Hanf [1]


Hanf [1]

Hanf (Cannabis L.), Gattung der Morazeen, mit nur einer Art, C. sativa L., s. Tafel »Faserpflanzen I«, Fig. 1, mit Beschreibung. In der Landwirtschaft unterscheidet man gemeinen oder Spinnhanf und Riesen-, Schlicht- oder Schleißhanf. Letzterer wird höher, keimt langsamer, reist später und liefert kräftigern Bast als der gemeine H. Sorten von Spinnhanf sind: rheinischer oder badischer H., russischer mit sehr haltbarer Faser, chinesischer kleinkörniger mit sehr seinem Bast, piemontesischer, in der Beschaffenheit der Faser dem rheinischen gleich, aber höher und deshalb ergiebiger, und spanischer (H. von Orihuela) mit sehr fester, besonders zu Tauen geeigneter Faser. Die 4–5 mm langen, opalen, grauen bis grünlichen Früchtchen, die 25–95 Proz. fettes Öl enthalten, werden zur Gewinnung des Öls und als Vogelfutter verwendet. Die männlichen Pflanzen (Sommerhanf, im Niederdeutschen und Holländischen Gelge, Hemp, in Preußen Hanfhahn, am Rhein Semmelhanf, sonst auch Hausbahr, Staubhanf, Femel, Fimmel, Sünderhanf, tauber H.) liefern bei dünnerm Stengel eine feinere Faser als die weiblichen Pflanzen (Hänfin, in Niedersachsen Helling, im Österreichischen Bösling, Bästling, in Preußen Hanfhenne oder Hanshinne, sonst auch Winterhanf, Büßling, grüner H., später H., Kopfhanf, Maskel, Mastel, Saathanf). H. liebt wärmeres Klima als der Flachs und ist gegen Kälte und Spätfröste sehr empfindlich. Da er jedoch nur eine Vegetationsdauer von 90–105 Tagen hat, so läßt er sich in Europa bis 60° nördl. Br. noch in den Küstenländern der Ostsee kultivieren. Ferner baut man ihn in Nordafrika, in Asien, in Nordamerika, in Chile, Peru und Brasilien. Am besten gedeiht der H. auf geschützt liegendem, tiefgründigem, humosem Boden, ebenso auf Neubrüchen. Als Dünger eignen sich besonders Hanfölkuchen, Hanfschäben und Hanfröstwasser, Superphosphat und Kalisalze, Ölkuchenmehl neben Kalk oder Mergel, ferner alle Stickstoffdünger.

Man sät, wenn keine Spätfröste mehr zu befürchten stehen, breitwürfig von gutem Saatgut 108–216 kg auf 1 Hektar oder, um eine seine Faser zu gewinnen, in Reihen 100–120 kg. Sollen starke Fasern zu Seilwerk, Tauen und starker Leinwand erzielt werden, so sät man auf 1 Hektar nur 54–100 kg. Ist der H. ausgegangen, so wird er bei Reihenkultur mit der Handhacke bearbeitet. Erreicht er 15 cm Höhe, so wird möglichst sorgfältig gejätet und, wo die Pflanzen zu dicht stehen, gelichtet. Mit sehr günstigem Erfolg wird bisweilen Bewässerung und Überdüngung mit Gips angewendet. Will man viel, wenn auch nicht die feinste Faser, oder Faser und Samen, oder auch bei sorgfältiger Kultur Samen allein gewinnen, so beginnt man vor, bez. nach stattgehabter Befruchtung, sobald die Blätter der männlichen Hauspflanzen gelb werden, mit dem Ziehen der kürzern männlichen Hauspflanzen (Femeln), um die Güte der Faser in dem Femelhanf durch längeres Stehenlassen nicht zu beeinträchtigen. Wenn nach weitern 4–6 Wochen Blätter und Stengel der höhern weiblichen Pflanzen gelb werden, so schneidet man sie mit der Sichel oder zieht sie wie die männlichen, bindet sie in kleine Bündel und stellt sie pyramidenartig zusammen. Da die Faser des Samenhanfs nur zu Seilerarbeit brauchbar ist und das Femeln doppelte Ernte und doppelte Röste verursacht, so ist es meist vorteilhafter, nur den Samen oder nur die feinste, wenn auch weniger Faser zu gewinnen, und zwar im ersten Falle nach der Fruchtreife, im zweiten vor dem Verstäuben der männlichen Pflanzen, um die Entwickelung der Frucht auf den weiblichen Pflanzen zu hindern, die männlichen und weiblichen Pflanzen gemeinsam zu ziehen, die Stengel zu entblättern, in kleine Bündel und diese in stärkere zusammenzubinden, an beiden Enden mit einem breiten Beil abzuhacken und noch grün zur Röste zu bringen. Beim Seilerhanf werden die Stengel mit einer Sichel oder Hippe kurz über dem Boden abgeschnitten und zwei, auch drei Tage lang ausgebreitet auf dem Felde liegen gelassen; darauf werden die Blätter abgeschlagen und die Stengel eingefahren, nach der Länge sortiert, in Bündel gebunden und zur Röste gebracht. Als Mittelertrag rechnet man von 1 Hektar in Baden 1000–1100 kg, in Rußland 800 kg, in Frankreich 1000 kg, in Italien (Bologna) 1200 kg und in Österreich 500–800 kg geschwungenen H. Der Samenertrag von 1 Hektar schwankt zwischen 6 und 12 g. 1 hl Samen wiegt 48–59 kg.

Die Gewinnung der zum Verspinnen oder zur Seilfabrikation etc. bestimmten Hanffasern erfolgt im allgemeinen auf dieselbe Weise wie die des Flachses, weil die hier in Betracht kommende Beschaffenheit der Hanfstengel von derjenigen der Flachsstengel nicht merklich abweicht. Unter Verweisung auf »Flachs« (S. 648 ff.) genügt daher hier folgendes: Der H. unterliegt zunächst einer Wasserrotte und zwar unter getrennter Behandlung des männlichen und des weiblichen, weil der letztere langsamer rottet. Die Dauer dieser Rotte beträgt 2–4 Wochen. Bei der gemischten Rotte bleibt der H. 8–10 Tage im Wasser liegen und wird dann auf dem Felde während mehrerer Wochen fertig gerottet. Der gerottete H. wird an der Sonne, in geheizten Stuben oder Backöfen, selten in Dörrgruben getrocknet, gebrochen und geschwungen und das sich hierbei abtrennende Werg durch Schütteln mit der Hand, bei der Bereitung in größern Anstalten mittels Schüttelmaschinen von der Schäbe befreit. Die Schüttelmaschine besteht aus einem Holzkasten mit einem Boden aus horizontalen Schlagstäben, die sich sehr schnell nebeneinander bewegen und die darüber hinweggeführte Hede klopfen. Durch Vorbereiten des Brechens auf einer Bokmühle oder auf der Hanfreibe (einem Kollergang aus Steinen) fällt der H. viel geschmeidiger und zarter aus. An manchen Orten wird durch Schälen (Schleißen) mit Umgehung des Brechens und Schwingens der Bast nach dem Rotten von dem Holz abgezogen, darauf geklopft und ein schäbefreies Produkt (Schleißhanf, Pellhanf) gewonnen.

Der durch Schwingen erhaltene Reinhanf oder der Schleißhanf kommt in Längen von 1–2 m, bezeichnet nach dem Orte seiner Herkunft, z. B. als russischer, italienischer, polnischer, rheinischer H., in den Handel. Streppatura heißt lange Hanfhede, die vom italienischen H. abfällt und zu Bindfaden verarbeitet wird. Man unterscheidet ferner nach der Qualität und Länge Reinhauf, Ausschuß und Pasthanf sowie Werg, Kodille oder Tors als den unreinsten Abfall. 100 kg frisch geraufte, von den Wurzeln befreite Stengel liefern durchschnittlich 30–45 kg gerotteten und 8–15 kg Reinhanf. Einer weitern Verfeinerung unterliegt der H. durch Hecheln erst auf einer groben Hechel (Abzughechel; a. Einklären, wenn keine Hede abgeschieden wird: eingeklärter H. für grobe Taue; b. Ausspitzen, wenn die Hede [Kolben] abgetrennt wird: ausgespitzter H. für Stricke; c. Reinabziehen, eine Fortsetzung des Ausspitzens: rein abgezogener H.), dann auf der feinern Hechel (Ausmachhechel; Ausmachen, Auskernen, eine weitere Verfeinerung: ausgemachter, ausgekernter H. und Kernwerg, ersterer zu Bindfaden, letzterer zu Strängen, Gurten u. dgl.). Das Kernwerg wird auch oft weiter gehechelt (Bärteln) und liefert kurze Fasern (Bärtel) und als Abfall Bärtelwerg, das dem Kernweg nachsteht.

Die Hanffaser hat im allgemeinen eine größere Länge (1 -2 m und mehr) als die Faser des Flachses und ist weißlich oder grau; minder wertvoll sind die grünlichen und gelblichen Sorten. Auch der Glanz läßt auf die Güte der Hanffaser schließen. Die reine Hanffaser ist in der Regel weit gröber (dicker) als die Flachsfaser. Der gebrochene H. bildet fast immer einen bandartigen Streifen; wird er gehechelt, so zeigt er verschiedene Grade der Feinheit. Die Bastzellen des Hauses zeigen eine Länge von etwa 15–25 mm und einen runden oder auch etwas abgeplatteten Querschnitt. Die natürlichen Enden der Zellen laufen in der Regel stumpf, hier und da abgerundet aus. Die Hygroskopizität der Hanffaser ist sehr bedeutend und beträgt ungefähr 33 Proz. ihres Gewichts. Während der feinste, beste H. wie der Flachs versponnen und zur Anfertigung von seinen Geweben benutzt wird, dient die gröbere Sorte zur Darstellung von groben Geweben, wie Segeltuch und Packleinwand.

Den alten Ägyptern und Phönikern war der H. unbekannt, in Indien aber wurde er schon 800–900 Jahre v. Chr. gebaut. Nach Herodot bauten die Skythen am Kaspischen Meer und am Aralsee H. zur Gewinnung des Samens und eines berauschenden Genußmittels, die Thraker und die alten Griechen dagegen, um die Faser zu gewinnen, aus der sie Kleiderstoffe webten u. Taue darstellten. Zur Zeit der Römer fand Hanfkultur in den Niederungsdistrikten Siziliens, Italiens und der Rhonemündung größere Verbreitung. Im nördlichen und östlichen Europa verbreitete sich die Hanfkultur erst später vom südlichen Frankreich und von den slawischen Ländern aus und blieb immer strichweise auf humusreichen, etwas feuchten Boden in mildem Klima beschränkt. Auch in Asien, Nordafrika und Amerika wird H. häufig angebaut. In Italien baut man sehr schönen und wertvollen H., besonders in den Provinzen Bologna und Ferrara, doch ist die Produktion im Rückschritt begriffen. Rußland produziert von allen europäischen Staaten die größte Masse H., besonders in der Ukraine, in Weißrußland, Wolhynien und Polen. Der russische H. ist aber nur von mittelseiner Qualität, dabei ist seine Zubereitung in der Regel sehr primitiv. In Deutschland wird H. hauptsächlich im Elsaß, in Baden (Kork, Emmendingen), Rheinbayern, im Rheinland und in Thüringen gebaut; doch genügt die inländische Produktion, die überdies eher ab- als zunimmt, bei weitem nicht, um den Bedarf zu decken. In Frankreich wird vorwiegend H. gebaut in den Departements Sarthe, Maine-et-Loire und Puy-de-Dôme; doch liefern die bessern Sorten die Picardie und Champagne und vor allem das Departement Isère, woselbst in der Gegend von Grenoble ein dem bolognesischen H. ähnliches Produkt erzeugt wird. Die Produktion ist stark zurückgegangen und bleibt weit hinter dem Bedarf zurück. Auch in den Niederlanden zeigt sich ein sehr starker Rückgang der Produktion. Die in Holland angefertigten Segeltücher zeichnen sich durch ihre Güte und Dauerhaftigkeit aus. Die nordamerikanische Union erzeugt H. vorzugsweise in Kentucky. Der amerikanische H. ist dem russischen ziemlich gleich; er ist stark, kräftig und für Segeltücher und Tauwerk sehr geeignet. Die europäische Produktion beziffert sich auf etwa 500 Mill. kg. Davon entfallen auf Rußland 150, Italien 50, Österreich-Ungarn 87, Frankreich 70, Deutschland 70, Vereinigte Staaten 70. Über die Benutzung der Blätter des indischen Hauses zum Rauchen s. Haschisch. Vgl. Th. Mareau, Die Kultur und Zubereitung des Flachses und Hauses in Frankreich, England etc. und besonders in Belgien (deutsch, 2. Aufl., Weim. 1866); F. Campbell, A treatise on the cultivation of flax and hemp (3. Aufl., Sydney 1868): Carcenac, Du coton, du chanvre, du lin et des lainesen Italie (Par. 1869); Löbe, Anbau der Handelsgewächse, 3. Teil (Stuttg. 1868); Brinckmeier, Der H., sein Anbau, seine Bereitung etc. (2. Aufl., Ilmenau 1886); Oppenau, Der Hanfbau im Elsaß (2. Aufl., Straßb. 1897).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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