1845 ff., 4 Bde.; in neuer Bearbeitung von Sperber und Zeglin, Gütersl. 1882 ff.) veröffentlichte er: »Edelsteine deutscher Dichtung und Weisheit im 13. Jahrhundert« (4. Aufl., Frankf. a. M. 1875); »Trösteinsamkeit in Liedern« (5. Aufl., Hannov. 1881); namentlich aber machte er sich um die Geschichte des Kirchenliedes verdient durch die Werke: »Das deutsche Kirchenlied von Luther bis N. Hermann« (Stuttg. 1841, 2 Bde.), »Bibliographie zur Geschichte des deutschen Kirchenlieds im 16. Jahrhundert« (Frankf. 1855) und »Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des 17. Jahrhunderts« (Leipz. 1863–77, 5 Bde.) u. a. Vgl. L. Schulze, Philipp W. (Leipz. 1879).

2) Wilhelm, Bruder des vorigen, Germanist und Dichter, geb. 23. April 1806 in Berlin, gest. 21. Dez. 1868 in Basel, studierte Philologie in seiner Vaterstadt und veröffentlichte noch als Student: »Spiritalia theotisca« (Bresl. 1827); »Das Wessobrunner Gebet und die Wessobrunner Glossen« (Berl. 1827) und die »Gedichte eines fahrenden Schülers« (das. 1828). Von 1828–30 privatisierte er in Breslau, kehrte dann 1831 nach Berlin zurück, wo er seine »Geschichte des deutschen Hexameters und Pentameters bis auf Klopstock« (Berl. 1831) herausgab. Nach vergeblichen Versuchen, in Preußen eine amtliche Stellung zu gewinnen, folgte er 1833 einem Ruf an die Universität Basel als ordentlicher Professor der deutschen Sprache und Literatur und zugleich als Lehrer am Pädagogium. Auch an den öffentlichen Angelegenheiten seiner neuen Heimat lebhaft beteiligt, wurde er 1856 in den Großen Rat gewählt. Weitere Früchte seiner literarischen Tätigkeit sind, von kleinen Schriften und Aufsätzen abgesehen: eine (unvollendete) Ausgabe des »Schwabenspiegels« (Zür. 1840); sein chronologisch geordnetes »Deutsches Lesebuch« (Basel 1835–36 u. ö.) in 5 Teilen, von denen die gediegene, aber unvollendet gebliebene »Geschichte der deutschen Literatur« (1.–3. Abt., das. 1848–56; Supplement 1872; neue Bearbeitung und fortgesetzt von Martin, das. 1877–94, 2 Bde.) und das »Altdeutsche Handwörterbuch« (5. Aufl., das. 1878) den 4. und 5. Teil bilden; die Monographie »K. Fr. Drollinger« (das. 1841); »Altfranzösische Lieder und Leiche« (das. 1846); »Vocabularius optimus« (das. 1847); »Meinauer Naturlehre« (Stuttg. 1851); »Die deutsche Glasmalerei« (Leipz. 1855); »Die Umdeutschung fremder Wörter« (2. Aufl., das. 1862); »Ἕπεα πτερόεντα, Beiträge zur vergleichenden Mythologie« (Basel 1860); ein »Kleineres altdeutsches Lesebuch« (das. 1861, 2. Aufl. 1880); »Die Lebensalter« (Leipz. 1862) und eine Ausgabe Walthers von der Vogelweide (mit Rieger, Gießen 1862). Die inhaltreichen Schriften: »Pompeji« (Basel 1851, 3. Ausg. 1870) und »Sevilla« (das. 1854, 2. Ausg. 1870) sind Reisefrüchte. Als Dichter hatte sich W. am Studium des Altdeutschen, vorzugsweise am Minnegesang, geschult und von diesem die Innigkeit und den heitern Ton sich angeeignet. Weitere poetische Publikationen waren: »Neuere Gedichte« (Zür. 1842), »Zeitgedichte« (Basel 1843) und das originelle »Weinbüchlein« (Leipz. 1845). Eine Auswahl seiner Gedichte erschien Basel 1873, seine »Kleinen Schriften« Leipzig 1872–74, 3 Bde. Aus seinem Nachlaß wurde außerdem noch veröffentlicht: »Johann Fischart von Straßburg und Basels Anteil an ihm« (Basel 1870); »Poetik, Rhetorik und Stilistik« (Halle 1873, 3. Aufl. 1906), »Altdeutsche Predigten und Gebete aus Handschriften« (Basel 1876); »Der arme Heinrich Hartmanns von Aue« (das. 1885). Vgl. Rudolf Wackernagel, Jugendjahre von Wilhelm W. (Basel 1884).

3) Jakob, Philolog, Sohn des vorigen, geb. 11. Dez. 1853 in Basel, studierte daselbst, in Göttingen und Leipzig klassische Philologie und Sanskrit, habilitierte sich 1876 in Basel und wurde dort 1879 außerordentlicher, 1881 ordentlicher Professor, 1902 in Göttingen. Er veröffentlichte: »Das Dehnungsgesetz der griechischen Komposita« (Basel 1889), »Das Studium des klassischen Altertums in der Schweiz« (das. 1890), »Beiträge zur Lehre vom griechischen Accent« (das. 1893), »Altindische Grammatik« (Bd. 1, Göttingen 1895; Bd. 2, 1. Abt., 1905) und eine Reihe von Abhandlungen zur griechischen Grammatik.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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