Bibliomanīe

Bibliomanīe (griech., »Büchersucht«), im allgemeinen die Sucht, Bücher, insbes. alte und seltene, ohne Rücksicht auf ihren Gebrauch zu sammeln. Im jetzt üblichen Sinne des Wortes versteht man unter einem Bibliomanen den, der als Kenner Bücher nach gewissen, jedoch mehr äußerlichen Rücksichten (außerwesentlichen Beschaffenheiten oder besondern Schicksalen der Bücher) sammelt: verschollene Pracht- und illustrierte Ausgaben, die nur in geringer Auflage hergestellt wurden, unbeschnittene Bücher oder solche mit breitem Rand (Großpapier), auf Schreibpapier, Velin, Pergament oder Seide ungewöhnlich luxuriös gedruckt, mit Originalzeichnungen oder mehrfachen Abzügen der Bilder geschmückt, mit handschriftlichen Eintragungen und den Bücherzeichen (s. d.) berühmter Vorbesitzer, mit seltenen Wasserzeichen des Papiers und in kostbaren Einbänden von vielgenannten Buchbindern der Vergangenheit, z. B. von Majoli, Tory, den Brüdern Eve, Le Gascon, Du Seuil, Padeloup, den Deromes, Bozérian, Lewis, Krause. Dazu kommen verbotene, auf den Index gesetzte und kastrierte Bücher und solche mit später eingefügten Ergänzungen (Kartons), Werke, die vom Büchermarkt verschwunden sind (Unika) und solche sonderbaren Inhalts (Kuriosa), Privat- und Regierungsdrucke und klassische Werke, die zu bestimmten Zwecken neu redigiert wurden (»in usum Delphini«, wie die für den Gebrauch des Dauphins auf Befehl Ludwigs XIV. besorgte lateinische Klassikerausgabe in 64 Bänden, Lyon 1674–1730, genannt wurde; näheres s. Dauphin). Der Bibliomane ist also hauptsächlich Raritätensucher und hat nur ein Sammlerinteresse.

Verschieden von der B. ist die Bibliophilie (»Bücherliebhaberei«), die darauf ausgeht, Bücher zwar auch nach bestimmten Rücksichten, jedoch zum Zweck wissenschaftlicher Studien zusammenzubringen. Hierher gehören Sammlungen von Ausgaben eines einzelnen Schriftstellers, einer bestimmten Klasse von Schriftstellern oder eines einzelnen Buches (z. B. der Bibel), von Schriften, die einen bestimmten Gegenstand, eine bestimmte Begebenheit, eine Person, einen Ort betreffen, oder die einer besondern Literaturgattung angehören, aber auch die für die Geschichte der Typographie wichtigen Sammlungen von alten Drucken überhaupt, insbes. von Inkunabeln. von Editiones principes klassischer Autoren, ferner Sammlungen von einem bestimmten Ort oder in einer bestimmten Offizin gedruckter Bücher, wie die Aldinen, Giuntas, Elzevire, Etiennes, Caxtons, Didots. auch die Drucke aus den ältern deutschen Offizinen. Eine der Wissenschaft sehr förderliche Richtung der Bibliophilie ist die in neuerer Zeit besonders in England ausgebildete, daß Vereine zu dem Zweck gegründet werden, selten gewordene Druckwerke neu herauszugeben und noch ungedruckte ältere Literaturwerke zu veröffentlichen. So die englischen Printing-Clubs: Camden Society (seit 1838), Shakespeare Society (1840–52), Historical Society, Aelfric Society. Early English Text Society (seit 1864), Spalding Club zu Aberdeen (seit 1839). In Deutschland vertritt unter andern seit 1839 der Literarische Verein (s. d.) zu Stuttgart dieselbe Richtung. Andre Vereine haben weniger wissenschaftliche Zwecke als die Herstellung von sogen. Liebhaberausgaben im Auge, so der 1812 gegründete Londoner Roxburghe Club, dessen Veröffentlichungen stets nur in einer Auflage von 30 bis 60 Exemplaren gedruckt werden und demzufolge zu den größten Seltenheiten gehören, ferner die 1874 gegründete Société des amis des livres in Paris, die ein »Annuaire« erscheinen läßt, die 1887 gegründete Société des amis des livres de Lyon und die Société des bibliophiles contemporains. Einen Zusammenschluß aller Bücherfreunde bezweckt die 1899 gegründete deutsche Gesellschaft der Bibliophilen, unter deren bisherigen Publikationen die Faksimileausgabe der Handschrift von Goethes »Mitschuldigen« und Holzmann-Bohattas großes »Deutsches Anonymen-Lexikon« genannt seien. Bibliophile Interessen vertreten in gewisser Weise auch die Gutenberg-Gesellschaft (seit 1901), die für ihre Mitglieder wertvolle Veröffentlichungen zur Geschichte der Druckkunst veranstaltet, sowie der Verein für Theatergeschichte (1902), der Neudrucke von Seltenheiten bringt; andre Gesellschaften ähnlicher Art verfolgen mehr rein literarische oder bibliographische Zwecke, so die Literatur-Archivgesellschaft und die Bibliographische Gesellschaft. Überhaupt ist von der Bibliophilie das literarische, bibliographische und bibliothekswissenschaftliche Element schwer zu trennen. Vgl. Dibdin. Bibliomania (Lond. 1811, neue Ausg. 1875); Burton, The book hunter (neue Ausg., das. 1887); Fitzgerald, The book fancier (das. 1887); Andr. Lang, Books and bookmen (neue Ausg., das. 1892); Roberts, Rare books and their prices (das. 1896); G. Brunet (Pseudonym Philomneste jun.), La bibliomanie (Par. 1878 ff., Jahresberichte); Derselbe, Du prix des livres rares (das. 1895); Le Petit, L'art d'aimer les livres (das. 1884); Quentin Bauchart, Les femmes bibliophiles de France (das. 1886, 2 Bde.); Rouveyre, Connaissances nécessaires à un bibliophile (5. Aufl., das. 1899, 10 Bde.); Mühlbrecht, Die Bücherliebhaberei am Ende des 19. Jahrhunderts (2. Aufl., Bielef. 1898); »Zeitschrift für Bücherfreunde«, herausgegeben von Fedor v. Zobeltitz (das. 1897 ff.); »La Bibliofilia« (Monatsschrift, hrsg. von S. Olschki in Florenz, seit 1899).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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