Parr, Katharina

Parr, Katharina, die sechste Gemahlin Heinrich's VIII. (s. d.) von England, gehörte dem alten Geschlechte der Nevils an und konnte als Witwe des Lord Latimer frei über ihre Hand verfügen. Ihre unglücklichen Vorgängerinnen in der Gunst des harten Monarchen, Anna Boleyn, Johanna Gray, Anna von Cleve und die erste wie die zweite Katharina, hatten den kurzen Traum irdischer Größe auf dem Throne durch Verstoßung und Tod beschlossen. Um ihre Nachfolgerin zu werden, bedurfte es hohen Muthes und großen Vertrauens auf einen immer fleckenlosen Lebenswandel. Beides vereinte sich in Katharina Parr. Die Annalen der englischen Geschichte nennen sie tugendhaft und allgeliebt, eine dem Volke erwünschte Königin, die verehrt blieb bis an's Ende. Dennoch war es nichts Leichtes für sie, den alten, verdrüßlichen König, den bittere Erinnerungen (siehe Johanna Gray und Katharina Howard) und der für Englands Waffen wenig glorreiche Krieg mit Frankreich oft in die übelste Laune versetzten, aufzuheitern und ihm, dem Argwöhnischen, Veränderlichen, werth zubleiben. Daß ihr dieß aber gelang, beweist sein Entschluß, Katharinen zur Reichsregentin zu ernennen, als er 1544 persönlich den Feldzug gegen Franz I. leitete. Nach seiner Rückkehr zeigte sich Heinrich, den seine ungewöhnliche Korpulenz und ein Schaden am Fuße plagten, mürrischer und unduldsamer denn je in Religionsstreitigkeiten. Ein junges Frauenzimmer, Anna Auskew (s. d.), das mit Katharinen und den vornehmsten Damen des Hofes umgegangen war, büßte ihre sogenannte Ketzerei durch den Tod, nachdem der Kanzler Wriothseley, ein eifriger, grausamer Katholik, sie vergebens hatte foltern lassen, um ihr das Geständniß zu entreißen, daß auch die Königin und mehrere Frauen ihres vertrauten Cirkels ketzerische Grundsätze hegten. Dem Könige war es nämlich aufgefallen, daß Katharine beim Gespräch über Glaubenssachen, seiner Lieblingsunterhaltung, öfters zweifelhaft geschienen, oder gar entgegengesetzte Meinungen geäußert hatte. Er vertraute seinen Argwohn den unerbittlichen Vollstreckern seiner Bluturtheile, dem Bischofe Gardiner und dem oben genannten Wriothseley. Beide bestärkten ihn in seinen fanatischen Gesinnungen und wirkten so erfolgreich zum Verderben der Königin, daß der Letztere den Auftrag erhielt, eine Klageakte gegen sie zu entwerfen. Ohne es zu ahnen, wäre Katharine verloren gewesen, wenn nicht ihr guter Stern, ein dem Kanzler entfallenes Papier in ihre Hände gebracht, sie von der drohenden Gefahr unterrichtet hätte. Die kluge Fürstin fand sogleich das richtige Mittel, sich zu retten. Unbefangen ging sie beim nächsten Gespräche mit dem Gemahle ganz in seine Ansichten ein, und bemerkte endlich, daß seine Meinungen ganz die ihrigen wären, und sie nur deßhalb bisweilen widerspräche, um von ihm Belehrung in so schweren, für den Verstand eines Weibes so wenig faßlichen Dingen, zu erlangen. Heinrich, zugleich geschmeichelt und überzeugt, sprach Katharinen im Stillen von jeder Ketzerei los, und ihre Ankläger empfanden, als sie wieder ihre Schuld zu erwähnen wagten, die königliche Ungnade. Der Tod Heinrich's befreite kurz darauf England von dem blutigen Despotismus dieses Fürsten, und löste das Eheband, welches nach solcher Erfahrung für die Königin nur noch Furcht einflößend sein konnte; auch scheint sie gern mit dem Witwenschleier die Erinnerung an den Thron aufgegeben zu haben, denn sie verheirathete sich mit einem ihrer ehemaligen Unterthanen und lebte den neu entbrennenden Religionskämpfen so fern, daß die Geschichte ihrer seitdem nicht mehr erwähnt.

F.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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